Geschichte

Pia Heckes

Spaziergang durch die Muffendorfer Geschichte

VON DER ALTSTEINZEIT INS 21. JAHRHUNDERT

Einleitung

Muffendorf, ein Dorf mit langer Geschichte, schmiegt sich an den nordöstlichen Abhang des Lyngsberges, es erstreckt sich zwischen Heiderhof, Lannesdorf, Pennenfeld und dem südlichen Rand Bad Godesbergs (Geokoordinaten: 50° 40’ N, 7° 10’ O). Mehrere Quellen speisten noch im 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts ein kleines Rinnsal, das sich westlich vor der Kommende am heutigen Remi-Baert-Platz sammelte, einen kleinen Teich bildete, der als Pferdeschwemme diente, und von dort entlang der Benngasse in die kleinen Moorseen im Pennenfeld abfloss. Eine Handpumpe, die mitten in der Muffendorfer Hauptstraße zu sehen ist, erinnert an die vielen kleinen Wasserstellen, die einst das Dorf versorgten. Der Frosch am „Pümpchen“ (Lehnpütz) ist ein weiterer (moderner) Zeuge der alten dörflichen Wasserstellen.

Muffendorf ist eingebettet in eine liebliche Landschaft direkt gegenüber dem Siebengebirge, das von zahlreichen Punkten im Dorf gut zu sehen ist und begehrte Aussichtsbaulagen brachte. Über Jahrhunderte ernährte vor allem der gute Ackerboden die Menschen. Wein-, Obst- und Gemüseanbau brachten den Bauern bescheidenes Auskommen. Erst die „Vierte Fruchtfolge“ in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, der Verkauf des Ackerlandes als Bauland, hob für einige Muffendorfer Bauern ein wenig den Wohlstand.

Rechts und links der Muffendorfer Hauptstraße und ihrer Nebengassen, an der Martinstraße sowie im Oberdorf rings um den Lehnpütz haben sich zahlreiche kleinere und größere Fachwerkbauten, vorzugsweise aus dem 18. und 19. Jahrhundert, erhalten, die das Ortsbild bis heute prägen. Damit ist Muffendorf zu einem bevorzugten Wohnviertel Bad Godesbergs geworden.

Ein ganz besonderes Kleinod der romanischen Baukunst hat sich mit Alt St. Martin erhalten. Über diese Kirche und die Landschaft am Rhein schreibt Paul Ortwin Rave: „Um bedeutend zu wirken, bedurfte es keines größeren Aufwandes in einer Landschaft, in der, wie Wilhelm Heinse 1780 in einem Brief von seiner Rheinreise schreibt, der Strom ‚wie ein lichtheller Greis im Silberhaar von lustigen Rebenhügeln gleich jungen Liebesgöttern umwimmelt daliegt’. So haftet selbst so winzigem Kirchlein wie der Muffendorfer bei Godesberg im Angesicht der Sieben Berge eine achtungsgebietende Würde an…“ (Rave, Paul Ortwin: Romanische Baukunst am Rhein, Bonn 1922, S. 12, Abb. 50)

Für manche ist Muffendorf bis heute das „schönste Dorf im Rheinland“, wir betrachten es bescheiden als eine Perle in der Krone der romantischen rheinischen Landschaft.

Die Geschichte Muffendorfs und einzelne Aspekte hierzu waren immer wieder Gegenstand zahlreicher Einzeluntersuchungen und Darstellungen, die zumeist ihren Niederschlag in den Schriften des Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg e.V. (VHH) gefunden haben. Viele Autoren haben sich Verdienste erworben, zahlreichen Veröffentlichungen verdanken wir profunde Kenntnisse zur Geschichte unseres Ortes. Ohne diese Veröffentlichungen wäre eine Arbeit, wie die hier vorliegende, nicht möglich gewesen. Und ohne diese große Zahl von Forschungen wäre es vermessen gewesen, einen solchen Überblick zu versuchen und sich eingehender mit der Geschichte der untergegangenen Burg zu Muffendorf zu beschäftigen. An dieser Stelle soll der grundsätzliche Hinweis auf die Veröffentlichungen des VHH genügen, genauere Hinweise finden sich im jeweiligen Anmerkungsapparat. (Stellvertretend für die zahlreichen kundigen Veröffentlichungen zu Muffendorf, insbesondere auch zu den Straßennamen, seien hier genannt: 1100 Jahre Muffendorf 888 – 1988 Beiträge zum 1100. Jahrestag der ersten urkundlichen Erwähnung von Muffendorf am 13. Juni 888, VHH 1988; Hans Kleinpass: Die Straßennamen der Gemarkung Muffendorf, in: Godesberger Heimatblätter 29 f., S. 138 ff., 32, S. 107 ff., 38 S. 133 ff., 44, S. 50 ff.)

Der wesentliche Beweggrund für die vorliegende Studie aber war die Neugier: Wie ist es gewesen? Welche Rolle mag das Dorf innerhalb der rheinischen Geschichte gespielt haben? Welche Bedeutung hatte die untergegangene Burg? Es ist ein Versuch, Muffendorf im Spiegel der rheinischen Geschichte zu sehen. Viele der aufgeworfenen Themen sind nicht annäherungsweise erschöpfend dargestellt, manches kann in der Zukunft sicher weit genauer dargestellt werden, und es wird der Zukunft vorbehalten bleiben, manche Lücken zu schließen. Die vorliegende Arbeit soll keinesfalls eine erschöpfende Darstellung der Muffendorfer Geschichte sein, beschäftigtigt sie sich doch mit ausgewählten Themenkomplexen, die inhaltlich aber doch einen über Jahrhunderte nachweisbaren Zusammenhang ergeben.

Der Name „Muffendorf“ hat immer wieder Anlass für verschiedenste Ansätze zur Erklärung seiner Herleitung geboten. In den schriftlichen Quelllen finden sich die unterschiedlichen Schreibweisen, die in einer Veröffentlichung der Universität Antwerpen katalogartig mit dem Verwendungszeitraum zusammengestellt wurden:

Moffondurp • 888 ± 1191
Mofondurf • 930 ± 1191
Monfonthurp • 966 ± 1191
Moffendorf • 1020 ± 1191
Moffendorf • 1064 ± 1106
Moffendorf • 1109
Moffendorp • 1057
Moffendorp • (1148?)
Moffendorp • 1174
Moffendorp • 1181
Moffendorp • 1225
Mofindorp • 1064 ± 1084
Moffendorph • 1076
Moffendorph • 1136
Moffendorph • 1143
Moffindorp • (1116)
Moffindorp • 1212
Mv+offendorp • 1139
Mofendorph • 1154
Mofendorph • (1156-58)
Můffendorp • 1191
Moffendurp • ± 1191 (http://www.wulfila.be/tw/)

Der Name hat über die Jahrhunderte erstaunlich wenig Veränderung erfahren. Eine wirklich befriedigende Erklärung der Herleitung des Namens liegt aber bis heute nicht vor. (Eindeutig ist aber auszuschliessen, dass das niederländische Schimpfwort „Moffen“, das für die unbeliebten Deutschen verwendet wurde, einen Zusammenhang hätte, da dieses Wort im Niederländischen erst in der Neuzeit nachgewiesen ist.)

Die Geschichte Muffendorfs wird im folgenden chronologisch dargestellt, wenn auch wegen der komplexen Thematik an der einen oder anderen Stelle einmal ein Vorgriff oder ein Hinweis auf ältere Zeiten notwendig wird, so kann der Leser aber doch der historischen Abfolge von der Altsteinzeit bis ins 21. Jahrhundert folgen.

Weitere Zeitabschnitte

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Muffendorf in der Vorgeschichte

Altsteinzeit

Abb. 4: Zwei Lesesteine aus Muffendorfer Chalzedon mit altsteinzeitlichen Bearbeitungsspuren: ein verworfener Faustkeil und Reststück mit Abarbeitungsspuren zur Gewinnung kleiner Klingen oder Pfeilspitzen.

Vorgeschichtliche Funde, also Funde aus der Zeit ohne schriftliche Überlieferung, strahlen eine ganz eigene Faszination aus, insbesondere Artefakte (z.B. Werkzeuge), die sich zeitlich einordnen lassen. Muffendorf hat eine ganz besondere Fundstelle zu bieten, die erst in den letzten Jahren von der Forschung intensiver beachtet wurde, aber für das Rheinland eine ganz aussergewöhnliche Bedeutung erlangt hat. Im Waldhang unterhalb des Heiderhofes  wurde bereits in der Altsteinzeit (ca. 170.000 v. Chr.) ein spezieller Chalzedon abgebaut, der zur Herstellung von Klingen und Pfeilspitzen sowie anderer Werkzeuge diente. Werkzeuge aus genau diesem Material wurden über Jahrtausende verwendet und fanden ihren Weg über weite Handelswege bis an die Ränder Europas. So war Muffendorf zumindest zeitweiliger Siedlungsort von Frühmenschen (homo sapiens), die zur Gewinnung von Werkzeugen hier her kamen, und hatte europäische Bedeutung über die Lagerstätte der Chalzedone, lange bevor die Römer ihre entwickelte Kultur mit ins Rheintal brachten. Auf luftbildarchäologischen Aufnahmen ist ein Wall zu erkennen, der einstmals den vorgeschichtlichen Siedlungsort schützte.

Der sehr bekannte Oberkasseler (heute Bonn-Beuel) Fund eines Grabes von Cromagnon-Menschen, die bereits um 12.000 v. Chr. einen domestizierten Hund hielten, weist ebenfalls auf die Kontinuität der Anwesenheit von Menschen in der Nähe des Siebengebirges hin.

Allerdings erlebten die Nachfahren dieser Frühmenschen um ca. 11.000 v. Chr. ein Ereignis in der Region, das ihnen wie der Weltuntergang erschienen sein muss, und das die Landschaft auch hier in Muffendorf und Umgebung wesentlich verändert haben dürfte und nicht nur zahlreiche Menschen sondern auch Tiere und die Pflanzenwelt das Leben gekostet haben wird. Es war der gewaltige Ausbruch des Vulkans, in dessen ausgekühltem Schlot sich später der Laacher See bildete. Diese Eruption soll den Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. um ein Mehrfaches an Gewalt übertroffen haben, wie Vulkanologen herausgefunden haben. Lange Zeit wird die unmittelbare Umgebung des Vulkans nicht besiedelt gewesen sein.

Der Ausbruch des Laacher Vulkans hat aber längerfristig dazu beigetragen, dass sich höchst fruchtbare Böden entwickelten, welche die Ernährungssituation der wieder neu einwandernden Menschen nach der Katastrophe deutlich verbesserte.

Im Wald westlich des Heiderhofes fand man einen Grabhügel, der mangels weiterer Funde nicht näher zu datieren ist, aber sicher aus vorgeschichtlicher Zeit stammt, möglicherweise ähnlich wie die Holtdorfer (heute Bonn-Beuel) Hügelgräber aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. Die Holtdorfer Gräber belegen, dass im 4. vorchristlichen Jahrtausend wieder Menschen in der Umgebung des Siebengebirges lebten.

Grabhügel könnten ebenso auf die Hunsrück-Eifel-Kultur der Eisenzeit (ca. 750 bis 20 v. Chr.) hinweisen. Auch in diesem Falle werden erst archäologische Befunde genaueren Aufschluss geben können.

Bronzezeit

Der Fund eines bronzezeitlichen Lappenbeiles im Pennenfeld (nach 1945 auf einem Privatgrundstück, Archiv des RhAB) stößt in eine große zeitliche Lücke. Zwischen etwa 2000 v. Chr. und 450 v. Chr. (Bronzezeit) lebten hier Menschen und fanden auskömmliche Wirtschaftsgrundlagen vor. Die Archäobotanik hat gezeigt, dass im Rheinland damals schon eine entwickelte Kulturlandschaft mit Ackerbau und Viehzucht bestanden hat: „Die in den eisenzeitlichen Pollenspektren hohen Werte von Gräser- und Krautpollen lassen ausgedehntes Offenland erkennen: Die Zunahme des Ackerlandes macht sich ab jetzt auch pollenanalytisch in einer erstmals geschlossenen Getreidepollen-Kurve und an den klassischen Ackerunkräutern, wie Klatschmohn, bemerkbar. Natürlich wuchsen Ackerunkräuter und Getreide seit dem Beginn der Landwirtschaft auf den Feldern; da die Feldflächen aber relativ klein und in das Waldland eingeschlossen waren, wurden sie vorher von den dominanten Baumpollen völlig ‚unterdrückt’. Erst die Ausweitung des Ackerlandes verhilft den ‚Ackerzeigern’ zu ihrer pollenanalytischen Präsenz. Im ackerbaulichen Zyklus der Eisenzeit spielten vermutlich mehrjährige Brachen eine Rolle, während derer die Feldflächen beweidet wurden – eine Feld-Graswirtschaft. Dafür sprechen das verstärkte Vorkommen sogenannter Ruderalpflanzen, wie Gänsefußgewächse, Vogelknöterich und der ausdauernde Beifuß. Die Indikatoren für Waldweide, Grünlandwirtschaft und Feld-Graswirtschaft belegen das Aufkommen eines intensivierten Landwirtschaftssystems mit der Eisenzeit, bei dem Ackerbau und Viehzucht in enger Verzahnung betrieben wurden.“ (Aus: PflanzenSpuren Archäobotanik im Rheinland: Agrarlandschaft und Nutzpflanzen im Wandel der Zeiten, Rheinland-Verlag GmbH · Köln 1999 Landschafts- und Siedlungsgeschichte des Rheinlandes, Jutta Meurers-Balke, Arie J. Kalis, Renate Gerlach, Antonius Jürgens.)

Genaueren Aufschluss über die Klimageschichte des Rheinlands, die auch Rückschlüsse auf die Lebensbedingungen zulassen wird, soll eine 150 m tiefe Bohrung im Krater des Rodderbergs im Jahre 2011 erbringen (www.idw-online.de/de/news339684), deren Auswertung noch andauert.

Jedenfalls entwickelte sich in Muffendorf und im benachbarten „Drachenfelser Ländchen“ eine auskömmliche Landwirtschaft in mildem Klima und mit großen offenen Flächen, die auch die Römer später zu nutzen verstanden, die baulichen Überreste römischer Landgüter im Drachenfelser Ländchen beweisen dies (RhAB, Ortskartei). In diese Zeit gehört auch der spektakuläre Fund eines Goldbechers in einem Feld bei Wachtberg-Fritzdorf. Dieser Becher wird auf die Zeit zwischen 1800 und 1600 v. Chr. datiert. Eine sehr ausführliche wissenschaftliche Darstellung der Vorgeschichte im Rheinland findet man in „Urgeschichte im Rheinland“, Köln 2006 (s. Lit.-Verzeichnis).

Muffendorf in der Antike

Römerzeit

Soweit nicht Quellentexte antiker Schriftsteller oder Historiographen überliefert sind, ist man auch hier auf die Erforschung von Bodenfunden angewiesen. Bodenfunde aus dem Spät-Latène, die beim Bau der Elisabeth-Mayer-Straße ergraben wurden, beweisen, dass schon im 1. Jahrhundert v. Chr. sich in Muffendorf ein befestigter Hof, der durch einen Graben gesichert war, befand. Kelten lebten hier.

Cäsars Legionen eroberten Gallien bis zum Rhein hin (58 bis 51 v. Chr.), verdrängten die um Bonn herum lebenden Eburonen, forcierten die Zuwanderung der Ubier. Insbesondere die Legio I Minervia, die im Jahre 83 unter Kaiser Domitian nach Bonn verlegt wurde und über 200 Jahre lang die Kultur der Stadt und der engeren Region prägte, hat ihre Spuren hinterlassen, genetisch ebenso wie kulturell lange nachwirkend. Franken folgten und hinterließen ihre Spuren ebenfalls in der „Völkermühle am Rhein“ (Carl Zuckmayer: „Des Teufels General“).

So fand man folgerichtig auch römische Spuren in Muffendorf: bei der Sanierung von Alt St. Martin an der Martinstraße zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Seitenaltar der Kirche war ein römischer Weihestein mit Inschrift vermauert, den man aus der unmittelbaren Nähe herangeschafft hatte. Wahrscheinlich ist er aber nicht nur wegen des Steinmaterials im Altar vermauert worden, sondern um den von den mittelalterlichen Christen bekämpften Götzendienst an einem römischen Altar zu unterbinden. Dies geschah, in dem man die Weihestätte christlich überformte und den Stein, der einstmals nach dem Willen des Stifters, Gaius Scribonius, den Weiheplatz markierte, zum christlichen Altar umwidmete, so dass seine einstige Funktion nicht mehr erkennbar war und er dem neuen christlichen Kultus zu dienen hatte. (Die Nachbildung des Steins steht heute in der Grünanlage am Remi-Baert-Platz, das Original befindet sich im Rheinischen Landesmuseum in Bonn).

Nachbildung des Diana-Steins (Aufgenommen 2011); Die Inschrift lautet:
Abb. 5: Nachbildung des Diana-Steins (Aufgenommen 2011); Die Inschrift lautet: „C. Scribonius / Genialis. leg. Augg. / leg. l. M. p. f. templum / Sanctissimae / Deae Dianae / ponendum curavit.“ Zu Deutsch: Caius Scribonius Genialis, Legat der kaiserlichen Ersten minervischen Legion, der braven, getreuen, ließ diesen Tempel der erlauchtesten Göttin Diana errichten.

Im übrigen befindet sich Alt St. Martin auf einem kleinen Geländesporn, der in der Antike den Blick freigegeben haben wird über das Rheintal, das durch intensive Beweidung und wirtschaftliche Nutzung bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wenig bewaldet gewesen ist, wie alte Luftbildaufnahmen noch der 1930er Jahre beweisen (Hansa-Luftbilder, Bez.-Reg. Köln, Geodienst, Archiv) und auf den Godesberg. Dies mag von besonderer Bedeutung gewesen sein, denn in Godesberg hat sich die Sage überliefert, dass der römische Kaiser Julian Apostata (*331 †363) einen Tempel oder eine Burg auf dem Godesberg errichtet habe. Auch wird vermutet, dass es römische Signalfeuer verbunden mit einem Burgus (3./4. Jh.) dort gegeben habe, so dass der Geländesporn in Muffendorf den Blick dorthin ermöglicht hat und somit ein strategischer Ort gewesen wäre. Die spätere Datierung des Burgus aufgrund der Fundamentfunde eines für die Zeit typischen Rechteckbauwerkes entspricht der sagenhaften Verbindung zu Julian Apostata. Auf jeden Fall wird die Sichtachse zum Godesberg bedeutend gewesen sein.

Die alten Schulhäuser, Martinstraße 3 und 5 (um 1900)
Abb. 6: Die alten Schulhäuser, Martinstraße 3 und 5 (um 1900)

Im erhabenen Angesicht der Sieben Berge, die sich auf dem gegenüberliegenden Rheinufer erstrecken, mag ein römischer Tempel oder eine Villa mit Weiheplatz in dieser Lage gut vorstellbar sein. Bereits im späten 19. Jahrhundert erwähnt Alfred Wiedemann „an der linken Seite des Fusspfades, der zu Muffendorf oberhalb des Dorfes von dem Schulhause (gemeint ist hier das alte Schulhaus in der Martinstraße) aus nach Süden führt, etwa halbwegs nach der von der ehemaligen Commende nach dem Haiderhof hinauf führenden Einsattelung zahlreiche Bruchstücke römischer Ziegel und Gefässe in den Weinbergen und Aeckern finden, so dass hier wohl eine römische Ansiedlung gelegen haben wird“ (BJb 90, S. 203). Leider ist der Fundort nicht genauer bezeichnet. Auch in den Unterlagen des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege in Bonn (RhAB) findet sich dazu nichts Ergiebigeres. Nach der Beschreibung könnte es sich um den Hang unterhalb des Friedhofes handeln. Römische Funde sind dort in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gemeldet worden. Funde römischen Materials in einer Baugrube in der Muffendorfer Hauptstraße (ca. 1933, RhAB) und am Hang unterhalb der Elisabethstraße (BJb 139, S. 210) sowie oberhalb des Lyngsberges (ebenfalls in den 1930er Jahren gefunden, RhAB) beweisen aber die Anwesenheit römischer Siedler in Muffendorf. Groeteken erwähnt in seiner „Geschichte Godesbergs“ (Teil II), dass sich bei Ausschachtungsarbeiten in Muffendorf Reste einer befestigten Römerstraße gefunden haben, die über Muffendorf Richtung Lannesdorf geführt haben soll (1956, S. 51).

Spätantike, frühes Christentum

In diesem Zusammenhang muss auch das Jahr 310 erwähnt werden, als Konstantin der Große, mit dem das Christentum Einzug hielt, in Köln eine Brücke über den Rhein schlagen ließ, um die beiden großen Römerlager Köln und Deutz miteinander zu verbinden. Dies steht nicht in einem direkten Zusammenhang mit Muffendorf, macht aber deutlich, wie sehr das engere Rheinland rings um Köln in den Fokus der römischen Herrschaft gerückt war. In das erste Drittel des 4. Jahrhunderts werden die ersten Bischofsweihen datiert, so die Weihe des Maternus (†328), der als der erste Bischof von Köln gilt. Um 400 begann der Niedergang der römischen Provinz Germanien durch die Verlagerung großer Truppenteile nach Italien, was das Land am Rhein schwächte (vgl. Corsten 1964, S. 87), und Möglichkeiten für Übergriffe eröffnete. Das Ende der Römerherrschaft im Rheinland kam mit dem Jahr 451 als die Hunnen plündernd und mordend den Rhein entlang zogen. Von diesen Hunnenzügen existieren bisher keinerlei archäologische Befunde. Aber eine Folge war, dass die römische Herrschaft gebrochen war, und die Franken aus dem Dunkel der Geschichte auftauchten, die nach Gallien und Germanien einwandert waren. Ein recht anschauliches Bild, soweit die spärlichen Quellen aus der Zeit dies zulassen, findet man bei Becher 2011, der auch die Reihe der Frankenkönige von Gennobaudes (um 289) bis hin zu Chlodwig aufzuzeigen weiss (S. 113). Die Zeit der Völkerwanderung wird von einigen Wissenschaftlern im Zusammenhang mit der Veränderung des Klimas in Mitteleuropa gesehen. Während der Römerzeit herrschte ein „Klimaoptimum“, dem ein „Klimapessimum“ (von etwa 370 bis 570) folgte, das eine Verschlechterung der Lebensbedingungen mit sich brachte und so möglicherweise zum Auslöser der Wanderbewegungen wurde. Als besonders kalt und mit aussergewöhnlichen Klimaereignissen verbunden werden die Jahre 535 und 536 angesehen.

Die Merowinger

Alt St. Martin, Blick ins Innere; Zustand vor der Renovierung im Jahre 1913
Abb. 7: Alt St. Martin, Blick ins Innere; Zustand vor der Renovierung im Jahre 1913

Die fränkischen Merowinger wurden zu den Herrschern der ehemals provinzial­römischen Gebiete, und so gelangen wir von der Antike in die Spätantike bzw. ins frühe Mittelalter: ebenfalls bei der Sanierung von Alt St. Martin nach 1910 fand man unter dem Fußboden eine Reihe von fränkischen Gräbern, über denen das erste Kirchengebäude errichtet worden war. Dies wirft Fragen auf, die zu beleuchten im folgenden etwas weiter ausgeholt werden muss.

Das Martinspatrozinium gehört zu den ältesten Patrozinien, insbesondere Clothilde (Chrodechild von Burgund, *474 †544), Gattin des Frankenkönigs Chlodwig (*466 †27.11.511), stiftete zahlreiche Kirchen, oftmals bei den Königsgütern, die dem Hl. Martin von Tours geweiht waren. Ob auch die Muffendorfer Kirche damit in Zusammenhang steht, ist nicht urkundlich belegt. Aber der Fund der fränkischen Gräber unter dem Fußboden beweist, dass ein Grabmonument oder ein nachantiker Weiheplatz bereits lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung der Kirche anfangs des 10. Jahrhunderts (s.u.) bestanden haben muss. Für den Übergang von der Antike zum Mittelalter bzw. in der Spätantike ist die Forschung bisher davon ausgegangen, dass Christen bereits sehr früh in Bonn nachgewiesen werden konnten. Bei archäologischen Grabungen fand man eine Glasschale mit christlichen Motiven, die sich in die Mitte des 4. Jahrhunderts datieren lässt. Grabungen am Bonner Münster haben ergeben, dass bereits um 350 für Bonn eine christliche Kirche, eine Cella Memoriae, nachzuweisen ist. Der Bezug zur Hl. Helena, die als Gründerin des Cassiusstiftes überliefert ist, wird somit über den zeitlichen Horizont der Funde des antiken Christentums im Rheinland untermauert.

Die Schlacht bei Zülpich im Jahr 496/497 (in der neueren Forschung gilt diese Datierung als umstritten, es werden Daten zwischen 496 und 508 genannt) kann getrost als Markierungspunkt zweier Epochen (für die Geschichtsschreibung) im Rheinland gesehen werden. Zum einen als das Ende der Antike, zum anderen als der Beginn der christlichen Frankenzeit. Wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass der Übergang ein fliessender war, keinesfalls eine eindeutige Zäsur. Denn mit Chlodwig und seiner Frau Chrodechild, auf welche die Gründung zahlreicher Kirchen im Rheinland zurückgeht, beginnt ein neues, christlich geprägtes Zeitalter für das Land am unteren Rhein, zwischen Köln und Reims (vgl. Becher 2011). Die „fränkische Landnahme“ beginnt, Severin Corsten hat diese frühe nachantike Zeit insbesondere mit dem Augenmerk auf fränkische Herrschaftstrukturen untersucht und kommt zu dem Schluß, dass es bereits im 5. Jahrhundert am Rhein einen grundbesitzenden fränkischen Adel gegeben haben muss (1964, S. 91).

Der Heilige Martin von Tours wird zum Königs- und Reichspatron. Das Land „Ripuarien“ am Ufer des Rheins beginnt Gestalt anzunehmen, ein merowingisches Reich zwischen Vinxtbach im Süden (der Bach mündet bei Bad Breisig in den Rhein) und Neuss im Norden, das in etwa der römischen Civitas Köln entsprach, wie Eugen Ewig schreibt (Die Stellung Ribuariens in der Verfassungsgeschichte des Merowingerreiches, Bonn 1969, S. 1). Austrasien (der östliche Teil des merowingischen Königreiches) war bis zu Beginn des 8. Jahrhunderts in fünf Dukate (Herzogtümer) unterteilt, von denen eines Ripuarien war, offenbar mit der Hauptstadt Köln und den Gauen Köln, Bonn, Jülich, Zülpich und Eifel. Für Bonn ist die mittelalterliche Bezeichnung Bonn-Gau (Punnegau) belegt. Hierzu gehörte eben auch Muffendorf. Man muss sich die Zeit vorstellen als eine Zeit, in der sowohl antike Traditionen wie auch germanisch-fränkische Kultur nebeneinander bestanden und miteinander verwoben waren, vielleicht kam auch durch gallischer Siedler eingebrachte gallische Kultur hinzu. Das Lateinische war immer noch Umgangssprache der gebildeten Stände, doch langsam vollzog sich der Glaubenswandel von den antiken oder paganen (heidnischen) Göttern hin zu dem Gott der Christen. Für die Stadt Köln ist diese Zeit der fränkischen Landnahme, die Zeit vom 5. bis zum 10. Jahrhundert, in vorbildlicher Weise neuerdings dargestellt worden: Carl Dietmar und Marcus Trier „COLONIA – Stadt der Franken“, Köln 2011. Hier wird ein plastisches Bild dieser Zeit im Rheinland gegeben, fundiert untermauert durch die Auswertung neuer archäologischer Untersuchungen. Eine Veröffentlichung, die längst überfällig war. Wir können uns nun ein Bild machen zumindest vom merowingischen Köln. Die Nutzung antiker Villenbezirke im ländlichen Bereich durch frühmittelalterliche Siedler im Rheinland wird eindrucksvoll dargestellt von Ronald Knöchlein (Die Georgskapelle in Heidesheim, in: Bonner Jahrbücher 207, 2007, S. 121). Für die nähere Umgebung Muffendorfs erwähnt er durch archäologische Funde gesicherte Folgenutzungen in Alfter, Friesdorf, Euskirchen, Kuchenheim, Rheinbach, Weilerswist und Wesseling.

Exkurs: Das Heldenepos „Die Schlacht bei Zülpich“ Gedicht von Karl Simrock (1802-1876), gibt ein eindrückliches Bild, nicht zuletzt auch der Forschungsgeschichte:

„Chlodewig der Frankenkönig sah in Zülpichs heißer Schlacht,
Daß die Allemannen siegten durch der Volkszahl Uebermacht.
Plötzlich aus des Kampfs Gedränge hebt er sich auf stolzem Roß,
Und man sah ihn herrlich ragen vor den Edeln, vor dem Troß.
Beide Arme, beide Hände hält er hoch empor zum Schwur,
Ruft mit seiner Eisenstimme, daß es durch die Reihen fuhr:
„Gott der Christen, Gott am Kreuze, Gott den mein Gemahl verehrt,
So du bist ein Gott der Schlachten, der im Schrecken niederfährt,
„Hilf mir dieses Volk bezwingen, gieb den Sieg in meine Hand,
Daß der Franken Macht erkennen muß des Rheins, des Neckars Strand:
„Sieh, so will ich an dich glauben, Kirchen und Capellen baun
Und die edeln Franken lehren keinem Gott als dir vertraun.“
Sprach es, und aus Wolken leuchtend brach der Sonne voller Strahl,
Frischer Muth belebt die Herzen, füllt des schwachen Häufleins Zahl.
Chlodwig selbst ergriff das Banner, trug es in der Feinde Reihn,
Und die Franken siegesmuthig stürzten jauchzend hinterdrein.
Schreck ergriff der Feinde Rotten, feige wenden sie und fliehn,
All ihr Kriegsruhm ist erloschen, ihre Macht und Freiheit hin.
König Chlodwig ließ sich taufen und sein edles Volk zugleich,
Und ob  a l l e n  deutschen Stämmen mächtig ward der Franken Reich.
Wenn sie einst den Gott verlaßen, der bei Zülpich Sieg verlieh,
Ist den Allemannen wieder Macht gegeben über sie.“

(Karl Simrock: Aus der Sammlung Deutsche Mythen und Sagen)


Bildnachweis: Abb. 5 Lars Bergengruen; Abb. 6-7 mit freundlicher Genehmigung des Vereins für Heimatpflege und Heimatgechichte Bad Godesberg e.V.

Muffendorf im Mittelalter

Das Zeitalter der Merowinger – das 6. bis 8. Jahrhundert

Um das Jahr 507 kommt es in Gallien zur entscheidenden Schlacht gegen die Westgoten. Chlodwig gelingt es, die unterschiedlichsten Stämme im Kampf gegen die Goten zu einen, dazu gehörten auch die rheinischen Franken. Nachgewiesen ist, dass „Chloderich, der Sohn des rheinischen Frankenkönigs Sigibert, … an der Seite Chlodwigs <kämpfte>“ (Becher 2011, S. 230). Somit kann für die Zeit um 500 eine Beziehung der rheinischen Frankenkönige zu Chlodwig als sicher gelten. Der Stadt Köln kommt für die Frankenzeit eine besondere Bedeutung zu, denn Köln hatte eine eigene Königstradition, also eigene Herrschaftsstrukturen, die sich auch auf das gesamte Ripuarien auswirkten. Nach 508 beseitigte Chlodwig eine große Zahl fränkischer Konkurrenten, die ihm die Macht hätten streitig machen können, in dem er sie nach den Schilderungen Gregors von Tours eigenhändig erschlug. Als er in Köln einzog, leugnete er die Verantwortung für die Verbrechen, schuf eine Legende, und das Volk Kölns hob ihn auf den Schild. So will es die Fama, dass Chlodwig der erste umjubelte katholische König Kölns wurde und das Land am Rhein nach seinen Vorstellungen zu ordnen begann. Dazu gehörte auch die Kodifizierung von Recht.

Die „Lex salica“ des 6. Jahrhunderts spiegelt kleinbäuerliche Lebenswelt wider, sie ist der Versuch Rechtssicherheit für die in den eroberten Ländereien angesiedelten Franken zu schaffen. Ihr Geltungsbereich war das Land zwischen Kohlenwald und der Loire, wie Becher schreibt (2011, S. 261). Immerhin setzte sich Chlodwig mit dieser Gesetzgebungsinitiative in die Tradition der römischen Kaiser, dies war der eigentliche Anspruch hinter dem ehrgeizigen Werk.

Ewig sieht die Organisation des ripuarischen Herzogtums bereits bei Theudebert I. (*533 †547) oder sogar schon bei dessen Vater Theuderich I. als weit fortgeschritten an. Theudeberts Frau Wisigarde verstarb um 537. Es ist vermutlich ihr Grab, das bei archäologischen Untersuchungen unter dem Kölner Dom gefunden wurde. Die Grabbeigaben lassen den Schluss zu, dass hier eine fränkische Königin bestattet wurde, die Forschung geht heute davon aus, dass dies Wisigarde ist. Theuderich und Theudebert sind auch in anderer Hinsicht beide für die Geschichte Kölns wichtig, denn sie ließen in Köln eine Münzstätte errichten, „solidi“ (Goldmünzen) mit dem Abbild dieser fränkischen Könige zeugen davon. In der älteren Literatur zu den Franken findet man eine Kontroverse um die Frage, ob es bereits im 5. oder 6. Jahrhundert einen grundbesitzenden Adel bei den Franken gegeben hat. (Corsten, Severin: Rheinische Adelsherrschaft im ersten Jahrtausend, in: Rheinische Vierteljahresblätter 1963, S. 85, 86) Die neueren Funde fränkischer Gräber in Muffendorf mit wertvollen Grabbeigaben, u.a. Almandinen-Schmuckstücke, lassen zumindest für den angenommenen Bestattungszeitraum 6./7. Jahrhundert auf eine Schicht begüterter Franken schließen. Auch das in seinen Grundzügen erhaltene spätantike Steuersystem, das von den Merowingern übernommen worden war, erlaubt Rückschlüsse darauf, dass ein gewisser Wohlstand im Reich der Franken herrschte (Becher 2011, S. 241).

Ungefähr 100 Jahre später, zur Zeit Dagobert I. (*um 608 †638/639) und des Kölner Bischofs Kunibert (*um 600 † 664), erlebte Ripuarien die Kodizifizierung von Recht. Eine erste geschriebene Gesetzessammlung (Lex Ribuaria) entstand um das Jahr 633 (Ewig, S. 29). Geht man davon aus, dass diese Zeit eine Zeit des relativen Friedens in Ripuarien gewesen ist, während wohl im gesamten Reich der Merowinger unsichere Machtverhältnisse ohne funktionierende Zentralverwaltung herrschten, vermag man sich durchaus vorzustellen, dass neben der verschriftlichten Rechtsetzung (Gesetzesformulierung) auch die Strukturierung des Landes eine gewisse Rolle spielte. Die Gründung königlicher Höfe, die teilweise mit der Schaffung von Eigenkirchen einherging, die Gründung einer großen Zahl von Klöstern und die Einsetzung von engen Vertrauten als Bischöfe kennzeichnen das 7. Jahrhundert im Merowingerreich. Der Straßenbau und damit die Erschließung bzw. Umgehung auch der großen Wälder in der Umgebung Kölns, hier sei der Kottenforst als Beispiel genannt, spielte dabei eine zunehmend wichtigere Rolle. Dabei darf nicht übersehen werden, dass die Bevölkerungsdichte etwa um die Mitte des 5. Jahrhunderts (Hunneneinfälle) ihren Tiefpunkt erreicht hatte, wie Ewig schreibt. So konnten die einwandernden Franken sich die besten freien Siedlungsorte sichern, ohne eine Verdrängungspolitik Alteingesessenen gegenüber betreiben zu müssen. Ein Zusammenwachsen, ein Verschmelzen der romanischen mit der fränkischen Bevölkerung wird heute als gesichert angesehen.

In der Zeit um 700 sind im Bonner Umland zahlreiche Funde anglofriesischer Silberpfennige nachgewiesen, Ewig schließt daraus, dass die Friesen ihre Handelswege bis zum Rhein ausgedehnt hatten. Das Ripuarien des 7. Jahrhunderts scheint also ein lohnendes Ziel für die aus dem Frankenreich kommenden Händler gewesen zu sein. Dies setzt einen gewissen Wohlstand voraus. Woraus resultierte dieser Wohlstand? Er wird in erster Linie durch eine wohl organisierte Landwirtschaft entstanden sein, die sowohl durch Sklavenarbeit wie durch die Organisation in Herrenhöfe und abhängige Bauernschaft (Mansen) geprägt war. Die Herrenhöfe entstanden oft aus den Schenkungen königlicher „Villae“, also von Königsgütern. Diese Organisationsform erlebte unter den Karolingern dann eine Blüte (s. Ewig 1993, S. 179, 180), beginnend mit Pippin dem Mittleren (*um 635 †16. Dezember 714) und seiner Gattin Plektrudis († nach 717) (s. Dietmar/Trier, S. 179, 180, Köln 2011).

Die Karolinger

Um die frühe Zeit der Karolinger und ihren Einfluss auf das Rheinland zu erhellen, muss wiederum nach Köln geblickt werden. Die Ereignisse nach dem Tod Pippins des Mittleren sind sehr plastisch geschildert bei Dietmar/Trier (S. 182 ff.). Die Autoren machen deutlich, wie Karl Martell (*688 †22.10.741)seinen Aufstieg schaffte, und welche Rolle Köln dabei spielte. Die Geschichte Bonns liegt für das 8. Jahrhundert weitgehend im Dunkeln, nur für das Jahr 753 ist ein Aufenthalt Pippins des Jüngeren (*714 †24.9.768), des Vaters Karls des Großen (wohl *2.4.747/748 †28.1.814), in Bonn erwähnt. Damals war Köln ein wichtiges politisches Zentrum im östlichen Frankenreich, wenn nicht sogar das wichtigste Machtzentrum, nicht zuletzt wegen seiner strategischen und handelsgünstigen Lage am Rhein. Die neueren Ausgrabungsfunde im Süden des alten Domes lassen darauf schließen, dass es sich bei der großen Hofanlage, deren Fundamente erkennbar wurden, um eine karolingische Pfalz handelte, die unmittelbar neben dem alten Dom errichtet worden war. Dazu passt ebenfalls, wie Dietmar/Trier analysieren, der Befund, dass die Dombibliothek bereits in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts über 175 Handschriften verfügte, eine große Zahl, die auf ein gebildetes Lesepublikum im Umfeld der Bischofskirche und der Königspfalz schließen lässt.

Exkurs: Das Martinspatrozinium in Muffendorf

Der Mantel des Hl. Martin (lat. cappa) gewann seit dem frühen Mittelalter eine besondere Bedeutung. Er gehörte seit der Merowingerzeit Chlodwigs zum Kronschatz der fränkischen Könige. Diese führten ihren Kronschatz mit den bedeutenden Reliquien auf ihren Wanderungen von Königshof zu Königshof mit sich. Die Reliquien wurden als Heilsbringer in Schlachten mitgeführt. So soll der Mantel des Hl. Martin als Banner im Schlachtgetümmel gedient haben. Vom Begriff „Cappa“ wurde in späterer Zeit das Wort „Kapelle“ hergeleitet.

Die Mantelreliquie des Hl. Martin (*um 316/317 † 8.11.397), der die ersten Klöster in Gallien gründete, gehörte im Mittelalter zu den bedeutendsten (politischen) Reliquien Mitteleuropas überhaupt. Martin von Tours gründete die ersten Klöster in Gallien und wurde zum bedeutensten Heiligen der merowingisch-fränkischen Könige. Noch im 8. Jahrhundert zog ein riesiges Heer von Sarazenen gegen Tours, um die Basilika des Hl. Martin und die „Cappa“ zu vernichten. Die Sarazenen erlitten in der Schlacht bei Tours und Poitiers (Oktober 732) eine vernichtende Niederlage. Der Ruf dieser Reliquie, von der berichtet wird, sie sei als Banner mit in die Schlachten der Merowingerkönige geführt worden und habe Chlodwig 496 bei Zülpich zum Sieg verholfen, und dieses Erlebnis habe ihn zum christlichen Glauben bekehrt, machte sie gleichsam zum wirkmächtigen Symbol des merowingisch-fränkischen Königtums. Und sie blieb es bis in die Neuzeit hinein. Die Legende weist erstaunliche Parallelen zur Bekehrung Kaiser Konstantins auf (…in diesem Zeichen wirst Du siegen…), wahrscheinlich handelt es sich um eine zum christlichen Topos gewordene Legende.

In diesem Zusammen interessant ist auch, dass Chlodwig nach dem Sieg in der Schlacht bei Zülpich am Grab Martins in Tours das Taufversprechen ablegt, um sich noch Weihnachten des gleichen Jahres taufen zu lassen (Becher 2011, S. 176 ff.). Aber auch Karl der Große sah weit später noch das Martinskloster in Tours als bedeutende Stätte seines Wirkens. Seinen Lehrer Alkuin entsandte er 796 (genau 300 Jahre nach der Schlacht bei Zülpich) dorthin und machte ihn zum Abt dieses Klosters, das die Tradition der merowingischen Könige mit den Reliquien des Hl. Martin so augenscheinlich bewahrte.

Das Grab Martins in der untergegangenen Basilika in Tours wurde noch 1562 als das zentrale Symbol der katholischen Königsmacht in Frankreich gesehen und deshalb von den Hugenotten zerstört. Dabei gingen auch viele weitere Reliquien verloren, nur die Reste des einstmals bedeutenden Reliquienschatzes werden heute in der neuen St. Martinskirche in Tours aufbewahrt.

Möglicherweise haben wir es mit Alt St. Martin in Muffendorf also sogar schon mit einer merowingischen Kirchengründung zu tun, die den Übergang von der Spätantike zum fühen Mittelalter architektonisch markiert. Auch der umgewidmete römische Dianastein des Gaius Scribonius der 1. Minervischen Legion (ab 83 bis ca. 295 in Bonn nachzuweisen), der sich 1910 im Seitenaltar eingemauert fand, spricht für diese These, ebenso wie die fränkischen Gräber unterhalb des Kirchenbodens, die schon weiter oben erwähnt wurden (s. hierzu auch: Schmidt, Rudolf: Zur Inschrift des Dianasteins in Muffendorf, in: Godesberger Heimatblätter 47, S. 4). Ein sehr starkes Argument ist auch der Fund des römischen Estriches unter den Sarkophagen, den Groeteken erwähnt (1956 II, S. 50). Auf den besonderen Zusammenhang des Martinspatroziniums mit den Merowingern wurde bereits hingewiesen. Nun stellt sich die Frage, in welcher Zeit die Umwidmung eines römischen Weihesteines zum Altartisch einen kultisch-spirituellen Sinn gehabt haben könnte. Denn der Dianastein wurde nicht als bedeutungsloses Baumaterial verwendet, sondern als Spolie in den Altartisch, den Ort der Wandlung, eingebaut. Dies kann nur in einer Zeit sinnvoll gewesen sein, in der die antiken Kulte noch erinnert und vielleicht auch noch gefeiert wurden. Also könnte bereits im Zuge der fränkischen Landnahme eine römische „Villa“ mit dem Gedenkstein, der der Göttin Diana geweiht gewesen ist, umgewandelt worden sein in den Hof eines fränkischen Noblen mit kleiner Eigenkirche. Sinn würde dies gemacht haben in der Zeit als Theuderich und Theudebert Köln zur Münzstätte erhoben und Ripuarien formten, also etwa um die Mitte des 6. Jahrhunderts. Eine Zeit, in die auch die Grabfunde am Lyngsberg teilweise zu datieren sind (Müssemeier 2004). Ebenfalls sinnreich wäre dies noch gewesen zur Zeit des Bischofs Kunibert von Köln (*um 600, †um 664), der über seine Ausbildung in Metz eng mit dem merowingischen Herrscherhaus verbunden war.

Gut dokumentiert ist ein neuerer Fund eines fränkischen Gräberfeldes in Muffendorf, das ins 6./7. Jahrhundert datiert wird.  Drei steinerne Sarkophage mit wertvollen Grabbeigaben aus der Frankenzeit wurden gemeinsam mit insgesamt 13 Gräbern unterhalb des Steinbruchs am Lyngsberg geborgen. Allerdings muss das Gräberfeld größer gewesen sein, denn etliche Knochenfunde waren zuvor schon mit dem Abraum der Baumaßnahme auf eine Deponie in der Nähe von Villip gebracht worden. Die Funde werden aufgrund der Grabbeigaben in die Zeit zwischen 565 und 650 datiert (RhAB). Weitere fränkische Gräber sind in den 30er Jahren am Lehnpütz gefunden worden, dort kam ein grauer Knickwandtopf zum Vorschein (BJb 162, S. 581).

Man darf getrost davon ausgehen, dass Muffendorf, auch wegen seiner klimatisch bevorzugten, geschützten Lage über Jahrtausende, ja über hunderttausende Jahre, besiedelt gewesen ist, wenn auch sicher nicht mit vollkommener Kontinuität. Seit der Verarbeitung der „Muffendorfer Chalzedone“ durch altsteinzeitliche Nomaden (ca. 170.000 v. Chr.), über die Kelten, Römer und Franken bis ins beginnende Mittelalter reichen die Artefakte aus vorgeschichtlicher Zeit, die dies belegen. Ein erster dörflicher Siedlungskern im Mittelalter wird die engere Umgebung der alten St. Martinskirche gewesen sein. Ein späterer Siedlungskern wird die mittelalterliche Burg gewesen sein, auf die später noch genauer eingegangen wird. In fränkischer Zeit hat man sich eine lockere Bebauung mit geschlossenen Hofanlagen vorzustellen. Schriftliche Quellen, die Muffendorf direkt betreffen, gibt für diesen Zeitraum nicht. Das ändert sich mit dem Zeitpunkt, an dem Muffendorf mittels eines Steuererlasses eine Rolle in der mittelalterlichen Geschichte spielt, und eine erste Schriftquelle dies belegt.

Das frühe Mittelalter

Manches lässt sich aufgrund der quellenmässigen Überlieferung nur schlaglichtartig darstellen. Denn zahlreiche Klosterarchive bzw. –bibliotheken wurden in den Normanneneinfällen um die Jahre 881/882 vernichtet, so dass wir über das Rheinland aus der Zeit vorher nur spärliche durch Archivalien belegte Kenntnisse haben. Dennoch ist es möglich, die größeren historischen Bezüge herzustellen und die Muffendorfer Geschichte in die Geschichte des Rheinlands einzubetten. Wichtige Quellenarbeit hierzu hat bereits Alfred Wiedemann in seiner Geschichte Godesbergs geleistet. Seine Arbeit muss als unbedingt ergänzend zu der vorliegenden Arbeit gesehen werden.

Im späten 9. Jahrhundert erscheint eine erste Urkunde, in der Muffendorf Erwähnung findet. Am 13. Juni des Jahres 888 besiegelte König Arnulf von Kärnten (ab 896 dt. Kaiser) eine Abschrift einer älteren Urkunde Kaiser Lothars II. (*um 835, †8.8.869), heute gilt diese ältere Urkunde, die zwischen 855 und 869 ausgestellt wurde, als verloren (MGH = Monumenta Germaniae Historica, DD Arn Nr. 31, S. 45). Diese Abschrift bestätigte, dass die „Aachener Nona“, das ist der neunte Teil aller Einkünfte, eine Grundsteuer, von Muffendorf, wie auch von 42 weiteren  Gemeinden, an das Aachener Marienstift zu leisten sei.

„Die Vergabe von Nonen in Aachen durch Lothar II. ist vor dem 13. Jahrhundert die einzige frühe Schenkung von Reichsgut an das Marienstift, für die zugleich auch eine Beurkundung gesichert ist“ (Nolden, S. 50). Damit steht fest, dass die Muffendorfer Schenkung aus älterem Reichsgut bestand, also aus kaiserlichem Besitz. Das Aachener Marienstift war seit seiner Gründung durch Karl den Großen eng mit dem karolingischen Herrscherhaus verbunden und ist daher besonders reich ausgestattet worden. Die karolingische Verwaltung hatte also Muffendorf bereits spätestens zu Lebzeiten Lothars II. erfasst. Ein karolingisches Königsgut kann man nach Nolden als sicher für Muffendorf annehmen. Zumal bereits Helene Wieruszowski 1926 festgestellt hatte (Reichsbesitz und Reichsrechte im Rheinland), dass der Kottenforst rings um Muffendorf zum umfangreichen Waldbesitz der fränkischen Könige gehörte. Erstaunlicherweise zählt Wieruszowski Muffendorf zu den wichtigen Reichsgütern, in einem Zusammenhang mit Oberwesel, Saarbrücken, Deutz und Koblenz. Leider findet sich keine Begründung für die Annahme in ihrem Text, allerdings verweist sie auf ein Manuskript, das beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs (2009) in Mitleidenschaft gezogen wurde, und daher zum jetzigen Zeitpunkt (2012) nicht zugänglich ist. Dies alles macht es wahrscheinlich, dass Muffendorf bereits zur ursprünglichen Ausstattung des Marienstiftes gehörte, das Karl der Große gegen Ende des 8. Jahrhunderts im Zusammenhang mit seiner Pfalz in Aachen gegründet hatte. Auch dies kann als ein Indiz dafür gelten, dass Muffendorf bereits um 800 wirtschaftliche Bedeutung besessen hat, also bereits längere Zeit bewirtschaftet gewesen sein muss.

Muffendorf zahlte den „Neunten“ bis zum Dreißigjährigen Krieg nach Aachen an das Marienstift (NRKB, S. 129), wenn auch in veränderter Form, denn die ursprüngliche None wurde gegen eine feste Zahlung abgelöst. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts fixierte man die Erträge aus Muffendorf und Vlatten (heute Heimbach-Vlatten). Muffendorf und Vlatten zahlten jeweils vor 1191: 2 Kölnische Mark, 2 Pfund Pfeffer, 2 Handschuhe im Wert von 4 Denaren, 2 Nachtschuhe. Nach 1191 zahlten sie: 8 Mark, im Jahr 1546: 30 Goldgulden, Anfang des 17. Jahrhunderts: 30 Goldgulden (Nolden, S. 262). In Vlatten, heute eine Wasserburg in einem kleinen Eifelort, befand sich eine karolingische Königspfalz, die im 12. Jahrhundert mitsamt dem zugehörigen Wald an die Abtei Siegburg geschenkt wurde.

Alt-St. Martin von Südosten (um 1900)
Abb. 8: Alt-St. Martin von Südosten (um 1900)

Wenn man davon ausgeht, dass die ursprüngliche Urkunde Lothars II. etwa um das Jahr 860 ausgestellt wurde, dann sind rund 800 Jahre lang kontinuierlich Erträge an das Marienstift geflossen. Im Laufe der mittelalterlichen Geschichte war es offenbar notwendig, dass sich das Aachener Stift diese Rechte immer wieder durch kaiserliche oder königliche Urkunden bestätigen ließ. „So von Könige Heinrich I. am 5. Juni 930, von Kaiser Otto I. am 16. Februar 966, von Kaiser Friedrich II. im Juni 1226, von Kaiser Rudolf am 24. Oktober 1275, von König Adolf 1292, von König Albrecht 1298“ (Wiedemann, S. 71). Diese Kontinuität schloss auch den Muffendorfer Hof des Marienstifts ein, der von Otto III. dem Kloster Memleben (heute Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt) gestiftet worden war.

Als interessante Tatsache ist zu werten, dass Muffendorf im Jahr 888 erstmals urkundlich erwähnt wurde, denn für die Geschichte des Frankenreiches stellt dieses Jahr eine bedeutende Zäsur dar. Im Jahr 888 war Karl (der Dicke) verstorben, dem es für kurze Zeit gelungen war, das Reich Karls des Großen wieder zu einen. Im Jahr 888 kam es dann aber zum Bruch, der das Reich endgültig in ein östliches und ein westliches Machtgefüge trennte. Arnulf von Kärnten strukturierte den östlichen Teil, zu dem auch Ripuarien gehörte. Und im Rahmen dieser Strukturierung wird Muffendorf seiner Abgaben wegen wohl wieder Erwähnung gefunden haben. Der vorzügliche Kenner der Bonner Kirchengeschichte, German Hubert Maaßen, schrieb bereits 1898 eindeutig: „Muffendorf war eine königliche Villa der Karolinger“ (Geschichte der Pfarreien des Dekanates Bonn, S. 286). Dies will heute als eine durchaus korrekte Einschätzung erscheinen, insbesondere wenn man die Geschichte Vlattens, die über die Aachener Nona mit der Muffendorfs eng verbunden ist, zum Vergleich heranzieht.

In der der neueren Literatur wird vermutet, dass die alte Muffendorfer St. Martinskirche, die 913 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, aufgrund der fränkischen Grabfunde unterhalb des steinernen Kirchenbodens aber eine deutlich ältere Tradition hat, eine Fiskalkirche gewesen sei (van Rey 2001, S. 35). Was immerhin auf einigen wirtschaftlichen Wohlstand in Muffendorf schließen ließe, denn die Fiskalkirchen konnten durch ihre Zehnteinkünfte ein Königsgut unterhalten. Für die Reisewege der (früh)-mittelalterlichen Könige mitsamt ihres bedeutenden Hofstaates hätten die Stationen von der wichtigen Pfalz Sinzig aus durchaus heißen können: Muffendorf, Flamersheim, Vlatten, Düren, Eschweiler, Aachen. Und Muffendorf wäre ebenso eine komfortable Etappe von Sinzig nach Bonn zum nächsten karolingischen Königshof gewesen, hätte also doppelte Funktion haben können. So wäre es durchaus wahrscheinlich, dass sich in dem von der Natur so verwöhnten Muffendorf bereits ein karolingischer Königshof befunden hat, wovon die ältere Literatur ausgeht. Möglicherweise sogar, wie durch die oben erwähnte Geschichte der alten Muffendorfer St. Martinskirche gezeigt, ein merowingischer Königshof. Maaßen schreibt dazu: „Die unregelmäßige Verbindung [des Turms mit der Kirche] legt den Gedanken nah, daß in ältester Zeit noch ein anderes Gebäude, etwa der Sitz eines mittelalterlichen Ritters oder eines kirchlichen Officianten der Kirche angebaut war. Nach Lage der Sache könnte man auch an die königliche Villa denken, welche wegen ihrer urkundlichen Grundlage eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich in Anspruch nimmt“ (S. 299, 300). Die fränkischen Bestattungen, die man unterhalb des Kirchenfussbodens während der Restaurierungsphase nach 1910 gefunden hat, spielen nun für die Argumentation eine wesentliche Rolle, denn „in merowingischer Zeit ist es üblich, dass hochadelige Stifter in den von ihnen gestifteten Kirchen beigesetzt werden“ (Ph. Hofmeister, Archiv für katholisches Kirchenrecht, zitiert nach Stadtspuren, Band 1, S. 344). Die Gräber sind leider, wie vieles andere in dieser Zeit, nicht dokumentiert worden. Daher ist nicht eindeutig nachzuweisen, dass es sich um Gräber christlicher Franken handelte. Aber dieser gesamte Zusammenhang lässt doch darauf schließen, dass wir es hier wohl mit einer sehr frühen, möglicherweise merowingischen Kirchengründung zu tun haben. Auch die später (im 9. Jahrhundert) bestätigte Aachener Nona, die von St. Martin in Muffendorf und von St. Dionysius in Vlatten über einen Zeitraum von fast 800 Jahren gezahlt wurde (ab 1191 zahlte das Kloster Siegburg für Muffendorf und Vlatten an Aachen eine Ablösesumme), könnte ein Hinweis auf eine merowingische Vorgeschichte beider Kirchen sein. Denn sowohl Dionysius wie Martin waren fränkische Nationalheilige. Zahlreiche merowingische Könige wurden in der Abteikirche St. Denis (Dionysius) nördlich von Paris seit dem 6. Jahrhundert bestattet, die später zur bedeutenden Grablege der französischen Könige wurde.

Für einen Königshof (spätestens einen karolingischen) und die Tradition der Rechte desselben spricht in jedem Falle weiter auch, dass die Nonenrechte diejenigen Einkünfte waren, die „dem Stift am leichtesten entfremdet werden konnten“ (Nolden, S. 349). Wenn also das Aachener Marienstift über 800 Jahre regelmässig diese Einkünfte aus Muffendorf bezog, so muss die Kontinuität einen Grund gehabt haben, es müssen Strukturen bestanden haben, die verhinderten, dass hier Entfremdung stattfand. Welche Strukturen hätten dies sein können?

Das alte Pastorat in der Martinstraße, 1721 (Zustand 2001)
Abb. 9: Das alte Pastorat in der Martinstraße, 1721 (Zustand 2001)

Zum einen wird die Zugehörigkeit zur Abtei Siegburg ein wesentlicher Grund gewesen sein, aber auch das Königsgut selbst kann über lange Zeit erhalten und bewirtschaftet geblieben sein. Wenn es in einem baulichen Zusammenhang mit der alten St. Martinskirche stand, so wie Maaßen, der vorzügliche Kenner der Bonner Kirchengeschichte (S. 300), dies vermutet, und Strack sich diesem anschließt (1999, S. 14), muss es sich etwa da befunden haben, wo 1721 das alte Pastorat neu aufgebaut wurde. Offenbare Baudetails im Turm der Kirche lassen solche Vermutungen zu. So kann man eine heute vermauerte rundbogige Türöffnung im oberen Bereich erkennen. Halb in den Wänden vertieft sind Wandvorlagen und Kapitelle zu erkennen, die deutlich machen, dass früher hier andere Bauformen und andere Bauzusammenhänge bestanden.

Und wenn bis zum Beginn des Dreissigjährigen Krieges gezahlt worden ist, so kann mit den Unruhen des 17. Jahrhunderts der Niedergang der Landwirtschaft und damit auch das Verschwinden der Nonenzahlung bzw. der Ablösung begründet sein. Bei der Zerstörung Bonns im Pfälzischen Krieg im Jahre 1689 sind die umliegenden Dörfer ebenso in Mitleidenschaft gezogen worden. Wie bereits mehrfach erwähnt, gibt es kaum bauliche Zeugen aus der Zeit davor in Muffendorf. Das spricht für eine Zerstörung des Dorfes in den Kriegswirren gegen Ende des 17. Jahrhunderts.

Zum anderen ist auf die (untergegangene) Burg hinzuweisen, die ebenso eine strukturelle Größe mit herrschaftlichem Anspruch darstellte. Der Hof des Cassiusstiftes, das seit dem Mittelalter in Muffendorf begütert war, die Kommende und später der Siegburger Hof, waren ebenfalls stabilisierende Faktoren der kirchlichen Grundherrschaft nach der Mitte des 11. Jahrhunderts.

Die oben erwähnte Urkunde vom 16. Juni 913 sei hier in Übersetzung wiedergegeben: „Kund sei allen Gläubigen, den gegenwärtigen, wie den zukünftigen, auf welche Weise ich Guntbald, unwürdiger Presbyter, aus dem Besitz des Klosters, das innerhalb der Mauern der Stadt Weilburg; erbaut und zur Ehre der heiligen Gottesmutter und der heiligen Jungfrau Walburga geweiht ist, mit gnädiger Erlaubnis des allerfrömmsten Herrn, des Königs Konrad, und ebenso auch im Einverständnis des Propstes und der anderen Brüder, die Gott und seiner heiligen Gebärerin und der heiligen Jungfrau Walburga dort dienen, zwei rechtmäßige Kirchen empfangen habe, die eine in dem Dorfe Bredebach, im Perfgau, in der Grafschaft Eberhards, die andre in einem Dorfe, Muffendorf genannt, im Gau Punneguwe, in der Grafschaft eines andern Eberhardt, und zwei andre dazu gehörigen Kirchen. Dagegen aber habe ich übergeben und geschenkt an die oben erwähnte Stelle, was ich an Eigentum damals zu besitzen schien in dem vor genannten Dorf Bredebach und in einem andern, welches Gladebach heißt, mit 42 Leibeignen, beiderlei Geschlechts, natürlich in der Absicht, daß ich ohne irgend eines Widerspruchs dies alles oben Genannte, und was es wächst und zunimmt inne habe und besitze auf die Zeit meines Lebens, daß aber nach meinem Tode das Ganze durch Gottes Hilfe verbessert an dasselbe Kloster und in die Nutznießung der Länder unversehrt zurück fallen soll.

Ich, Kanzler Salomon, habe es geschrieben. Geschehen am 16. Juni des Jahres 913, der Fleischwerdung des Herrn“ (nach: Ostrowski, Ursel: Evangelische Kirche zu Breidenbach“, Breidenbach 2000).

((„Das Walpurgisstift in Weilburg war ein Benediktiner-Kollegiatstift, das von 912 bis 1555 bestand. Ihm war eine bedeutende Stiftsschule angefügt. Im Jahr 912 gründete der im Jahr zuvor zum König des Ostfrankenreichs gewählte Konrad I. zum Andenken an seinen im Jahre 906 bei Fritzlar in der Babenberger Fehde gefallenen Vater Konrad den Älteren ein Chorherrenstift und ließ neben dem Weilburger Königshof die kleine Stiftskirche St. Walpurgis errichten, die der Jungfrau Maria und der Heiligen Walpurgis geweiht wurde und wohl eher eine Kapelle war. In den folgenden Jahren stattete Konrad das Stift mit reichem Besitz aus eigenem und Königsgut aus, so z.B. im April 914 mit der Taufkirche in Haiger mit Gütern und Zehnten sowie dem Königshof Heigera und im Jahre 915 mit der „Villa Nassova“, dem Königshof in Nassau nebst umfangreichem Grundbesitz. In Anlehnung an das auf der Ostseite des Mühlberges über der Lahn gelegene Stift und den südlich angrenzenden ehemals konradinischen Wirtschaftshof entstand die spätere Stadt Weilburg.“ Wikipedia, Stift Weilburg))

Konrad der Ältere wird als Familiennachfahre Arnulfs von Kärnten gesehen. Auf diesem Wege könnte die Muffendorfer Kirche mitsamt dem dazugehörigen Hof an König Konrad I., den Sohn Konrads des Älteren (möglicherweise ein Neffe Arnulfs), gefallen sein, der dieses Königsgut dann nach Weilburg geschenkt haben wird und kurz nach der Gründung des Weilburger Stiftes den Guntbald damit versorgt hat. Dies ist ein sehr handfester Beleg dafür, dass es sich bei der Alten St. Martinskirche um eine Fiskalkirche aus fränkischem Königsgut gehandelt hat. In diesem Zusammenhang interessant ist auch, dass für Muffendorf „zwei andere dazugehörige Kirchen“ erwähnt sind. Ein Hinweis, der für den späteren, Jahrhunderte überdauernden, Streit zwischen Muffendorf und Mehlem wichtig wäre?

Der in der Urkunde erwähnte Graf Eberhard stammt aus der Familie der Konradiner, die eng mit den Karolingern verwandt waren. Ihm wird das Grafenamt im Bonngau und das im Keldachgau (Düsseldorf, Neuss, Krefeld) zugeschrieben und er ist einer der älteren Ezzonen, einer Pfalzgrafenfamilie, die den Höhepunkt ihrer Macht in den Jahren 1024 bis 1045 erlebte und im 11. Jahrhundert zu sehr großer Bedeutung im Rheinland aufgestiegen war. Pfalzgraf war eine Bezeichnung, die in Zusammenhang mit den königlichen Pfalzen stand. Die Pfalzgrafen hatten weitgehende Verwaltungsaufgaben und waren die regionalen Vertreter der Könige.

Muffendorf gehörte zum Bonngau und befand sich somit im 11. Jahrhundert unter der Herrschaft der Ezzonen, die von der Tomburg (bei Meckenheim-Wormersdorf) und von der Siegburg aus die wichtigen Handelsstrassen (Aachen/Köln, Köln/Frankfurt) überwachten. Königin Richeza, die später noch erwähnt wird, gehörte diesem wichtigen Grafengeschlecht an, das durch seine enge Verwandtschaft sowohl mit den Karolingern wie auch mit den Ottonen zu den bedeutendsten Familien im Rheinland der Zeit um die Jahrtausendwende gehörte. Edith Ennen schreibt über die Stellung der Pfalzgrafen, zu denen auch die Ezzonen gehörten: „Die Pfalzgrafen der Karolinger und Ottonen besaßen umfassende administrative Befugnisse über die Königspfalzen, sie waren notwendige Beisitzer im Königsgericht. Die ererbte Machtbasis der >lothringischen< bzw. rheinischen Pfalzgrafen, d.h. der Pfalzgrafen von Aachen, der bedeutendsten deutschen Königspfalz, aus dem Hause der Erenfriede war groß. Sie reichte von der mittleren Maas bis über den Rhein. Die Pfalzgrafen übten die Oberaufsicht über die königlichen Domänen aus, vor allem über die Forsten und die großen Verkehrsstraßen; nicht zufällig lagen ihren Burgen an wichtigen Verkehrswegen: die Tomburg an der Aachen-Frankfurter Heerstraße, die jüngere Siegburg an der Straße Köln-Frankfurt. Ihre Stellung kam der eines Herzogs gleich“ (Ennen 1988, S. 160). In diesem Zusammenhang ist bedeutend, dass bis in die Neuzeit hinein auf dem sog. „Siegburger Hof“ in Muffendorf das Waldgericht regelmässig zu tagen hatte. Möglicherweise war dies eine Regelung, die noch auf die Zeiten der ottonisch-salischen Pfalzgrafen zurückgeht. Zur Bedeutung des Wildbanns und des Siegburger „Weisthums“ für den Siegburger Hof ist wiederum Maaßen aufschlussreich (s.o., S. 288 ff.).

Karte Tranchot - von Müffling, 1803-1820 (Ausschnitt): Das Wegenetz rund um Muffendorf
Abb. 10: Karte Tranchot – von Müffling, 1803-1820 (Ausschnitt); das Wegenetz rund um Muffendorf

Exkurs: die mittelalterliche Straße von Eckendorf nach Muffendorf

Alter Hohlweg vom Heiderhof nach Muffendorf, genannt die 'Steinrütsch' (2001)
Abb. 11: Alter Hohlweg vom Heiderhof nach Muffendorf, genannt die ‚Steinrütsch‘ (2001)

Edith Ennen erwähnt die Überwachung der mittelalterlichen Straßen im Rheinland als bedeutende Aufgabe der Pfalzgrafen. Das hat für die weiteren Überlegungen Konsequenzen.

Von Eckendorf, das bereits im Jahr 770 im Codex Laureshamensis (11. Dezember 770, Schenkung des Wigbert) namentlich erwähnt wurde, verlief eine 973 genannte „via publica“, eine öffentliche Straße, am Rande des Kottenforstes entlang zum Königshof Muffendorf und weiter zum Rhein. Die entsprechende Textstelle in der Urkunde Ottos II. zu den Jagdrechten der Kölner Bischöfe lautet: „Similiter sicut via publica de Ekkentorp ad Moffentorp et sic usque ad Renum fluvium vadit, Cotenforast et omnes bestias in eo ac bannum super eas“ (MGH, S. 60, 15, Otto II. Aachen, 25.7. 973. Die Übersetzung lautet: Das gleiche gilt für das Gebiet, das durch den öffentlichen Weg begrenzt wird, der von Eckendorf nach Muffendorf und dann bis zum  Rhein führt, für den Kottenforst und alle wilden Tiere darin sowie für den Bann über sie).

Die Tatsache, dass es einen Abzweig von der karolingischen Heerstraße, die Aachen mit Frankfurt (eine Teilstrecke des wichtigsten damaligen Handelsweges Brügge – Venedig) verband, von Eckendorf nach Muffendorf gab, lässt darauf schließen, dass Muffendorf bereits in karolingischer Zeit zu einer gewissen Bedeutung gelangt sein muss. Wie sonst auch wäre es möglich gewesen, die Erträge der „Aachener Nona“, des Grundsteuer-Neunten, der von allen Erträgen der pflichtigen Güter zu leisten war, sicher nach Aachen zu transportieren, wenn es keine geeignete Straßenverbindung gegeben hätte, auf der man mit beladenen Wagen oder Lasttieren auf möglichst kurzem Wege das Marienstift in Aachen hätte erreichen können? Der  Verkehr zwischen Aachen und Muffendorf musste also sichergestellt sein, weil es einen dem Jahres- und Ernterhythmus angepassten Austausch zwischen Aachen und Muffendorf gegeben haben muss, denn Abgaben in Form von Geldleistungen erscheinen erst etwa zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Bis dahin herrschte die Naturalabgabe. Ausserdem muss diese Straße, wenn man nach Maaßens Auskunft geht, die südliche Grenze des königlichen Wildbannes gewesen sein, dessen Umriss Maaßen so beschreibt: „Im Kottenforst bei Muffendorf begann der königliche Wildbann, der sich im Dreieck westlich bis an das Aachener Stadtgebiet am kleinen Haarfluss (im Dorf Haaren) und nördlich bis an den Ausfluß der Erft in den Rhein erstreckt. Die Grenze des Wildbannes lief von Muffendorf über Eckendorf oberhalb Rheinbach, Wißheim (Wüschheim bei Euskirchen?), Mariaweiler jenseits der Roer von da bis zum Haarbach, der sich in die Wurm ergießt, sodann bis zur Straße (Römerstraße), welche von Maestricht nach Köln führt, von dort über Glesch zur Erft und vom Ausfluß der Erft den Rhein entlang nach Muffendorf zurück“ (S. 287). Ein riesiges Waldgebiet, das sich also von Aachen bis an den Rhein erstreckte, und den Menschen im Mittelalter nicht nur wegen der wilden Tiere, die darin hausten, Furcht eingeflöst haben wird. So viel Furcht, dass es lange Zeit keine Straße durch diesen Forst gegeben hat, sondern die südliche Grenze des Waldes unsere Straße von Eckendorf nach Muffendorf gewesen ist, mit deren Hilfe man den gefährlichen Weg durch den Wald vermeiden konnte. Groeteken schreibt dazu: “…in dem…Walde {Kottenforst} kamen Wisente, Auerochsen, Bären, Luchse und Wölfe sogar noch im Jahre 1800 in ganzen Rudeln vor“ (1956 II, S. 57). Die Aufzählung dürfte für das Mittelalter noch zutreffen. Auerochsen waren aber hier bereits im 17. Jahrhundert ausgerottet, der letzte Wolf im Kottenforst wurde 1836 erlegt, 1874 wurde ein Wolf bei Muffendorf gesichtet, wahrscheinlich aber noch im selben Jahr bei Ahrweiler erlegt (Theo Schmidt: Der Wolf der rheinischen Wälder, in: Bonner Zoologische Beiträge, Jg. 8 1957, Heft ¾, S. 197 ff.)

Bereits im Frankfurter Kapitular von 794 ließ Karl der Große festlegen: „Die Gebäude und Dächer der Kirchen sollen jene ausbessern und instand halten, die von dort Lehen haben…“ (794 – Karl der Große in Frankfurt am Main: ein König bei der Arbeit, Kat. Frankfurt 1994, S. 21). Auch in Notker Balbulus’ Werk über die Taten Karls des Großen findet man einen konkreten Hinweis auf Karls besonderes Augenmerk für den Bau und die Pflege von Straßen: „In jenen Zeiten pflegte man es so zu halten: wo nach kaiserlichem Gebot ein Werk zu unternehmen war, Brücken oder Schiffe zu bauen oder Fähren oder schlammige Wege zu reinigen, zu pflastern oder auszufüllen, dergleichen besorgten die Grafen durch ihre Stellvertreter und Beamten, wenn die Sache nicht von Bedeutung war; den wichtigeren Arbeiten aber und besonders wo etwas neu zu bauen war, durfte sich kein Herzog oder Graf, kein Bischof noch Abt auf irgendeine Weise entziehen“ (Notker, Buch I, 30). Dass Notker gerade dies innerhalb seiner sonst recht phantastisch anmutenden Schilderungen der Taten Karls hervorhebt, macht deutlich, als welch großartige und wichtige Leistung der Straßenbau unter Karl dem Großen verstanden wurde.

Handfeste militärische und wirtschaftliche Interessen waren der Grund für den Straßenbau, angefangen bei den Römern, die ihre Provinzen schnellstmöglich erreichen wollten, bis hin zu Karl dem Großen, der seine Einnahmen und Pfründe sicher nach Aachen zu bringen trachtete. Im Vorfeld der Sachsenkriege ließ Karl der Große zunächst die Straßen wieder herstellen, um dann mit dem Heer schnellstmöglich vorangehen zu können (Metzer und Lorscher Annalen, s.: Lindgren 1996, S. 28). So als er 782 und 789 mit seinem Heer bei Köln den Rhein überquerte. Zu Köln hatte Karl d. Gr. eine besondere Beziehung, er hatte den Priester Hildebold als Bischof († um 818) eingesetzt und dieser Hildebold „blieb dem Frankenkönig ein Leben lang als Freund und Berater verbunden“ (Dietmar/Trier, S. 187, 2011).

Die Aachen-Frankfurter Heerstrasse war eine Verbindung, die bereits der Vater Karls des Großen, Pippin der Jüngere (*714 – †768), der im Jahre 753 einen Aufenthalt im „castrum“ Bonn genommen hatte (Levison, S. 217),  häufig genutzt hat. Dieser Heerweg war die schnellste Verbindung zwischen der Pfalz zu Sinzig am Rhein und der Pfalz in Aachen (96 km). „Die unmittelbar an der Straße gelegenen Pfalzen sind alle zwischen 762 und 774 entstanden. Sinzig wird erstmals 762 palatium, Aachen 769 palatium publicum und Düren 774 palacium ragium {wohl „regium“} genannt. Das kann kein Zufall sein und ist sicher im Zusammenhang mit dem Bau des (Strassen–) Abschnittes Sinzig — Düren zu sehen. Hinzu kommt, dass Düren zwischen 748 und 779 mehrfach Tagungsort für Gerichts-, Kirchen- und Reichsversammlungen gewesen ist, was ohne eine gute Verkehrsanbindung des Ortes kaum möglich gewesen wäre“ (Klaus Flink, Kreis Ahrweiler, weitere Literatur zur AFH: Nottebrock, Johannes: Die Aachen-Frankfurter Heerstraße In ihrem Verlauf von Aachen bis Sinzig. In-: Bonner Jahrbücher  131, 1927, S. 245—284).

Die Selbstverständlichkeit, mit welcher Otto II. von der „via publica“, der öffentlichen Straße von Eckendorf nach Muffendorf spricht, lässt darauf schließen, dass diese Strasse zu seiner Zeit allgemein bekannt und genutzt war. Sie muss also schon längere Zeit als südliche Umgehung für den königlichen Jagd-Wald, dessen Rest heute der Kottenforst ist, in Benutzung gewesen sein. Der unermüdlich Sammler und Dokumentar der deutschen Adelssitze, Alexander Duncker (s.u.), spricht noch im frühen 19. Jahrhundert in Zusammenhang mit seiner Darstellung der Kommende Muffendorf mit Selbstverständlichkeit von der „Alten Heerstraße von Eckendorf nach Muffendorf“. In diesem Zusammenhang sei ebenfalls erwähnt, dass Pippin der Mittlere, der Urgroßvater Karls des Großen, und seine Frau Plektrudis um 680 Köln zum Herrschaftszentrum erwählt hatten. Im Zusammenhang damit dürfte auch der Beginn des frühmittelalterlichen Ausbaus der Verkehrswege im Kölner Umland gestanden haben.

Unsere Straße von Eckendorf nach Muffendorf gehört also wahrscheinlich schon zum karolingischen Straßennetz, das im 8. Jahrhundert angelegt wurde. Aufgrund dessen wäre ein Königshof in Muffendorf, der sich auf den baulichen Resten einer römischen Villa befunden haben könnte, in direkter Nähe zu einer römischen Weihestätte (Diana-Stein), und zu einem merowingischen Königsgut durchaus begründbar. In der Literatur findet man Hinweise darauf, dass sich im Volksmund die Bezeichnung „Heidentempel“ für den Standort, auf dem sich die Alte St. Martinskirche befindet, tradiert hat. Herbert Strack (†) hat ebenso wie Maaßen (s.o.) auf die Möglichkeit hingewiesen, dass die ältesten Teile (Turm) der alten St. Martinskirche baulich noch zum ehemaligen karolingischen Königsgut gehört haben können (Strack, Alt St. Martin, 1988). Die Merowinger hatten um 590 unter dem ersten fränkischen Bischof Evergislus mit dem Bau einer Bischofskirche in Köln begonnen, wie die Grabungen unter dem Dom gezeigt haben (Hugo Borger: Zu den Ausgrabungen unter den Kölner Kirchen, in: Stadtspuren, Bd. 1, S. 116), dabei ist es auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass Evergislus/Eberigisel/Everigisel wahrscheinlich in Personalunion den Bistümern Maastricht-Lüttich und Köln vorstand. In späteren Jahren wird eine Muffendorfer Güterbeziehung zum Martinsstift in Lüttich deutlich, die aufgrund der Größe der Ländereien eine ganz herausragende Bedeutung hatte.

Etwa 100 Jahre später (um 690) nutzten die Merowinger in Köln Überreste römischer Tempelbauten für ihre Kirchengründungen. Prominentestes Beispiel dafür ist St. Maria im Kapitol, die auf den baulichen Resten eines Tempels, der den Kapitolinischen Gottheiten Jupiter, Juno und Minerva geweiht war, erbaut wurde. So wäre es auch für Alt-St. Martin denkbar, dass die Kirche auf die Zeit der Merowinger zurückgeht, wie dies auch die Funde fränkischer Gräber nahe legen. Borger stellt für Köln jedenfalls fest, dass St. Severin, St. Maria im Kapitol und St. Kunibert im 7. Jahrhundert aus „merowingischen Hofesgewichten“, damit meint Borger Königsgüter im erweiterten Sinne, hervorgegangen sind (Hugo Borger: Zu den Ausgrabungen unter den Kölner Kirchen, in: Stadtspuren, Bd. 1, S. 117). Auch für den Hügel, auf dem St. Pantaleon in Köln erbaut wurde, ist eine römische Villa nachgewiesen, die im 6./7. Jahrhundert als Bestattungsort genutzt wurde, in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts folgte an dieser Stelle der Bau einer einfachen Saalkirche (vgl. Ristow 2009, S. 31 ff.,S. 119). Näher bei Muffendorf liegt das Bonner Münster, unter dessen Chor ein Grabbau aus dem 6. Jahrhundert nachgewiesen werden konnte, der ebenfalls die Form eines Rechtecksaales aufweist (vgl. Ristow 2009, S. 69). So haben wir prominente Beispiele für die merowingerzeitliche Nutzung antiker Siedlungsorte bzw. Architekturruinen im näheren Rheinland. Dies läßt für Muffendorf den Schluß zu, dass es auch bei Alt St. Martin eine Tradition gibt, die bis in die Merowingerzeit zurückreicht. Für Muffendorf könnte das gelten, was Ristow folgendermaßen beschreibt: „Das Vorhandensein römischer Baureste führt zunächst nicht zu einer direkten Nutzung seitens der Franken. Diese nutzen als erstes das alte römische Kulturland um die Villenareale, die agri deserti des 5. Jahrhunderts… Man suchte die Orte auf, weil sie sich an topographisch auffälligen Lagen befanden und aufgrund noch vorhandener Gebäudereste Landmarken darstellten. Schließlich nutzte man das vorhandene Baumaterial“ (Ristow 2009, S. 53). Zukünftige archäologische und bauhistorische Untersuchungen werden Aufschluss darüber bringen können, ob bereits die Merowinger oder erst die Karolinger hier eine Kirche gründeten. Sobald Alt St. Martin einmal einer umfangreichen Sanierung unterzogen werden muss, könnte dies geschehen. Jedenfalls stellt die topographische Lage der heutigen Kirche ganz sicher eine Landmarke im Sinne Ristows dar.

Die Entfernung von Muffendorf nach Sinzig am Rhein entlang beträgt etwa 18 Kilometer. Also eine Distanz, die ein größerer Tross gemessener Geschwindigkeit an einem Tag, von Königsgut zu Königsgut, hätte zu Fuß oder zu Pferd oder im Wagen zurücklegen können. Von Muffendorf führte ein Weg direkt zur alten römischen Heerstraße, die von Koblenz nach Bonn verlief, etwa auf der Höhe Rüngsdorfs, das bereits 804, also zu Lebzeiten Karls des Großen, urkundlich erwähnt wurde. Von dort wäre eine recht bequeme Reise in Richtung Norden oder Süden (Sinzig) über die alte Römerstraße möglich gewesen. So lag Muffendorf für mittelalterliche Verhältnisse recht verkehrsgünstig.

Dies barg auch Gefahren: 881/882 und 892 zogen die Normannen durch das Rheinland und verwüsteten es. Lannesdorf wird in diesem Zusammenhang erstmals urkundlich erwähnt (Wiedemann, S. 141). Muffendorf wird aber wohl ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden sein, wenn dies auch nicht ausdrücklich erwähnt ist. Da die Normannen, als sie in Lannesdorf angekommen waren, von Süden her bedrängt wurden, zogen sie nordwestlich ab in Richtung der Wälder der Eifel, möglicherweise die Straße von Muffendorf nach Eckendorf für ihre Eilmärsche nutzend, und plünderten auf ihrem weiteren Weg das Kloster Prüm. Erst im darauf folgenden Winter zogen sich die Normannen nach ihrer schweren Niederlage gegen Kaiser Arnulf von Kärnten an der Dyle im Jahr 891 gänzlich zurück, weil im Herbst 892 in Austrasien (Ostreich der Karolinger) eine Hungersnot herrschte.

Dass die Eckendorfer Wegekreuzung auch in fiskalischer Hinsicht Bedeutung hatte, wird deutlich am Streit über den Wegezoll, den 1194 Gerhard von Are an dieser Stelle erhob. (Flink, Klaus: Der Abschnitt Sinzig-Düren der Krönungsstraße von Frankfurt nach Aachen, Via Regia, 5/2012) Eine Zollstelle macht nur dort Sinn, wo Zölle abzuschöpfen waren. Also muß auch die Strecke von Muffendorf nach Eckendorf durch den Gütertransport eine lukrative Einnahme gebracht haben. Ohne den Abzweig nach Muffendorf hätte eine Zollstelle hier keinen Sinn ergeben, weil sowohl in Sinzig wie in Rheinbach Zölle erhoben wurden. Allerdings musste Gerhard von Are nach 1194 auf diese Einnahmequelle verzichten, da Kaiser Heinrich IV. ihm dieses Recht absprach (Flink, a.a.O.). In der älteren Literatur wird aber auch auf vereinzelte Funde einer befestigten (gepflasterten) Römerstraße hingewiesen, die von Godesberg kommend über Muffendorf und Lannesdorf nach Liessem und von dort weiter zur Ahr geführt haben soll. Archäologisch gesichert ist dies nicht, die Hinweise auf diese Funde sind aber auch nicht gänzlich von der Hand zu weisen, würde doch ein umfangreiches römisches Gut, wie es beim Dianatempel vorzustellen wäre, ebenfalls lebhaften Personen- und Güterverkehr auf sich gezogen haben. Es wäre aber auch möglich, dass Groetekens Quellen, die er leider nicht nennt, Reste einer mittelalterlichen Straße gesehen haben (Groeteken 1956 II, S. 40). Jedenfalls deuten alle diese Hinweise darauf, dass wir es hier mit einer ausserordentlich alten Straßenführung zu tun haben.

Das hohe Mittelalter – die Zeit der Ottonen und die ezzonischen Pfalzgrafen

Das Ostreich der Karolinger, Austrasien mit den Machtzentren Aachen und Köln, ging im 10. Jahrhundert an die Ottonen über. Am 20. Mai 979 (inzwischen war mit der Krönung Ottos I. im Jahr 962 das Heilige Römische Reich entstanden) taucht ein Königsgut in Muffendorf in einer Urkunde Ottos II. auf: Er schenkt darin seine Güter in Muffendorf dem Kloster Memleben („…nostre proprietatis curtem regiam {Moffendorf dicta}m….“ (MGH, S. 218, 30) „…aus unserem Eigentum den königlichen Hof, der Muffendorf genannt wird….“. Für Memleben (heute Sachsen-Anhalt) wird ebenfalls ein Königsgut bzw. sogar eine Kaiserpfalz vermutet. Die Muffendorfer Schenkung gehörte zur reichen Ausstattung des sehr prominenten Klosters, das vielfältige Gaben erhielt, um das geistliche Gedenken an Otto I. und Otto II. und dessen Gattin Theophanu, die in St. Pantaleon zu Köln bestattet wurde, zu pflegen. Otto II. und Theophanu hatten das Benediktinerkloster Memleben wohl nach 973 gegründet. So steht Muffendorf in einem unmittelbaren Zusammenhang mit einer der bedeutendsten Frauen des Mittelalters: der Kaiserin Theophanu. Otto II. wird Memleben nicht mit unbedeutenden Gütern ausgestattet haben, was wiederum ein Licht auf die Muffendorfer Verhältnisse wirft (vgl. Höroldt, Tausend Jahre Kottenforst, S. 126, 128). Die Muffendorfer Schenkung hatte ein bewegtes Schicksal, da sie offenbar wirklich nicht unbedeutend war.

Bereits 1015 (26. Januar) bringt sich Kaiser Heinrich II. (1014 bis 1024 römisch-deutscher Kaiser) in den Besitz des Gutes Muffendorf, das Otto II. im Tausch mit Hersfeld dem Kloster Memleben gestiftet hatte. Dieser Vorgang muss als bedeutend interpretiert werden, da „auf der Rückseite des Siegels nämlich die Worte ‚Moffend decimat.‘ eingekratzt worden ’sind‘, was geschehen sein muss, ehe das Siegelwachs erstarrt war; hierdurch sollte wahrscheinlich die Benutzung dieses beglaubigten Blanquets zur Beurkundung eines anderen als des vom Kaiser genehmigten Rechtsgeschäftes ausgeschlossen werden…“ ( MGH, DD H II, Nr. 330, S. 417). Ferner wird in dem entsprechenden Text der MGH auch vermutet, dass Hersfeld für Muffendorf später eine besondere Entschädigung aus dem Eigengut Heinrichs erhalten hätte. Auch dies spricht dafür, dass das Muffendorfer Gut nicht unbedeutend gewesen ist. Am 24. Juli des Jahres 1020 schenkt Heinrich II. dem Aachener Marienstift den Hof zu Muffendorf, den er zuvor, nämlich 1015, vom Kloster Hersfeld eingetauscht hat. Denn Heinrichs Bestreben ging dahin, die besondere politische Bedeutung Memlebens auf die Aufgaben einer Probstei zu reduzieren, in dem er das Kloster der Reichsabtei Hersfeld unterstellte und damit faktisch degradierte. Im gleichen Atemzuge degradierte er damit auch das Gedenken an die Stifter Otto II. und Theophanu und deren Intention, in Memleben ein Symbol des friedlichen Miteinanders mit Polen zu etablieren. Durch die vorhergegangenen Polenfeldzüge Heinrichs II., die mit einem aus Heinrichs Sicht unbefriedigenden Frieden von Bautzen 1018 zuende gegangen waren, war die friedlichere Ostpolitik Ottos des II. konterkariert worden. Und so wäre es ebenfalls verständlich, wenn er einen Hof aus königlichem Besitz, der an Memleben geschenkt worden war, an sich brachte und weiter an Aachen geschenkt hätte (MGH, DD H II, Nr. 433). Bei so großer kaiserlicher Aufmerksamkeit für Muffendorf muss man davon ausgehen, dass es sich um ein Gut mit einer speziellen Bedeutung gehandelt hat. Die ottonische Stiftung Memleben wurde zum Spielball politischer Interessen. Der in dieser Urkunde vom 24. Juli 1020 erwähnte Muffendorfer Hof spielte dabei eine kleine Rolle als er durch diese Schenkung wohl wieder an karolingische Tradition (Aachener Marienstift) geknüpft wurde. Auch dies spricht für die These, dass Muffendorf zur Zeit der Karolinger bereits über einen königlichen Hof verfügte. (Vergleiche zur Bedeutung Memlebens/Hersfeld: Odilo Engels: Kaiserin Theophanu, in: Rheinische Lebensbilder, Bd. 13, Köln 1993, S. 7 ff., besonders S. 18.) Über das weitere Schicksal dieses Hofes lässt sich nur spekulieren. Ob er identisch ist mit der oft erwähnten „Muffendorfer Burg“ oder mit dem Siegburger Hof oder eine ganz eigenständige Rolle spielte, das bleibt zu klären. Sicher aber ist, dass dieser Hof für Kaiser Otto II. ebenso wie für Kaiser Heinrich II. einen speziellen Wert besaß. In späteren Jahren taucht ein „Aachener Hof“ in Muffendorf allerdings bisher nicht in Urkunden oder anderen Quellen auf.

Eine weitere Urkunde aus dem Jahr 1057, als Anno II. Erzkanzler der Heiligen Römischen Kirche wird, erwähnt einen Hof in Muffendorf, – er gehörte zu den Gütern, die Erzbischof Anno II. von Köln (*ca. 1010 †4.12.1075) der Königin Richeza von Polen (*um 995 †21.3.1063) übertragen hatte. Daraus lässt sich schließen, dass der Muffendorfer Hof zuvor dem Kölner Erzbischof gehört haben kann oder ihm unterstellt war. Wie der Hof in den Besitz des Kölner Erzbischofs kam, ist nicht bekannt. In diesem Zusammenhang ist aber interessant, dass Richeza eine Enkelin Ottos II. und der Kaiserin Theophanu war und zu der im Rheinland zu erheblicher Macht aufgestiegenen Familie der Ezzonen gehörte. Also kam Muffendorfer Besitz wiederum im erweiterten Sinne in ottonische Hand. Margret Corsten geht davon aus, dass es sich um den Siegburger Hof handelt, der noch heute gegenüber der alten St. Martinskirche an herausgehobener Stelle steht (Der Siegburger Hof in Muffendorf, in: 1100 Jahre Muffendorf, 888 – 1988, VHH Bonn – Bad Godesberg 1988, S. 29 ff.).

Anno II. ist eben jener bedeutende Kölner Bischof, der im Jahre 1064 die Benediktinerabtei Siegburg gründete, die ebenfalls zu Muffendorf begütert war. Die Siegburg hatte er zuvor im Jahr 1059 den Gaugrafen abgerungen und die Burg in ein Kloster umgewandelt. Damit erhielt der Kölner Bischof den strategisch wichtigen Ort an der Fernstrasse Frankfurt/Köln in die Hand. Eine für die weitere Geschichte der Kölner Kirche nicht zu überschätzende Entwicklung, da die Ezzonen 1055 im Mannesstamm ausgestorben waren und damit der Machtverlust dieser einst so bedeutenden Familie zugunsten Annos II. und des Erzbistums einherging. Es war keineswegs nur von lokaler Bedeutung, dass Anno nach der weltlichen Macht in Form der Siegburg griff. Um die Mitte des 11. Jahrhunderts begann eine Auseinandersetzung um den beherrschenden Zugriff auf die Kirche, die durch die tatkräftigen Bischöfe der Zeit entscheidend geprägt wurde. Insofern sind die Geschehnisse rund um die Siegburg sowie um die dazugehörigen Güter ebenfalls wichtiger Teil der Reichsgeschichte, nicht nur des Kölner Bischofssitzes. Insbesondere auch Annos Eingreifen gegen die Mönche von St. Pantaleon im Jahre 1074, das eine Reform des Klosters nach der Siegburger Regel mit sich brachte, macht Annos Machtanspruch deutlich. Dazu muss man wissen, dass das Kloster St. Pantaleon damals das Zentrum der Kulturpflege des mittelalterlichen Kölns, des Rheinlands insgesamt war, hier befanden sich die bedeutenden Skriptorien und Bildhauerwerkstätten. Wer hier herrschte, bestimmte die kulturelle Entwicklung nördlich der Alpen.

Anno wurde bereits 1183 heilig gesprochen, nur etwas mehr als einhundert Jahre nach seinem Tod. Ein bedeutendes Denkmal seiner Verehrung ist durch eine Druckausgabe (Danzig 1639) des Barockdichters Martin Opitz (*23.12.1597 †20.8.1639) auf uns gekommen: das Annolied, dessen handschriftliche mittelalterliche Fassung, die etwa zwischen 1077 und 1081 entstanden ist, heute als verloren gilt. Es ist zugleich eine Heils- und Weltgeschichte wie auch eine Hagiographie des kirchenpolitisch wichtigen Bischofs auf dem Kölner Thron. Der Autor erwähnt weltgeschichtlich Bedeutsames und weniger Bedeutsames. Wichtig ist aber u.a. seine Sicht auf Cäsar und das Entstehen des fränkischen Reiches. Dem Autor scheinen die antiken steinernen Wasserleitungen aus der Eifel nach Köln geläufig gewesen zu sein, allerdings schreibt er darüber:

„Trier war eine alte Stadt; die mächtigen Römer schmückten sie aus.
Von dort sandte man unterirdisch den Wein weithin in steinernen Rinnen,
als Freundesgabe für all die Herrscher, die in Köln residierten.
Sehr groß war ihre Macht“
 (Nellmann 1979, S. 41).

Das offenbart, dass der gebildete Autor, der gegen Ende des 11. Jahrhunderts das Lied verfasst hat, sich entweder nicht vorstellen konnte, dass die gewaltige Ingenieurleistung der römischen Kanalbauten in der Eifel einem so „banalen“ Zweck gedient haben könnte, Quellwasser nach Köln zu transportieren. Er funktionierte die Leitungen kurzerhand zu Weinleitungen um. Im Volksmund hießen die römischen Wasserleitungen bis in die Neuzeit hinein „Teufelsadern“. Eine Absicht des Autors könnte darin bestanden haben, die guten Verbindungen zwischen der römischen Macht und Köln anhand dieser Kuriosität anschaulich zu machen. Oder der Autor spielte mit der Vorstellungskraft und dem Wissen seiner Zuhörer und benutzte die römischen Wasserleitungen als Sinnbild, das von den Zeitgenossen durchaus erkannt wurde. Im Wesentlichen diente das Lied dazu, Annos Leben und Wirken zu verherrlichen und sein Bild für die Nachwelt zu prägen, ihn vor allem als vorbildlichen Heiligen zu tradieren, dessen Wirken einem göttlichen Heilsplan entsprungen war. Die Forschung geht davon aus, dass das Lied in seiner Wirkung nur lokale Folgen gezeitigt hat, was auch damit begründet wird, dass die Verehrung Annos vorwiegend auf den Köln-Siegburger Raum beschränkt ist. In Muffendorf soll Anno bis in die Neuzeit hinein besonders verehrt worden sein. Nach der Heiligsprechung Annos ist noch im späten 12. Jahrhundert (zwischen 1183 und 1187) eine erste Fassung des Siegburger Mirakelbuches verfasst worden, worin die Wunder, die dem großen Bischof Anno in der ersten Zeit nach der Heiligsprechung zugeschrieben wurden, sehr eingehend und in großer Zahl erläutert werden. Mauritius Mittler kommt das Verdienst zu, dieses Mirakelbuch für die Lektüre erschlossen zu haben (1966). Darin findet sich auch ein Wunder beschrieben, das einem Muffendorfer Elternpaar geschehen ist: „Ebenso hatte ein Mann in Muffendorf namens Arnold einen kaum einjährigen Sohn. Zufällig bekam dies Kindlein einen nicht so ganz kleinen Nagel in die Hand, steckte ihn nach Kinderart in den Mund und, da niemand es verhinderte, verschluckte es ihn. Sofort bekam der Knabe heftige innere Schmerzen und schien zu sterben. Vater und Mutter sind da. Und nachdem sie erkannt hatten, was geschehen war, wussten sie nicht, was sie machen sollten, um dem Sterbenden zu helfen. Auf göttliche Eingebung hin kam ihnen die Größe der Wunder Annos in den Sinn. Da rief der Vater mit tränenerstickter Stimme dessen Hilfe an. Kaum hatte er Anno das dritte Mal genannt, kam aus dem Innern des Knäbleins der schon ganz mit Blut befleckte Nagel am Mund heraus. Und so bekam das Kind Leben und Gesundheit wieder. Dankbar Gott und seinem Bekenner gegenüber führen die Eltern den Knaben zu seinem Grab und zeigen den Nagel zur Verwunderung vieler“ (Mittler: Siegburger Mirakelbuch, Buch I und II, S. 97). Ebenfalls in Buch IV findet Muffendorf wieder Erwähnung: „In Muffendorf, das unserer Botmäßigkeit untersteht, wurde ein Mädchen von schwerer Krankheit erfasst und starb. Als Vater und Mutter das wieder belebte Mädchen zum Kloster des seligen Bischofs geführt hatten, bezeugten sie unter Eid, daß es den Geist wiedererlangt und sich sofort erhoben habe, als die Mutter unter Tränen und Gelübden den Namen Annos angerufen habe“ (S. 221). Soviel zur zweimaligen Wundertätigkeit des Hl. Anno in Muffendorf.

Insgesamt gesehen brachte das 11./12. Jahrhundert zwischen 1024 und 1125 einen ersten Höhepunkt der romanischen Kunst. Aber die Medaille hatte zwei Seiten, die andere Seite war bittere Not: „Brachten bereits die Kriege mit den Nachbarländern jenseits der Reichsgrenzen mit dem Zwang zur Heerfolge große Last für die Bewohner der angrenzenden Herzogtümer und Marken, so wurde diese in nur schwer beschreibbarer Weise gesteigert durch die Auseinandersetzungen im Inneren des Reiches. In dem gleichen Zeitraum […] wurde das Reichsgebiet in schier allen Regionen von einer Folge sich ständig erneuernder innerer Auseinandersetzungen erfasst. Wurden diese Kämpfe zunächst von adligen Gruppierungen geprägt, die sich gegen den umfassenden Herrschaftsanspruch der Könige zur Wehr setzten und dramatische Höhepunkte z.B. in den Kriegen gegen das lothringische Herzogtum erreichten, so erhielten diese Auseinandersetzungen unter Heinrich IV. eine die Königsherrschaft in Frage stellende Form. Die großen Kriege in Sachsen bedrohten die Königsherrschaft ebenso wie die im Gefolge des Investiturstreits ausbrechenden Kriege, die schließlich alle Regionen des Reiches erfassten. Führt man sich diese Wirklichkeit vor Augen und bedenkt dabei, dass eine Vielzahl kleiner lokaler Fehden stets das große Geschehen begleiteten, wird deutlich, dass der Alltag der Menschen im Reich von solch ständigem Kampf und der daraus erwachsenden Not überschattet wurde. Zerstörte Siedlungen, Verlust der Habe und vernichtete Ernten prägten immer wieder den Jahreslauf der weitgehend schutzlosen Landbevölkerung. […] Waren kriegerische Auseinandersetzungen schon Grund genug für unzulänglich bestellte Felder und vernichtete Ernten, so wurde die daraus resultierende Not im Laufe des 11. Jahrhunderts zusehends durch eine Verschlechterung des Klimas gesteigert. Dieser Vorgang, der sich in ganz Europa vollzog und ebenso Frankreich und Italien erfasste, nahm im Reichsgebiet nordwärts der Alpen vor allem gegen Ende des 11. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts erschreckendes Ausmaß an“ (Weidemann, K. u. M.: Eingang, Kat. Das Reich der Salier, 1024 – 1125, Mainz 1992, S. 6, 7).

Nach Rizechas Tod im Jahre 1063 ist der Muffendorfer Hof an Anno II. zurückgefallen, so dass er ihn seiner neuen Stiftung Siegburg überträgt. Nach Alfred Wiedemann kommt Muffendorf in der Folge in allen Stiftungs- bzw. Bestätigungsurkunden vor (S. 74, 75). Somit ist eindeutig belegt, dass der heutige Siegburger Hof zum Eigentum der ezzonischen Prinzessin und Polnischen Königin Richeza gehörte und auf eine fast tausendjährige Geschichte zurückblicken kann.

Alljährlich tagte auf dem Siegburger Hof das Waldgericht, dem wichtige Entscheidungen den Wald und seine Nutzung betreffend, zustanden. Hubert German Maaßen hat auch hier die Bedeutung des Siegburger „Weisthums“ für Muffendorf schon früh erkannt, und dokumentiert eine Abschrift einer älteren Urkunde dazu ausführlich (S. 288 ff.). Da auch die Entnahme von Bauholz aus dem Wald streng reglementiert und beschränkt war, wuchsen die Dörfer, auch aufgrund der oben geschilderten Schwierigkeiten, nur langsam, was sich für Muffendorf an der Entwicklung der Bevölkerungszahlen gut ablesen lässt.

Der berühmte „Teppich von Bayeux“ (Normandie) entstand nach 1066, gibt also eine Idee von der Welt, in der Richeza und ihre Zeitgenossen in kriegerischer Zeit lebten. Da Muffendorf über eine Straße verfügte, die an das große überregionale Straßennetz der karolingischen Zeit angeschlossen war, bestand jederzeit Gefahr aufgrund der guten Erreichbarkeit. Dies war möglicherweise auch ein Grund dafür, dass eine Burg oder ein befestigtes Haus den königlichen Besitz in Muffendorf schützen sollte.

Der Verlauf der mittelalterlichen Straße Via Publica (770) von Eckendorf nach Muffendorf
Abb. 12: Der Verlauf der mittelalterlichen Straße Via Publica (770) von Eckendorf nach Muffendorf

Der Verlauf der mittelalterlichen Straße von Eckendorf nach Muffendorf ist auf der Tranchot–von Müfflingkarte von 1803/1820 (im Auftrage der französischen Verwaltung entstanden) gut nachzuvollziehen. Von Eckendorf ging es Richtung Norden zum heute noch vorhandenen Sommersberger Hof (ehemalige, untergegangene Burganlage), weiter nach Arzdorf, von dort Richtung Nordosten über Holzem nördlich am Wachtberg vorbei, Richtung Flemming, weiter Richtung Nordosten Richtung Liessem. Noch heute heisst ein Abschnitt der Straße, die etwa diesem Verlauf folgt, „Alte Straße“. Etwa auf der halben Strecke nach Liessem verlief die Straße dann nach Norden biegend über die Hochfläche des Heiderhofes bis zur Spitzkehre Elliger Höhe und Hohle Gasse. Die Weite der Landschaft und die nur punktuelle Besiedelung des Rheintals noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigt ein anonymes Gemälde aus der Zeit um 1820 sehr plastisch. Der Blick vom Ennert über das Rheintal,- im Süden bis zum Drachenfels, am rechten Bildrand die Godesburg -, zeigt südlich von der Godesburg an den Hang geschmiegt das kleine Muffendorf. Selbst auf diesem Gemälde ist noch eine Straße, die von der Muffendorfer Anhöhe in die Rheinebene sich zieht, deutlich zu erkennen (Riemer 1978, Abb. S. 50).

Auf der sehr schön gezeichneten Karte der Preußischen Uraufnahme von 1846 (Nr. 5308) sind an einigen Stellen des vermuteten Verlaufes dieser mittelalterlichen Straße noch Reste von Hohlwegen kenntlich gemacht, die auf eine sehr lange Nutzung dieser Wege schließen lassen. Solche Kartierung findet sich am Weg von Arzdorf nach Holzem, an einer großen Wegekreuzung norwestlich von Gimmersdorf in Richtung Liessem und Muffendorf, westlich von Liessem in Richtung Muffendorf. Die heutige Hohle Gasse und Elliger Höhe sind dann im weiteren Verlauf ebenfalls als alte Hohlwege gekennzeichnet. So sind anhand der Hohlwege alte Straßenverläufe und auch Straßennetze bis heute zu erkennen.

Detail Muffendorf aus dem Rheinpanorama von Delkeskamp (ca. 1840-42)
Abb. 13: Detail Muffendorf aus dem Rheinpanorama von Delkeskamp (ca. 1840-42)

Und nicht nur dies: Bis heute kann man auf Wirtschaftswegen diesem Straßenverlauf weitgehend folgen, das mag erklären, warum es nur wenige luftbildarchäologische Befunde von Straßen im Gelände gibt, denn wenn die heutigen Wege auf alten Trassen verlaufen, sind keine luftbildarchäologischen Spuren im Gelände abzulesen. Auch einige Funde, die auf Wüstungen mittelalterlicher Siedlungen auf der Liessemer Höhe und bei Holzem (Am Eselspfad) schließen lassen, die nahe an unserer vermuteten Straße liegen, sprechen für diesen Verlauf der Straße. Sie stellt eine kurze Verbindung zwischen Eckendorf und Muffendorf her, ohne allzu große Höhenunterschiede überwinden zu müssen, sie umgeht Bachläufe und bietet gute Orientierungsmöglichkeiten (freie Blickachsen auf das Siebengebirge) in einer Zeit, die ohne Beschilderungen oder detaillierte Karten auskommen musste. Auch die große Zahl der im Gebiet von Villip, Adendorf und Fritzdorf vorzufindenden Wüstungen, die im Mittelalter bewirtschaftete Höfe oder kleine Dörfer waren, macht eine Verkehrsanbindung durch eine öffentliche Straße in der fränkischen Zeit wahrscheinlich (Janssen, S. 49). Erstaunlich deutlich ist der Verlauf der alten Straße aus dem Ländchen über Muffendorf nach Rüngsdorf zur alten Römerstraße zu erkennen auf dem Rhein-Panoramaplan von Delkeskamp (1840-42), der die wichtigsten Verkehrsbeziehungen aus der Vogelschau sehr präzise darstellt (Riemer 1971, S. 15).

Die verwaltungstechnische Infrastruktur zur Zeit der Karolinger wies bereits alle Anzeichen einer auf Fiskaleinnahmen aufbauenden Herrschaft auf. Die Zollvorschriften geben ein lebhaftes Bild von Handel und Wandel, daher waren Straßen und Wasserwege, hier vor allem Maas und Rhein, bedeutend (Adam 1996). Die Forschungen von Andreas Schmickler zu den Altstraßen zwischen Ahr und Düren machen deutlich, dass es ein recht dichtes Netz von Straßen in unserem Gebiet gegeben hat. Über die Luftbildarchäologie ist es Schmickler gelungen, einige dieser Straßen darzustellen, ohne allerdings immer den gesamten Verlauf klären zu können, da manche Streckenabschnitte durch Landwirtschaft und moderne Bautätigkeit zu stark verändert wurden. Aber die große Anzahl der Straßen macht deutlich, dass unser Gebiet bereits im Mittelalter gut erschlossen war. Im 12. Jahrhundert war es zum Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen um die Thronfolge im Deutschen Reich (Staufer/Welfen) geworden. In den Jahren 1114, 1198 und 1239 sollte die Macht der Kölner Erzbischöfe gebrochen werden. Dies gelang nicht, denn gegen die starken kölnischen Stadtmauern kam man nicht an, daher wurde die Landschaft im Süden Kölns gebrandschatzt. In diesem Zusammenhang muss auch der Bau der Burgen im Siebengebirge gesehen werden. Erzbischof Friedrich I. liess ab 1118 die Wolkenburg erbauen, ab 1122 die Burg Rolandseck und wahrscheinlich auch die Burg Drachenfels. Bonn und die Umgebung der Stadt wurden im Zuge der Kriegshandlungen verwüstet, was für Bonn die Konsequenz nach sich zog, dass Erzbischof Dietrich von Hengebach ab 1210 am Aufbau der Godesburg arbeiten liess, und ab 1244 an der Errichtung einer Bonner Stadtmauer gearbeitet wurde. Die umgebenden Dörfer blieben weiterhin meist schutzlos den kriegführenden Heeren ausgeliefert.

Das 12. Jahrhundert

Bereits 1136 war das Bonner Cassius-Stift, das Stift des Bonner Münsters, nachweislich in Muffendorf begütert, wie Wiedemann berichtet (S. 33). 1154 ist ein Streit zwischen Muffendorf und Mehlem aktenkundig geworden, den Wiedemann ausführlich beschreibt (S. 151), wobei es um die zentrale Frage ging, welcher Kirche die älteren Rechte zustehen (dazu siehe auch ausführlich Corsten, Severin: Godesberger Kirchen im Liber Valoris, in: Godesberger Heimatblätter 41, S. 27). Wann die Umwandlung der Kirche von der Fiskal- zur Pfarrkirche stattgefunden hat, ist nicht belegt. 1154 scheint dies aber vollzogen. Die Abhängigkeit von der Mehlemer Pfarre ist den Muffendorfern über Jahrhunderte ein Dorn im Auge gewesen. Betrachtet man die älteste Geschichte der Kirche, so war dies wohl begründet. Im Liber Valoris, einem Verzeichnis der außerordentlichen kirchlichen Pfründe im Erzbistum Köln, werden Mehlem und Muffendorf, wie auch die übrigen Godesberger Kirchen, zum Dekanat Ahrgau gezählt. Zur Erinnerung: die „weltliche“ Organisation zählte Muffendorf zum „Bonngau“. Welche Widersprüche mögen sich daraus ergeben haben?

In der Folgezeit, dies darf man nicht unterschätzen, ist mit der Überführung der Reliquien der Hl. Drei Könige nach Köln (23.7.1164) der Grund gelegt worden für den machtvollen Aufstieg der Metropole. Um 1179/80 umfasste das Stadtgebiet Kölns bereits 400 Hektar (Dietmar/Trier, 2011, S. 248). Als einer der wichtigsten Wallfahrtsorte in Europa erlebte die Stadt einen enormen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Aufstieg. Dem Städtedreieck Aachen, Bonn und Köln erwuchs in den Jahren 1164 bis 1166 ein erheblicher Bedeutungszuwachs, der insbesondere auf die Initiative des Bischofs Rainald von Dassel zurückzuführen ist: im Jahr 1164 Köln mit der Überführung der Gebeine der Heiligen Drei Könige, im Jahr 1165 Aachen mit der Heiligsprechung Karls des Großen und im Jahr 1166 Bonn mit der Heiligsprechung der thebanischen Märtyrer Cassius und Florentius. Dieser Dreiklang der bedeutendsten Orte des damaligen deutschen Reiches hatte Strahlkraft weit über die Region hinaus. Dass von hier aus bedeutende Innovationen ihren Weg fanden, liegt auf der Hand. Insbesondere der große Gelehrte Albertus Magnus trug hierzu im 13. Jahrhundert von Köln ausgehend bei. Auch die fernere Umgebung Kölns bis hin nach Muffendorf erlebte diesen Wandel, nicht zuletzt durch die besondere Wirtschaftskraft, die von Köln ausging. Im Jahre 1181 taucht Muffendorf in einer päpstlichen Urkunde auf: Papst Lucius III. nimmt die Abtei Siegburg mit all ihren Gütern, worunter er Muffendorf namentlich (Moffendorp) aufzählt, unter seinen Schutz. Eine Maßnahme, die wegen der dauernden kriegerischen Auseinandersetzungen sicherlich ihren Sinn hatte und der Unterstützung des kölner Erzbistums diente (Lacomblet 1840, S. 337, 338).

Gegen Ende des 12. Jahrhundert kam es in der Landschaft zwischen Andernach und Bonn ebenfalls zu verheerenden Kriegszügen in der Folge der Auseinandersetzungen zwischen Philipp von Schwaben und Otto IV. um die Kaiserwürde. Im Sommer 1198 wurden von den Heeren Philipps von Schwaben Remagen und Bonn und zahlreiche umliegende Dörfer verbrannt, wie Ennen schreibt (1968, S. 40), möglicherweise war von diesen Verwüstungen auch Muffendorf wieder betroffen.

Das 13. Jahrhundert

Der romanische Taufstein aus Alt-St. Martin, ehemals im Park der Kommende, befindet sich heute wieder in der alten Kirche (um 1220)
Abb. 14: Der romanische Taufstein aus Alt-St. Martin, ehemals im Park der Kommende, befindet sich heute wieder in der alten Kirche (um 1220)

Bauhistoriker gehen davon aus, dass die Alte St. Martinskirche in Muffendorf zunächst im 10. Jahrhundert oder früher ein turmloser Saalbau mit flacher Decke und Chorquadrat gewesen ist. In der Zeit zwischen 1200 und 1220 wurde sie wohl einer baulicher Erneuerung unterzogen, wobei im Chor die Kreuzrippengewölbe eingezogen wurden und die Apsis entstand (Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, NRW 1, München 2005, S. 187, 188). In diese Zeit weisen auch die architektonisch datierbaren Details, wie der Taufstein, die Fenster im Turm, der Altar in der Apsis, die Tür zur Sakristei. Der vermauerte romanische Doppelbogen in der Südwand der Vierung vor der Apsis lässt darauf schließen, dass hier früher einmal ein Ausgang war, wahrscheinlich in der Zeit nach 1200/1220. In der Außenwand ist heute noch eine vermauerte Türe zu erkennen, deren steinerne Schwelle sehr abgetreten ist, die also sehr lange im Gebrauch war. Allerdings scheint diese vermauerte Türe einer späteren Bauphase anzugehören, da sie die Formen der inneren Türbögen nicht berücksichtigt. Was aber dem Umbau von 1200/1220 gelungen ist, ist einen Raum zu schaffen, in dem man sich geborgen und feierlich gehoben zugleich fühlt. Das sucht seinesgleichen. Für die Datierung der Muffendorfer Kirche auf diese Zeit gilt aber, dass bei der Restaurierung der Kirche in den Jahren nach 1910 keine geordnete bauhistorische Untersuchung stattgefunden hat. Im 16. , 17. und 18. Jahrhundert müssen ebenfalls Erweiterungen bzw. bauliche Veränderungen stattgefunden haben, so der Anbau der Sakristei im 17. Jahrhundert (Ennen/Höroldt 1976, S. 54). Wenn die Türe zur Sakristei allgemein dem 13. Jahrhundert zugeordnet wird, muss sie einem anderen Bauzusammenhang entstammen. Fehlende architektonische Anschlüsse, Ungereimtheiten, verschiedene Höhen an- und eingebauter Bauteile, besonders auch im Turm, lassen erkennen, dass zahlreiche Veränderungen durch die Jahrhunderte erfolgt sind, sicher auch schon in der Zeit der frühesten Erwähnung. Zukünftige bau­archäologische Untersuchungen im Zuge einer notwendigen Sanierung werden hierzu genauer zu datierende Ergebnisse bringen können.

Das beginnende 13. Jahrhundert war für Köln und seine Umgebung gekennzeichnet durch eine rasante wirtschaftliche Entwicklung, die wohl auch bis in die kleinen Weiler und Dörfer ausstrahlte. Für den Reichtum der Kölner Bürger des 13. Jahrhunderts wurden die Besitztümer der Overstolzens geradezu sprichwörtlich (Heiko Steuer: Zur Erforschung des Alltagslebens im mittelalterlichen Köln, in: Stadtspuren, Bd. 1, S. 98, 99). Die ersten mechanischen „Maschinen“ wurden eingeführt, Walk- und Getreidemühlen, die Schubkarre und der Webstuhl, der lange Stoffbahnen hervorbrachte im Gegensatz zu stehenden Webstuhl, der nur die Länge eines Kleides zuließ. Alles das erzeugte Reichtum und gehobene Lebensart im Rheinland, wie sie zuletzt bei den Römern üblich gewesen war.

Eine nächste urkundliche Erwähnung Muffendorfs findet sich dann 1225: Im Urkundenbestand von St. Katharinen zu Köln hat sich ein Schriftstück erhalten, das besonders erwähnenswert erscheint. Ein Johann von Moffendorf erhält vom Martinistift zu Lüttich (im heutigen Belgien) 60 Morgen Land, teils Wald, teils Acker, teils Weingewächs zu Muffendorf – frei vom Zehnten gegen jährliche Pacht von 1/2 Ahm guten Weins (Best. 234 Katharina, U 1/8). Zum einen beweist dies, dass das Martinistift zu Lüttich von alters her ebenfalls in Muffendorf sehr begütert gewesen ist. Zum anderen erstaunt die Größe des Pachtgrundstückes. Die Zusammenhänge zwischen Lüttich und Muffendorf sind im Detail noch zu klären, aber auch für die Lütticher Grundherren hätte die alte Muffendorfer Straße von Eckendorf zum Rhein eine wichtige Rolle bei der Erreichbarkeit der Liegenschaften anlässlich der Visitationen spielen können. Bei Edith Ennen (1968, S. 31) findet sich ein Hinweis, der Licht in die Zusammenhänge mit Lüttich bringen kann. Das Bonner Cassiusstift erlebte einen stetigen Bedeutungszuwachs im 10. und 11. Jahrhundert, Ennen schreibt dazu: „Seine Leiter Everacrus (vor 959) und Reginard (vor 1025) wurden Bischöfe von Lüttich“. Erzbischof Brun von Köln (925 – 965) setzte Everacrus in Lüttich ein, jener Brun, der Bruder Kaiser Ottos des Großen war. Everacrus gründete u.a. das Martinistift zu Lüttich, das später nachweislich in Muffendorf, wo es ebenfalls ein Martinspatrozinium gab, begütert war. Bruns Anliegen kann es durchaus gewesen sein, durch die Gründung eines Martinspatroziniums in Lüttich, das zu den ältesten Bistümern im fränkischen Reich gehört, auf die altfränkische Legitimität der Herrschaft seines Bruders Ottos hinzuweisen, den er in karolingischer und sogar merowingischer Kontinuität sah. Da die Mehlemer Kirche als „Mutterkirche“ der Kapellen von Muffendorf und Lannesdorf im „liber valoris“ erwähnt ist, und das Mehlemer Patronat mit dem großen Zehnten seit 959 im Besitz des Lütticher Martinistiftes war, sind enge Beziehungen Muffendorfs ebenfalls nach Lüttich nur folgerichtig (s. Maaßen, S. 265).

Im Jahr 1210 wurde der Grundstein für die Godesburg gelegt, ein Resultat auch der unsicheren Zeitumstände durch kriegerische Ereignisse um die Jahrhundertwende. Muffendorfer Arbeitskräfte werden zu Frondiensten herangezogen worden sein.

Die chronologisch nächste bekannte Urkunde betrifft die Kommende Muffendorf und ist im Jahre 1254 ausgestellt worden, dem Jahr, in dem zum ersten Mal vom „Sacrum Imperium Romanum“, vom „Heiligen Römischen Reich“ die Rede ist. Urkundlich belegt sind eine ganze Reihe von Stiftungen für die Ramersdorfer Kommende im 13. Jahrhundert. Die  für Muffendorf bedeutsame Stiftung vollzog sich eben im Jahr 1254. In diesem Jahr übertrug Abt Gottfried von Siegburg der Kommende (Ramersdorf) zu Händen des Bruders Werner abteiliche Lehnsgüter in Birgel und Muffendorf, die bis dahin in der Hand des Ritters „Theoderich von Muffendorf“ gewesen waren (Düsseldorf, Hauptstaatsarchiv, Abt. Siegburg, Nr. 97 (A)) Damit steht auch fest, dass in Muffendorf bereits im 13. Jahrhundert ein Rittersitz bestanden haben muss, möglicherweise die Burg, die bereits erwähnt wurde und von der später noch die Rede sein wird. Am 22. November 1256 erwarb die Abtei Heisterbach einen Hof in Muffendorf (Wiedemann, S. 104).

Blick auf den Küchentrakt der Kommende (um 1960)
Abb. 15: Blick auf den Küchentrakt der Kommende (um 1960)

In einer Urkunde vom 5. Juni 1281 werden erstmals ein Verwalter und mehrere Brüder in der Kommende Muffendorf erwähnt, so dass sicher ist, dass diese zwischen 1254 und 1281 etabliert worden sein muss (Köln, Historisches Archiv der Stadt , St. Katharinen, Nr. 1/94). Die ersten Komture von Muffendorf waren Heinrich (1284), Bruno (vor 1301), Nikolaus von Mayen (1303), Hartung (1327/33), Arnold von Lülsdorf (1371-73) (NRKB, S. 423). Der Deutsche Orden hatte sich den Standort der Kommende mit Sorgfalt ausgesucht: Die Lage zwischen Godesburg (1210), Tomburg (um 900), Burg Drachenfels (1138) und der Muffendorfer Burg in direkter Nachbarschaft bot den größtmöglichen Schutz im südlichen Rheinland des alten Austrasiens. Seit dem Aussterben der ezzonischen Linie der Pfalzgrafen drohte keine regionale weltliche Macht mehr die Vorherrschaft des Kölner Erzbischof anzugreifen. So konnte der Deutsche Orden davon ausgehen, dass Muffendorf eine sichere Investition sein würde.

Um das Jahr 1270 ist ein Vogt zu Muffendorf nachgewiesen, der drei Söhne hatte: Embrico, Adolfus, Theodoricus, welche sich auf einen Rechtsstreit mit dem Kloster Mariengraden zu Köln eingelassen hatten. Der Rechtsstreit endete in einem Vergleich, die Söhne des Vogtes wurden ausbezahlt (Köln, Hist. Archiv der Stadt, Best. 251 Mariengraden, U1/20, Verlust am 3.3.2009). Der Bezug Muffendorfs zu Mariengraden wird über die bereits oben erwähnte Richeza, Enkelin der Theophanu und Tochter des Pfalzgrafen Ezzo von Lothringen, und über Erzbischof Anno bestanden haben. Sowohl über die Ottonen wie auch über die Karolinger besaß Richeza eine kaum zu überschätzende Bedeutung für das Rheinland. Mit ihrer Bautätigkeit in Brauweiler setzte sie Zeichen und wurde von Erzbischof Anno u.a. mit dem Besitz von Gütern in Muffendorf für ihre Güter in Saalfeld und Coburg abgefunden. Sie fand ihr Grab zunächst in Mariengraden zu Köln, wohin auch ihr Nachlass ging. Später (im Zusammenhang mit der Sprengung der Kirche im Jahr 1817) wurden ihre sterblichen Überreste in den Kölner Dom überführt. Dass sie nicht ihrem Wunsch entsprechend in Brauweiler, der Hausstiftung der Ezzonen, beigesetzt wurde, hatte seinen Grund in einem Vertrag, den Erzbischof Anno geschickt am 29. Juli 1057 gezeichnet hatte. Darin war festgelegt, dass „das Kloster das Gut Klotten erhalten sollte, das die Grabesstätte Richezas würde“ (Gerstner 1941, S. 31). Richeza hatte selbstverständlich davon ausgehen können, dass man sie in der ezzonischen Stiftung Brauweiler beisetzen würde. Dies verhinderte Anno, um die reichen Besitztümer Richezas an der Mosel (Klotten) für seine Stiftung Mariengraden in Köln (1057) zu sichern.

Die Eltern Richezas hatten in der Zeit um 1000 auf der Tomburg bei Rheinbach-Wormersdorf residiert, die Stammsitz der Ezzonen und eine wichtige Befestigung an der Aachen-Frankfurter Heerstraße war. Von der Tomburg und der Siegburg aus wurden die wichtigen Straßen des Mittelalters in der Region überwacht (s.o.). Zu diesen wichtigen Straßen des Mittelalters gehörte eben auch die Straße von Eckendorf nach Muffendorf.

Bisher kennen wir die mittelalterliche Geschichte der Burg zu Muffendorf nicht. Aber der tradierte Begriff „Helenaburg“ (Dietz, Josef: Sagen und Geschichten aus Godesberg-Muffendorf, in: Godesberger Heimatblätter 12, S. 112 ff., hier S. 120) weist auf ein sehr hohes Alter der untergegangen Burg hin. Die Ezzonen betrieben in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts einen systematischen Ausbau ihrer Herrschaftssitze. Beuckers stellt in diesem Zusammenhang fest: „Insgesamt lässt sich für die ripuarische Region ein systematischer Ausbau der Herrschaftssitze durch Ezzo feststellen, der wohl dem Territorialausbau diente. Diese Burgen scheinen im Wesentlichen ältere Anlagen gewesen zu sein, die über die verschiedenen Grafenrechte oder aber das Pfalzgrafenrecht {Aachen} an Ezzo gekommen sind. Ihr Ausbau kann als ein wesentlicher Bestandteil des Landesausbaus im 11. Jahrhundert gelten“ (S. 65, 66). Möglicherweise ließen die Ezzonen in Muffendorf eine befestige Anlage erstellen, um von hier aus die strategisch wichtige Strasse nach Eckendorf sichern zu können. Denn spätestens mit den Normanneneinfällen und der Verwüstung des Klosters in Prüm (881) war man sich über die Gefahren, die diese Straße barg, bewusst. Die untergegangene Burganlage in Muffendorf müsste dann auf die Zeit vor 1055 zurückgehen. Dies bleibt weiteren Forschungen vorbehalten nachzuweisen. Für die Zeit typisch wäre ein mächtiger Wohnturm, aus Steinen gefügt, der als Wohnsitz einer adeligen Familie diente. Die Formen hat man sich sehr einfach vorzustellen, die Mauern bestanden meist aus unbehauenen kleinformatigen Natursteinen, die vermörtelt wurden. Wenige Fenster- und Türöffnungen boten kaum Licht, aber Schutz vor ungebetenen Eindringlingen. Eine Überlieferung, die Parallelen aufweist, ist für St. Jakob in Alfter-Gielsdorf bekannt, der Turm der Kirche soll ebenfalls auf eine ezzonische Burg- bzw. Befestigungsanlage zurückgehen.

Auf die spätere Geschichte der Muffendorfer Burg wird weiter unten noch ausführlich eingegangen. Ezzos Sohn Hermann, späterer Erzbischof von Köln, hat jedenfalls besonderes Augenmerk dem Ausbau Bonns als Wirtschaftsstandort gewidmet, nach Ennen ist er es, der zwischen 1036 und 1056 der Stadt die Marktrechte verliehen haben könnte. Damit wird die besondere Bedeutung Bonns und seines Umlandes für die Ezzonen wiederum unterstrichen. Auch ist ein Aufenthalt Hermanns für 1054 in Bonn nachgewiesen.

Die Geschichte der Ezzonen und Ihres Stammsitzes, der Tomburg, ist bereits erwähnt worden. Die Burg scheint aber noch länger eine Rolle im Rheinland gespielt zu haben. Am 18. Januar 1289 erklärt ein Ritter Hermann von Tomburg, die Kommende Muffendorf und ihre Besitzungen, die in seinem Territorium liegen, unter seinen besonderen Schutz nehmen zu wollen. Auch dies wieder ein Beleg dafür, dass Muffendorf mit der Herrschaft Tomburg eng verbunden war (Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 234 Katharinen, U1/117). Über das weitere Schicksal der Burg im Mittelalter ist bisher nichts bekannt. Ein Bedeutungsverlust kann bereits ab 1210 eingetreten sein, als Dietrich von Hengebach auf dem Godesberg eine Höhenburg erbauen ließ. Auch das Aussterben der Ezzonen macht es wahrscheinlich, dass ein weiterer Ausbau der Burg zu Muffendorf nicht mehr stattfand. Annos Interesse galt der Siegburg.

Das späte Mittelalter – das 14. Jahrhundert

Am 8. Januar 1302 verkauft Palmia von Muffendorf, Witwe des Tilmann Scholer, eine Haus- und Hofstätte an die Kommende (Köln, Historisches Archiv der Stadt, Best. 234 Katharinen, U 1/166).

Eine Urkunde von 1327 belegt, dass auch die Abtei Heisterbach noch in Muffendorf begütert gewesen ist (Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 234 Katharinen, U1/259).

Seit 1342 besaß die Deutschordenskommende Muffendorf ein Haus in Bonn in der Straßburger Gasse (vor 1750 umbenannt, heute Am Hof) wohin die Wirtschaftsgüter (wohl vor allem der Wein aus der Region) eingelagert wurden bevor sie in den Handel gelangten (NRKB, S. 423). Laut Ennen gehört das Haus in der Straßburger Gasse der Ramersdorfer Kommende. Dieser Widerspruch ließ sich nicht aufklären. Ein weiteres Haus des Deutschen Ordens befand sich in der heutigen Bonngasse und wurde nach der Säkularisierung das Wohn- und Geschäftshaus des Verlegers Nikolaus Simrock (Ennen/Höroldt 1968, S. 153).

Der Weinbau in Muffendorf und den benachbarten Dörfern spielte eine wichtige Rolle. Eine Urkunde von St. Katharinen zu Köln, dem Sitz des Deutschen Ordens dort, überliefert einen Vergleich zwischen dem Ehepaar Strugilberg und der Muffendorfer Kommende wegen der Pacht von Weingärten zu Lannesdorf vom 30. November 1349 (Köln, Historisches Archiv der Stadt , St. Katharinen, Best. 234, Nr. U 2/339).

Exkurs zu den bekannten Seuchenzügen: 1349 war auch das Jahr der ersten Pestwelle, die über Bonn und das Umland hinweg zog. Spezielle Nachrichten hierzu aus Muffendorf liegen nicht vor. Ebenso wenig ist etwas bekannt über die Folgen der Pestwellen von 1451 und 1666.

Wenige Jahre später, am 7. Dezember 1355, wird beurkundet, dass Johann von Xanctis, Vogt zu Muffendorf, und seine Frau der Kommende drei Morgen Ackerland in Muffendorf verkaufen (Köln, Historisches Archiv der Stadt , St. Katharinen, Best. 234, Nr. U 2/357). Für das Jahr 1356 ist für Muffendorf ein zinspflichtiges Kelterhaus nachgewiesen, das dem Kölner Kloster St. Klara geschenkt wird (Köln, Hist. Archiv der Stadt, Best. 235, St. Klara, U1/59, Verlust am 3.3.2009). Die Schwestern von St. Klara (1306 geweiht) entstammten dem Adel, Hochadel und dem Kölner Patriziat. Es war eines der renommiertesten Frauenklöster in Köln und erhielt zahlreiche Zustiftungen, so auch das erwähnte Muffendorfer Kelterhaus.

Im Jahr 1362 (am 13. September) erhielt die Deutschordenskommende in Muffendorf Weingüter zu Ramersdorf. Die Erträge dieser Weingüter dienten der finanziellen Ausstattung der Kommende Muffendorf und bildeten einen wesentlichen Baustein für den Fernhandel, den der Deutsche Orden von Koblenz aus mit Hilfe seiner Rheinflotte, die aus fünf Schiffen bestand, betrieb (Kat. DO, S. 18, 110). Was den Zehnten aus der Landwirtschaft in Muffendorf anging, so hatte der Kölner Erzbischof in einem bekannten Fall das letzte Wort: Eine Zehntpflichtige namens Gertrud hatte im März 1365 aus ihren 60 Morgen Ackerland, Weinbergen und Wald, gelegen zwischen Muffendorf und Lannesdorf, ihren Zins abzuführen. Aber die Frau weigerte sich, die Steuern zur Pfarre nach Mehlem zu geben. Erzbischof Engelbert (III. von der Mark, 1363 –1369)  schlichtete den Streit, in dem er den Johann von Oppenheim, Vikar am Dreikönigsaltar zu Bonn, ermächtigte, den Zehnten als Geschenk für den Dreikönigenaltar im Bonner Münster anzunehmen (Köln, Hist. Archiv der Stadt, Best. 210, U 1/ 12311). Diese Urkunde aus dem Kölner Domstift beleuchtet möglicherweise die Auseinandersetzungen zwischen Muffendorf und Mehlem, von denen in späteren Jahren immer wieder die Rede ist. Offensichtlich war die Muffendorferin Gertrud der Meinung, dass der Zehnte jedenfalls nicht nach Mehlem gehörte. Ob es sich wirklich um einen Vikar an einem Bonner Dreikönigenaltar des Münsters gehandelt, oder ob es nicht vielmehr um den Kölner Dreikönigenaltar im Dom ging, dies läßt sich derzeit nicht eindeutig klären. Jedenfalls ist bei Maaßen (S. 121) ein Dreikönigenaltar im Bonner Münster für das 18. Jahrhundert nachgewiesen. Es ist durchaus möglich, dass bereits im 14. Jahrhundert ein solcher Altar im Münster vorhanden gewesen ist.

Der Weinbau im 14. Jahrhundert war einträglich, wie auch eine Urkunde aus St. Cäcilien in Köln (ehemals Damenstift, ab 1474 Kloster der Augustinerinnen, beherbergt es heute das Schnütgen-Museum) beweist: Am 6. Februar 1367 erhalten die Eheleute Gertrud und Hube Gobel zu Muffendorf einen Weingarten aus dem Stiftsbesitz, genannt Steinwingert, zur Erbpacht. Als Sicherheit für diesen Weingarten müssen sie ihr Haus auf der Kreuzgasse (heute Am Gässchen, früher Kreuzstrasse, mundartlich Krüzzejässche) einsetzen (Köln, Historisch Archiv der Stadt, Best. 207, AS 115). Damit gehört die Straße „Am Gässchen“ zu den ältesten Straßen des Dorfes.

Im Jahre 1385 scheint der oben erwähnte Streit zwischen Muffendorf und Mehlem eskaliert zu sein. Ein Gerichtsurteil vom 28. Juni 1385 verpflichtet den Pfarrer von Mehlem und Muffendorf, zukünftig auch in Muffendorf sein Pfarramt zu versehen. Denn Muffendorf habe eine eigene Kapelle mit Taufstein, Glocken, Kelch, Büchern und Zierrat, und der Pfarrer sei verpflichtet, auch hier seines Amtes zu walten (Köln, Hist. Archiv der Stadt, Best. 210 Domstift,  U3/, Verlust 3.3.2009).

Eine Urkunde vom 8. August 1396 erwähnt schon Wiedemann ausführlich, denn es handelt sich um den Hinweis auf Johann von Muyffendorf, der der Stadt Köln Fehde ansagte. Wiedemann vermutet, dass dieser Johann Inhaber des Rittersitzes in Muffendorfes gewesen sein könnte (S. 110).

Der Wohlstand im mittelalterlichen Muffendorf gründete sich auf einer erfolgreichen Landwirtschaft, insbesondere der Muffendorfer Wein muss von recht guter Qualität gewesen sein. Wiedemann erwähnt eine Weinrechnung aus dem Jahre 1397, wonach für zwei Fuder (heute je 1000 L.) Muffendorfer Weines insgesamt 31 Gulden (Rheinische und Ungarische G.) gezahlt wurden. Geht man davon aus, dass der Goldanteil dieser beiden Gulden um 1397 in etwa gleich hoch gewesen ist, nämlich 3,35 g Feingold, so wäre der Preis für 2000 Liter Muffendorfer Weines insgesamt beim Goldwert Stand Juli 2010 (1g Feingold: 33,00 Euro) umzurechnen in 3.427,05 Euro (1 Liter = 1,71 Eur.). Zum Vergleich: im Juli 2010 bezahlte man für das Fuder 2009er Riesling an der Mosel 700 Euro, das wären ca. 6,33 Rheinische/Ungarische Gulden beim Goldpreis vom Juli 2010 als Äquivalent.

Das 15. Jahrhundert

Die nächste Urkunde stammt aus dem 15. Jahrhundert: Im Jahr 1417 ist auch das Allerheiligenspital zu Köln in Muffendorf begütert (Köln, Hist. Archiv der Stadt, HUA, Teil 3, U3/8813). Bereits 1418 erscheint die nächste Nachricht, die erkennen lässt, dass die Deutschordenskommende in Muffendorf, erst nach 1254 erbaut, bereits baufällig geworden war und einzustürzen drohte. Eine Begehung mit dem „Kellner von Godesberg und Muffendorf“ fand im Mai 1418 statt. Bereits im Sommer scheint man mit den Sanierungsarbeiten begonnen zu haben, denn eine weitere Urkunde vom 13. Juli 1418 erwähnt die Verpachtung eines Grundstücks, das zum Neubau des Deutschordenshauses notwendig geworden war (Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 234 Katharinen, U1/563, 565).

1450 gehört Muffendorf zum Verwaltungsbezirk der Godesburg (Haentjes, 1960, S. 60). Eine Urkunde vom 15. Juni 1458 informiert darüber, dass der Deutsche Orden durch den Dreizehnjährigen Krieg in Preußen in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Der Hof zu Muffendorf (wohl die Kommende) sollte für 3.160 Goldgulden an das Marienforster Kloster verkauft werden. Die Urkunde gibt genauen Aufschluss darüber, welche Liegenschaften zum Hof gehörten, insgesamt handelte es sich um 345 Morgen Ackerland, 200 Morgen Wald und erhebliche Pacht- und Zinseinkünfte (Kat. Der Deutsche Orden, S. 23). Allerdings ist es nicht zum Verkauf gekommen. Die Gründe dafür liegen im Dunkeln (Köln, Historisches Archiv der Stadt , St. Katharinen, Best. 234, Nr. U 3/681). Aus der selben Urkunde geht allerdings hervor, dass der Abt des Klosters Siegburg, Wilhelm von Büllesheim, Lehnherr „etliger der vurß guederen zu Moffendorp“ gewesen ist. So wird auch hier die besondere Bedeutung der Muffendorfer Ländereien für Siegburg deutlich. Allein 45 Namen von Pächtern in Muffendorf sind aufgelistet, darunter auch ein Propst Wijnrich zu Muffendorf und ein Junker Jakob van Emb. Einige Straßennamen sind ebenfalls genannt, so die Hohle Gasse (Holenwege), Enggasse (Engergassen), Gringsstraße (Grijngsgassen), Benngasse (Penngassen), Im Proffen (In der Proffen, heute Elisabeth-Mayer-Str.), Etzendaill (Im Etzental), Hundsgasse (Huntzgassen, heute Am Helpert), Ellig (Elliger Höhe). So können wir davon ausgehen, dass das Dorf im 15. Jahrhundert recht ansehnlich gewesen ist, und dass die heute noch teilweise erhaltene Struktur bereits damals angelegt gewesen ist.

Muffendorfer Straßen im 15. Jahrhundert
Abb. 16: Muffendorfer Straßen im 15. Jahrhundert

Im späteren Mittelalter wurde die Wegeverbindung nach Ahrweiler offenbar bedeutsamer als die nach Eckendorf. In der Kaufurkunde des Klosters Marienforst von 1458 wird ein „Arwylre pat“ (Ahrweiler Pfad) genannt, der wahrscheinlich bis zum Ahrweiler Abzweig in Eckendorf identisch war mit der Straße nach Eckendorf (Arnold 2000, S. 135).

Einige Jahre später, am 6. Mai 1486,  tritt Muffendorf wieder urkundlich in Erscheinung: erwähnt wird eine Auseinandersetzung zwischen Verwandten, in die auch der Komtur des Deutschordenshauses zu Muffendorf involviert ist (Köln, Historisches Archiv der Stadt , St. Katharinen, Best. 234, Nr. U 1/766). Schon 1496, am 18. Juli, wird der „Hof zu Muffendorf“ (gemeint ist wohl die Kommende), an Gottschalk Kempen verpachtet (Köln, Historisches Archiv der Stadt , St. Katharinen, Best. 234, Nr. U 1/785).

Auch scheint gegen Ende des 15. Jahrhunderts der Waldfrevel ein Problem gewesen zu sein. Das Gericht zu St. Cassius in Bonn fällt ein Urteil gegen den Probst Theoderich Roerich zu Muffendorf zugunsten des Klosters Maria im Kapitol zu Köln, dem es offenbar gelungen war, das Gericht von seinen Holzrechten am Kottenforst zu überzeugen (Köln, Hist. Archiv der Stadt, Best. 247 Maria im Kapitol, U2/147a, Verlust am 3.3.2009).

Es bestanden also schon im Mittelalter vielfältige enge Verbindungen nach Köln, dessen Klöster und Stifte bedeutenden Haus- und Grundbesitz in Muffendorf hatten, und nach Aachen, wo das Marienstift vom „Neunten“ profitierte. Selbst das Martinistift zu Lüttich war in Muffendorf begütert.

Aber auch das Bonner Cassius-Stift, das an Gütern reichste Stift in Kurköln, unterhielt einen Hof in Muffendorf, der noch bis ins 19. Jahrhundert bestanden hat. Zu den letzten Pächtern des Hofes gehörte der Ur-, Ur-Großvater des Malers Peter Schwingen, Johannes Schwingen. Die Familie Schwingen blieb Pächter des Hofes wahrscheinlich bis 1782. Auf dem Lageplan des Ehmanschen Flurkartenatlasses findet sich gegenüber der Kommende für einen Hof der Eintrag „Joann/Johann Schwingen“. Es ist wohl folgerichtig, daraus zu schliessen, dass wir hier den mittelalterlichen Hof des Cassiustiftes erkennen können, der somit in direkter Nachbarschaft zum Haus des Deutschen Ordens und zum Siegburger Hof gelegen hätte (Strack, Flurkartenatlas, S. 66, S. 70). Das zugehörige giebelständige Fachwerkhaus dieses Hofes wurde vor 1910 niedergelegt und durch einen zweigeschossigen Ziegelbau ersetzt, dessen Grundmauern aus den Basaltsteinen der teilweise niedergelegten Einfassungsmauern des ehemaligen Kommendeobstgartens an der Klosterbergstraße bestehen.

Es bleibt festzuhalten, dass die bedeutendsten rheinischen Stifte des Mittelalters Rechte oder Liegenschaften in Muffendorf besaßen: das Marienstift zu Aachen und St. Cassius und Florentius zu Bonn. Allein dies lässt schon darauf schließen, dass Muffendorf bereits seit dem frühen Mittelalter eine gewisse Bedeutung gehabt hat. Dies ist im Zusammenhang mit Alt St. Martin und der untergegangenen Burg zu sehen.


Bildnachweis: Abb. 8, 14, 15 mit freundlicher Genehmigung des Vereins für Heimatpflege und Heimatgechichte Bad Godesberg e.V.; Abb. 9, 11 Lars Bergengruen; Abb. 10 Darstellung auf Grundlage der Stadtkarte Bonn mit Genehmigung des Kataster- und Vermessungsamtes der Bundesstadt Bonn vom 31.1.01 Nr. 103/01; Abb. 12, 16 Copyright Pia Heckes, Zeichnung Karin Lange (2012); Abb. 13, Stadtarchiv Bonn

Muffendorf in der Neuzeit

Das 16. Jahrhundert

Exkurs: Die Glocken

Aus der frühen Neuzeit hat sich in Muffendorf eine datierte Bronze erhalten. Sie trägt die Inschrift: „Martinus heischen ich, inde ere marien gotz Moder luden ich, de gewalt des duvels verdriven ich. anno d(omi)ni m v  xiiii“ (Martinus heiße ich, zur Ehre Mariens, Gottes Mutter, läute ich, die Gewalt des Teufels vertreibe ich, Anno Domini 1514). Gegossen hat diese Glocke Meister Johan von Andernach in Köln, sie hat ein Gewicht von 900 kg (laut Bonner Glockenbuch) und befindet sich heute im Turm der neuen St. Martinskirche, wo sie zum wohlklingenden Geläut gehört.

Diese Martinusglocke ist eine der wenigen Glocken des Meisters Johan von Andernach im Erzbistum Köln, die die Zeiten überdauert hat. Und sie stammt aus einer sehr bedeutenden Glockengießerwerkstatt in Köln. Johan von Andernach war einer der produktivsten Meister der Spätgotik in Köln, der 57 Glocken gegossen hat, von denen allein 14 für Kirchen in Köln bestimmt waren. Glocken von seiner Hand finden sich in St. Aposteln, in St. Andreas und in St. Maria im Kapitol in Köln (Poettgen 2005, S. 126 ff.). Es war sicherlich für das frühe 16. Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit, wenn ein kleines Dorf wie Muffendorf mit seiner romanischen St. Martinskirche über eine solche Glocke eines bedeutenden Meisters verfügen konnte. Mit dieser Glocke verband sich ein Anspruch, dessen Bedeutung wir heute nicht mehr kennen. Ein Glücksfall, dass sie die Jahrhunderte und Kriege überdauert hat und heute noch mit ihrem hellen Klang weit über das Rheintal zu hören ist. Es bleibt der zukünftigen Forschung vorbehalten herauszufinden, auf welchen Wegen diese wertvolle Glocke ihren Weg nach Muffendorf gefunden hat. Lassen sich die Stifter-Initialen (id und gw) auflösen, wäre man der Lösung dieser Frage ein gutes Stück näher. Was aus den im 14. Jahrhundert erwähnten älteren Glocken von Alt St. Martin geworden ist, ist unbekannt. Möglicherweise sind sie beim Guss der neuen Glocke von 1514 eingeschmolzen worden.

Eine weitere wertvolle Glocke des Gießers Johann Reutter von 1607 hat sich ebenfalls in Alt St. Martin befunden. Im Jahre 1607 schuf der Glockengiesser Johann Reutter, geboren in Mainz, in Köln als Artillerie- und Rüstmeister tätig, die Marienglocke. Diese Glocke wurde 1899 umgegossen.

Der Glockenspruch lautete:

MARIA HEISSEN ICH
GOTT ZU EHREN LOVDEN ICH
DER KIRCH ZU MOFFENDORF ICH DIN
JOHANN REVTER MICH GOS DJAHIN
A(NNO) 1607
(nach Giersiepen, Helga: Die Inschriften der Stadt Bonn, Wiesbaden 2000, S. 88)

Nach Maaßen (II, S. 300) gab es noch eine weitere Glocke von 1633, deren Inschrift lautete:
SANCT MICHAEL UND ANNO HEISH ICH
ZVM DIENST GOTTES DIE GEMEIND BERVF ICH
DIE SVENDER ZVR BYS ERMAHN ICH
ANNO 1633. BERTRAM VON BELLEINCKHAVSEN ABT ZV
SYBERCH POSTVLIRTER ABT UND VUERST ZU FVLDEN.

Mit diesen Glocken hat die Kirche über eine für die damalige Zeit schon recht beeindruckende Glockenmusik verfügt. Leider ist über diese Glocken weiter nichts bekannt, bis auf eine sehr hübsche Anekdote, die Dietz in seiner Sagensammlung (S. 105) erwähnt. Da ist die Rede davon, dass die „Burgfrau“ (auch hier wieder die Erwähnung der Burg zu Muffendorf) gekommen sei, und eine ganze Schürze voller Silbertaler in den Glockenguß geschüttet habe. Davon habe die Glocke einen so schönen Klang bekommen, dass die Mehlemer gerne die Muffendorfer Glocken für ihre Kirche erworben hätten, was die Muffendorfer aber mit Vehemenz zu verhindern wußten. Von Bedeutung ist der wirtschaftsgeschichtliche Gesamtzusammenhang: „Interessant ist nun, daß die wichtigen Innovationen, die eine Wiederaufnahme der Erförderung und -verhüttung rentabel erscheinen ließen, in dieser Zeit der wirtschaftlichen Rezession eingeführt wurden. Um 1450 funktionierten die ersten Wasserkünste erstmals zuverlässig (Wasser hebt Wasser), ab 1400 gab es Förderhaspeln mit durchgehender Kurbel aus Eisen, in der 1. Hälfte des 15. Jahrhundert wurde die Saigertechnik entwickelt, die eine thermische Trennung verschiedener Metalle (Blei, Silber, Kupfer) aus den polymetallischen, sulphidischen Erze ermöglichte. Spätestens ab dem Ende des 15. Jahrhundert war es möglich, Energie, die durch Wasserkraft gewonnen war, auf mechanischem Wege zu transportieren (sog. Heinzenkunst). Ein rasant schneller Technologie-Transfer in dieser Zeit durch Spezialisten, die nacheinander in mehreren Bergbaurevieren tätig waren und ‚weitergereicht wurden’, bewirkte ein Übriges. Einem erneuten Aufschwung der bergmännischen Erzgewinnung stand in Mitteleuropa ab 1450 nichts mehr im Wege“ (Ulrich Zimmermann, Freiburger Online Publikationen: Mittelalterlicher Bergbau auf Eisen, Blei und Silber, begrenzte Mittel und zahlreiche Veränderungen). Wenn also ab ca. 1450 vermehrt Erze zur Verhüttung und Weiterverarbeitung zur Verfügung standen, verläuft der Aufschwung des Glockengusses wegen des in größeren Mengen zur Verfügung stehenden Materials parallel mit der Begeisterung für die gotische Glockenmusik, die erst durch den Aufschwung des Bergbaus und dessen technische Innovationen möglich wurde.

Marienklage aus Alt-St. Martin (um 1500), heute in der neuen St.-Martinskirche
Abb. 17: Marienklage aus Alt-St. Martin (um 1500), heute in der neuen St.-Martinskirche

Die Zeit um 1500 brachte für die Muffendorfer Kirche zwei sehr bedeutende Schenkungen. Nicht nur die wertvolle Martinus-Glocke entstand, sondern auch die Marienklage, die sich heute in der neuen St. Martinskirche befindet und laut Alfred Wiedemann (S. 120) und Paul Clemen (S. 320)  aus Alt St. Martin stammt. Dieses Vesperbild zeigt die trauernde Maria mit dem toten Jesus und Johannes, bei den beiden Frauen wird es sich um Maria Magdalena mit dem Salbgefäß und um Anna, die Mutter Mariens, handeln. Um 1500 erlebte der Kult um die Hl. Anna im Rheinland einen Höhepunkt als im Jahre 1500 die Kopfreliquie, aus Mainz gestohlen, nach Aachen verbracht wurde, um dann durch eine päpstliche Bulle im Jahre 1506 nach einem heftigen Rechtsstreit der Erzbischöfe von Köln und Mainz der Stadt Düren zugesprochen zu werden. So zeigt auch dieses Vesperbild, dass die Ereignisse der Zeit sehr wohl wahrgenommen und künstlerisch umgesetzt wurden. Ein weiteres interessantes Detail der Vespergruppe ist die auffallende Wulstschapel mit Gebende (Kinntuch), mit der Maria Magdalena geschmückt ist. Diese Kopfbedeckung wurde häufig im Zusammenhang mit Hochzeitsbräuchen getragen und deutet auf die mythische Hochzeit zwischen Jesus und Maria Magdalena. Ein konzentriertes theologisches Programm, das die wichtigsten Personen aus Jesu Leben um den Leichnam versammelt. Stilistisch weist dieses Vesperbild in die Nähe des Von-Carben-Meisters, der für den Kölner Dom einige Plastiken geschaffen hat, die dort heute noch zu sehen sind (für diesen Hinweis danke ich Frau Prof. Dr. Ulrike Bergmann, Bonn).

Der oder die Stifter der Glocke sowie des Vesperbildes müssen also eine recht enge Verbindung nach Köln gehabt haben und die wesentlichen Künstler der Zeit, die dort tätig waren, gekannt haben oder an sie vermittelt worden sein. So erreichte die Kunst Kölns auch Muffendorf. Eine enge Verbindung von Muffendorf nach Köln war durchaus gegeben. Es bestand eine wirtschaftliche Verbindung der Deutschordenskommende von St. Katharinen in Köln mit der Muffendorfer Kommende, denn St. Katharinen besaß erheblichen Grundbesitz in und um Bonn, wahrscheinlich auch Weingärten in Muffendorf. Der Koblenzer Landkomtur, zu dessen Verwaltung Muffendorf ursprünglich gehörte, hatte bereits im 15. Jahrhundert seinen Sitz nach Köln verlegt, so dass alle Urkunden auf St. Katharinen ausgestellt sind. Die Kommende Muffendorf mit ihren vier Wirtschaftshöfen (Muffendorf, Lannesdorf, Heiderhof, Gimmersdorf) wurde gegen Ende des 15. Jahrhunderts nicht mehr von einem Komtur geleitet, sondern sie war durch einen Vertrag vom 17. Juli 1496 an Herrn Gottschalk Kempen vergeben, nach dessen Tod die Kommende wieder an den Orden zurückgefallen ist (s.o.). Vielleicht war es auch dieser Herr Kempen, dem am 5. Oktober 1513 von Ludwig von Sansheim vom Deutschen Orden in Köln, Vollmacht als Provisor für die Kölnischen Gerichte urkundlich übertragen wurde (Köln, Historisches Archiv der Stadt , St. Katharinen, Best. 234, Nr. U 1/827).

Im Jahr 1550 wird die Vogtsgasse erwähnt (später Enggasse, heute An der Kommende). Damit ist wahrscheinlich, dass im Mittelalter und in der frühen Neuzeit in Muffendorf ein mit bedeutender Macht ausgestatteter Vertreter eines Adeligen oder einer kirchlichen Institution ansässig gewesen ist. Möglicherweise hatte der Vogt Aufgaben rund um die Deutschordenskommende oder die Burg wahrzunehmen. Maaßen zitiert aus einer Abschrift des Weisthums für den Siegburger Hof, das wohl um die Mitte des 16. Jahrhundert verfasst worden war. Darin sind ein Schultheiß, der Abt des Klosters Siegburg, Viermänner, Geschworene und andere Dienstmänner erwähnt, die im Dorf für die Einhaltung der Ordnung zu sorgen haben. Weiter erwähnt er vier Straßen (freye weege) in Muffendorf, die in gutem Stande zu halten sind, so daß man sie bequem nutzen kann. Genannt sind der Weg vom Siegburger Hof nach Rüngsdorf durch die Enggasse (heute An der Kommende), genannt Vogtsgaß, der Weg durch die Hohle Gasse über die Höhe Richtung Lannesdorf und weiter nach Niederbachem zum dortigen Abtshof, der Weg zum Lyngsberg und den Steinbrüchen dort, der vierte Weg über Marienforst in den Kottenforst als freier Viehtriftweg für die Geschworenen (S. 288 – 291). Hier ist auch eine Verbindung des Kottenforstes zum Hof des Klosters Dietkirchen erwähnt, aus dem Kottenforst soll über Dottendorf hinunter das Brennholz für den Klosterhof transportiert werden. Im Gegenzug richten die Nonnen des Klosters dem Schultheißen und seinen fünf Geschworenen zu St. Johannistag ein Essen aus. Die Erwähnung des Klosters Dietkirchen und seiner Rechte am Holz des Kottenforstes ist insoweit interessant, da es sich beim Kloster Dietkirchen um eine ezzonische Gründung handelte, die offensichtlich mit Rechten am Kottenforst ausgestattet war und unter dem Regime des Siegburger Abtes und seines Schultheißen vom Holz des Waldes profitieren sollte.

Im Jahr 1581 erscheint wiederum eine Urkunde, in welcher der Weinbau eine Rolle spielt: der Schöffe von Muffendorf bezeugt den Verkauf einer Rente der Eheleute Mettlen aus Muffendorf von 1,5 Goldgulden aus den Erträgen verschiedener Weingärten an einen Kanoniker Gerhard Hulsing aus St. Severin zu Köln (Köln, Hist. Archiv der Stadt, Best. 264 Severin, U3/508, Verlust 3.3.2009).

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erlebten die Godesburg und die dazugehörigen Dörfer eine unglückselige Zeit. Eine Zeit des Niedergangs durch kriegerische Auseinandersetzungen. Kurköln drohte durch die Hinwendung des Kurfürsten Gebhard Truchsess von Waldburg zur Reformation für die katholische Gegenreformationsbewegung verloren zu gehen. Das Haus Wittelsbach reagierte und entsandte Truppen. Im Truchsessischen Krieg (auch Kölner Krieg genannt) im Jahr 1583 schlugen die bayerischen Truppen ihr Quartier u.a. in Muffendorf, das zum Amt Godesberg gehörte, auf. Herzog Ferdinand von Bayern erkrankte allerdings in Muffendorf so schwer, dass er sich in die Residenz nach Brühl zurückziehen musste und dort weitere 5 Wochen krank danieder lag (Haentjes, 1960, S. 72, 73). Die Godesburg wurde am 17. Dezember 1583 teilweise gesprengt und erobert. Damit endete ihre wichtige Rolle in der rheinischen Geschichte. Muffendorf wird einige Zeit gebraucht haben, bis es sich von der Last der Einquartierung und Besatzung, die am 3. Januar 1584 endete, erholt hatte. Walter Haentjes zitiert ausführlich einen zeitgenössischen Bericht zu diesen Vorgängen, der ein lebhaftes Bild zeichnet.

In der historischen Überlieferung für Muffendorf klafft für diesen Zeitraum eine Lücke. Aber die Einschätzung eines Zeitzeugen, Hermann von Weinsberg, Ratsherr zu Köln, macht deutlich, was die Zeitgenossen von Erzbischof Gebhard zu Waldburg und der Plünderung der Klöster in Bonn und Umgebung hielten: „Ecce wie gehet es zu. Die alte ertzbischoffen haben disse cloister meistheils bestift und etlich hondert jare bei ehren, friden, und gut erhalten. Eitziger her laist die verderber drunden rauschen, omnium rerum vicissitudo, alles dings ist ein veranderung, wie man eitz erfirt gegen alles versehen. Die edel stifs jonfern zu Vilick und Ryndorf uber Bon werden gefloven sin“ (siehe Weinsberg Dokumentation Uni Bonn). (Siehe, wie es zugeht. Die alten Erzbischöfe haben diesen Klöstern reichlich zugestiftet und sie etliche hundert Jahre in Ehren und Frieden gut erhalten. Jetziger Herr (gemeint ist Erzbischof Gebhard zu Waldburg) lässt die Verderber dort unten wüten, alles ist im Wandel, wie man jetzt erfährt, trotz aller Vorsehung. Die adligen Stiftsfräulein zu Vilich und Rheindorf bei Bonn werden geflohen sein.)

Eine sehr anschauliche Beschreibung der Belagerung der Godesburg findet sich auch in der religionsgeschichtlichen Abhandlung von Arnold Meshov und Michael von Isselt: „Der Colnischen Kirche Unter Dem Abfal Der Zweien“, Köln 1764.

Das 17. Jahrhundert

Am Kottenforst, der eng mit der Geschichte Muffendorfs verknüpft war, wurde auch im 17. Jahrhundert Raubbau betrieben, übermäßige Holzentnahme und vermehrte Viehmast im Wald machten es notwendig, dass der Kurfürst, um seinen Jagdwald zu sichern, im Jahre 1659/60 allein 675 Eichen neu pflanzen ließ (Höroldt, GHbl. 11/S. 125 f). So wird der Kottenforst über die Jahrhunderte mehr hergegeben haben, als er zur Gesunderhaltung benötigte. Durch den Raubbau wird er allerdings auch zum Wohlstand der Dörfer in der Umgebung beigetragen haben. Um 1666, so Wiedemann (S. 123), habe Muffendorf einschließlich des Heiderhofes und der Wattendorfer Mühle 665 Einwohner bei 129 Feuerstätten gehabt. Die Kirchenbücher des 17. Jahrhunderts geben ein lebendiges Bild der Lebensumstände dieser Zeit. (Müller-Hengstenberg, Herbert: Aus den Kirchenbüchern des 17. Jahrhunderts – Zum Allltag unserer Vorfahren in den Pfarreien Friesdorf, Mehlem, Muffendorf und Rüngsdorf, in: Godesberger Heimatblätter 27, S. 31 ff.)

Siegburger Hof von Osten aus gesehen (um 1960) und im Blick aus der Kommende (2005)
Abb. 18 & 19: Siegburger Hof von Osten aus gesehen (um 1960) und im Blick aus der Kommende (2005)

Exkurs: Die nachmittelalterliche Geschichte des Rittersitzes zu Muffendorf – eine „Burg“ entschwindet aus der Geschichte

Bereits Wiedemann vermutet in jenem Ritter Theoderich von Muffendorf, der im 13. Jahrhundert erwähnt wird, den Inhaber einer Burg zu Muffendorf (s.o.).

Im 16./17. Jahrhundert ist für Muffendorf tatsächlich eine Burg nachgewiesen, von der sich allerdings keine sichtbaren baulichen Spuren erhalten haben. Sie lag auf dem Grundstück, das sich heute gegenüber der neuen St. Martinskirche zwischen der Klosterbergstraße und der Elfstraße befindet und gehörte der Familie von Stein, die nach Wiedemann bereits 1599 im Zusammenhang mit Muffendorf erwähnt wurde. Friedrich von Stein, genannt Tricht, spielte dann im 17. Jahrhundert eine wesentliche Rolle in den erhaltenen Hessenrechnungen und Rittersimplen­empfängen (1651, 1652/53, 1656, 1667, 1679), wie Wiedemann sie erwähnt (S. 111). Um 1560 ist ein „von Tricht“ als Amtmann der Godesburg erwähnt, damit hätten die Stein gen. Tricht eine wichtige Funktion innegehabt. Die Familie wird bei Wiedemann (1930) in unterschiedlichsten Zusammenhängen immer wieder erwähnt (vgl. Personenregister bei Wiedemann S. 587. Für das 16. Jh. a.a.O. S. 405).

Ausschnitt aus dem französischen Urkataster (1810); oberhalb des Begriffs 'Limites' sieht man die vier Grundstücke, die ehemals als 'Auf der Helenaburg' bezeichnet wurden
Abb. 20: Ausschnitt aus dem französischen Urkataster (1810); oberhalb des Begriffs ‚Limites‘ sieht man die vier Grundstücke, die ehemals als ‚Auf der Helenaburg‘ bezeichnet wurden

Weiter unter wird auf den Zeitraum noch genauer eingegangen.

Die Ruinen der Burg wurden spätestens kurz nach 1830 so gründlich niedergelegt und wahrscheinlich weiterverwertet, dass keine baulichen Reste sichtbar blieben und die Burg in Vergessenheit geriet. Wahrscheinlich war sie schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts so marode, dass sich damals niemand mehr vorstellen konnte, dass dies einst eine befestigte burgartige Anlage gewesen ist (Strack 1998). Allerdings deutet auch hier der Volksmund darauf hin, dass diese Burg wesentlich älteren Ursprungs gewesen sein dürfte. Denn lange Zeit, noch bis in das 20. Jahrhundert hinein, sprach man in Muffendorf von der „Burg der Kaiserin Helena“, der Mutter Konstantins des Großen. Oder von dem Grundstück „auf der Burg“. Der Bezug auf Helena ist wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass man auf das sehr hohe Alter der Burg hinweisen wollte, und ist eher nicht wörtlich zu nehmen. Abgesehen davon hatte der Hinweis auf Helena im Rheinland gute Tradition. Denn auch der Bau des Münsters ging nach der Überlieferung auf Helena, die Mutter Konstantins, zurück (van Rey 2001, S. 31). Helena wurde sehr lange in Bonn verehrt, noch 1630 entstand eine Bronzeplastik, die heute das Bonner Münster schmückt. So geht die mündlich tradierte Geschichte der untergegangenen Burg ebenfalls zurück bis wiederum in die provinzrömische Antike. Auch hier gibt es wieder einen Bezug zum Hl. Anno, der über die Beziehungen zum Siegburger Hof für Muffendorf eine wichtige Rolle spielte: In der Vita Annonis findet sich ein Hinweis auf die Heilige Helena, allerdings ist sie hier als Gründerin von St. Gereon in Köln genannt (s. Diederich, Toni: Stift, Kloster, Pfarrei – Zur Bedeutung der kirchlichen Gemeinschaften im Heiligen Köln, in: Statdspuren, Bd. 1, S. 25). Womit die Anfänge dieser Kirche ins 4. Jahrhundert datiert werden.

Als auf dem Gelände zwischen der heutigen Klosterberg- und der Elfstraße im 19. Jahrhundert ein Wingert (Weingarten) angelegt wurde, fand man Mauerreste, rote Röhren und Scherben (Dietz, Josef: Sagen und Geschichten aus Godesberg-Muffendorf, in: Godesberger Heimatblätter 12, 1974, S. 120). Als Besitzer der Burg wird in der älteren Literatur die Familie von Stein genannt von Tricht erwähnt. Ein Claes von dem Steyne genannt von Tricht ist in einer Urkunde des Katharinenklosters vom 20. Dezember 1483 erwähnt. In dieser Urkunde bestätigt Claes von dem Steyne den Verkauf einer Wiese zu Villip, die zu seinen Gütern dort gehört hatte und von seinem Schwager verkauft worden war. Da ein Zusammenhang über das Katharinenkloster mit Muffendorf bestand, könnte es sich um die Familie der Burgbesitzer aus Muffendorf handeln. Es wäre gut möglich gewesen, dass diese auch zu Villip begütert gewesen waren (Köln, Historisches Archiv der Stadt, Best. 234, U1/755). Eine Stiftungsmesse dieser Familie wird als ewiges Gedächtnis noch heute in St. Martin in Muffendorf gefeiert.

Zur Muffendorfer Burg hat Herbert Strack in den Godesberger Heimatblättern 36 (1998) erste Erkenntnisse und Überlegungen veröffentlicht (S. 129ff.). Er beruft sich hierbei insbesondere auf Wiedemanns Geschichte Godesbergs (a.a.O.) und Urkunden aus den Pfarrarchiven Muffendorf und Villip. Ihm gebührt das Verdienst, den ersten Nebel um die Geschichte der Burg gelüftet zu haben. Seine Forschungen gaben der Autorin Anlass und Ansporn, tiefer in das Thema „Muffendorfer Burg“ einzusteigen.

Überlegungen zur mittelalterlichen Geschichte der Burg wurden bereits weiter oben dargelegt. Ganz wesentliche Erkenntnisse zur nachmittelalterlichen Zeit sind aus dem Privat-Archiv der Familie von Weichs zu Körtlinghausen zu gewinnen, die im französischen Kataster als Besitzer des infrage kommenden Grundstücks 1810/11 genannt werden (Archiv Senden, Rheinische Güter).

Strack beginnt seine Ausführungen mit dem Jahr 1599 als ein Friedrich von Stein als „Inhaber des Rittersitzes Muffendorf“ genannt wurde. Die Besitzverhältnisse, die Strack für das 17. und 18. Jahrhundert auf S. 129 erläutert, stimmen weitgehend mit den Archivalien der Familie von Weichs überein, und sind wesentliche Hinweise. Dies wird im folgenden dargelegt werden.

Die archivalisch überlieferten Nachrichten der Familie von Weichs, die die von Stein beerbt haben, beginnen mit dem Jahr 1616. Im Archiv Senden, dem 1680 die Akten der Familie von Haus zu Endenich zugefallen sind, findet sich der Hinweis, dass im Jahre 1616 Engelhard von Weichs (†1642/43) die Catharina von Haus, Tochter des Hans Bertram von Haus zu Endenich und der Susanne Waldmann geheiratet habe. Catharina von Haus muss demnach die Güter Endenich und Muffendorf mit in die Ehe gebracht haben. Von den zwei Söhnen aus dieser Ehe erwarb Gaudenz das Gut Körtlinghausen, während Ferdinand Maximilian in den Besitz von Endenich und Muffendorf gelangte (P 98/1-2). Diese Angaben sind jetzt in Einklang zu bringen mit der von Strack genannten Urkunde von 1629 im Pfarrarchiv Muffendorf, wo von einer Ida Sybilla von Steinen, die Witwe des Hans Bertram von Haus gewesen sein soll, die Rede ist. Möglicherweise war jene Ida Sybilla eine zweite oder dritte Frau des Hans Bertram. Da deren Sohn (?) aber Junker (von) Tricht gewesen sein soll, wäre es fraglich, wie der Erbgang der Muffendorfer Liegenschaft an die von Weichs zustande gekommen wäre. Denkbar wäre, dass der Junker von Tricht, möglicherweise ein Kind aus einer früheren Ehe der Ida Sybilla, früh verstorben ist, und seine mögliche Stiefschwester Catharina von Haus dann Alleinerbin gewesen wäre.

Nun findet sich im Archiv Senden eine weitere Urkunde, die Klarheit bringt: Es handelt sich um den Ehevertrag zwischen Othmar Philip Carl von Grotthausen zu Grone und der Anna Dorothea von und zu Weix (Weichs). Diese Anna Dorothea war Tochter des Engelhard von und zu Weichs und der Catharina Elisabeth von Haus. Diese Catharina Elisabeth von Haus hatte ihrer Tochter u.a. das Gut in Muffendorf hinterlassen: „Von der Nachlassenschaft der Mutter Catharina Elisabeth von Haus, die nach dem Tod ihrer Stiefmutter und Base Ida von Stein genannt Tricht und deren Bruder Wilhelm von Stein das Haus Oberstolz in Bonn, den halben Hof zu Berchemb, den Hof zu Pissen (ehemals Pissenheim, heute Werthoven) und das Haus zu Muffendorf, worüber noch mit den Jesuiten zu Bonn prozessiert wird, erbte…“ (Best. A, Urkunde 241 v. 17. September 1644). Somit wäre nach dieser Urkunde klar, dass der Junker von Tricht der Bruder der Ida Sybilla von Stein war und dass über diesen Erbgang das Gut Muffendorf in die Familie von Weichs gelangte.

In dieser Urkunde ist im Unterschied zu den „Höfen“ zu Berchemb und Pissen vom „Haus zu Muffendorf“ die Rede. Ein weiterer Hinweis darauf, dass es sich hier nicht um ein einfaches landwirtschaftliches Anwesen handelte, sondern um eine Liegenschaft, die eine Vergangenheit als Rittersitz, befestigtes Haus oder Burghaus im weitesten Sinne, hatte.

Ida von Stein muss vor 1604 verstorben sein. Denn ihr Sohn Wilhelm (?) führt einen Rechtsstreit vor dem Reichskammergericht, der sich auf nicht bezahlte Ehesteuern der Ida bezieht und auf eine vertraglich festgelegte Entschädigungssumme, von der dieser Wilhelm annimmt, dass sie ihm zustehe (Landesarchive NRW, Düsseldorf, Akten des Reichskammergerichts, Aktenzeichen: S 1268/5012).

Welchen Anspruch die Bonner Jesuiten auf das Haus erhoben haben könnten, ist noch nicht zu klären. Allerdings sind die Jesuiten in Bonn ab ca. 1600 mit wichtigen Aufgaben betraut gewesen und hatten einflussreiche Förderer und Donatoren (Maaßen, S. 293). In diesem Zusammenhang sei auch der Hinweis auf das Haus Oberstolz in Bonn erlaubt. Die kölner Familie der Oberstolzen gehörte zu den ersten und reichsten Familien des Rheinlandes. Der Reichtum der Oberstolzens wurde im Mittelalter geradezu sprichwörtlich. Es stellt sich die Frage, wie die Familie von Stein nach dem Aussterben der Oberstolzen in den Besitz des Bonner Hauses der Oberstolzen in Bonn gelangte. Es wird in jedem Falle deutlich, dass es über die von Stein in Muffendorf enge Verbindungen zu den bedeutendsten Familien des Rheinlandes gab. Also Verbindungen zum rheinischen Uradel. Die Oberstolzens (heute Overstolz) führten sich, wie 15 weitere patrizische Familien Kölns, auf den römischen Senatorenadel des antiken Köln unter Postumus zurück, der Köln zur Hauptstadt seines „gallischen Sonderreiches“ gemacht hatte (um 265) (Becher S. 30).

Da die Dörfer rund um die Godesburg durch den Truchsessischen Krieg bis 1583 schwer in Mitleidenschaft gezogen worden waren, wundert es nicht, dass über die Muffendorfer Verhältnisse vor dieser Zeit nur sehr wenige verstreute schriftliche Quellen existieren. Auch das 17. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Kriege und Seuchen (Dezember 1587 Überfall des Martin Schenk von Nideggen, November 1632 Überfall der Schweden, die 1633 Mehlem einäschern, 1641 Kriegszug der Hessen und Franzosen, 1665/66 Pest in Bonn, 1689 Zerstörung durch die Franzosen, 1703 Beschießung durch die Engländer), allerdings ist die Quellensituation für das 17. Jahrhundert wieder etwas besser zu nennen. Bei Ausschachtungsarbeiten für den Neubau des Hauses Klosterbergstraße 25 (ehemals Pützgasse) unterhalb der Burg, (Pützgasse bezieht sich auf den Schellenpütz), fand sich auf Kellerniveau eine dicke schwarze Brandschicht mit verkohlten Holzstücken, die allerdings nicht datiert wurden. Ob es sich bei dem Brand um ein Unglück oder um kriegerische Einflüsse gehandelt hat, ist nicht mehr feststellbar. Der Befund passt aber zu den Verwüstungen in nachmittlalterlicher Zeit.

Im Staatsarchiv Münster (Landesarchiv NRW) findet sich unter der Bezeichnung „Stift Keppel – Urkunden“, Nr. 285  1666 [Mai 19 / Mai 29] eine weitere wichtige Urkunde die Burg Muffendorf betreffend. Der „Ehevertrag zwischen Ferdinand Maximilian Freiherr von und zu Weichs, Erbherr zu Endenich und Muffendorf, kurköln. Kämmerer und Rat, Sohn des verstorbenen Freiherrn Engelhar(d) von und zu W., kurkölnischer Forst- und Jägermeister in Westfalen, und der Catharina Elisabeth verw. Freifrau von Spich, Generalfeldzeugmeistermeisterin, geb. von Wischel zu Langenau, Tochter des Johann Vellen von. W. und der Caspar Margarethe vom Bruch. Der Bräutigam bringt u. a. in die Ehe als Morgengabe 300 T. Rente aus Haus Buren nach dem bei der Regierung in Paderborn geschlossenem Vergleich vom 4. Juni 1664 sowie eine Obligation Jost von Schorlemers über 300 T. auf den Hof zu Beerenbruch im Gogericht Erwitte, als Heiratsgut seine Güter Endenich und Muffendorf, den Hof Berckum, den Drichterhof (Trichter-Hof) im Dorf Pissern (Pissenheim, heute Werthoven) gelegen im Oberstift Köln, Propstei Bonn bzw. Amt Godesberg bzw. Land Drachenfels. Die Braut bringt als Heiratsgut das Haus Langenau unter Restituierung all des väterlichen Erbes ihrer Tochter Johanna Sibella Frau von Rodleben geb. von der Hees, als Sicherung dient das Gut Langenau.“ (Siegel-Kommentar: je vier Siegel in Holzkapseln an Seidenbändern, Petschaft in grünes Wachs gedrückt; Unterschriften: Ferdinand Maximilian Freiherr von und zu Weichs, Gaudens Freiherrn von und zu Weix, Adam Friderich Rump, Drost; Elleischebett Cadtrina Weichs geborne von Wuschell, Akottleben als Dochderman, Wilhelm Henrich von und zum Bruch, Johann Philips von und zu der Heeß, Johann Eberrhardt von Honnepen gen. Wossenberg; geschrieben und unterschrieben von dem Notar Joh. Phil. Eiershausen).

Der verstorbene zweite Ehemann der Catharina von Spich war Lukas von Spich, er war Oberst und Gouverneur der Festung Ehrenbreitstein, der Ehevertrag zwischen beiden wurde am 17. Oktober 1646 geschlossen. Ihr erster Ehemann, der ebenfalls früh verstorben war, war Johann Phillip von der Heeß, Assessor des Kaiserlichen Kammergerichts zu Speyer (Stift Keppel, Urkunden, Nr. 271).

Einer der unterzeichnenden Zeugen war der kurfürstliche Obristjägermeister Gaudenz von und zu Weichs. Wilhelm Heinrich von und zum Bruch (*1651†1683) stand in enger Verbindung zum Kurfürsten, da das Haus Bruch in Oberhundem eine wesentliche Rolle im jagdlichen Geschehen des kurfürstlichen Hofes spielte. Ausserdem war er der Sohn der Anna Margarethe von Wischel, also möglicherweise ein Neffe der Catharina von Spich, geb. von Wischel.

Von Engelhard zu Weichs’ Hochzeit 1616, – bzw. bis zum Erbfall, der bis ca. 1644 eingetreten sein muss -, bis zu der Belehnung des Gaudenz von Weichs im Jahre 1697 ist somit in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert der Rittersitz Muffendorf nachweislich im Besitz der Familie von Weichs.

Im Bruderbuch der St. Sebastianusschützen zu Mehlem findet sich für das Jahr 1683 der Johannes Heuser, Koch zu Muffendorf, als Schützenkönig. Eine Inschrift auf dem Königsschild der Königskette findet sich folgende Gravur:

JOHANNES . HEVSER / KOCH . ZU . MVFFENDORF / 1684

Der Koch zu Muffendorf gehörte zu den Schützen in Mehlem, auch dies weist auf die engen Beziehungen zwischen Mehlem und Muffendorf hin, die durch den gemeinsamen Pfarrherrn gegeben waren. So scheint das 17. Jahrhundert bis zum Pfälzischen Krieg (Zerstörung Bonns 1689) auch wieder eine eher wohlständige Zeit gewesen zu sein. Die Anwesenheit eines Kochs zu Muffendorf weist auf zumindest einen Haushalt hin, der einen Koch finanzieren konnte, und dieser Koch war immerhin so gut situiert, dass er sich das Schießen um die Königswürde leisten konnte. LWL-Archivamt für Westfalen, Adelsarchiv Senden, Rheinische Güter, 1697, Urkunde 22: Belehnung des Gaudenz von Weichs mit den Gütern zu Waldorf und Muffendorf am 18. November 1697, dies ist die letzte Urkunde für das 17. Jahrhundert, welche das Muffendorfer Gut betrifft.

Das folgende 18. Jahrhundert bringt eine ganze Reihe wichtiger Dokumente hervor, die ein lebendiges Bild vom Leben auf dem Rittersitz bieten. Die nächste Nachricht zur „Burg Muffendorf“ datiert auf eine Zeugenvernehmung im Jahr 1707. Offenbar war es zu einer Anklage gekommen, dass der Halbwinner (Pächter) der sog. Burg Muffendorf die Jagd auf Niederwild betreiben würde, ohne das entsprechende Jagdrecht zu besitzen. Es findet eine umfangreiche Befragung vieler Zeugen aus Muffendorf statt, darunter auch ein sehr betagter Mann, Göddert Kemp, der im 9. Lebensjahrzehnt steht. Diese Befragung ergibt eindeutig, dass die Halbwinner schon von alters her die Jagd als Vergnügen und zur Ernährungsverbesserung betrieben hatten und dies niemals in alter Zeit von irgendwem bestritten worden war. Die Jagd der Pächter war allgemein bekannt im Dorf und akzeptiert, so dass ein Einspruch gegen dieses Recht keinen Erfolg hatte. Die Halbwinner baten um Unterstützung durch ihren Pachtherren und ließen sich juristisch beraten von Carl Joseph Bergrath („Jurium practici“). Offenbar war mit diesem Lehen der Muffendorfer Burg auch das Recht auf die Niederwildjagd verbunden. In relativer Nähe zum kurfürstlichen Jagdgebiet Kottenforst, unmittelbar an dessen südlichem Rand gelegen, verwundert das ein wenig.

Als ehemalige Halbwinner werden in historischer Reihenfolge genannt: Wilhelm Plötzgen, Urban Mertens (Vater), Reiner Mertens (Sohn). Reiner Mertens war wohl der des Jagdfrevels Beschuldigte. Gleichwohl sagte einer der Zeugen aus, dass besonders der erste Halbwinner, jener Plötzgen, ein besonders großer Freund der Jagd gewesen sei. Er habe diesen „in den steinbrüchen des Lündtsberges einen haaßen schießen sehen“ (…in den Steinbrüchen des Lyngsberges einen Hasen schießen sehen…, LWL-Archivamt für Westfalen, Adelsarchiv Senden, Rheinische Güter, 1707). Auch dieses Dokument wirft ein interessantes Licht auf damalige Regelungen zur Pacht. Offenbar gingen in Muffendorf die Dienstbarkeit für die Adelsjagden im Kottenforst durchaus einher mit dem Recht der Niederwildjagd. Neben dem Dienst im Kottenforst, dem bevorzugten kurfürstlichen Jagdgebiet, stand gleichzeitig dieses Jagdrecht dem Pächter zu. Dies galt wohl bis 1848 als das erste kodifizierte Jagdrecht entstand. Die drei genannten Halbwinner waren alle den Zeugen noch persönlich bekannt gewesen.

Im Adelsarchiv Senden, Rheinische Güter, Best. 466, findet sich eine weitere wichtige Urkunde, die Aufschluss gibt über die Besitzverhältnisse an Burg und Ökonomie zu Beginn des 18. Jahrhunderts: „Besitzergreifung des Gutes Muffendorf durch Franz Otto von Weichs aufgrund des Testaments seines Oheims Ferdinand Dietrich von Weichs 1716. Ferdinand Dietrich von Weichs, Herr zum Hirschberg und Muffendorf“ hatte am 1. Juni 1716 sein Testament verfasst und war am 3. August 1716 verstorben. Seiner Mutter Anna Elisabeth Ursula geb. von Schorlemmer vererbte er u.a. den Nießbrauch aus dem Muffendorfer Gut. Als Universalerben bestimmte er seinen Neffen (im Testament fälschlich als „Vetter“ bezeichnet) Franz Otto von Weichs (Archiv Hinnenburg, N Urk 126).

Im gleichen Jahr, am 24. September 1716, verfasste Franz Otto von Weichs das o.g. notarielle Schreiben, das ihn als den rechtmässigen Erben benannte, und die Witwe, seine „Großstiefmutter“ (Anna Elisabeth Ursula v. W.), als Nießbrauchsberechtigte für die Dauer ihres Lebens (usum fructum) bestätigte. Sie sollte die Einkünfte vom Gut Muffendorf erhalten. Aus diesem Testament des Ferdinand Dietrich von Weichs ergaben sich in der Folge Streitigkeiten um das Erbe. Die Witwe versucht mit Hinweis darauf, dass Franz Otto ihr den Tod gewünscht habe, diesem das Erbe zu entziehen und es in die Schorlemmersche Familie zu bringen. Dies ist ihr nicht gelungen (Archiv Hinnenburg N, Urkunde 129). Allerdings bringen dieser Rechtsstreit und die Familiengeschichte ein wenig Licht in die Dunkelheit der Geschichte der Muffendorfer Burg im 17. und 18. Jahrhundert Immerhin war die Burg offenbar bedeutend genug, dass Freiherr von Weichs „Muffendorf“ als Namenszusatz führte. Und die Ländereien sowie die Gebäude müssen noch attraktiv gewesen sein. Der Hinweis, dass Franz Otto ihr den Tod gewünscht habe, war noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ein probates Mittel, um einen missliebigen Verwandten, der eigentlich erbberechtigt wäre, rechtsgültig vom Erbe auszuschliessen. Anna Elisabeth Ursula von Weichs geb. von Schorlemmer hat dies versucht, jedoch ohne Erfolg. Die Burg blieb im Besitz der Familie von Weichs.

Dafür spricht auch ein Pachtvertrag aus dem Jahre 1738 zwischen Franz Otto von Weichs und Henrich Mertzenich vom 2. Juni 1738. Aus diesem Vertragswerk geht hervor, dass bereits 1721 ein Vertrag mit dem Schwiegervater des Mertzenich geschlossen worden war, dessen Name Dietrich Gummersbach war. Zunächst nennt von Weichs den „adelich rittersitz und guth Muffendorf …. und dazu gehörig weingärten und anders gründen auch jagd und fischerey nebst dem druckenen und nassen zehenten zu Lengsdorff….“. Besonders wichtig ist dem von Weichs die Fomulierung der zum Rittersitz gehörigen Rechte: „drittens verspricht conductor ahn aydts stadt, dass er alle zu dem burgsitz Muffendorf gehörige fischerey, jagd und andere berechtsamkeiten und burgfreyheiten in statu conserviren und keiner einzigen von anders zu muhtenden eintrag gestatten noch dulden, und wo etwa die zu muhtenden einträge abzukehren im stande und kräften nicht seyn mogde, solches so gleich ahn mich elocadorem berichten solle und wolle, dagegen ich demselben alle assistence und eviction zu leisten mich verpflichte.“ Die Einforderung der Burgfreiheiten und Rechte, insbesondere der Jagdrechte, lässt darauf schließen, dass innerhalb des kurfürstlichen Jagdgebietes eben ein besonderes Recht mit dieser Burg verbunden war. Bereits seit dem Mittelalter wurden besondere Rechte z.B. bei der Vergabe aus Königsgütern eingeräumt (Wieruszowski 1926, S. 123). Weiterhin ist die Rede von „diesem conducirten guth und burg zu Muffendorf“: der Pächter hat alle Lasten, Steuern, Kontributionen zu übernehmen, jährlich 100 Reichstaler Pacht zu zahlen, hellroten Wein (2 Ohm „Bleichardt“) kostenfrei zu liefern und alle Beschwernisse unverzüglich mitzuteilen. Von Weichs erklärt sich bereit, für größere Liefermengen Weins den ortsüblichen Preis zu zahlen. Ausserdem sollen die Weine nicht verfälscht werden, sondern getreu und aufrichtig geliefert werden. Der Vertrag wurde geschlossen am 2. Juni 1738 auf zwölf Jahre. Die Pacht war jeweils zu Martini zu zahlen. In diesem Vertrag spiegelt sich der vorhergegangene Streit um die Jagdgerechtigkeit auf Gut und Burg Muffendorf wider. Nach den Mertens war wohl Dietrich Gummersbach der nächste Pächter, so dass wir die Reihe der Pächter etwa von der Mitte des 17. Jahrhundert an vollständig hätten: Plötzgen, Mertens (Vater), Mertens (Sohn), Gummersbach, Mertzenich. Da im Vertrag eindeutig von „Gut“ und „Burg“ die Rede ist, scheinen die Gebäude um 1738 noch weitgehend erhalten gewesen zu sein.

Etwa 20 Jahre später sind die Baulichkeiten aber schwer in Mitleidenschaft gezogen: Ebenfalls im Adelsarchiv Senden, Rheinische Güter, Best. 470, hat sich ein Schreiben des Zimmermeisters Sebastian Kleffgen aus Lengsdorf erhalten. Daraus geht hervor, dass im Jahr 1757 der Halbwinner Heinrich Mertzenich den Zimmermeister Kleffgen am 6. Mai nach Muffendorf gerufen hatte, damit dieser einen Kostenvoranschlag für Reparaturarbeiten am „Kulturhauß allda bey der Burg“ erstellen könne. Mit „Kulturhauß“ war das Ökonomiegebäude, also der Bauernhof, der zur Burg gehörte, gemeint. Aus dem Schreiben geht ferner hervor, dass die Familie Mertzenich (möglicherweise über Erbgänge von den Plötzgens her) bereits seit mehr als 100 Jahren Pächter auf dem Gut war (also seit etwa 1650) und seit dieser Zeit keine wesentlichen Reparaturen am Gebäude durchgeführt wurden, so dass etliche Arbeiten notwendig geworden waren, um das Gebäude wieder in Stand zu setzen. Es wäre immerhin auch möglich, dass dabei das schwere Erdbeben vom 2. Februar 1756 eine Rolle gespielt hatte.

Besonders interessant an diesem Schreiben ist aber, dass die Burg damals, also um die Mitte des 18. Jahrhunderts, noch vorhanden und als solche erkennbar gewesen sein muss, wenn der Zimmermeister von dem „Kulturhauß allda bey der Burg“ spricht.

Im wesentlichen wurde im 18. Jahrhundert auf dem ehemaligen Rittersitz Wein angebaut. Für die Jahre 1743 und 1744 liegen Bescheinigungen über den Weinpreis für den Muffendorfer Rotwein vor: das Ohm wurde gehandelt zum Preis von 13 Reichstalern oder 16 Rheinischen Gulden. Diese Bescheinigung wurde am 9. Januar 1745 von J. J. Steegh, „Schultheiß beyder ämbter godesberg und mehlem“ unterschrieben und gesiegelt.

Im Jahr 1762, genau am 7. September, lässt sich der Pächter des Hofes den Weinpreis notariell bescheinigen. Das Fass zu einem Ohm (ca. 137 Liter) wurde mit 13 Reichstalern gehandelt (Archiv Senden, Rhein. Güter). In diesem Jahr war Renirus Voeltzgen Bürgermeister zu Muffendorf (Wiedemann, S. 79).

1764 waren die Witwe Sybilla Merzenich und ihre Tochter Pächter des Anwesens. Die Schriftstücke geben Aufschluss darüber, dass die Frauen wohl mit der Wirtschaft auf sich allein gestellt und überfordert waren und daher durch die Pächter Waasem abgelöst wurden. Ausserdem muss 1764 ein extrem schlechtes Weinjahr gewesen sein. Die Halbwinnerin berichtet in einem Schreiben, dass nur etwa 4 Ohm Ertrag zusammen gekommen sind, was weniger als die Hälfte der sonst üblichen Weinmenge ausmachte. Auch die notariellen Bescheinigungen über die Mengen und Preise des in Muffendorf gelesenen Weines geben Aufschluss darüber, dass die Pachtherren nicht nach Muffendorf gekommen sind, um die Wirtschaft ihres Gutes in Augenschein zu nehmen. Von Zeugen und vom Ortsvorsteher unterschriebene Bescheinigungen scheinen als Belege ausreichend gewesen zu sein.

1773 erhält Anton Waasem ein Testat, dass dieses Jahr nur 2,5 Ohm Wein gekeltert werden konnten, dass aber seine Wingerte gut im Stand seien und mit der nötigen Sorgfalt bewirtschaftet würden. Auch habe er das Haus ausgebessert und das Kulturhaus neu mit Stroh eindecken lassen. Zugleich wird bestätigt, dass ein Ohm Wein im diesem Jahr mit 21 Reichstalern mit Fass gehandelt würde. Diese Bestätigung erhält einen Hinweis auf „glaret“-Wein. Wahrscheinlich eine Verballhornung von „Clairet“, eine helle Rotweinsorte aus Frankreich. Auch hier findet man wieder eine Unterscheidung zwischen „Haus“ und „Kulturhaus“.

Auch ein Pachtvertrag mit den Eheleuten Anton Waasem vom 19. Januar 1781 spricht noch von der „freiherrlichen Weichsischen Burg binnen Muffendorf“, ebenfalls in ihrer Bürgschaft für den Sohn Anton Waaßem schreiben dessen Eltern, Anton Waaßem und Gudula Wallraff, von der „freiherrlichen Burg binnen Muffendorf“ (Archiv Senden, Rhein. Güter, 21.1.1781). Aus dieser Bürgschaft geht ebenfalls hervor, dass Anton Waaßem jun. auch die in Rüngsdorf liegenden Güter gepachtet hatte. Die Eltern verpfänden ihr gesamtes Mobiliar wie auch alle immobilen Güter, um die Pachtsumme für ihren Sohn sicher zu stellen. Diese Art der Bürgschaft ist der Hintergrund für eines der Gemälde von Peter Schwingen: Die Pfändung (siehe: www.muffendorf.net), auch wenn es sich dabei offensichtlich um die Pfändung eines Handwerkers handelt. Schlechte Erntejahre brachten es mit sich, dass die Bürgschaften fällig wurden und es dann zum Totalverlust der wirtschaftlichen Güter kam. Dies war gegen Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts häufiger der Fall gewesen. Der Winter 1783/84 ging als der kälteste Winter in Europa in die Geschichte ein. Wegen der schwierigen Wetterverhältnisse in den Jahren 1799 und 1800, die Missernten im Rheinland mit sich brachten, und wegen der Napoleonischen Kriege und der daraus resultierenden hohen Napoleonischen Kontributionen und Steuern wurde die Situation für viele Bauern extrem schwierig.

1789, das Jahr der Französischen Revolution, bringt auch für das Rheinland entscheidende Umwälzungen mit sich. Das gilt vor allen Dingen für die öffentliche Verwaltung wie insbesondere die Finanz- und Steuerverwaltung. Eine Systematisierung mit buchhalterischem Belegsystem entsteht. Die von Weichs haben eine große Anzahl dieser Belege über die lange Zeit gerettet. Heute bieten diese einen lebhaften Einblick in die ökonomischen Verhältnisse.

Aber nicht nur über die ökonomischen Verhältnisse geben die Abrechnungen, Listen usw. Aufschluss. In der Aufstellung der Kontributionen und Sondersteuern, die der Halbwinner Anton Waasem in den Jahren 1794 bis 1801 zu zahlen hatte, findet sich der Hinweis, dass 1794 wegen „Brandschatzung und Einquartierung und Contributionen“ 739 Reichsthaler und 51 Stüber zu zahlen waren. Davon betraf die Brandschatzung allein 125 Reichsthaler und 26 Stüber. Das ist bisher der einzige Beweis dafür, dass Muffendorf von den napoleonischen Truppen heimgesucht wurde. Offenbar haben die Franzosen die „Burg Muffendorf“ als „adelich Haus“, wie es in den Quellen häufiger genannt wurde, erkannt und versucht, es in Schutt und Asche zu legen. Der Höhe der Rechnung nach scheint ihnen dies nicht gelungen zu sein, auch wenn der Pächter bzw. seine Witwe später nie wieder wirtschaftlich erfolgreich wurden, wie noch zu sehen sein wird. Allerdings scheinen die Gewaltausbrüche nur ein kurzes Zwischenspiel gewesen zu sein. Der französische General François Séverin Marceau, der Anfang Oktober 1794 Bonn besetzt hatte, wandte sich rasch weiter nach Koblenz, wo er bereits am 23. Oktober 1794 eintraf. Viel folgenschwerer für die Pächter waren die Steuern und Kontributionen, die aufzubringen waren.

Ein Brief des Pastors Völsgen aus Muffendorf vom 7. Februar 1806 gibt ein beredtes Bild von den Zuständen in der Napoleonischen Zeit. So berichtet er, dass „der Pächter und Halbwinner Anton Waasem von diesem Krieg, der einer der verderblichsten war, zugrunde gerichtet wurde.“ Dies wird im folgenden noch eingehend beleuchtet werden durch das Schicksal der Witwe Waasem.

Zuerst aber zu den Steuern und Kontributionen. Am 15. August 1794 erläßt der General-Einnehmer Geyr zu Bonn folgendes: „Für gegenwärtige außerordentliche Erfordernissen ist beliebet worden, auf jeden in dem rheinischen Erzstift gelegenen, describirten, und nicht describirten, sowohl freien als unfreien, bekannten und noch zu erkündigenden Morgen Artland, Wiesen, Weingarten und Garten, welche in den Städten nicht innerhalb Graben und der Mauren, und auf dem platten Lande, nicht bei den Häusern binnen den Hecken und Graben, oder Haus- und Hofbezirken gelegen sind, ohne Rücksicht auf die Eigenschaft des Grundes und des Besitzers 15 Stüber in coursmäßigem Gelde auszuschreiben, welche von einem jeden ohne Unterschied des Standes, gemäß der darüber erfolgender gnädigster Fürschrift binnen 14 Tagen Zeit ohnfehlbar zu entrichten sind. Bonn den 15ten August 1794.
Ex Commissione DD. Statuum.
Geyr General-Einnehmer.“

Soweit die allgemeinen Vorschriften. Im Jahr 1795 werden z.B. 12 Gulden und 20 Albus Simpeln (Grundsteuern) am 21. Dezember gezahlt. Ein Steuerzettel aus dem Jahr 1796 (Best. 471) bringt wiederum einen wichtigen historischen Bezug zutage: „Von Stein, jetzt Weichs zu Körtlinghausen zu Muffendorf zahlt Simpeln zur General Einnehmerei drei Reichsthaler fünfzig, einen Stüber“. (8. April 1797, quittiert am 9. August 1796), Anton Waassem ist „Burghalfe zu Muffendorf“. 1798 werden gezahlt 9 Livres, 9 Stüber. 1799 sind 20 Livres, 1 Stüber, 4 Heller.

Im Jahr 1800 beträgt die Grundsteuer 30 Francs und 85 Centimes.

Zu den Lasten durch die französischen Truppen und Steuern kamen aber auch noch schlimme Wetterbedingungen hinzu. Aus einem Schreiben der Elisabeth Merzenich, gen. Waasems, vom 9. Oktober 1801 geht hervor, dass die Jahrhundertwende dramatisch schlechte Jahre für die Landwirtschaft waren. 1799 ist überhaupt kein Wein gewachsen, da der Winter extreme Kälteeinbrüche mit sich brachte, so dass die Weinstöcke erfroren waren. Die neuen Triebe des Jahres 1800 waren einem schweren Hagelunwetter am 21. Mai ausgesetzt gewesen, so dass auch hier wieder schwerer Schaden entstand und praktisch kein Wein geerntet werden konnte. Da der Weinverkauf die Pacht zu erwirtschaften hatte, musste die Halbwinnerin um Stundung der Pacht bitten (Best. 474).

1801 bescheinigt der Ortsvorsteher Urban Jülich, dass 1 Ohm Muffendorfer Wein für 30 Reichsthaler verkauft wurde. Ein undatierter Brief von Elisabeth Merzenich berichtet, dass der Wein am 20. Oktober gelesen wurde, zwar von geringer Menge aber guter Qualität sei und der Preis noch nicht festgelegt worden sei.

Die französische Verwaltung arbeitete systematisch, Karten wurden erstellt, Werte und Ländereien erfasst. Dem Ortsvorsteher Urban Jülich fällt die Pflicht zu, die Güter systematisch zu erfassen und den Wert zu ermitteln. Für das Gut der Muffendorf Burg stellt er folgende Liste auf:

„Taxation der Weichsischen Güter
1. an weingärten 2 morgen per morgen zu 260 thaler: 520 th.
2. ackerland 10 morgen per 145 th. 1.450 th.
3. Wiesen 8 morgen per 75 th 600 th
4. baumgärten 4 morgen per 135 th 540 th.
(Contribution für 1 Jahr: 82 Francs)
Wert des Hauses: 450 th.
{gesamt} 3.560 th.
Urban Jülich, 1. mai 1803“.

Es handelte sich um ein Gut in innerdörflicher Lage mit 24 Morgen. Das war für das Rheinland eine Größenordnung, die bei guter Wirtschaftsführung einen reichlichen Gewinn bringen konnte. Ausserdem war der Burghof dadurch begünstigt, dass die Ländereien rund um die Gebäude lagen, und der „Schellenpütz“ mit dem jederzeit verfügbaren frischen Wasser sich auf dem Gelände des Pachtgutes befand. Diese Quelle versiegte nicht einmal in den frostigsten Wintern, so erinnern sich alte Muffendorfer. Dementsprechend war gutes Wasser zu jeder Zeit verfügbar. Aus Unterlagen späterer Jahre (Ende 19. / Anfang 20. Jahrhundert) geht hervor, dass der Zugang zu den verschiedenen Brunnen im Ort durch den Gemeindevorstand geregelt wurde. In den Katastern des 19. Jahrhunderts gehört der Zugang zum Brunnen von der Klosterbergstraße aus zum öffentlichen Wegenetz.

In den Veröffentlichungen von Kleinpass zu den Straßennamen in Muffendorf findet man umfangreiches Material zu der „Muffendorfer Wasserfrage“ (s. Kleinpass 1991, S. 147 ff.). Jedenfalls war der Schellenpütz noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Muffendorfer, die in der Nähe der Kommende wohnten, die Wasserstelle, wenn die Leitungen an den Höfen oder die anderen Wasserstellen im Dorf zugefroren waren. Noch heute besteht der Schellenpütz und liefert Wasser. Allerdings ist die Brunnenstube nicht mehr öffentlich zugänglich und auch ebenerdig nicht mehr zu erreichen, sie liegt ca. 1,5 m unterhalb des heutigen Geländeniveaus. Laut Aussage des jetzigen Besitzers war der Brunnen ursprünglich ca. 3 – 4 m tief, die Wände waren aus Basaltbruchstein gefügt. Ein korbbogenartiger Schlussstein, der heute noch vorhanden ist, trug eine Jahreszahl, die wahrscheinlich mit „17“ begann. Leider ist die Zahl nicht mehr lesbar.

Mit dem Schellenpütz ist ein Zeuge der älteren Muffendorfer Geschichte erhalten geblieben, im Kaufvertrag zwischen dem Kloster Marienforst und der Muffendorfer Kommende aus dem Jahre 1458 ist der Schellenpütz bereits erwähnt (Arnold 2000, S. 138). Nach dem Zweiten Weltkrieg scheint der Brunnen aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden zu sein. Die ehemals öffentliche Zuwegung wurde durch ein Gebäude der Elektrizitätswirtschaft verbaut, und da niemand das öffentliche Gewohnheitsrecht am Nießbrauch des Brunnens einklagte, geriet er in Vergessenheit. Unter einem Schuppen, tief im Boden verborgen, liefert der Brunnen bis heute klares Wasser.

Die im Adelsbesitz befindlichen Pachthöfe waren meist nicht der Real-Erbteilung unterworfen, sie blieben über Jahrhunderte bestehen bzw. wurden arrondiert, so dass die Pächter gegenüber den Ackerern oder Kleinbauern erheblich im Vorteil waren. Daher waren die Halbwinnerhöfe äusserst begehrt. Und im Falle des Muffendorfer Burggutes scheint das Verhältnis zwischen den Pächtern und dem Grundherren ein relativ vertrauensvolles gewesen zu sein, wenn auch der Pachtherr sich vieles von Zeugen schriftlich bestätigen liess. Allein die lange Pachtdauer, die sich über 100 Jahre für die Familie Merzenich-Waasem erstreckte, ist ein Hinweis auf das recht gute Verhältnis zwischen Pächtern und den von Weichs.

Schwierig wurde die Situation als der Halbwinner Anton Waasem verstorben ist und seine Witwe nicht in der Lage ist, die Wirtschaft einträglich zu gestalten.

1803, am 11. Fructidor 11. Jahres der Republik (29. August 1803), setzt die Familie Waasems einen Vertrag zwischen der Witwe und ihren Kindern auf, der im Detail regelt, wie die Frau ihre Schulden zu begleichen gedenkt, da wegen dieser Schulden der Grundherr die Pacht gekündigt hat, und die Familie das Gut verlassen muss. Der Vertrag lautet:

„Familien-Beschluss
(Von seiten Wittib Waasems als abgestorbener halbwinnerin des guths-hofes zu Muffendorf und schon unten unterzeichneten kindern)
Den unten gesetzten jahr und tag kame die wittib Waasems mit ihren (…)kindern zu ihrem pastor zu Muffendorf nahmens Frid. Adam Völsgen und begehrte einen freundschaftlichen familien beschluß aufgesetzt zu haben, wie sie am besten die rückständige schuld Ihrer gnädigen herrschafft abführen könnte, so ist nach reiflicher überlegung folgender accord beschlossen worden in gegenward der (…)baren männer Reinerus Wallraff, Urban Jülig, und Joannes Weinris und zwar unter folgenden bedignißen:
1tns: übergiebt die wittib Waasems ihren kinder die winter und sommer früchten wie sie noch in die schür und feld vorhanden seyn mit dem vorbehalt, dass ihre kinder ihr für dieses jahr zu ihrer nothdurft drey malter korn, ein halb malter weitzen, ein halb malter gersten, zwei sester erbsen, zwei sester weiße türckische bohnen, zehn mangen erdäpfel, sechs mangen gelbe rüben, sechs mangen weiße rüben, kappes und köhl, so viel sie zu ihrer nothdurft braucht verabfolgen lassen
2tens überträgt sie ihren kindern das noch auf den bäumen vorhandene obst, doch halt sie sich drey mangen äpfel für sich
3tens übergiebt sie ihren kinder alle trauben wie sie in den herrschaftlichen weingarten sich befinden.
4tens übertragt sie ihren kinder alles gereid (mobile Gut) so im hauß, hof und ställen vorfindlich. Von diesem gereid halt die mutter für sich und ihre nothdurft alles leinwand, weil nicht viel vorhanden ein bettstatt samt bett, decken und küssen (Kissen), die stühl, eine kist, einen tisch, den ofen, so oben auf dem zimmer stehet, samt dem darauf passenden keßel, (…)keßel samt geschier darzu zweyhundert kerzen, samt (…) alte vasen, alle alten weßelen, ein küchenkanne, und eine küche.
5tens ist verabredet worden, dass aus diesen früchten, wein und anderen gereide die kinder sich verbinden die rückständige schuld in kurzer zeit der gnädigen herrschaft abzumachen, und was hiervon übrig bleibt, so verwandt werden zur tilgung der anderen mütterlichen schuld wie sie nahmen hat.
Damit nun kein unterschied zwischen den kindern geschehen könne, soll gleich beim beschluß und unterzeichnung dieses familien tractats das gereide von oben angesetzten männern aufgezeichnet werden, wofür dann alle kinder haften müssen bis zum verbrauch, welches gereide in acht tägen zeit verkauft werden muß, was verkäuflich ist, und dann müssen alle kinder den hof raumen gemäs befehl der gnädigen herrschaft.

Damit aber die gnädige herrschaft sowohl als auch die mutter der zalung der schuld versichert sein können wird das aus sämtlichen gereide heraus kommende gelt der Joannes Weinris als der oheim der kinder einfangen, und der herrschaft überliefern. Also beschlossen und unterzeichnet Muffendorf, den 11. Fructidor 11. Jahres der Republik
Remirus Waassem bekenn wie oben
Anton Wassem bekenn dieses wie oben
Henrich Waasem bekenn wie oben
Antonius Waasem bekenn wie oben
Wilhelm Christoph bekenn wie oben (dieses ist der Christophori Waasem X sein Merkzeichen)
Weil schreibens unerfahren
Dieses ist der Maria Anna Waasems ihr Merkzeichen X weil schreibens unerfahren
Urban Jülig
Gerhardus Wessel
Johann Weinriß
Renneri Walraff“
.

Größtenteils ist dieser Schriftsatz gut leserlich geschrieben. Unleserliches wurde durch (…) gekennzeichnet.

Die Witwe Waasem ist offenbar so sehr in Rückstand geraten mit ihren Zahlungen, dass der Pachtherr sich genötigt sieht, den Vertrag zu kündigen. Die Witwe muss ihren Lebensunterhalt nun offenbar aus sehr bedrängter Situation heraus sichern und darüber hinaus alles verkäufliche bewegliche Gut einsetzen, um ihre Schulden zu begleichen.

Damit hätte die langjährige Pachtzeit der Waasems auf dem Rittersitz der von Weichs enden können.

Aber es kommt anders: Nach einigem Hin und Her findet sich 1811 ein neuer Pächter, Christoffel Schwingen aus Muffendorf, der mit seiner Frau Ursula, geb. Zeugs, den Hof übernimmt (Best. 475). Ursula Zeugs ist Witwe des Anton Waasem jun. und bringt drei Kinder mit in die Ehe: Gerhard, Veronica und Johannes. So ist die Pacht für die nächste Generation der Waasem-Kinder wiederum gesichert.

Erhalten ist ein Brief vom 29. November 1810, in welchem die Schwiegermutter der Ursula Zeugs, die Witwe Waasem sen., darüber klagt, dass sie sehr schlecht von ihrer Schwiegertochter, der Witwe ihres Sohnes, behandelt würde, und sie daher einen anderen Pächter für den Hof vorschlägt.

Gegen diese Ursula Zeugs bringt Pastor Völsgen aus Muffendorf dann ebenfalls schriftlich am 17.3.1811 schwerwiegende Argumente vor: sie habe bereits den Waasem „heiraten müssen“ und habe sich nun als Witwe wieder „beschwängern“ lassen, diesmal von Christoffel Schwingen, um „ewige Halbwinnerin“ auf dem Gut sein zu können. Gleichzeitig schlägt der Pastor einen anderen Bewerber um das Gut vor, den gleichen, den auch die Witwe Waasem sen. vorschlägt.

Dieser Intrige ist kein Erfolg beschieden. Bereits einen Tag später, am 18. März 1811 stellt Urban Jülich dem Christoffel ein sehr gutes Zeugnis aus. Auch weist er auf dessen Vermögen hin, das Johann Schwingen seinem Sohn hinterlassen hat. Am 30. April 1811 stellt Urban Jülich, der Gemeindevorsteher Muffendorfs dem Christoffel Schwingen und der Ursula Zeugs nochmals ein gutes Leumundszeugnis aus, worauf am 21. Juli 1811 der Pachtvertrag zwischen Franz Otto von Weichs und Christoffel Schwingen geschlossen wird.

Dieser Pachtvertrag mit Christoffel Schwingen ist erhalten und schönes Dokument der Landwirtschaft des frühen 19. Jahrhunderts.

Für das Gut werden an Pacht 40 Reichstaler vereinbart, die in Münzen zu zahlen sind, ebenso sind die Kontributionen und sonstige Abgaben und Lasten vom Pächter zu zahlen. Die Ländereien sind in gutem Stande zu halten, insbesondere gilt das Augenmerk den Weingärten, die gut zu pflegen seien. Die notwendigen Hölzer für die Weinstöcke dürfen aus dem freiherrlichen Wald herbeigeholt werden, das Altholz als Brennholz genutzt werden. Alle drei Jahre ist zu düngen und die alten Pflanzungen sind jährlichs um ein halbes Viertel zu verjüngen. Dies soll so lange geschehen, bis alles verjüngt ist. Die Kosten für den Weinan- und -ausbau sind vom Halffen zu tragen, dafür erhält er für den Anteil des Pachtherren pro Ohm eine Entschädigung von einem Reichstaler. Der Wein ist solange im Gutskeller zu lagern, bis er ohne Gefahr abgeholt werden kann oder anders vermarktet werden soll. Auch die Obstgärten sind in gutem Stand zu halten und da, wo nötig, mit Edelhölzern zu verjüngen. Angepflanzt werden sollen: Äpfel, Birnen, Kirschen und Quetschen, deren Ertrag den Pächtern gehören soll.

Der Wald ist mit Anpflanzung von Tannen, Eichenstämmchen und Edelbüschen zu pflegen.

Für den Fall, dass dieser Vertrag, der auf 12 Jahre geschlossen wurde, nicht eingehalten würde, sollen die Pächter mit all ihrem Hab und Gut („Geraide“) bürgen.

Auch die rückständige Pacht (175 Reichstaler) ist zu Martini abzuzahlen. So dass die Pächter zunächst jährlich 65 Reichstaler zu zahlen haben.

Dass sich die Erwartungen des Pachtherren erfüllten, darf angenommen werden, denn die Einnahmen-Übersicht 1819 – 24 ergibt eine Pachtsumme von 237 Talern, das lässt darauf schließen, dass in den Jahren von 1811 bis 1818 die Schulden abgetragen worden sind.

Am 2. März 1819 verstarb Caspar Joseph von Weichs, der letzte männliche Abkömmling der Körtlinghausenschen Linie der von Weichs. Zwischen seiner Witwe Franziska von Fürstenberg und den beiden Töchtern seines Bruder Clemens August (Maria Anna von Aschberg zu Venne und Anna Maria Therese Droste zu Senden) entwickelte sich ein langjähriger Erbstreit um die Güter zu Waldorf und Muffendorf, der mit dem Verkauf des Gutes zu Muffendorf endete.

Am 11. April 1831, so berichtet Strack, kaufen „Max und Laurenz Blinzler, Gastwirte in Godesberg, sowie Huberth Mathonet, Kirchenempfänger und Rendant,“ das Muffendorfer Anwesen. „Diese drei verkauften noch im gleichen Jahr das Gut an den langjährigen Pächter Christoph Schwingen und Ehefrau“ (a.a.O. S. 134). Christoph Schwingens Ehefrau war Ursula Zeugs. Im Vertrag wurde das Gut genannt „Weingut alte Burg“. Laut Wiedemann umfasste es insgesamt 47 Morgen (a.a.O. S. 111).

Wenn diese Angaben korrekt sind, müsste zwischen 1803 und 1831 das Gut um 23 Morgen vergrößert worden sein, was entweder auf eine erfolgreiche Bewirtschaftung schließen lässt oder darauf, dass die drei Ersterwerber 1831 bereits Land hinzukaufen und so arrondieren konnten.

Später gelangte das Gut aus dem Besitz der Schwingens an die Familie Raaf, ein Nachfahre der Familie lebt noch heute dort. Bis weit in das 20. Jahrhundert wurde das Grundstück die „alte Burg“ oder „auf der Burg“ genannt.

Die baulichen Überreste der Burg sind zwischen 1750 und 1831 verfallen, mutwillig zerstört worden oder zur Gewinnung von Baumaterial genutzt worden. Der jetzige Besitzer des Grundstückes berichtet glaubhaft, dass ca. 30 cm unter der Ackerkrume zahlreiche Grundmauern und Reste des ehemaligen Burggebäudes zu finden seien. Beim Pflügen habe er immer sehr vorsichtig sein müssen, da Ziegelsteine und anderes Mauerwerk das Pflügen behindert hätten. Auch das Setzen der Pfähle für die Obstbäume sei sehr schwierig gewesen, da in 30 cm Tiefe eine feste, undurchdringliche Schicht bestanden habe. Systematische archäologische Untersuchungen könnten Aufschluss über die Burg bringen und möglicherweise auch Hinweise liefern, wie weit ihre Geschichte in das Mittelalter zurückreicht und wie die Burg ausgesehen haben kann. An dieser Stelle soll nur noch ein Hinweis auf ein ähnlich gelagertes Schicksal einer mittelalterlichen Burg ganz in der Nähe Muffendorfs gegeben werden. Severin Corsten hat in seiner Abhandlung über den Hof der Abtei Stablo zu Villip (Bonner Geschichtsblätter 24, S. 38 ff.) auf eine untergegangene Burg in Villip, „Am Scharfenstein“ gelegen, hingewiesen, deren Ursprünge möglicherweise auf den Merowinger Sigibert III. zurückzuführen sind, auf den Gründer des Doppelklosters Stablo-Malmedy, das seit dem 9. Jahrhundert nachweislich in Villip begütert gewesen ist. Wenn also der Villiper Hof bereits zur frühen Ausstattung des Klosters Stablo gehört hat, wäre dies ein weiterer Beleg dafür, dass das „Ländchen“ bereits zur Zeit der Merowinger eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung hatte. Auch das ursprüngliche ehemalige St. Martinspatrozinium in Villip spricht für diese These.

Das Dorf im 17., 18. und 19. Jahrhundert

Die ältesten Grabkreuze auf dem Friedhof bei Alt St. Martin stammen aus dem 17. Jahrhundert, Wiedemann konnte auf einem der alten Grabkreuze noch die Jahreszahl „1626“ lesen. Stiftungen für die alte Martinskirche sind über Jahrhunderte nachgewiesen, so von 1514, 1689, 1721, 1796.

Im Jahr 1643 erhielt die alte St. Martinskirche einen geschnitzten Altaraufsatz, der im Zuge von Modernisierungen im frühen 20. Jahrhundert allerdings entfernt wurde und nach Liblar, in die Katholische Pfarrkirche St. Alban, abwanderte. Die beiden zugehörigen Barockgemälde mit der Darstellung des Hl. Martin und der Hl. Familie sind noch erhalten und bedürfen einer Restaurierung. (Hüllen, Frank: Muffendorfer Altar in Erftstadt entdeckt, in: Godesberger Heimatblätter 47, S. 12).

Martinstraße, Blick auf die alten Schulhäuser (2001), Muffendorf Hauptstraße von Süden (2005)
Abb. 21 & 22: Martinstraße, Blick auf die alten Schulhäuser (2001); Muffendorf Hauptstraße von Süden (2005)

Die schönen Fachwerkhäuser Muffendorfs bestimmen heute das Erscheinungsbild des Ortes. Allerdings fällt auf, dass die ganz überwiegende Zahl der Häuser frühestens aus dem 18. Jahrhundert (z.B. 1716, 1746, 1747, 1752, 1796) oder aus späterer Zeit stammen. Auf einem giebelständigen Fachwerkhaus in der Klosterbergstrasse (Nr. 53) findet sich über der Haustür die aufgemalte Zahl 1657. Warum sich nicht mehr Häuser aus früherer Zeit erhalten haben, ist eine Frage, die mit den Einwirkungen der zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen der nachmittelalterlichen Zeit im Rheinland zu beantworten ist. Vielleicht spielte auch das Erdbeben vom 19. Februar 1673 eine Rolle dabei, denn es war ein so starkes Beben, dass Teile der Burg Rolandseck einstürzten, die ja nur wenige Kilometer von Muffendorf entfernt liegt. Überfälle der Schweden oder der Franzosen, Devastierungen oder Feuersbrünste wie in Mehlem sind für Muffendorf in dieser Zeit nicht quellenmäßig überliefert, was aber nicht heißt, dass solche Vorkommnisse gänzlich auszuschließen wären.

Muffendorfer Hauptstraße auf Höhe des Hauses Nr. 39 (um 1900)
Abb. 23: Muffendorfer Hauptstraße auf Höhe des Hauses Nr. 39 (um 1900)

Ein Kreuz vor dem Hause Nr. 39 in der Muffendorfer Hauptstraße trägt die Jahreszahl 1698. Es wurde in einer für das kölnische Rheinland höchst unruhigen Zeit errichtet. Nach dem Bombardement von 1689 im Pfälzischen Krieg lag Bonn in Schutt und Asche. Auch das Umland, und damit Muffendorf, wird in Mitleidenschaft gezogen worden sein, sei es durch marodierende Truppen, durch Besatzung oder Zerstörungen. Die ältesten Teile des Siegburger Hofes, die nach Norden, dem Weinberg zu stehen, gehen auf die Jahre 1694/95 zurück, wenige Jahre nach der völligen Zerstörung Bonns 1689. Eine sehr aussagekräftige Schilderung der Beschießung der Stadt Bonn im Jahr 1689 gibt Maaßen (S. 292) betreffend das Kloster der Capuzinerinnen: „In der That ist ihnen auch kein anderes Leid widerfahren, als dass eine Schwester durch ein feindliches Geschoß leicht verwundet wurde, obwohl man innerhalb der Klostermauern 76 fünfundzwanzigpfündige, 24 zwölfpfündige nebst 11 anderen großen Kugeln am 10. Oktober nach beendigtem Bombardement sammelte und der größte Theil der Stadt, fast alle Kirchen und Klöster in Asche gelegt waren“.

Man kann also davon ausgehen, dass auch Muffendorf von den französischen Truppen geplündert und eingeäschert wurde, bevor sie von den Truppen der Allianz zur Kapitulation im Oktober 1689 gezwungen wurden.

Es wird anhand der Jahreszahlen allerdings auch deutlich, dass einige Fachwerkbauten des 18. Jahrhunderts mit ihren schönen Binnenhöfen das schwere Erdbeben am 18. Februar 1756, dessen Epizentrum bei Düren lag und dessen Erschütterungen von London bis Straßburg zu spüren gewesen waren, überstanden haben. Dieses Erdbeben gilt bis heute als das schwerste Beben im Rheinland überhaupt.

Muffendorfer Hauptstraße 39, Zustand vor der Restaurierung (um 1900); Zustand während der Restaurierung (um 1900); Blick auf Haus Nr. 39 im Jahr 2005
Abb. 24-26: Muffendorfer Hauptstraße 39, Zustand vor (links) und während der Restaurierung (rechts oben) (beide um 1900); Blick auf Haus Nr. 39 im Jahr 2005 (rechts unten)
Bildstock an der Benngasse, die trauernden Frauen am Kreuz (2001)
Abb. 27: Bildstock an der Benngasse; die trauernden Frauen am Kreuz (2001)

Aus dem 18. Jahrhundert sind erwähnenswert insbesondere das Alte Pastorat (1721) in der Martinstraße und die Bildstöcke: beginnend mit dem Bildstock an der Ecke Talstraße/Waasemstr./Muffendorfer Hauptstr., dieser gehört zu den sieben Bildstöcken im Dorf, die den Sieben Schmerzen Mariens gewidmet sind. Die Bildstöcke entstanden 1725, sind aber nicht im Originalzustand erhalten. Dieser erste mit der Darbringung Jesu im Tempel ist inschriftlich datiert: 1725. Diese Bildstöcke stehen in einem inneren Zusammenhang mit der Figurengruppe der Marienklage aus dem 16. Jahrhundert, die sich heute in der Pfarrkirche St. Martin befindet.

Die Stationen der Bildstöcke sind: Darbringung im Tempel: Talstraße, Flucht nach Ägypten: Gringsstrasse/Deutschherrenstraße, Jesu predigt im Tempel: An der Kommende/Deutschherrenstraße, Begegnung auf dem Kreuzweg: Benngasse/Deutschherrenstraße, Kreuzigung: Benngasse geg. Haus Nr. 12, Kreuzabnahme: Muffendorfer Hauptstraße Haus Nr. 70, Grablegung: Friedhof/Alte St. Martinskirche. Bis weit in die 1950er Jahre hinein bestand in Muffendorf noch der Brauch der Sieben Fußfälle, an den Bildstöcken wurde bei Todesfällen von den Mädchen und Frauen der Nachbarschaft je ein Vaterunser und ein weiteres Gebet für den Verstorbenen gesprochen. So waren die Bildstöcke nicht nur im Marienmonat September in das dörfliche Leben einbezogen.

Etwa in diese Zeit ist auch die Errichtung der schweren Basaltmauern rund um die Alt St. Martin und um den Gemüsegarten der Kommende zu datieren. Wahrscheinlich sind in diesem Zuge auch die schweren Basalt-Stützmauern des Kirchturms errichtet worden.

Auch der ursprüngliche Bau des Kelterhauses in der Gringsstraße stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert, die ältesten Bauteile sind mit 1723 datiert.

Muffendorf aus der Vogelschau, Ausschnitt aus dem Ehmannschen Flurkartenatlas (1759)
Abb. 28: Muffendorf aus der Vogelschau, Ausschnitt aus dem Ehmannschen Flurkartenatlas (1759)

Die Aktenlage des St. Katharinenklosters (Köln) zur Kommende Muffendorf war für die Zeit von 1777 bis 1794 noch einmal recht ergiebig. Die Einnahmen und Ausgaben dieser Jahre liegen vollständig vor, die Akten gehören aber zu den Verlusten durch den Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009.

Die Folgen der Französischen Revolution von 1789 erreichten das Rheinland. Am 8. Oktober 1794 begann eine neue Zeit für Muffendorf: die Franzosen zogen ein und pflanzten vor der Kommende den Freiheitsbaum auf, zugleich zogen die französischen Truppen unter General Marceau durch den Kottenforst und erlegten alles Wild, das ihnen vor die Flinte kam, um es an die Bonner Bevölkerung zu verteilen. Ein politischer Akt, der das Privileg der Adelsjagd aufhob und symbolisierte, dass eine neue Zeit herangekommen war. (siehe Napoleons Truppen im Kottenforst).

Eine wirtschaftlich schwierige Zeit brach an. Allerdings war das ländliche Muffendorf mit seinen Wingerten eher an der Peripherie des historischen Geschehens. Möglicherweise stehen aber die Zerstörungen der alten Burggebäude im Zusammenhang mit dem Jagdfrevel der napoleonischen Truppen im Kottenforst. Napoleon weilte zwar kurz in Bonn (1804 und 1811), aber bis auf die Aufstellung des Freiheitsbaums und die Devastierungen durch die einquartierten und durchziehenden Franzosen scheint sich nichts Wesentliches im Dorf ereignet zu haben. 1802 wurde das seit 1136 im Besitz des Cassius-Stiftes zu Bonn befindliche Hofgut säkularisiert und veräussert: der Kapitelshof, Scheune, Ställe und Kelter mit 5,22 ha Land (davon 1,22 ha Weinberg) wurden für 5.125 Fr. verkauft. Auch dieser Hof, der gegenüber der Kommende lag, verfügte also über eine eigene Kelter (NRKB, S. 373).

1801 wurde die Deutschordenskommende säkularisiert und 1803 verkauft, dabei handelte es sich um

„Kommanderie, Haus, Ställe, Scheune, Kelter, 104,4 ha Land, 3,92 ha Weinberge, 6,96 ha Wiese, 1,1 ha Baumgarten“ (NRKB, S. 421), also für das Rheinland keine ganz kleine Landwirtschaft. Zum Preis von 130.000 Fr. erwarb der Kölner Kaufmann Gottfried Schmitz die Gebäude. Später gelangten sie in Besitz der Familie von Fürstenberg, danach gehörte die Kommende der Familie Meyer. In den 1950er Jahren erwarb der Belgische Staat die Liegenschaft, die dann als Residenz des Belgischen Botschafters diente. Heute ist die Kommende privatisiert und dient Wohnzwecken.

1813 wurde Peter Schwingen, geschätzter Maler der Düsseldorfer Malerschule, in Muffendorf auf der Gassen 95 (heute Muffendorfer Hauptstr. 36, Neubau aus dem 20. Jh.) geboren. Seine Vorfahren waren Pächter auf dem Hof des Cassius-Stiftes gewesen.

Impression mit Muffendorfer Weinrebe (2005)
Abb. 29: Impression mit Muffendorfer Weinrebe (2005)

Nach dem Wiener Kongress 1815 wurde das Rheinland Preußen zugesprochen, eine Zeit des großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels brach an. Der „Rheinische Antiquarius“ (Christian Stramberg) gibt für 1815 an: 110 Häuser und 543 Einwohner in Muffendorf, auch lobt der Autor ausdrücklich den Muffendorfer Wein, der neben dem Lengsdorfer Tröpfchen das Beste sei, das die Weinbauregion Bonn zu bieten habe.

1831 erbrachte ein Zensus für Muffendorf folgendes Ergebnis: 129 Feuerstätten (inkl. der Wattendorfer Mühle und des Heiderhofes) mit 665 Einwohnern. So war Muffendorf bis dahin ein immer noch kleines Bauern- und Winzerdorf im Rheinland. Im gleichen Jahr 1831 liefert Johanna Schopenhauer eine sehr gut beobachtete Charakterisierung der Landschaft rings um Godesberg (Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien 1828, Druck 1831), Viertes Kapitel. – Godesberg, die erlaubt, sich ein recht anschauliches Bild von den Zuständen, sicher ähnlich auch in Muffendorf, zu machen.

„Unbeschreiblich anmuthig ist die Gegend ringsumher; wohin das Auge sich wendet, überschaut es ein fruchtbar angebautes herrliches Land, prangend im höchsten Reiz der üppigsten Vegetation. Die ganze Gegend zwischen Honneff und Plittersdorf, mit allen zwischen beiden liegenden Ortschaften, bildet das köstlichste Panorama. Der Rhein fließt zu tief, um von Godesberg aus gesehen zu werden, man glaubt eine ununterbrochene, sanft abhängige Ebene vor sich zu haben, durch welche in einiger Entfernung die stets belebte große Heerstraße sich hindurchwindet, und nur der vom Dampfschiff aufsteigende Rauch, oder das hochstehende Segel eines Schiffes verräth zuweilen das Dasein des ungesehen sie unterbrechenden Stromes.

Das Siebengebirge, vor allem der prächtige Drachenfels mit seiner pittoresken Ruine, begränzen rechts hinter Honneff die köstliche Aussicht. Wenn die Sonne sinkt, die kühnen Contours des Gebirges, vom Abendstrahl geröthet, aus dem dunkleren Blau des Himmels kräftiger hervortreten, dann steigt der feuchte Duft aus dem Rheine auf, und hüllt die Ferne und die Berge in jenen bläulich violetten durchsichtigen Schleier, den wir auf italienischen Landschaften als eine nur dem wärmeren Süden angehörende Erscheinung bewundern. Wenn nun der Abend völlig hereinbricht, dann ruft das Glockengeläute aus den nahen und ferneren Ortschaften die von der Feldarbeit Heimkehrenden zum Abendgebet, und zittert in bebenden, unbeschreiblich harmonischen Tönen durch die stille Luft. Und wenn nun Alles zur Ruhe ist, und später der Vollmond hinter dem Drachenfels aufsteigt, und ehe er ganz sich zeiget, durch die weite Fensterlücke der Ruine auf die untenschlummernden Gefilde, wie eine lächelnde Mutter auf ihr sanftschlafendes Kind niederblickt, dann wird es so still in der Menschenbrust wie draußen in der Natur, und himmlischer Gottesfrieden verbreitet sich selbst über ein schmerzlichst verwundetes Gemüth.

Daß das Land wegen des ungleich höheren Werthes des Grundbesitzes in weit kleinere Theile eingetheilt ist als bei uns im Norden, und selbst die größeren Landgüter reicher Gutsbesitzer von bei weitem geringerem Umfange sind, das gibt ihm eben jenes reiche gartenähnliche Ansehen, das längs dem Ufer des Rheines so auffallend die Gegend verschönert. Das Feldeigenthum des eigentlichen Landmannes, der fast durchgängig vom Weinbau leben muß, ist unglaublich klein, die Früchte, die er gewinnt, reichen meistens nur zum Bedarf seines eigenen Haushaltes hin, deshalb wachsen und blühen die mannichfaltigsten Feld- und Gartenfrüchte auf den kleinen Feldern dicht neben einander und gewähren durch diese Mannichfaltigkeit einen unbeschreiblich reizenden Anblick. Auch das kleinste Fleckchen Erde hat hier bedeutenden Werth, und muß so gut als möglich benutzt werden; Rebengelände, Obstbäume, weitschattende Nußbäume stehen überall zwischen Getreidefeldern und Gemüsegärten, kein urbares Fleckchen bleibt unbebaut, und urbar ist jedes auf diesem fruchtbaren Boden, der nie der Ruhe bedarf, weshalb man auch nirgend brachliegende Felder erblickt.

Das Land bringt seinem Besitzer gewöhnlich zwei Ernten in einem Jahre, zuweilen auch drei, je nachdem es bebaut wird; den Erbsen folgen unmittelbar Kohlpflanzen und ähnliche Küchengewächse, und kaum ist der Roggen in die Scheuer gebracht, so wird das Stoppelfeld umgepflügt und mit Rüben besäet. So geht es immerfort im ewigen Kreislauf. Die allernährende Erde hört nie auf, den Fleiß dieser arbeitsamen Menschen mit ihrem reichsten Segen zu belohnen; vom Februar bis tief in den November hinein grünen Feld und Garten und bringen Früchte, nirgend ein sichtbarer Stillstand in dem wohlthätigen Walten der Natur.

Wiesen sieht man selten, dazu ist der Boden zu kostbar, aber destomehr üppig gedeihende Kleefelder, deren Duft nebst dem der blühenden Bohnenfelder sich im Juni mit dem der blühenden Reben vereint und das ganze Land mit berauschendem Wohlgeruch erfüllt.

Nur Eines vermißte ich ungern in diesem sonst so reich ausgestatteten Lande, die Pracht der grünen weitschattenden Wälder und einzelner hoch zum Himmel aufragender alter Bäume. Was man hier Wald nennt, ist nur Gebüsch mit wenigen höheren Bäumen untermischt, bei denen man an die majestätischen Eichen, die hohen prächtigen Buchen des nördlichen Deutschlands gar nicht denken darf. Wären die Steinkohlengruben in der weniger von der Natur begabten Nachbarschaft des Niederrheins nicht, man könnte, unerachtet des wärmeren Klimas, hier im Winter aus Mangel an Holz zu erfrieren fürchten; doch durch diese ist auch für dieses Bedürfniß von der diesem Lande besonders günstigen Erhalterin aller Wesen reichlich gesorgt, selbst für den ärmsten Bewohner desselben, indem sie Schifffahrt auf dem Rhein den Transport des nöthigen, an sich sehr wohlfeilen Brennmaterials ungemein erleichtert.

Auch die lebendige Staffage der schönen buntgefleckten Kühe, der muthig den Boden stampfenden, vor Lust wiehernden Pferde auf Wiesen und im Herbste auf abgemähten Feldern, an die mein nordisches Auge von Jugend auf gewöhnt wurde, vermisse ich hier. Viehzucht wird hier nicht betrieben, die paar Kühe, welche der Landmann für seinen Hausbedarf hält, bleiben im Stalle, und wer nicht besonders darauf ausginge, könnte hier Jahre lang auf dem Lande leben, ohne eine einzige derselben zu Gesichte zu bekommen. Auch Pferde sind hier selten, zum Fuhrwerk kann man, der Nähe des Rheines wegen, sie entbehren, der Weinbauer bedarf ihrer nicht, und die Feldarbeit wird meistens durch Zugochsen betrieben, deren Anzahl unglaublich gering ist, weil ein Nachbar sie vom andern borgt, wenn er ihrer bedarf. In einzelnen Dörfern und kleinen Städtchen, wie zum Beispiel in Unkel, ist oft nur ein einziges Pferd und ein Zugochse anzutreffen. Daß die Postpferde und Equipagen der vornehmen Gutsbesitzer dabei nicht in Anschlag kommen, brauche ich wohl nicht besonders zu erwähnen.

Das Hirtenamt ist hier ein fast nicht gekanntes; nur selten sieht man am Abhänge zum Weinbau untauglicher Berge eine kleine Heerde Schafe und einige Ziegen unter der Aufsicht eines Knaben weiden; nirgend wackelt eine Gesellschaft laut durcheinander schnatternder Gänse, von einem sie gouvernirenden Mädchen geführt, dem Wanderer entgegen, denen man in nördlicheren Gegenden in so zahlreicher Menge begegnet; der fruchtbare Boden bietet keine Triften für sie, und diese nützlichen Thiere werden hier wenig geachtet, da Federbetten ein dem gemeinen Mann fast unbekannter Luxus sind; nur hie und da in verschlossenen Höfen werden einige von ihnen zum Martinsbraten gezogen. Dieser völlige Mangel an Hausthieren gibt der Gegend, besonders den Dörfern, einen ganz eigenen Charakter von Abgeschiedenheit und Stille, der dem nicht daran Gewöhnten anfangs recht auffallend wird. Kein Geläute der Kuhglocken, kein Gebrülle der ausziehenden oder heimkehrenden Heerden, keine Hirtenschalmei verkündet den Eintritt der verschiedenen Tageszeiten, wie in anderen Gegenden Deutschlands, oder wie in der Schweiz, wo die Kühe beinahe wie Glieder der Familie betrachtet und behandelt werden.“

So mag man sich also auch die wirtschaftlichen Verhältnisse in Muffendorf im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts vorzustellen haben. Eines der wenigen literarischen Zeugnisse der Zeit, das sich mit dem Leben in den rheinischen Dörfern beschäftigt. Für Muffendorf liegt bisher keine grafische Abbildung aus dieser Zeit vor. Aber ein sehr hübscher Stich von Peter Becker und Jacob Ludwig Buhl aus dem „Malerischen Rheinalbum. Nach Originalzeichnungen von Peter Becker litho. von J. L. Buhl. In Farbe gedruckt bei E. G. May & Wirsing Frankfurt a. Main“ (um 1855) zeigt einen Blick über das Dorf Poppelsdorf über das Poppelsdorfer Schloß hinweg Richtung Bonn. Ähnlich hat man sich das kleine Muffendorf in dieser Zeit vorzustellen (StadtMuseum Bonn, SMB 1991/B19, Foto: Herzog).

Der 1813 in Muffendorf geborene Maler Peter Schwingen († 1863 in Düsseldorf) mag als Knäblein noch manche rheinische Idylle im Dorf erlebt haben. Seine Genrebilder halten die Erinnerung daran wach, sie sind Dokumente rheinischer Bräuche und rheinischen Lebens in vormoderner Zeit.

1836 wird auf dem Hof seiner Eltern in Muffendorf Herman Kortum (†24. September 1904) geboren, der später ein bekannter und allseits beliebter Mathematikprofessor an der Bonner Universität wurde. Im Nachruf wird sein unbestechlich klarer Blick, seine Eigenständigkeit im Denken, seine Warmherzigkeit und sein Humor hervorgehoben, er gilt als ein rheinisches Original.

Hauptstraße Nr. 56 (um 1920)
Abb. 30: Hauptstraße Nr. 56 (um 1920)

Die Muffendorfer Winzer bauten bis  etwa 1890 vorzugsweise blaue Burgundertrauben an, der Wein daraus hatte einen guten Markt. Frühburgunder wird noch heute an der Ahr angebaut und findet seine Liebhaber. In Muffendorf brachten Anbauversuche mit Früh- und Spätburgunder in den 1970er und 1980er Jahren keine guten Ergebnisse, so dass weitgehend auf eine pilzunempfindliche Neuzüchtung, die Sorte Regent, umgestellt wurde, die heute mit viel Erfolg als „Muffendorfer Klosterberg“ an- und ausgebaut wird. Zum landwirtschaftlichen Wohlstand im 19. Jahrhundert trugen auch die Muffendorfer Pfirsiche bei: „Eine schöne Anekdote existiert für die Ausbreitung der Pfirsichkultur um Muffendorf bei Bonn. Demnach soll ein junger Mann 1830 in einem Kölner Delikatessengeschäft „zwei prachtvolle französische Pfirsiche“ erworben und die Steine dieser Pfirsiche im elterlichen Garten vergraben haben. Durch die finanziellen Erfolge, die mit den Nachkommen dieser Pfirsiche erzielt wurden, breitete sich die Pfirsichkultur im Raum Muffendorf schnell aus. Zur Zeit der Pfirsichblüte war Muffendorf in ein Meer von intensiv rosafarbenen Blütenwolken getaucht und wurde zum Ausflugsziel der Bonner  und Godesberger Bevölkerung. Große Tanzsäle in den alten Gaststätten Schneider-Rausch (Kleine Beethovenhalle) und der „Post“ (heute ein privates Wohnhaus) künden noch heute von ausgelassen Festivitäten anlässlich der Pfirsichblüte. Der Verleger Alexander Duncker schreibt in seiner großartigen Sammlung der Adelssitze in Preußen über Muffendorf: „Das Rittergut Muffendorf, ein zusammenhängendes Grundeigentum von pp. 700 Morgen des vorzüglichsten Bodens, eine Meile von Bonn vis a vis von Königswinter, zählt zu den schönsten Punkten des Höhenzuges, welche sich als Ausläufer des sogenannten Vorgebirges am linken Rheinufer zwischen Godesberg und Rolandseck erstreckt. Wenn der Wanderer dort, wo die alte Heerstrasse von Eckendorf mündete und wo gegen Ausgang des 9. Jahrhunderts die wilden Schaaren der Normannen plündernd und verwüstend vorbeigezogen, das an der Höhe sanft aufsteigende Dorf betritt, öffnet sich ihm eine herrliche Aussicht auf die gegenüberliegenden Kuppen des Siebengebirges und in die Thalgrunde, welche rechts und links Lannesdorf, Ober- und Nieder-Bachem und die übrigen Ortschaften des ehemaligen Ländchens Drachenfels umsäumen“. Ein liebenswürdiges Urteil, das den scharfen Blick Dunckers für die landschaftlichen Schönheiten dokumentiert.

German Hubert Christian Maaßen schreibt in seiner Geschichte der Pfarreien des Dekanates Bonn zu Muffendorf: „Das Pfarrdorf mit dem Heiderhof und der am Godesberger Bach gelegenen Wattendorfer Mühle hat nach dem Handbuch der Erzdiözese von 1895 im Ganzen 870 katholische Einwohner, 6 Protestanten, 4 Israeliten“ (S. 286). Das wären insgesamt also 880 Einwohner.

1896 kaufen Valentin Pfeifer und sein Schwiegersohn Joseph Mayer die Kommende und bauen sie zum Wohnsitz um.

Blick über Muffendorf auf das Siebengebirge von der Cäcilienhöhe aus (nach 1910)
Abb. 31: Blick über Muffendorf auf das Siebengebirge von der Cäcilienhöhe aus (nach 1910)

Das 20. Jahrhundert

Muffendorfer Gringsgässer (2005); Pfirsichblüte an der Kosterbergstraße (um 1920)
Abb. 32 & 33: Muffendorfer Gringsgässer (2005); Pfirsichblüte an der Kosterbergstraße (um 1920)
Muffendorf-Panorama vom Lyngsberg bis zur Stella Rheni
Abb. 34: Diese Postkarte, die 1915 in Godesberg abgestempelt wurde, haben freundlicherweise Maria und Johannes Schwind zur Verfügung gestellt. Beeindruckend das Panorama vom Lyngsberg bis zur Stella Rheni. Unten die neue St. Martinskirche, das Gasthaus Schneider-Rausch und die Kleine Beethovenhalle. Die Postkarte fand ihren Weg nach Berlin und wieder zurück nach Muffendorf.

1915 wurde Muffendorf Stadtteil von Godesberg und erhielt in der Folge die erste moderne Frisch- und Abwasserinfrastruktur. Während des Zweiten Weltkrieges hatte Muffendorf recht wenige Schäden an der Bausubstanz erlitten. Allerdings waren viele Männer aus Muffendorf in den Krieg gezogen, die nicht wieder zurückkehrten. Der Opfer beider Kriege gedenkt man am Ehrenmal bei Alt St. Martin. Ein Stolperstein, eingelassen in den Bürgersteig vor dem Haus Nr. 20 in der Klosterbergstraße, erinnert an die deportierte und im KZ ermordete Muffendorfer Jüdin Jetta Sommer, Witwe des Metzgers Sommer, der in der Klosterbergstraße seine Metzgerei geführt hatte (zu diesem gesamten Themenkomplex vgl. Bonner Geschichtswerkstatt, Stand vom 7.5.2012). Eine notwendige Erin­ne­rung daran, dass auch Muffendorf vom langen Arm der Menschen verachtenden Naziideologie und deren Verbrechen heimgesucht wurde.

Im Jahr 1949 wurde Bonn (provisorische) Bundeshauptstadt, Muffendorf mauserte sich zum begehrten Wohnort und wurde 1969 im Zuge der kommunalen Neuordnung Teil der Stadt Bonn. Die Kommende kam zu Beginn der 50er Jahre in den Besitz des Staates Belgien und wurde zur Residenz des belgischen Botschafters umgebaut. 2007 bis 2009 wurde sie gründlich saniert, um zwei Flügel im Hof erweitert und bietet nun ein überaus gepflegtes Wohnambiente. In den 60er, 70er und 80er Jahren wurden zahlreiche Fachwerkhäuser und –höfe in Muffendorf liebevoll saniert und diese bilden bis heute ein einmaliges Ensemble im Rheinland. (Ein kurzer Bericht zu den Ausgrabungen, die in Vorbereitung auf die Sanierung der Kommende im Jahre 2005 stattfanden, findet sich bei: Kobe, Janina und Volsek, Jörg: Archäologische Untersuchungen in der Muffendorfer Kommende, in: Godesberger Heimatblätter 45, S. 31)

Blick in die Muffendorfer Hauptstraße von Norden (2001); Romantik pur in der Klosterbergstraße (2005)
Abb. 35 & 36: Blick in die Muffendorfer Hauptstraße von Norden (2001); Romantik pur in der Klosterbergstraße (2005)
Hotel Miramonti (um 1920)
Abb. 37: Hotel Miramonti (um 1920)

Eine ebenso kurze wie heftige Episode sollte die Zeit des „Underground“ in Muffendorf werden und nicht in Vergessenheit geraten: Im ehemaligen Gasthof „Zur Alten Post“ in der Muffendorfer Hauptstraße Nr. 27-29 entstand Anfang der 70er Jahre Juppi Schäfers Rockschuppen „Underground“. Zahlreiche Rocklegenden traten hier auf und machten den „Underground“ zum Mekka der Musik begeisterten Jugend nicht nur im Rheinland: Status Quo, Can, Man, Nektar, Queen (am 13. Oktober 1973), Uriah Heep, Scorpions (23. November 1974) und Wolfgang Niedecken und Band spielten hier. Leider war der Begriff „Schuppen“ nicht nur im übertragenen Sinne zutreffend, so dass diese Einrichtung der Musikpflege nach behördlichen Auflagen zum 31. März 1975 zum Bedauern vieler junger Rockfans und zur Zufriedenheit zahlreicher Anwohner geschlossen wurde. Das Gebäude wurde liebevoll instandgesetzt und zum Wohnhaus umgebaut.

1988 beging Muffendorf die 1100-Jahr-Feier mit großen Festivitäten, u.a. fand ein historischer Festzug statt, an den sich die Muffendorfer bis heute gerne erinnern. Zahlreiche Vereine beteiligten sich, denen hier eine kurze Darstellung gewidmet sei: 1863 wurde der Männergesangverein „Freundschaftsbund“ gegründet, 1892 dann der Kirchenchor „St. Cäcilia“, damit die Einweihung der neuen Kirche gebührend musikalisch begleitet werden konnte. 1908 entstand der Junggesellenverein „Frohsinn“.

1922 erhielt Muffendorf ein eigenes Tambourkorps mit Namen „Rheinklänge“. 1946 entsteht die KG „Bergfunken“,1948 der Muffendorfer Bauernverein, 1958 der Sport-Club Muffendorf,1966 die KG „Blau-Gold“ und der Brieftaubenverein, 1968 der Tischtennisclub, 1982 „Verein der Freunde und Förderer Muffendorfs“, 1986 der Kleintierzüchterverein. 1994 die „Peter-Schwingen-Gesellschaft“. Bis heute tagt ein Ortsausschuss, um die öffentlichen Belange des Dorfes zu vertreten, im Jahr 2011 hat sich ein Verein etabliert, der sich zum Ziel gesetzt hat, Muffendorfer Aktivitäten wie die Muffenale zu unterstützen.

Der Winzerverein des 19. Jahrhunderts war mit dem Niedergang des Erwerbs-Weinbaus durch den Befall der Reblaus bereits um 1900 in Auflösung begriffen gewesen. Ein informeller kleiner Winzerverein hat sich heute rund um das Kelterhaus in der Gringstraße gebildet, wo man gemeinschaftlich die Muffendorfer Trauben (Regent) zu einem feinen Rotwein ausbaut.

Im Jahr 2013 werden seit der ersten urkundlichen Erwähnung von Alt St. Martin 1100 Jahre vergangen sein. Ein willkommener Anlass des Gedenkens.

Milljöhsitzung der GKG Bergfunken (2010); Prunksitzung der KG Blau Gold (2011); Maiansingen auf dem Remi-Bart-Platz (2006); Fronleichnamsprozession in der Muffendorfer Hauptstraße (2007); Schürreskarrenrennen in der Muffendorfer Hauptstraße (2009); Großes St. Martinsfeuer auf dem Remi-Baert-Platz (2010)
Abb. 38-43: Milljöhsitzung der GKG Bergfunken (2010); Prunksitzung der KG Blau Gold (2011); Maiansingen auf dem Remi-Bart-Platz (2006); Fronleichnamsprozession in der Muffendorfer Hauptstraße (2007); Schürreskarrenrennen in der Muffendorfer Hauptstraße (2009); Großes St. Martinsfeuer auf dem Remi-Baert-Platz (2010)

Damit wäre ein Zeitraum von ca. 170.000 Jahren überwunden, zwar sind nur wenige Fundstücke aus vorgeschichtlicher Zeit auf uns gekommen, darunter aber Artefakte von großer Aussagekraft, die eine Kontinuität der Nutzung und Besiedelung belegen, die so sicher nur selten zu finden ist. Und noch eines wird am Beispiel Muffendorfs deutlich: die im 20. Jahrhundert von bedeutenden Historikern geführte Diskussion um den Übergang von der Antike zum Mittelalter kann durch die Siedlungsgeschichte Muffendorfs eindrucksvoll erhellt werden. Die Theorie Franz Steinbachs, dass die fränkischen Einwanderer sich zunächst in aufgelassenen römischen Villen und Gutshöfen angesiedelt haben, sich mit der noch hier lebenden Bevölkerung arrangiert haben und eine neue Kultur daraus hervorgegangen ist, wird hier am dörflichen Beispiel auch anhand neuer Grabungsbefunde augenscheinlich. Trotz mannigfaltiger Brüche durch Überfälle und Kriegseinwirkungen, die das Rheinland immer wieder getroffen haben, teils in einem Jahrhundert mehrfach, blieb Muffendorf bevorzugter Siedlungsort über diesen langen Zeitraum hinweg, der hier annäherungsweise beleuchtet wurde.


Bildnachweis: Abb. 18, 20, 23-25, 28, 30-31, 33, 37 mit freundlicher Genehmigung des Vereins für Heimatpflege und Heimatgechichte Bad Godesberg e.V.; Abb. 17, 19, 21-22, 26-27, 29, 32, 35-36, 38-43 Lars Bergengruen; Abb. 34 mit freundlicher Genehmigung von Maria und Johannes Schwind

Pia Heckes, 7. Januar 2016

Die „Entdeckung“ Muffendorfs in der Malerei des 19. Jahrhunderts

Vergessene Schätze – Anmerkungen zum Schicksal der Gemäldesammlung des Constantin Hoelscher sowie ein Exkurs über die Sammlung Aders in Godesberg

Christian Eduard Boettcher: Blick über Muffendorf, 1877

Ein schöner Zufallsfund aus der „Sammlung Rheinromantik“ interessierte zunächst hauptsächlich wegen der Darstellung Muffendorfs um 1877 und wegen des dokumentarischen Wertes der Darstellung des Dorfes, die, soweit bis heute bekannt, einzigartig ist.

Es stellen sich viele Fragen zum Gemälde:

Wie kam es zu diesem außergewöhnlichen, wenn nicht gar einzigartigen Bildthema?

Was oder wer mag Boettcher nach Muffendorf gezogen haben?

Wer mag der Auftraggeber gewesen sein?

Dazu folgende Überlegungen.

Eduard Boettcher (*1818 Imgenbroich/Monschau – †1889 Düsseldorf, 1844-49 Schüler von Theodor Hildebrandt und Friedrich Wilhelm von Schadow in Düsseldorf) gehörte zu den sehr begabten Malern seiner Zeit. Imgenbroich (bei Monschau) war seit dem 18. Jahrhundert eine Gemeinde, die sich durch wohlhabende Tuchmacher auszeichnete, die dem kleinen Ort durch die großen, vornehmen Häuser einen städtischen Charakter verliehen. Heute ist davon kaum etwas zu ahnen, denn 1944/45 ging die alte Bausubstanz im Granatbeschuss nahezu vollkommen unter. Da Imgenbroich erst 1830 eine erste eigene Schule erhielt, muss Boettcher wohl privaten Unterricht erhalten haben. Zunächst als Lithograph ausgebildet, wechselte er später zur Malerei und ging 1844 zur Akademie nach Düsseldorf. In dieser Zeit mag er auch die Gemälde Peter Schwingens (*1813 †1863) mit der liebevollen Schilderung des Landlebens kennengelernt haben. Schwingens Bildthemen beruhen häufig auf Impressionen aus der Kindheit und Jugend Schwingens in Muffendorf, wo dieser noch während der Napoleonischen Herrschaft geboren wurde. Einige der Bilder Boettchers erinnern an Schwingens Kinderbilder, sind aber mehrere Jahre später als diese entstanden.

Auch durch einen direkten Kontakt mit Schwingen hätte Boettcher durchaus auf Muffendorf aufmerksam werden können, da Schwingen in der Zeit, als Boettcher die Düsseldorfer Akademie besuchte, ein vielbeschäftigter Maler im Umfeld der Akademie und Gründungsmitglied des Malkastens war.

Ab 1872 war Boettcher Professor an der Düsseldorfer Akademie und gehörte zu den etablierten Malern seiner Zeit. Gut möglich wäre es, wenn er ebenfalls Kontakte nach Godesberg gehabt hätte, wo zahlreiche Kunden der Düsseldorfer Malerschule ihre Sommerhäuser und Villen hatten, insbesondere Industrielle aus Köln, dem Ruhrgebiet und aus dem Tal der Wupper. Vielleicht war auch er einmal Gast im Hotel Zum Adler gewesen und hatte auf diesem Wege den kunstbegeisterten Godesberger Hotelier Constantin Hoelscher sen. (*1829 †1892) kennengelernt. Dazu später mehr.

Jedenfalls kann man das großartige Landschaftsgemälde von 1877, das den Blick etwa von der südlichen Wacholderhöhe (die im Gemälde durch die aufrecht wachsenden Wacholderbüsche gut und eindeutig gekennzeichnet ist) über Muffendorf und das „Muffendorfer Feld“ und über den Rhein auf das Siebengebirge zeigt, als ein geradezu programmatisches Bild für die späte Rheinromantik und die Entdeckung der Rheinlandschaft für den Tourismus des späten 19. Jahrhunderts bezeichnen. Das Gemälde bleibt nicht im Konventionellen, im Formelhaften der massenhaften Rheindarstellungen des frühen und mittleren 19. Jahrhunderts stecken. Es ist ein Landschaftsporträt, dem es gelingt, das „Gesicht“ des Rheintals und des Siebengebirges genau zu erfassen.

Als sehr gegensätzliches Beispiel kann man hier anführen das Gemälde von Julius Lange von 1850, das etwa von einem ähnlichen, wenn nicht sogar vom gleichen Standort aus den Blick auf den Drachenfels frei gibt, freimütig aber verschiedene Standorte und Sujets (Landschaft, Ruine, Staffage, Dorf) miteinander verknüpft und so ein feines Landschafts-Capriccio schafft, das aber keineswegs der Realität entspricht. Die romanische Burg rechts ist eine der Phantasie des Malers entsprungene Ergänzung, die Insel, die man im Rhein liegen sieht, liegt zu weit nördlich vom Drachenfels, als dass es Nonnenwerth sein könnte. Nur der kleine Kirchturm im unteren linken Viertel des Bildes könnte ein Hinweis auf Muffendorf sein. Dies ist ein Gemälde, das die Rheinromantik mit einer in der Phantasie des Malers entstandenen Ideallandschaft in großartiger Weise feiert. Es entspricht einer Rheinromantik, wie sie das frühe 19. Jahrhundert geprägt hatte. Die Landschaft der Ritterburgen und –sagen, die heroische Landschaft, wie die frühen Touristen sie zu erleben suchten. Und wie zahlreiche Maler sie in Bildern zu idealisieren suchten.

Im Laufe des Jahrhunderts wandelte sich der Blick auf die Landschaft. Der Realismus brach sich Bahn in der Malerei.

Um 1850 noch war Julius Lange ganz gefangen in der literarisch geprägten Romantik, 1877 war Christian Eduard Böttcher im Realismus angekommen.

Julius Lange, Am Rhein bei Nonnenwerth, 1850

Das Gemälde Boettchers entspringt dagegen einer moderneren Geisteshaltung. Die Landschaft muss nicht mehr idealisiert werden, um in ihrer Großartigkeit erfasst zu werden. Natur und Landschaft werden begriffen und dargestellt als ein hohes Gut. Mit der höchstmöglichen Realität wird eine Stimmung erzeugt, die der aufmerksame Betrachter so tatsächlich zuweilen erleben kann. Das Gemälde zeigt einen frühen Sommerabend, die Sonne sendet letzte rötliche Strahlen über das Land, der Mond ist schon über dem Siebengebirge aufgegangen und es herrscht eine friedliche und zugleich großartige, warme Feierabendstimmung. Das Siebengebirge zeigt sich in seiner ganzen verschwenderischen Pracht mit hell leuchtenden Weinbergen, bewaldeten Hügeln und schroffen Felsen in klarem Frühabendlicht. Die ganze Lieblichkeit der rheinischen Landschaft fließt in diesem romantischen Gemälde, das ein recht genaues Abbild der Landschaft ist, zusammen. Die heiter-gelöste Stimmung des Gemäldes spiegelt wieder, was nach der Reichsgründung 1871, als der preußische König zum deutschen Kaiser gekrönt wurde, zur vorherrschenden Stimmung wurde: Aufbruch in eine moderne Zeit, mitten darin das Rheinland mit seinen touristisch vermarktbaren Sehenswürdigkeiten und der lieblichen Weinlandschaft, die sich so deutlich von der „märkischen Streusandbüchse“ Brandenburgs unterschied. Boettchers Gemälde strahlt pure Begeisterung aus.

Und welch’ ein Gegensatz zu dem etwa gleichzeitig entstandenen Gemälde „Eisenwalzwerk“ (1872-75) von Adolph von Menzel (*1815 †1905)! Hier das wimmelnde, gefährliche, chaotische Geschehen in der Eisenindustrie, das von manchem Zeitgenossen als bedrohlich empfunden wurde, dort die liebliche Landschaft des Rheintals, die als reales irdisches Elysium den perfekten Gegensatz zur hochindustrialisierten Welt mit ihren unterweltlich scheinenden Maschinengefahren bot.

Adolph von Menzel, Eisenwalzwerk, 1872-75 (Foto: Google Cultural Institute)

Adolph von Menzel war Zeitgenosse Boettchers und gehörte wie Paul Heyse (*1830 †1914), der in der Novelle „Das Ding an sich“ auch den Schaumburger Hof und die Wirtstöchter Mundorf am Rhein liebenswürdig geschildert hat, zur Berliner Literaten- und Künstlergruppe „Tunnel über der Spree“. Über Heyses Zeit am Rhein (1849-50) und seinen dreißig Jahre später erfolgten Besuch im Adler berichtet Heinrich Hoelscher in „Die Mußestunde“ vom 22. Januar 1927, dass Heyse um 1880 herum seiner Mutter, dem verehrten „Gretchen von Plittersdorf“, eine Ergänzung ins Stammbuch geschrieben habe. Liebenswürdiger hat wohl kaum je ein Dichter seiner fröhlichen Studentenzeit am Rhein gedacht:

„So erklang’s am alten Rhein,
Wo ich oft die stillen Pfade
Einsam ging im Mondenschein
Längs dem rauschenden Gestade.
Noch den Nachglanz im Gemüte
Von des holden Mädchens Güte
Dann in freudetrunkenem Sinn
Sang ich schwärmend vor mich hin,
Worte, die der Wind verschlang.
Wenige wurden aufgeschrieben.
Alte Zeit und junges Lieben
Wachen auf bei ihrem Klang.

Frau Margarethe Hölscher geb. Mundorf von ihrem alten Freunde und Verehrer Paul Heyse“.

Heinrich Hoelscher berichtet, dass Heyse, der spätere Literatur-Nobelpreisträger (1910), seiner Mutter in den Jahren 1849 und 1850 aus „Francesca von Rimini“ vorgelesen und gerne ihren Erzählungen über Freiligrath und Geibel gelauscht habe. Dass Heyse um 1880 im „Adler“ abgestiegen war, unterstreicht die Bedeutung des Hauses für das Rheinland. Verfasst hatte Heyse die Novelle „Das Ding an sich“ im Jahr 1876, dem Todesjahr des rheinischen Germanisten Karl Simrock. Die Novelle erschien aber erst in einem Sammelband im Jahr 1879. Die Nachricht von Simrocks Tod gab wahrscheinlich die Anregung zur Novelle; in seinen Lebenserinnerungen schildert Heyse die erste Begegnung mit Simrock ausführlich, die sich ihm tief eingeprägt haben wird, weil er sich eine inkompetente Äußerung geleistet hatte, die ihm zutiefst peinlich Simrock gegenüber war. Dass er um 1880 im Adler zu Godesberg logierte, hat möglicherweise mit der Vorstellung seines Buches mit der Novelle „Das Ding an sich“ zu tun?

Godesberg war um 1876/77 ein Thema geworden, das Künstler, Maler wie Schriftsteller, inspirierte. Die Eisenbahnlinie nach Rolandseck trug ganz wesentlich zur „Erschließung“ bei und beschleunigte die Entwicklung vom „Reisenden“ zum „Touristen“. Ein gemaltes Dokument dieser Entwicklung besitzt das Siebengebirgsmuseum in Königswinter.

Nikolaus Christian Hohe (?), Blick vom Drachenfels auf das rechte Rheinufer und die Villa Deichmann, um 1850 (Siebengebirgsmuseum Königswinter)

Dieses Gemälde, das Nikolaus Christian Hohe (*1798 †1868) zugeschreiben wird, zeigt eine außergewöhnliche Perspektive auf das Rheintal. Vom Drachenfels blickt man über den Rhein und die Deichmans Aue auf die Godesburg und die Hügel des Vorgebirges. Am linken Bildrand sieht man angedeutet Muffendorf am Abhang des Lyngsberges, mit dem charakteristischen Turm der alten St. Martinskirche. Am rechten Rand sieht man die Godesburg mit der herausragenden Häuserzeile an der heutigen Kurfürstenallee und das Von-Rigal’sche Anwesen.

Detail aus dem „Hohe“-Gemälde mit der Muffendorfer Kirche, deren Kirchturm wie eine Landmarke vor dem grünen Wiesenland steht

Viele liebevoll ausformulierte Details zeigen für den Rhein typische Ereignisse. Zum einen fällt das riesige Holzfloß auf. Diese Flöße wurden von bis zu 500 Männern Besatzung den Rhein hinab gefahren, um das Holz in Köln oder in den Niederlanden günstig versteigern zu können. Der Rhein erscheint hier als Güterverkehrsweg. Einige Segelboote und die Fähre verdeutlichen, dass der Fluss zum sicheren Verkehrsweg geworden ist. Eine Entwicklung, die aber erst der Schaffung einer „Zentralen Rheinstromverwaltung in Koblenz“ unter Eduard Adolph Nobiling (*1801 †1882) im Jahr 1851 zu danken war, und die bei der Fertigstellung der Eisenbahnlinie zwischen Bonn und Rolandseck (1858) noch längst nicht vollendet war, aber in diesem Gemälde bereits vorweggenommen scheint. (Zur Geschichte der Schifffahrt aus dem Rhein siehe folgenden Link)

In der Rheinebene braust ein Dampfzug über die neue Strecke Bonn – Rolandseck. Diese Zugverbindung war erst 1858 fertiggestellt, wahrscheinlich hat der Maler auch dieses Ereignis vorweggenommen, denn die Trasse der Bahn verläuft realiter viel näher am Rhein. Im Vordergrund sieht man eine Touristengruppe zu Fuß und auf dem Eselsrücken den Drachenfels erwandern. Es ist ebenfalls ein als programmatisch für die Rheinromantik zu bezeichnendes Gemälde, das allerdings einen außergewöhnlichen Blick auf die Rheinebene bei Godesberg zeigt. Über Maler und Auftraggeber dieses Gemäldes ist nichts bekannt. Es will aber wahrscheinlich scheinen, dass es aus dem Umfeld der Familie Deichmann stammt, deren Anwesen in der „Mehlemer Aue“ so augenscheinlich liebevoll porträtiert wurde. Für die Zuschreibung zu Hohe spricht auch, dass es weitere bekannte Werke Hohes zum Deichmann’schen Besitz in der Aue gibt.

Zurück zum Gemälde Boettchers von 1877: Was verrät es uns? Im Mittelpunkt des Muffendorf-Bildes befindet sich ein offenbar neu angelegter Fahr- und Fußweg vom Dorf auf die Höhe. Dass der Weg neu geschaffen wurde, ist daran zu erkennen, dass die Geländeaufschlüsse rechts und links vom Weg noch nicht wieder bewachsen sind, der Mutterboden liegt teilweise frei. Links am Wegesrand steht ein kleines Kapellchen, dem sich gerade zwei Kinder widmen. Auf dem Weg schreitet aufrecht und munter eine Frau mit einem Korb auf dem Kopf bergan. Der Weg scheint also nicht allzu steil angelegt zu sein. Selbst mit einer Last auf dem Kopf lässt er sich noch gut bewältigen. Der Blick des Betrachters schweift über das alte Muffendorf, dessen zwei Siedlungskerne hier ganz deutlich zu erkennen sind: Das Oberdorf rund um den „Lehnpütz“ und der Teil an der alten St. Martinskirche, deren Turm den optischen Mittelpunkt des Gemäldes markiert. Die Häuser an der Hauptstraße sind aus kompositorischen Gründen durch die hohen Kiefern am linken Bildrand verdeckt. Die Dächer des Dorfes sind alle schon mit Ziegeln gedeckt, ein gewisser bäuerlicher Wohlstand ist zu erkennen.

Im Tal auf den Feldern markieren Heugarben, dass der Sommer schon weit vorangeschritten ist. Es ist Erntezeit. Der Lyngsberg liegt wie ein schützender Wall im Süden des Dorfes, das in einem sanften Talkessel gut geschützt vor kalten Winden liegt. Eine Obstwiese deutet den landwirtschaftlichen Nutzen an. Die Bäume im Park der Kommende sind bereits hochgewachsen und bilden eine auffällige Einrahmung der alten kleinen Kirche. Der Maler muss das so gesehen haben, sonst hätte er die einmalige Stimmung des Lichts so nicht mit den örtlichen Gegebenheiten in Einklang bringen können.

Am rechten Rand des Bildes befindet sich eine hoch gewachsene Eiche, die das Gemälde zum rechten Rand hin abschließt und ein Hinweis auf die Cäcilienhöhe ist, wo es eine „Friedenseiche“ gab. Ab 1870 bot der Wirt Johann Monschau mit seinem Ausflugslokal „Cäcilienhöhe“ hier im Sommer Erfrischungen an. Das Lokal entwickelte sich später zum bundesweit bekannten Hotel-Restaurant „Cäcilienhöhe“, das für die junge Bundesrepublik eine wichtige Rolle spielte. (Anm. 1)

Die „Cäcilienhöhe“ kann stellvertretend für zahlreiche andere Ausflugslokale die Bemühungen illustrieren, Godesberg im 19. Jahrhundert zu einem Anziehungspunkt für das ganze Rheinland zu machen. Wilhelm (Robert) Langewiesche schrieb 1874: „Ungemein lohnend aber ist die Ersteigung der Muffendorfer Höhe, an ihrem schönsten Punkt ‚Cäcilienhöhe’ genannt… Auf der Cäcilienhöhe befindet sich nicht nur eine Mooshütte des Verschönerungsvereins, sondern auch eine Sommerwirtschaft. Die Aussicht hier ist weit und prachtvoll, besonders entzückend, wenn das Siebengebirge wechselnde Beleuchtung hat… Dicht über der Cäcilienhöhe beginnt die Bergwaldung in welcher sich schöne Promenaden im Schatten machen lassen, zunächst an einem sehr großen von Fürstenberg’schen Hirschparke vorbei, durch dessen hohe Umzäunung hindurch man oft das Wild in guter Anzahl sich herumtreiben sieht.“ (Anm. 2)

Kleinpass schreibt, dass man sich damals mit einem Wagen für einen Taler einspännig oder für einen Taler zehn Silbergroschen zweispännig zur Cäcilienhöhe fahren lassen konnte. Auch gab es die Möglichkeit, auf dem Rücken eines Esels dorthin zu gelangen. Das kostete einschließlich Eselsführer 15 Silbergroschen. Im gleichen Jahr als der Gaststättenbetrieb dort oben aufgenommen wurde, ist ein neuer Weg dorthin angelegt worden, denn wie Kleinpass berichtet, beriet der Gemeinderat von Muffendorf am 9.4.1870 über den Kauf und den Tausch von Wegeparzellen zur Cäcilienhöhe. (Anm. 3) Der Godesberger Verschönerungsverein hat sich ausweislich der Protokolle des Vereins um den Wegebau bemüht und auch verdient gemacht.

Die „Cäcilienhöhe“ warb auch mit der berühmten Muffendorfer Pfirsichbowle. Ein weiterer Beleg dafür, wie sehr der Pfirsichanbau die Wirtschaft am Ort beflügelt hatte. Jedenfalls scheint die „Cäcilienhöhe“ für die Erschließung der Höhen rings um Muffendorf eine Schlüsselfunktion gehabt zu haben. Um 1890 findet sich im Protokoll des Godesberger Verschönerungsvereins ein weiterer Hinweis auf Kosten für einen „Fahrweg nach der Muffendorfer Höhe“ (Anm. 4). Im gleichen Jahr erwarb Wilhelm Scheibler den Heiderhof und baute die Wirtschaftsgebäude wieder auf. 1891 bis 1893 erbaute Karl von der Heydt die Villa auf der Wacholderhöhe (heute „Stella Rheni“) und schenkte 1893 „die Wacholderhöhe“ (ein schönes Stück Wald mit einer kleinen Anhöhe) an die Stadt Godesberg. Die Höhenlagen oberhalb Muffendorfs wurden so erschlossen.

Die Erschließung Godesbergs durch die neu eröffnete Eisenbahnstrecke von Bonn über Godesberg nach Rolandseck (1855 bis 1858) brachte für Godesberg einen wirtschaftlichen wie kulturellen Aufschwung mit sich. Von Köln gelangte man nun in kurzer Reisezeit zu den Sommervillen am Rhein. Die entsprechende Infrastruktur entstand in wenigen Jahren, weil einflussreiche Unternehmer sich hier angesiedelt hatten und die wesentlichen Entscheidungen, wie den Ausbau der Bahnstrecke, voranbrachten. Wiedemann zählt in seiner „Geschichte Godesbergs“ diese Persönlichkeiten auf (S. 562), die sich praktischerweise die Bahnlinie vor ihre Sommerhäuser legen ließen. Dazu gehörte auch die Kölner Bankiers-Familie Deichmann, die sich den „Mehlemer Bahnhof“, der allerdings in der Gemarkung Lannesdorf liegt, praktisch an ihre Grundstücksgrenze in der sog. „Mehlemer Aue“ legen ließen, damit Wilhelm Ludwig Deichmann (*1798 †1876) nun täglich mit der Bahn nach Köln fahren konnte, um dort im Bankhaus Deichmann & Co. in der Trankgasse den Geschäften nachzugehen. Wilhelm Ludwig Deichmann hat das Zuhause in der „Mehlemer Aue“, die er 1836 von den Erben des Nicolaus Forstheim (Anm. 5) erworben hatte (seit 1934 „Deichmanns Aue“), sehr geliebt, er ist dort auch verstorben.

Die in Godesberg ansässigen Wirte und Hoteliers verstanden sich darauf, die Zeichen der Zeit zu nutzen und zu investieren. Auf die Geschichte des „Schaumburger Hofes“ und des „Godesberger Hofes“, wo immerhin auch der Schriftsteller Karl May abgestiegen ist (1901) (Anm. 6), ist in der stadtgeschichtlichen Literatur wiederholt hingewiesen worden. Interessant im Zusammenhang mit dem Gemälde Boettchers ist aber die Gründung des Hotels „Zum Adler“ neben der Alten Apotheke in Godesberg (heute Koblenzer Straße). Constantin Hoelscher, seit 1856 der Ehemann des „Gretchen von Plittersdorf“, Anna Margaretha Mundorf (*1823 †1888), hatte ein hübsches Vermögen als Geometer in Godesberg verdient, das er in den Ausbau der ehemaligen Villa Dr. Kerz investierte und dort 1860 das florierende Hotel „Zum Adler“ gründete, das noch heute existiert. Nachdem in Godesberg nach 1855 ein Haltepunkt der Eisenbahnlinie nach Rolandseck entstanden war, scheint der „Adler“ zur wahren Goldgrube geworden zu sein. Nach und nach legte sich Constantin Hoelscher eine Sammlung von Werken der Düsseldorfer Malerschule zu. Offenbar stiegen viele Maler aus Düsseldorf in seinem Hause ab, wenn sie ihre Kundschaft in Godesberg besuchten oder auf der Durchreise in die Eifel oder an die Ahr hier abstiegen. Denn zahlreiche Unternehmer aus dem Tal der Wupper, aus Köln und sogar aus Duisburg hatten sich Villen am Rhein erbauen lassen und waren als Kunden für die Maler wichtig. Für die Wuppertaler Unternehmer hat dies Horst Heidermann aufgearbeitet und eine erstaunlich ansehnliche Anzahl von Villen am Rhein nachweisen können. (Anm. 7)

Wiedemann schreibt über den „Adler“: „In diesem verkehrten außer Bonner Professoren und Studenten besonders Düsseldorfer Maler, die der für Kunst und Musik begeisterte Besitzer mit Vorliebe in seinem Haus sah. Er brachte eine ansehnliche Sammlung von Gemälden, Zeichnungen, Handschriften zusammen, die dem Hause verblieben, als es später noch in anderen Besitz überging.“ (Anm. 8)

Eine Postkarte aus der Zeit als Jean Koep bereits Besitzer des „Adler“ geworden war (er kaufte das Hotel wohl 1897/98), lässt -ein wenig undeutlich zwar – erkennen, dass die Wände der Gasträume dicht an dicht, besser Rahmen an Rahmen, mit Gemälden und Grafiken ausgestattet waren (oben links). Die Postkarte wurde mit den gleichen Motiven allerdings bereits früher verwendet, wie die Grußkarte des Constantin Hölscher jun. (*1861 †1921) von 1892 beweist. (Anm. 9)

Postkarte des Hotels „Zum Adler“ aus Godesberg mit den Gasträumen und Teilen der Kunstsammlung, rückseitig der Aufdruck „Hotel Zum Adler – Jean Koep“.

Auch diese Postkarte vom Sommer 1938 zeigt den Blick in einen Gastraum des Adler-Hotels voller Gemälde und Zeichnungen.

Bedauerlicherweise sind die Gemälde, wie oben bereits erwähnt, heute im Hause nicht mehr vorhanden, im Gegensatz zu den von Hoelscher sen. gesammelten Autographen, von denen noch etwa 20 an den Wänden hängen, wie Horst Heidermann festgestellt hat. (Anm. 10) An autographischen Sammelstücken und Einträgen im Gästebuch sind zu nennen: Ludwig XIV., August der Starke, Kaiserin Maria Theresia, Napoleon Bonaparte, Bismarck, Heinrich Heine, Robert Schumann, Alexander von Humboldt, Karl Simrock, Christian Friedrich Nasse, August Kekulé, Emanuel Geibel, Paul Heyse, Giuseppe Verdi, Johannes Brahms, Franz Liszt, Ernst Moritz Arndt. (Anm. 11)

Der Verbleib der Kunstsammlung Hoelscher ist bisher nicht aufzuklären. Anscheinend ist manches nach 1972 „versilbert“ worden und so in den Kunsthandel gelangt. (Anm. 12) Die Reihenfolge der Eigentümer stellt sich folgendermaßen dar: 1897/98 kaufte Jean Koep das Hotel von den Kindern des Hoelscher sen. (Constantin, Heinrich, Gertrud). 1919 wurde es an Paul Küster verkauft, 1947 kam es durch Erbgang an Mathilde (geb. Küster) und Franz Josef Schmitz, nach deren Tod an die Tochter Karin Loschelder (geb. Schmitz), 1972 im Rahmen der Zwangsversteigerung an die Bonner Bauunternehmer Heinz Gemüngt und Heinz Nettekoven. (Anm. 13) In den 1980er Jahre ist W. Samoilow der Eigentümer. Die heutige Eigentümerin ist Julienne Menniken.

Zum Schicksal des „Adler“ in den 1970er Jahren findet sich folgende Mitteilung in der Zeitschrift ‚Der Spiegel’: „Viele Herbergsfürsten verfügen jedoch gar nicht über die Mittel, dem Swimming-Snob-Appeal nachzugehen. Schon wenn sie versuchen, ihre antiquierten Kästen umzubauen und zu modernisieren, endet dieses Experiment oft mit der Pleite. So kam zum Beispiel in Bad Godesberg das berühmte Nobelhotel mit dem schlichten altdeutschen Namen „Gasthof zum Adler“ unter den Hammer, nachdem die Besitzerin Karin Loschelder das 112 Jahre alte Haus — in fünf Generationen Familienbesitz – erweitert und exklusiv umgerüstet hatte. Ein Bauunternehmer ersteigerte das mit Kunstschätzen, barocken Möbeln und feinstem Meißner Porzellan vollgestopfte Haus weit unter Wert.“ (Anm. 14) Ein bitteres Schicksal des Traditionshauses, das von Rolf und Karin Loschelder nach 1968 erweitert und aufwändigst zum Hotel der Luxusklasse ausgestattet wurde.

Es war der gleiche Architekt beauftragt worden, der bereits 1965/66 die Cäcilienhöhe ausgebaut hatte: Emil Adrian. Eventuell hatten die Eheleute Loschelder Sorge, dass sie nicht mit der runderneuerten Cäcilienhöhe würden mithalten können. Der Ausbau des „Adlers“ wurde dann aber offenbar zum finanziellen Desaster und es kam 1972 zur Zwangsversteigerung. Mit dem Verlust der Gemäldesammlung hat Bad Godesberg ein bedeutendes Zeugnis seiner Geschichte verloren, wenn auch sicher nicht alle Werke als museal zu bezeichnen wären, so war die Sammlung aber doch kulturhistorisch wertvoll.

Aus dem Kreis der Düsseldorfer Malerschule erwähnt Heidermann folgende Namen als in der Sammlung vertreten: Oswald Achenbach (mit einem Gemälde „Der Leichenzug von Frascati“), Wilhelm Camphausen, Paul von Franken, Johannes Gehrts, der besonders durch seine Eifel-Landschaften bekannte Emil Schultz-Riga (*1872 †1931, der langjährige Archivar des Malkastens in Düsseldorf), August von Wille, ebenfalls ein bekannter Landschaftsmaler.

Zur Sammlung fand sich in der Tagespresse in den 1970er Jahren folgender interessanter Hinweis: „Rätselraten hatte es bis zuletzt über den Verkauf der vielen antiken Kunstgegenstände, die das Hotel schmücken, gegeben. Mit einem zweiten Angebot wurde gestern versucht, einen Teil der Kunstwerke aus der Versteigerungsmasse, die neben den Grundstücken und Gebäuden auch die gesamte Einrichtung umfasste, auszuklammern. Diese Wertstücke sollten dann einzeln veräußert werden. Für dieses Angebot fand sich aber überhaupt kein Interessent“. (Anm. 15) Als die Baufirma Gemüngt & Schneider 1972 das Haus für über 2 Millionen DM erworben hatten, war die Sammlung also noch vorhanden. Aber auch die Firma Gemüngt & Schneider kam in den 1970er Jahren ins Schleudern: am 8. August 1975 wurde Konkurs beantragt. Was danach mit der Gemäldesammlung geschah, ist noch nicht zu klären. Der Bonn-Information vom März 1982 ist zu entnehmen, dass in den achtziger Jahren dann der Eigentümer W. Samoilow ist. (Anm. 16) Heute gehört das Hotel, wie bereits erwähnt, Julienne Menniken. Eine bewegte Geschichte, die auch die wirtschaftliche Situation Bad Godesbergs reflektiert.

Zurück zum ersten Hotelier und Sammler: Es wäre nicht weiter verwunderlich, wenn in höherem Alter Constantin Hoelscher sen., eingedenk seines wirtschaftlichen Erfolges, sich einen Wunsch erfüllt hätte und einen hervorragenden Maler wie Christian Eduard Boettcher aus Düsseldorf um ein Gemälde angegangen wäre.

Aber Constantin Hoelscher war nicht nur ein erfolgreicher Gastwirt und Hotelier. Er war der erste Vorsitzende des Godesberger Verschönerungsvereins, der am 1. Juni 1869 gegründet wurde. Der Vorstand bestand aus den Herren Hoelscher, von Rigal, Heimandahl (Heimendahl?), Breden (Bredán?) und Düren. Bereits das erste Protokoll, also unter dem Vorsitz Hoelschers verfasst, vermerkt die „Anlage eines Fahrweges nach der Muffendorfer Höhe“. (Anm. 17) Später blieb Hoelscher dem Verein als Schatzmeister noch längere Zeit erhalten. Zu seiner Rolle in Godesberg schreibt Dietrich Jung: „Kein Wunder, dass dieser Mann für die Idee eines Vereins für die Verschönerung seiner Wahlheimat aufgeschlossen war und von ihm tatkräftige Impulse ausgingen. Mit ihm und seit ihm ist die Geschichte des Verschönerungsvereins gleichzeitig ein Teil der Geschichte Godesbergs. Schon bald nach der Vereinsgründung wurde Hölscher durch Wahl vom 17. Dezember 1870 Mitglied der Gemeindevertretung von Godesberg…“. (Anm. 18)

In Hoelschers Person liegt möglicherweise der Schlüssel zu Boettchers großartigem Gemälde. Das Gemälde Boettchers ist bereits 1877 entstanden, also weit vor der Zeit der Erschließung der Höhe über Muffendorf durch Scheibler und von der Heydt. Aber es entstand nach Hoelschers Aktivitäten, die den Wegebau zur Muffendorfer Höhe betreffen, und die ausweislich des Protokolls des Verschönerungsvereins etwa um 1869/70 zu datieren sind. Erworben wurde das Gemälde um 2009 aus Privatbesitz, in welchem es sich seit 1939 befand und damals aus dem Düsseldorfer Kunsthandel erworben wurde. Es ist auffällig, wie liebevoll dieser Blick über das Rheintal ausformuliert ist. Die männliche Figur auf dem Felsen rechts sitzend trägt eine Art „Zipfelmütze“, die ihn als Gehilfen oder Führer oder schlicht als jungen Mann ausweist.

Für die Straße zur Muffendorfer Höhe war schon im ersten Jahr des Bestehens des Verschönerungsvereins der Vorsitzende Constantin Hoelscher zuständig, und dies möglicherweise in zweifacher Weise. Denn Hoelscher war auch ein erfahrener Geometer, der in der Lage war, einen Weg so anzulegen, dass er größtmöglichen Nutzen brachten. Nicht zu steil, nicht zu schmal, das Geländeprofil und die schöne Aussicht berücksichtigend. Vor allem war dem Auftraggeber der Blick auf den Drachenfels, auf das südliche Siebengebirge wichtig. Offensichtlich eine Erinnerung, die er seiner Frau, dem „Gretchen von Plittersdorf“, die aus dem Gasthaus Schaumburger Hof (vormals „Zur Linde“) stammte, zu danken hatte. Anlässlich des 100jährigen Bestehens des Hotels zum Adler erhielt das Haus ein ganz besonderes Geschenk, das die Gemäldesammlung ergänzte. Familie Mundorf vom „Schaumburger Hof“ schenkte ein Porträt der „Gretchen von Plittersdorf“, der Ehefrau des Hotelgründers Constantin Hoelscher. (Anm. 19)

Auf der Bildschirmdarstellung des Boettcher-Gemäldes kaum zu erkennen: Im Schatten vorne auf der Spitze des Felsens sitzt ein vornehmer Herr im dunklen Gewand, der die Arme weit ausgestreckt hat. Links davon stehen zwei junge Frauen in den Büschen und pflücken Blumensträuße, beobachtet von dem jungen Mann mit der Zipfelmütze. Das Gemälde wirkt wie eine gemalte Umsetzung der Verse Heinrich Heines zum „Lazarus“, worin er der Zeiten am Rhein in Godesberg gedenkt:

„Ich sah hinauf nach dem Drachenfels,
Der hochromantisch beschienen
Vom Abendroth, sich spiegelt im Rhein
Mit seinen Burgruinen.

Ich horchte dem fernen Winzergesang
Und dem kecken Gezwitscher der Finken…“ (Anm. 20)

Wer in der Zeit um 1877 dieses Gemälde in Auftrag gegeben hat, hatte eine profunde Ortskenntnis, die dem Maler hilfreich war, ein solches Motiv zu finden.

In jedem Fall hatte das Gemälde programmatischen Charakter: die Schönheit der Landschaft zu rühmen und gleichzeitig den Beitrag des Vaters zur Erschließung derselben für den Tourismus zu feiern, und den nachfolgenden Generationen die rheinische Heimat in einem außergewöhnlich qualitätvollen Gemälde zu bewahren. Vielleicht ist es Vater Hoelscher, der auf dem Felsen sitzt, und mit ausgebreiteten Armen die auf die Schönheiten des Rheintals verweist.

Die Kinder Hoelschers, die ihm Anlass zu den schönsten Hoffnungen gaben, weil sie seine musische Begabung geerbt hatten, verkauften das Hotel gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Der Sohn Heinrich (*1857 †1928), der Musiker wurde, und der Sohn Constantin (*1861 †1921), der Maler wurde, lebten beide später hauptsächlich in Berlin. Und die beiden Töchter Gertrud (*1858 †1929) und Maria (*1864 †1883), von denen eine – Maria – bereits 1883 im Alter von 19 Jahren verstarb, blieben in Godesberg. Constantin Hoelscher jun. hat laut der Urkunde des Bonner Standesamtes (StA BN) am 12.8.1911 die geschiedene Wilhelmina Louise van Haersolte van den Doorn, geb. Mitford, in Godesberg geheiratet. Wilhelmina Louisa war erst 1910 geschieden worden und lebte in Godesberg in der Luisenstraße 46 (heute Rheinstraße), bereits im Jahr nach der Eheschließung wurde die Ehe mit Constantin Hoelscher allerdings schon wieder geschieden. Wilhelmina Louisa starb 1951 in den Niederlanden. Es bleibt noch rätselhaft, was es mit dieser Ehe auf sich hatte.

Die Tochter Gertrud Dahm, geb. Hoelscher, führte später mit ihrem Ehemann zusammen das Hotel „Godesberger Hof“ am Rhein, sie verstarb aber schon 1929. Es besteht also immerhin die Möglichkeit, dass das Gemälde Boettchers aus ihrem Nachlass stammt und so in den 1930er Jahren Düsseldorfer Kunsthandel gelangte. Dies bleibt noch zu klären.

Das Gästebuch des „Adlers“, das noch in den 1960er Jahren vorhanden war (Anm. 21), gilt heute als verschollen, so dass sich diese Vermutungen über eine Beziehung zwischen Boettcher und Hoelscher nicht durch Archivalien verifizieren lassen. Aber die oben dargestellten Fakten sprechen durchaus dafür, dass es so gewesen sein könnte.

Die Sammlung Hoelscher war aber nicht die einzige Kunstsammlung, die Godesberg abhanden gekommen ist. Eine weitaus bedeutendere Sammlung besaßen Peter Carl Theodor (Charles, Karl) Aders (*1780 † 1846), ein Bruder des Elberfelder Unternehmers Johann Jakob Aders, und seine Ehefrau Elisabeth (Eliza, *1785 †1857), geb. Smith. (Anm. 22) Charles war Mitinhaber eines bedeutenden Handelshauses in London (Jameson & Aders). Er hatte 1823 die Godesberger Redoute erworben und dort zeitweilig die Sammlung – oder Teile der Sammlung -, bedeutender altdeutscher und niederländischer Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts ausgestellt. Grundlage seines Reichtums war der Indigohandel von Jameson & Aders in London, die gleichzeitig auch als Bank- und Versicherungshaus firmierten. Charles Aders war Kompagnon von William Jameson (*1774 † nach 1832), beide waren durch den Indigohandel zu erheblichem Reichtum gekommen, zumal Indigo in England ein begehrter Rohstoff war, der in unvorstellbar großen Mengen, allein für das Färben der Uniformtuche wurden Massen benötigt, importiert werden musste. (Anm. 23)

Diese ungleich bedeutendere Sammlung, die nachweislich 1828 in der Redoute, dem damaligen Sommerwohnsitz der Aders, zu besichtigen war, wurde bereits 1830 wieder nach London geschafft und wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten in den Jahren 1835 und 1839 versteigert und verkauft und war somit ebenfalls für das Rheinland verloren. Was bereits damals als zutiefst bedauerlich angesehen wurde. (Anm. 24)

Johanna Schopenhauer (*1766 †1838) äußerte sich empört über diesen Vorgang, den sie ganz zu recht als einen großen nationalen Verlust ansah. (Anm. 25) Sie hatte 1822 ein zweibändiges Werk über Jan van Eyck (Anm. 26) und dessen künstlerisches Umfeld veröffentlicht, so dass sie durchaus imstande war, die Qualität der Sammlung Aders zu beurteilen. Bereits 1823 findet sich in Henry Crabb Robinsons Tagebucheinträgen folgende, – allerdings recht abschätzige -, Bemerkung zu Johannas Werk: 20. Dezember: „…finished…Mad. Schopenhauer’s Johann v. Eyck und seine Nachfolger – sentimental declamation about the early German painters. I hurried over it soon and learned nothing from it.“ (Anm. 27) Wenn Robinson das Buch so oberflächlich gelesen hat, wie er dies schreibt, so nimmt es kein Wunder, dass er nichts daraus gelernt hat. Schopenhauers Johann van Eyck ist jedenfalls ein bemerkenswertes Werk der frühen Kunstgeschichtsschreibung. Immerhin zeigt dieser Eintrag, dass das Buch sofort nach Erscheinen wahrgenommen wurde. Das Werk van Eycks stieß damals auf breiteres Interesse, wie überhaupt die frühe Malerei dieser Zeit insgesamt eben auch. Aders Interesse und der Schwerpunkt der Sammlung lagen absolut auf der Höhe der Zeit.

Johanna Schopenhauer kannte die Sammlung Aders aus eigener Anschauung, und auch die Sammlungen der Brüder Boisserée und deren Freundes Bertram (im folgenden als „Sammlung Boisserée“ bezeichnet) waren ihr wohlbekannt. Sie stand mit ihnen in Kontakt und dankt ihnen im Vorwort ihres Buches zu van Eyck ausdrücklich für die Unterstützung. Bereits 1816, wahrscheinlich schon früher einmal, hatte sie die Sammlung Boisserée in Heidelberg besucht und seither Kontakt zu den Sammlern. (Anm. 28)

In Sulpiz Boisserées Tagebüchern findet sich ein süffisanter Hinweis: „Donnerstag, 10. (Oktober 1816): … Die Schopenhauer mit dem Töchterchen. Geplapper. Ewiger Dialog zwischen beiden. – Die Alte hat bei ihrem ersten Besuch Bertram mit Schwatzen aus dem Sattel gehoben…“.

Das hinderte Sulpiz offensichtlich aber nicht, sie bei wichtigen Vorhaben zu unterstützen. Aus dem veröffentlichten Briefwechsel Johannas geht eindeutig hervor, dass Sulpiz Boisserée 1821 dann auch das Manuskript zum van-Eyck-Buch kritisch durchgesehen und ihr einige Hinweise dazu gegeben hat. Charles Aders hat ebenfalls ausweislich der Tagebücher des Sulpiz Boisserée seit 1817 Kontakt zu den Boisserées gesucht, jedenfalls vermerkt Sulpiz ausdrücklich dessen besonderes Interesse an van Eyck. Aders hatte ebenfalls Kontakte zu den beiden Schlegels, die zum damaligen Netzwerk der Boisserées gehörten. Die Brüder Schlegel waren eng mit den Brüdern Boisserée befreundet, seitdem Sulpiz und Melchior im Herbst 1803 bei Schlegels in Paris untergekommen waren und sich ihnen eng angeschlossen hatten. (Anm. 29)

Die Brüder Boisserée und ihr Freund Bertram waren erfolgreiche Kaufleute, die u.a. mit dem An- und Verkauf von Landgütern, die nach dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 aus kirchlichem Besitz veräußert wurden, erfolgreich Handel trieben. So erfolgreich, dass ihnen selbst innerhalb der Familie der Neid entgegenschlug. Sulpiz schreibt über die Folgen des Immobilienhandels und des Gewinns daraus: „Wir werden für reich angesehen und heißen die Herren Grafen“. (Anm. 30) Sie wirkten u.a. mit bei dem Verkauf von Schloss Falkenlust bei Brühl, das Gut Apollinarisberg bei Remagen behielten sie länger in Besitz, um es später zu für sie günstigsten Konditionen zu veräußern.

Johanna Schopenhauer wiederum kannte ebenfalls die Städel’sche Sammlung in Frankfurt, sie hatte 1816 den alten Städel noch besucht und war von ihm persönlich durch die Sammlung der Gemälde geführt worden. (Anm. 31) Später äußert sie sich zu verschiedenen Frankfurter Sammlungen enthusiastisch. (Anm. 32) Ihr Urteilsvermögen war in jeder Hinsicht groß und auf der Höhe der damaligen kunsthistorischen Kenntnisse. Um dies zu verdeutlichen, soll die aufmerksame Augenzeugin ausführlich zur Sammlung Aders zitiert werden: „Eine Sammlung bedeutender Gemälde, aus der frühesten wie aus der späteren Zeit, seit dem Wiedererwachen der Kunst, und die ich noch die Freude hatte, zu sehen, ist seit wenigen Monaten nicht nur für Godesberg, sondern auch für Deutschland, ja sogar für die Freunde der Kunst auf immer verloren. Sie befand sich in einer Villa, deren ich früher erwähnte, als das Eigenthum des Besitzers derselben, eines angesehenen, aus diesen Gegenden stammenden, aber seit vielen Jahren in London etablirten Kaufmanns. Die Familie desselben pflegte alljährlich die Sommermonate in ihrem schönen Besitzthum in Godesberg zuzubringen, hat dieses seit Kurzem aber aufgegeben, und die Gemäldesammlung ist eingepackt und nach England abgeführt worden, um dort mit einer zweiten vereinigt zu werden, die Herr Aders in London schon besaß, und die ebenfalls besonders reich an Meisterwerken altniederhreinischer Malerei sein soll.

Dieser an unserm Vaterlande verübte Raub, wenn ich mir erlauben darf ihn so zu nennen, hat wenigstens das freilich etwas zweideutige Verdienst, England zuerst mit der, selbst von uns Deutschen nur seit einigen Jahren neuentdeckten altdeutschen Schule bekannt zu machen, von deren Existenz die Kunstkenner jenes Landes bis dahin wenig oder gar nichts erfahren. Der König von England selbst soll über eine fast gleichzeitige Copie von Johann van Eyck’s berühmten genter Bilde entzückt gewesen sein, welche unter Herrn Aders Gemälden in London sich befindet, und die von Kennern noch der altberühmten vorgezogen wird, die von dem großen Meister, Michael Coxies, für den König von Spanien, Philipp den zweiten, gemalt wurde. Daß die ganze fashionable Welt in London das Entzücken des Königs theilen wird, steht kaum zu bezweifeln, und weh’ uns, wenn die altdeutschen Gemälde in England Mode werden sollten, wie früher die chinesischen Pagoden und das altjapanische Porzellan in all’ ihrer Unform es waren! Wie würden die englischen Guineen unsere alten Meisterbilder von dannen ziehen, um auf jener Insel in den prächtigen Villen der Reichen und Großen in starrer Abgeschiedenheit begraben zu werden!

Doch wahrscheinlich werden unsere Kunsthändler eben so gut als die italienischen es lernen, manchen van Eyck, Hemmling und Schoreel nach England überzuschiffen, der in Hinsicht auf Originalität mit der Mehrzahl des Raffael’s, Corregio’s und Tizian’s in einer Reihe zu stehen verdient, welche um theures Geld die Gemäldesammlungen in England schmücken, und dieses bleibt im gefürchteten Fall dennoch immer ein kleiner Trost.

Nur eines der sehr werthvollen altdeutschen Gemälde in der godesberger Sammlung will ich erwähnen, weil es das einzige ist, welches meines Wissens der kunstreichen Hand der Schwester beider van Eyck’s, der jungfräulichen Künstlerin Margarethe zugeschrieben wird. Hier mit Gewissheit über die Echtheit des Bildes zu entscheiden, ist beinahe unmöglich; daß es unmittelbar aus van Eyck’s Schule hervorgegangen ist, verbürgen die Behandlung der Farben und die schöne, fleißige Ausführung auch der kleinsten Einzelheiten. Die Wahl des heiteren Gegenstandes aber beweist nicht nur den reinsten Künstlersinn, sondern ist auch einem jungfräulichen zartfühlen Gemüthe völlig angemessen. Es stellt die Mutter Gottes mit dem Kinde vor, wie sie, in einer offenen Gartenhalle sitzend, von lieblichen Engeln bedient wird, welche Blumen und Früchte ihr darbieten. Von den neueren Gemälden will aus der bedeutenden Anzahl derselben nur zwei sehr schöne Landschaften von Ruisdael erwähnen, einen Lazaroni-Knaben von Murillo, der sich im Tabackrauchen versucht; vier Apostel, von Boracino da Cremona, einem Schüler des Perugino. Auch zwei kleine Ölgemälde des fantastischen Callot waren gar lustig und wunderlich anzuschauen, auf denen von zahllosen kleinen Figürchen allerlei kecker Muthwille getrieben wird. Das eine derselben stellt den Einzug Christi in Jerusalem vor; das andere, wie er die Läufer, Verkäufer und Wucherer mit kräftig geschwungener Knute zum Tempel hinaus, eine hohe Treppe hinunter, auf die Straße treibt, auf welcher indessen Diebstahl und allerlei greulicher Unfug getrieben wird. Das alles ist nun mit dem Dampfschiffe fort, auf Nimmerwiedersehen.“ (Anm. 33) Klare Worte einer selbstbewussten Schriftstellerin. Wenn auch die spätere Kunstgeschichte manche ihrer Urteile korrigiert hat.

Johannas verehrter Mentor in der Kindheit war übrigens ein Jameson. Der Schotte Richard Jameson, der Prediger der kleinen englischen Gemeinde in Danzig gewesen war und Nachbar von Johannas Eltern Trosiener. Dieser Jameson ging 1789 zurück nach Edinburgh, ob er verwandtschaftlich den Londoner Kaufleuten Jameson, den Kompagnons Charles Aders’, angehörte, wäre zu klären. Die Londoner Jamesons stammten ebenfalls aus Schottland.

Aders führten in ihrem Sommerhaus in Godesberg ein gastfreundliches Dasein. Als im Sommer 1828 der Dichter und Philosoph Samuel Taylor Coleridge (*1772 †1834), ein enger Freund der Aders, besuchshalber bei Eliza Aders in Godesberg weilte (während Charles sich auf Reisen befand), gab sie am 8. Juli ein Festessen, zugegen waren ebenfalls Barthold Georg Niebuhr (*1776 †1831), August Wilhelm Schlegel (*1767 †1845) und der junge Nikolaus Becker (*1809 †1845), der Dichter des Rhein-Liedes. Gäste im Hause waren ebenfalls William Wordsworth (*1770 †1850) und dessen Schwester Dorothy Wordsworth (*1771 †1855). (Anm. 34) Coleridge und W. Wordsworth waren führende Vertreter der frühen literarischen Romantik in England.

Gemeinsam mit den drei Bonnern, von denen Schlegel und Niebuhr Kontakt zu Sulpiz Boisserée pflegten, stellten sie eine illustre Gästeschar dar, die durch literarische und kulturelle Interessen vielfältig verbunden gewesen waren. (Anm. 35) Über Schlegel und Niebuhr hätte Aders sicherlich auch Details über das weitere Schicksal der Boisseréeschen Sammlung erfahren können, die er selbst bereits vor 1817 kennengelernt hatte. Die ihn sogar, ausweislich der Tagebücher (Anm. 36) des Sulpiz Boisserée, zum Sammeln der altdeutschen und altniederländischen Malerei angeregt hatte. So schreibt Boisserée: „Abends Herr Aders aus London, kömmt aus Braband, erzählt voll Enthusiasmus von den Eyckschen Flügel-Bildern bei Nieuwenhuys – besonders von der Heiligen Cecilia und Engel in Lebens-Größe. – Hat selbst einige alte Gemälde acquiriert, seit er unsere Sammlung sah. Nieuwenhuys fo(r)dert für alle seine alten Bilder 100.000 fs.“

Am 8. April 1818 erhielt Boisserée, wie er in seinem Tagebuch vermerkt, ein Schreiben von Aders mit Zeichnungen zu dessen Gemälden, von denen er vermutete, dass sie von van Eyck seien. Offenbar schickte er diese, um Boisserées Meinung dazu einzuholen.

Im London der 1820er Jahre gehörten Aders in das Zentrum eines literarischen Zirkels der englischen Romantiker. Zu diesem Kreis gehörten Charles Lamb (*1775 †1834) und dessen Schwester Mary Lamb (*1764 †1847) und eben auch Henry Crabb Robinson (*1775 †1867), dessen Tagebücher eine wichtige Quelle für das Schicksal der Aders darstellen. (Anm. 37) Aders verbanden kulturelles Interesse mit, zumindest zeitweiligem, großem wirtschaftlichen Erfolg auf die glücklichste Weise. Der gesellschaftliche Absturz muss um so härter gewesen sein.

Es steht zu vermuten, dass Charles Aders mit den Gemälden, die er sammelte, von vornherein spekulieren wollte, was in London im frühen 19. Jahrhundert durchaus nicht ungewöhnlich war. Wahrscheinlich wird er laufend über die Sammlung der Boisserées informiert gewesen sein, zumal er sich im intellektuellen Umfeld im Rheinland bewegte, und den erfolgreichen Verkauf der Sammlung an den Bayerischen König Ludwig I. im Jahr 1827, spätestens aber im Jahr 1828 anlässlich des Festes in Godesberg mit Schlegel, der sicher über diesen Erfolg der Brüder Boisserée informiert gewesen ist, zur Kenntnis genommen haben. Firmenich-Richartz widmet sich den Verkaufsverhandlungen ausführlich und berichtet, dass die Sammlung von 216 Gemälden für 240.000 Gulden verkauft worden ist. (Anm. 38) Etwa um 1817 hat der Kölner Sammler Jacob Lyversberg (*1761 – † 1834) seine Sammlung dem niederländischen Kronprinzen für 100.000 holländische Gulden angeboten. (Anm. 39)

Weiter berichtet Firmenich-Richartz, dass um 1817 ein regelrechtes Sammelfieber ausgebrochen ist und ein schwunghafter Handel in Gang kam. Dem Sammler Ferdinand Franz Wallraf (*1748 †1824) war es bereits 1818 gelungen, seine Sammlung gegen eine Rente der Stadt Köln testamentarisch zu verschreiben. Daraus ging später das Wallraf-Richartz-Museum hervor. Damit war Köln als Käufer für die Sammlung der Boisserées praktisch aus dem Spiel. Auch war den Boisserées daran gelegen, die Sammlung nicht nach Preußen zu geben. Und da Köln im Zuge des Wiener Kongresses mit dem Rheinland Preußen zugeschlagen wurde, suchten die Boisserées gezielt nach Käufern im katholischen Lager. Das wird aus zahlreichen Tagebucheinträgen des Sulpiz überdeutlich.

Die Brüder Boisserée hatten gemeinsam mit ihrem Freund Johann Baptist Bertram (*1776 †1841) ein über viele Jahre gepflegtes Netzwerk aufgebaut, dem bedeutende Denker nicht nur des katholischen Lagers, wie Görres und Schlegel, angehörten, sondern auch Goethe und Freiherr vom Stein bewunderten die Sammlung. Der Staatskanzler vom Stein hatte bereits Überlegungen angestellt, die Sammlung für Berlin zu erwerben. Der von den Sammlern geforderte Preis von 500.000 Gulden stellte aber ein erhebliches Hindernis dar. Ob der Preis in der politischen Absicht, den Verkauf nach Preußen zu verhindern, so hoch angesetzt wurde, steht zu vermuten. Für den gleichen Betrag verhandelte Berlin gerade um die Sammlung Solly, die rund 3000 Gemälde umfasste. Die Sammlung Boisserée bestand dagegen aus 216 Gemälden. Wenn Berlin den geforderten Preis akzeptiert hätte, wäre das den Sammlern Boisserée und Bertram gleichsam als Schmerzensgeld erschienen, ihre geliebte Sammlung nach Preußen geben zu müssen. Soweit kam es aber nicht. Zumal König Friedrich Wilhelm III. 1815 zunächst die Sammlung Giustiniani und 1821 die Sammlung Solly gekauft hatte. (Anm. 40)

Die Boisserées ließen ihr gesamtes engeres Netzwerk darauf hin arbeiten, dass die Sammlung in „katholische“ Hände kommen sollte. Was schlussendlich ja auch gelang. Wie der Besuch des bedeutenden englischen Kunsthändlers William Buchanan bei Boisserée am 24. 10. 1818 zeigt, wurde die Sammlung Boisserée durchaus auch international wahrgenommen. An manchen Tagen vermerkt Sulpiz im Tagebuch, dass jeweils 200 Besucher die Galerie in Heidelberg besucht haben. Wichtige Besucher wurden im Tagebuch namentlich aufgeführt, manche persönlich empfangen.

Wahrscheinlich hatte Aders sich vorgestellt, mit seiner Sammlung ebenfalls ein lukratives Geschäft abschließen zu können, das ihm sein weiteres Leben als Privatier angemessen finanzieren würde. Denn bedeutende Sammlungen hatten sich nach 1815 für hohe Summen verkaufen lassen. Die Sammler waren darüber informiert, zumal es nur wenige wirklich bedeutende Händler gab, durch deren Kontore erstklassige Arbeiten liefen. Auch darüber berichten die Tagebücher des Sulpiz Boisserée. Man kommunizierte über die Verkäufe und Erlöse. Bedenkt man, dass die Sammlungen in den meisten Fällen erst nach 1803 zusammengekommen waren und schon um 1815, 1818 und 1821 wieder verkauft worden waren, so wird deutlich, dass die „Sammler“ nicht von rein altruistischen Motiven gelenkt waren. Im gleichen Maße wie das Bemühen um den Erhalt der Kunstwerke und die Sicherung derselben stand auch das monetäre Interesse im Fokus. Dies war insofern als aussichtsreich zu bezeichnen, da doch auch mit den gesellschaftlichen Umbrüchen in nachnapoleonischer Zeit die kulturelle Teilhabe durch frühe Museumsgründungen eine wesentliche Rolle für die Frage der Legitimation von Herrschaft spielte. Somit existierte ein exklusiver Markt, der zwar überschaubar aber viel versprechend war.

Aders Vorhaben hat sich jedenfalls nicht umsetzen lassen, obwohl er große Anstrengungen unternommen hat, die Sammlung gewinnbringend zu verkaufen. Erklären lässt sich sein Scheitern wohl nur über die zu hohen Forderungen, die am Markt nicht durchsetzbar waren. Denn der Markt für altdeutsche und altniederländische Malerei entwickelte sich insgesamt gesehen aber gut.

Eliza Aders (geb. Smith, gesch. Kelly, gesch. Meyer) war in dritter Ehe mit Peter Carl Theodor Aders verheiratet, die beiden ersten Ehen sind wohl in Frankfurt, wo der Code Napoleon galt, geschieden worden. Mit ihrem ersten Mann war sie in Westindien gewesen, dort aber von diesem so übel behandelt worden, dass der Gouverneur sie in Schutz nehmen musste und für ihre Rückkehr nach Europa sorgte. Ihr zweiter Ehemann, ein deutscher Musikprofessor, scheint ebenfalls nicht die richtige Wahl gewesen zu sein, jedenfalls wurde auch diese Ehe geschieden. (Anm. 41)

Eliza scheint eine begabte Frau gewesen zu sein. Was auch durch die Tagebucheintragungen Robinsons bestätigt wird. Die künstlerische Begabung hatte sie wohl von ihrem Vater geerbt, John Raphael Smith (*1751 †1812) war Maler und Radierer. Sie hat nach dem Bankrott ihres Mannes mit ihren Zeichnungen und Gemäldekopien für den Lebensunterhalt der beiden mit sorgen können und müssen. (Anm. 42) Etwa um 1832 kaufte Jameson sen. den Anteil Aders am Handelshaus auf, das dann unter dem Namen Jameson & Son weitergeführt wurde. Bereits ein oder zwei Jahre später war Aders bankrott. (Anm. 43) Dies erschließt sich auch aus einem Brief, den Friedrich Siegmund Voigt (*1781 †1850) an Henry Crabb Robinson am 21. Februar 1834 schreibt. (Anm. 44) Robinson scheint das Schicksal Aders sehr zu berühren, möglicherweise ein Hinweis darauf, dass Aders seinen Anteil an der Firma nicht ganz freiwillig verkauft hat? Bereits um 1831 suchen Aders einen Käufer für die Redoute. Der Verkauf gelingt aber erst 1835. 1837 scheint die Redoute zum Hotel Bellevue gehört zu haben, wie Robinson anlässlich seiner Durchreise am 30. Juli 1837 feststellt, nicht ohne zu bedauern, dass Aders mit dieser Immobilie kein Glück gehabt haben. (Anm. 45)

Die Tagebücher von Henry Crabb Robinson geben Aufschluss über die wirtschaftliche Situation der Aders nach 1830. Sie entwickelte sich dramatisch: Charles Aders wurde wegen des Bankrotts am 3. Januar 1833 in London sogar in Haft genommen. Die Umstände sind bei Marquardt nachzulesen. Es war ein harter gesellschaftlicher Absturz. Von den Höhen des erfolgreichen Handelsmannes und Schöngeistes in die Niederungen des Bankrotteurs – ein Schicksal, das er mit vielen in dieser Zeit teilte. Besonders schmerzlich war es für den Kaufmann Charles Aders zu sehen, dass seine großartige Sammlung zu Schleuderpreisen verkauft wurde. Aders hatte angenommen, und dies auch zu recht, einen veritablen Schatz zu besitzen. Als er die Sammlung verkaufen musste, geschah dies nicht zum richtigen Zeitpunkt, bzw. gab es in London niemanden, der die Qualität der altniederländischen und altdeutschen Werke so hoch schätzte, dass die geforderten Preise gezahlt wurden. Im Juni 1832 bietet Aders die Sammlung der National Gallery an. Zu, wie Robinson fürchtet, völlig überzogenen Preisen. Für einen van Eyck will er 7000 englische Pfund haben. Nach Erscheinen der ersten großen Arbeiten über van Eyck, dem zweibändigen Werk von Johanna Schopenhauer (1822) und der Arbeit von Gustav Friedrich Waagen (1822/23), schien ihm dieser Preis wohl angemessen zu sein.

1834 soll die Sammlung in London und Frankfurt zum Verkauf angeboten werden. Es kommt zu einer Versteigerung, die aber keinen Abschluss bringt. Im September 1835 erleidet Aders wiederum einen Bankrott. Während Charles Aders wirtschaftlich nicht wieder reüssiert, werden im Jahr 1838 einige Gemälde aus der Sammlung zu Robinson gebracht in der Hoffnung, dass sich dort Käufer finden lassen. Dazu gehört auch die Kopie des Genter Altares. Man nimmt sogar Kontakt zu dem ersten Kurator des Städelschen Kunstinstituts, Johann David Passavant (*1787 †1861), auf, um die Sammlung anzubieten. Auch dies ohne Erfolg, da Aders Preisvorstellungen zu hoch sind. Ob die von ihm festgesetzten Preise zu hoch waren, weil er die Bilder bereits zu teuer erkauft hatte? Darüber ist keine Auskunft zu finden. 1843 siedeln Aders nach Florenz über, da sie dort preiswerter leben können. 1846 stirbt Aders dort, ohne jemals wieder finanziell wieder in ruhiges Fahrwasser gekommen zu sein. Die Beschreibung, die Robinson zu den Vorgängen rund um die Aders liefert, sind bedrückend und geben ein plastisches Bild der prekären Lebensumstände. (Anm. 46)

Jedenfalls klagt auch Robinson darüber, dass die Gemälde billigst den Besitzer wechselten. Aders hatte zwar eine exquisite Sammlung zusammengestellt, die Situation am Kunstmarkt aber nicht wirklich einschätzen können und in einer Notsituation in England verkaufen müssen. Die großen Verkäufe von wichtigen Sammlungen waren bereits zwischen 1815 und 1827 getätigt worden. Als Aders mit seiner Sammlung auf den Markt drängte, war es zu spät. Eine sehr bittere Erfahrung.

Henry Crabb Robinson fühlt sich durch die Freundschaft mit Charles Aders dessen Witwe, die er achtete, so verpflichtet, dass er versucht, im Umfeld der Familie und der Freunde der Aders in Deutschland Unterhaltszahlungen für sie zu organisieren, was ihm aber nur unzureichend gelingt. (Anm. 47) Deutlich wird aber, dass Eliza Aders für den Lebensunterhalt qualitätvolle Kopien von Gemälden in Rom herstellt, die aus ihrem Bekanntenkreis bestellt wurden.

Bereits seit 1816 hatte die Verbindung zu Eliza bestanden, die Charles aber erst 1820 durch Eheschließung legitimieren konnte. Eliza hatte sich u.a. auch um diese Zeit in Frankfurt aufgehalten und hatte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Sammlung Städels und dessen Vermächtnis an die Stadt gekannt. Dieses Vermächtnis hatte viel Aufsehen erregt, zumal es einen langwierigen Rechtsstreit darum gab. Im Jahr 1817 kaufte Charles erste sehr wichtige Gemälde, zwei Arbeiten, die Holbein zugeschrieben waren, in Paris. Um die gleiche Zeit erwirbt er Gemälde, die Dürer zugeschrieben wurden. (Anm. 48) Er berichtet anlässlich eines Besuchs bei Boisserée im Jahr 1817 davon, dass er vermutet, in London in seiner Sammlung zwei Werke von Jan van Eyck zu besitzen. (Anm. 49)

Die Sammlung der Aders entwickelte sich bedeutend: vertreten waren Werke von Hans Memling, Dirk Bouts, Gerard David, Jan Mostaert, Roger van der Weyden, eine Kopie des Genter Altares von unbekannter Hand, Michel Wolgemuth, Albrecht Dürer, Petrus Christus, Lucas von Leyden u.a.m. (Anm. 50) Die Qualität der Sammlung war nicht nur dem zeitweiligen Reichtum Charles Aders zu danken, seine Frau Eliza war Malerin und hatte ein klares Auge für Qualität.

Noch Alfred Wiedemann spricht mit Hochachtung von der Sammlung Aders und erwähnt Gemälde von Margarete van Eyck (?), Jacob Isaakzon van Ruisdael, Bartolomé Esteban Murillo, Boccaccino da Cremona, und den Grafiker Callot. (Anm. 51) Offenkundig hat er diese Kenntnisse durch Johanna Schopenhauers Text überliefert bekommen.

Man möge sich vorstellen, welche Anziehungskraft Bad Godesberg heute zu bieten hätte, wären die Sammlung Hoelscher und die Sammlung Aders am Ort geblieben. Gemälde aus dem Besitz der Aders befinden sich heute in den berühmtesten Museen der Welt.

Deutlich wird: im 19. Jahrhundert lag die Malerei in Godesberg sozusagen in der Luft. Die Reisen des englischen Malers William Mallord Turner ab 1802 an den Rhein gelten als die eigentliche Entdeckung der rheinischen Landschaft, ein früher Höhepunkt ist das Gemälde „Die Loreley“ von 1817 im Leeds-Museum (GB). Aus dem gleichen Jahr existiert eine Drachenfels-Darstellung, eine Zeichnung in Bleistift und Wasserfarben (heute in der Sammlung der Stanford Universität), die sich in eine ganze Reihe von Studien aus dem Rheinland einfügt. Darunter auch die berühmte Ansicht des Hochkreuzes und der Godesburg (1817), die sich im LVR-Rheinisches Landesmuseum Bonn befindet. Man beachte, nur etwa sechs Jahre nach dieser Reise Turners und drei Jahre nach dem Erscheinen der Prachtausgabe der Rheinansichten Schützens in London (s.u.) kauften sich die kunstsinnigen Aders in Godesberg ein.

Die Verbreitung der Stiche trug zur „Entdeckung Godesbergs“ in reichem Maße bei. Denn Godesberg bot ja bereits den Grafikern gegen Ende des 18. Jahrhunderts reichlich schöne Motive. Begonnen mit den Stichen von Karl Dupuis (*1752 †1807), Johann Peter Beckenkamp (Lebensdaten unbekannt, gestorben nach 1800), Laurenz Janscha (*1749 †1812), Christian Georg Schütz d.J. (*1758 †1823), Domenico Quaglio (*1787 †1837), C. Howen (?), Samuel Prout, (*1783 †1852) Johann Adolf Lasinsky (*1808 †1871), Bernhard Helfrich Hundeshagen (*1784 †1858). Später die Engländer Robert Batty (*1789 †1848), William Tombleson (*1795 †1846) und Clarkson Frederick Stanfield (*1793 †1867) und später dessen Sohn George Clarkson Stanfield (*1828 †1878). Ab 1840 Carl Ludwig Frommel (1789 †1863), Gottfried Kühn (†1898), Ernst Fröhlich (*1810 †1882), Ludwig Lange (*1808 †1868) und Eduard Gerhardt (*1813 †1888). In den 1860er Jahren Friedrich Foltz (*1811 †1870), Nicolaus Christian Hohe (*1798 †1868) und Ferdinand Karl Klimsch (*1812 †1890). (Anm. 52)

Im deutschsprachigen Raum sehr wirksam wurde Carl Ludwig Frommel, denn er lieferte zahlreiche Illustrationen zu Karl Simrocks „Das Malerische und romantische Rheinland“, Leipzig um 1840, darunter auch die Stiche vom Rolandsbogen mit Nonnenwerth und von der Godesburg. Simrock hatte mit diesem Buch ein Werk geschaffen, das bis heute prägend für die Rheinromantik ist.

Die Aufzählung der Maler und Grafiker ist nicht vollständig, zeigt aber, wie sehr die Landschaft rund um das Siebengebirge in den Fokus der künstlerischen Darstellung gelangt war. Besondere Erwähnung muss hierbei Christian Georg Schütz d.J. finden, dessen Werk „Der Rhein von Mainz bis Köln“ 1820 als Prachtausgabe in London erschien und das begeisterte Aufnahme fand, die sich allein dort in der Subskription von 500 Exemplaren niederschlug. (Anm. 53)

Im Jahr 1835 erschien Désiré Nisards zweibändiges Werk „Promenades d’un artiste Bord du Rhin. Hollande – Belgique – Tyrol – Suisse – Nord d’Italie“ bei Renouard in Paris mit 26 Grafiken von William Turner und Clarkson Frederick Stanfield. Damit war auch das französische Publikum erreicht.

Die Entdeckung Godesbergs in der Malerei und der Grafik des 19. Jahrhunderts erweiterte sich dann ab etwa der Mitte des Jahrhunderts auch auf das als romantisch empfundene Muffendorf mit seinen teilweise noch mit Stroh gedeckten Fachwerkhäusern inmitten der Obstwiesen. Damit schließt sich der Kreis.

Literatur

Boisserée, Sulpiz: Tagebücher 1808 – 1854, Darmstadt 1978
Boisserée, Sulpiz: Briefwechsel/Tagebücher, 2 Bde. Stuttgart, Cotta 1862, Nachdruck Göttingen 1970
Fenten, W.: Der Verschönerungsverein Godesberg – Zu seinem 50jährigen Bestehen von 1869 bis 19191, Godesberger Volkszeitung 1919, abgedr. In Godesberger Heimatblätter 32, 1994, S. 6 – 17
Firmenich-Richartz, Eduard: Die Brüder Boisserée – Sulpiz und Melchior Boisserée als Kunstsammler, Jena 1916
Heidermann, Horst: Constantin Hölscher – ein Godesberger Maler der Gründerzeit, in: Godesberger Heimatblätter 38, 2000, S. 8-32
Heyse, Paul: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse, Hannover 1868, Neuausgabe Berlin 2014
Jung, Dietrich: 1869-1969 Verschönerungsverein (Verein für Heimatpflege) Godesberg e.V. – Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte e.V. Bad Godesberg, Versuch der Darstellung seiner 100jährigen Geschichte, in Godesberger Heimatblätter H.7, 1970, S. 19-93
Kleinpass, Hans: Zur Geschichte des Hotel-Restaurants „Cäcilienhöhe“, in Godesberger Heimatblätter 30, 1992, S. 38 -44
Marquardt, Hertha: Henry Crabb Robinson und seine deutschen Freunde – Brücke zwischen England und Deutschland im Zeitalter der Romantik, 2 Bde., Göttingen 1967
Wiedemann, Alfred: Geschichte Godesbergs und seiner Umgebung, 2. Auflage, Godesberg 1930

Anmerkungen

Anm. 1: Vgl. Kleinpass 1992

Anm. 2: zit. nach Kleinpass, 1992, S. 40

Anm. 3: Kleinpass 1992, S. 39

Anm. 4: Fenten W. Der Verschönerungsverein Godesberg, abgedr. Godesberger Heimatblätter 32, 1994, S. 7

Anm. 5: http://s2w.hbz-nrw.de/ulbbn/periodical/pageview/1110493

Anm. 6: http://karl-may-wiki.de/index.php/Bonn

Anm. 7: Bergischer Geschichtsverein Wuppertal, Jg. 20: Horst Heidermann. Die Wuppertaler Villen und Wohnungen – Spurensuche am Rhein http://www.bgv-wuppertal.de/GiW/Jg20/1villen.pdf

Anm. 8: Wiedemann, Geschichte Godesbergs, 1930, S. 242

Anm. 9: abgebildet bei Heidermann 2000, S. 15

Anm. 10: Der Spiegel 29.10.1973, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41898412.html

Anm. 11: StA BN, Zeitungsausschnittsammlung, Hotel Adler, Bonner Rundschau vom 5.5.1968

Anm. 12: Heidermann 2000, S. 10

Anm. 13: StA BN, Zeitungsuasschnittsammlung, Hotel Adler, GA vom5.5.1972

Anm. 14: Der Spiegel 29.10.1973

Anm. 15: StA BN, Zeitungsausschnittsammlung, Hotel Adler, GA 4.2.1972

Anm. 16: StA BN, Jg. 12, Nr. 5, unter: Zu Gast in Bonn

Anm. 17: Fenten, W., zit. nach Godesberger Heimtblätter 32, 1994, S. 7

Anm. 18: In: Godesberger Heimatblätter H.7, 1970, S. 23

Anm. 19: StA BN, Zeitungsausschnittsammlung, Hotel, Adler, BR vom 3.10.1960

Anm. 20: http://hhp.uni-trier.de/Projekte/HHP/Projekte/HHP/searchengine/werke/baende/D03/enterdha?pageid=D03S0351&bookid=D03&lineref=Z02&mode=2&textpattern=Godesberg&firsttid=0&widthgiven=30

Anm. 21: StA BN, Zeitungsausschnittsammlung, Hotel Adler, GA 29.9.1960

Anm. 22: Wertvolle Hinweise zu Eliza habe ich Ed Pope (UK) zu danken, dessen hp weitere Informationen liefert: http://www.edpopehistory.co.uk/content/3-wives-3-husbands-living

Anm. 23: Für Hinweise zu William Jameson danke ich Colin Salter (UK),dessen hp die Familiengeschichte der Jamesons beleuchtet: http://www.talltalesfromthetrees.blogspot.de/search/label/Jameson

Anm. 24: Godesberger Heimatblätter 22, S. 18

Anm. 25: vgl. Marquardt 1967, Bd. 2, S. 511, 512

Anm. 26: Johann van Eyck und seine Nachfolger, Weimar 1822

Anm. 27: zit. nach Marquardt 1967, Bd. II, S. 576

Anm. 28: Firmenich-Richartz 1916, S. 278

Anm. 29: Sulpiz Boisserée beschreibt dies ausführlich in seinen Lebenserinnerungen und die Beziehung zu den Brüdern Schlegel ist durch den zahlreichen Briefwechsel, der zum Teil veröffentlicht ist, belegt.

Anm. 30: Tagebücher I, S. 392

Anm. 31: https://books.google.de/books?id=t1ZCAAAAcAAJ&printsec=frontcover&dq=Johanna+Schopenhauer+Ausflucht+an+den+Rhein+1818&hl=de&sa=X&ei=97AKVdmUIonkUoD3gOAI&ved=0CCAQ6AEwAA#v=onepage&q=Frankfurt&f=false

Anm. 32: http://gutenberg.spiegel.de/buch/ausflug-an-den-niederrhein-und-nach-belgien-im-jahr-1828-1444/3

Anm. 33: https://books.google.de/books?id=EIADAAAAYAAJ&printsec=frontcover&dq=Johanna+schopenhauer+Ausflug+an+den+Niederrhein&hl=de&sa=X&ei=680LVZrZDun4yQPVq4KYAw&ved=0CC8Q6AEwAA#v=onepage&q=Johanna%20schopenhauer%20Ausflug%20an%20den%20Niederrhein&f=false, S. 116-120

Anm. 34: The Notebooks of Samuel Taylor Coleridge, Vol. 5, 1827-1843, S. 252

Anm. 35: Die vielfältigen kulturellen und persönlichen Beziehungen der Aders zu englischen Romantikern beleuchtet Hertha Marquardt in ihrem Werk über Henry Crabb Robinson schlaglichtartig.

Anm. 36: Boiserée Tagebücher I, S. 422, Eintrag vom 11.8.1817

Anm. 37: vgl. Marquardt 1967, Bd. 1, Bd. 2

Anm. 38: 1916, S. 374

Anm. 39: Firmenich-Richartz 1916, S. 277

Anm. 40: http://www.fernuni-hagen.de/KSW/opencontent/musealisierung/pdf/Bock_Profane.pdf

Anm. 41: Marquardt 1967, S. 76,77, 78

Anm. 42: http://www.edpopehistory.co.uk/content/3-wives-3-husbands-living (Jan. 2015)

Anm. 43: http://talltalesfromthetrees.blogspot.de/2011/05/william-kingsbury-jameson-1806-1864-and.html

Anm. 44: Marquardt 1967, Bd. 2, S. 212

Anm. 45: Marquardt 1967, Bd. 2, S. 386

Anm. 46: Marquardt 1967, Bd. 2, S. 511-524

Anm. 47: vgl. Marquardt 1967, Bd.2 S. 439 – 444

Anm. 48: Marquardt 1967, Bd. 2, S. 46

Anm. 49: Firmenich-Richartz 1916, S. 509

Anm. 50: Paley, Morton D.: Samuel Taylor Coleridge and the Fine Arts, Oxford 2008, S. 84-90

Anm. 51: S. 553

Anm. 52: Vgl. A. Schulte: Romantisches Godesberg , VHH Bad Godesberg 1969, dort allerdings zahlreiche Irrtümer Namen und Daten betreffend

Anm. 53: http://www.rlb.de/Digitalisate/Schuetz_Rheingegenden/einfuehrung.html (Jan. 2015)

Abbildungsnachweis

Sammlung Rheinromantik: 1; unbekannt: 2, 5, 6; Thomas Zwillinger, München: 3, 4

Pia Heckes

Napoleon Bonaparte, König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, Johann Peter Schwingen und die Muffendorfer Pfirsiche

Unverhofft kommt oft!
In diesem Fall eine Geschichte über die Muffendorfer Pfirsichbäume, die mich vor kurzem überraschend erreichte. Abgeschrieben vor Jahren von Frau Lucie Faßbender (im März 2014 ist sie 92 Jahre alt), ist diese kleine Geschichte der heute vergessenen Autorin Lydia Kath wieder aufgetaucht, und wurde mir vom Sohn von Frau Faßbender dankenswerterweise zugesandt.

Hier die Abschrift:

„Johann Peter und die Pfirsiche
von Lydia Kath
Es ist mehr als hundert Jahre her, da lebte in dem kleinen Ort Muffendorf bei Bonn ein pfiffiger Bub. Er hieß Johann Peter Schwingen. Als er eines Tages in Köln war und durch die Hohe Straße ging, sah er in einem Schaufenster prachtvolle Pfirsiche liegen. ‚Bäume mit solchen Früchten in unserem Garten’, dachte er, ‚das wäre etwas Feines!’ Er ging in den Laden hinein und fragte nach dem Preis der schönen Früchte.

Der Kaufmann sah den ärmlich gekleideten Jungen ein wenig abschätzend an und sagte: ‚Warum fragst du, Kleiner? Die Pfirsiche sind viel zu teuer für dich!’ ‚Ich möchte aber doch gern wissen, wie viel sie kosten!’ beharrte Johann Peter. ‚Das Stück zehn Silbergroschen’, antwortete der Kaufmann. ‚Na, willst du jetzt welche kaufen?’ ‚Ja, das will ich!’ lachte der Junge. ‚Geben Sie mir zwei Pfirsiche!’. Ein bißchen zögernd legte er zwei blanke Zehngroschenstücke auf den Ladentisch und er hielt dafür zwei wunderschöne, große, duftende Früchte. Die Kerne pflanzte er zu Hause in den Garten. Ein Kern ging auf, wurde ein Bäumchen, dann ein Baum und brachte im Jahre 1834 ein Körbchen voll Früchte. Stolz wanderte der Junge mit seiner kleinen kostbaren Ernte auf den Markt. Eine Frau blieb stehen und fragte: ‚Wie viele Pfirsiche bekomme ich für einen Silbergroschen? Johann Peter sah sie kopfschüttelnd an. Welch eine Frage! Er wollte doch Stück für Stück seiner Pfirsiche teuer verkaufen! Aber er hatte diesmal mit den kleinen, unansehnlichen Früchten noch kein Glück. Einen ganzen Hut voll mußte er für einen einzigen Silbergroschen hergeben.

So war dieser erste Markt eine bittere Enttäuschung für ihn. Trotzdem ließ er den Mut nicht sinken. Unermüdlich wanderte er an den Markttagen mit Obst oder Gemüse frühmorgens den weiten Weg nach Köln. Vor den Gasthöfen sammelte er dann die Pfirsichkerne auf und pflanzte sie alle in den Garten hinters einem Haus. Aber in den schweren Lehmböden gediehen die Bäume nur kümmerlich. Erst als er die Kerne an einem sonnigen Hang hinter seinem Garten anpflanzte, wurden die Bäume groß und ertragreich, und auch die Früchte, die er nun erntete, waren so groß und saftig wie einst die aus dem Schaufenster in der Hohen Straße.

Den Nachbarn, die ihn oft wegen seiner Obstzüchterei verlacht und verspottet hatten, zahlte Schwingen nicht mit gleicher Münze heim. Er zeigte ihnen vielmehr, wie und wo man die Pfirsiche anpflanzen und wie man die Bäume dann pflegen müsse, um eine gute Ernte zu erhalten. So vermehrte sich die Zahl der Pfirsichbäume in den Gärten und Weinbergen in und um Muffendorf immer mehr. Als Johann Peter Schwingen im Jahre 1885 starb, waren Hänge und Gärten mit Pfirsichbäumen wie übersät. Muffendorf mit seinen wunderschönen Gärten, seinen malerischen Häusern und seiner tausendjährigen Kirche wurde das Ziel vieler Besucher. Und heute denkt man dort immer noch dankbar an den kleinen pfiffigen Jungen und an den fleißigen Mann, der das kleine Dorf im Rheinland zu einem der schönsten und ertragreichsten Obstdörfer machte.“

Soweit die Abschrift von Lucie Faßbender (Typoskript).

Eine andere Version der Geschichte findet sich bei Theodor Lemmerz. In seinem Buch „Godesberg einst und jetzt“, erschienen in Godesberg 1929, berichtet Lemmerz von den Erzählungen zweier Zeitzeugen, die über Johann Peter Schwingens Pfirsichkultur folgendes erzählten: „Danach hat der Land- und Weinbergbesitzer Herr Johann Peter Schwingen aus Muffendorf Ende der Dreissiger Jahre des vorigen Jahrhunderts in einem Kölner Ladengeschäft 2 ihm bis dahin noch unbekannt gewesene Pfirsiche gekauft. Er fand die Frucht kostbar und hat in Muffendorf in einem seiner Weingärten die Kerne eingepflanzt, um daraus Bäumchen zu ziehen. Diese Pfirsichbäumchen sind gut aufgegangen und haben zur Nachahmung bei den Nachbarn angeregt. Man fand immer mehr, daß der Muffendorfer Boden für Pfirsich-Kultur sehr geeignet war und verlegte sich deshalb darauf, von den erzielten Gewächsen nur die Edelsten weiterzuziehen. Wenn auch anfangs der Absatz der Früchte noch gering war, ging man doch in Muffendorf weitschauend schon zu der Zeit, als noch Weinberge dort waren, allgemein zur Anpflanzung der Pfirsiche über und zwar in den Weinbergen selbst, als auch in besonderen Gärten, sodaß im Jahre 1897 bereits über 30000 Pfirsichbäume im Banne von Muffendorf gezählt werden konnten. Die ursprünglich von Schwingen gezogene Sorte war ein Spätpfirsich, der im September heranreifte und sich durch prachtvollen Geschmack auszeichnete. Er war als Einmachpfirsich hochbegehrt, weil sich die Frucht so gut vom Kerne schälte. Anfangs kannte man das Mittel zur Veredelung durch Okulieren noch nicht. Die Fortpflanzung wurde, wie gesagt, durch Kernzucht (Sämlinge) betrieben, aus denen dann nur das Beste gewählt wurde, da bei dieser Art von Zucht auch manche minderwertige Produkte herauskamen, die der Muffendorfer Volksmund ‚Wöllemänner’ nannte. Später probierte man mit großem Erfolg die Veredelung dadurch, daß man auf gutes Unterholz ausländische Sorten aufpropfte und zwar nementlich solche aus der Pfalz und aus Frankreich. Letzte waren die sogenannten ‚St. Julien’. Durch diese Aufpropfung erreichte man allmählich auch Früh- und Mittelsommersorten, sodaß vom Juli bis Oltober der Pfirsich geernete werden konnte. Namentlich war es das benachbarte Lannesdorf, das infolge seines ebenfallsausgezeichneten Bodens sich der Zucht der Früh- und Mittelsorten zuwandte und heute ebenfalls einer der gesuchtesten Obstorte ost. Bemerkenswert ist, wie die Muffendorfer sich ihren Pfirsichabsatz verschafften. Schon anfangs der 90er Jahre wurden die Pfirsiche in kleinen Körben nach Köln auf den Alten Markt gebracht, wo damals ganz allein die Muffendorfer Pfirsiche gehandelt wurden. Letztere waren sehr gesucht. Meine Gewährsmänner erzählten mir, man habe sich um die Muffendorfer Ware einfach gerissen. Man erzielte damals einen Stückpreis von 20 – 40 Pfg. Jeder dieser Pfirsiche war in ein Traubenblatt eingepackt und mußte ‚butterweich’ sein. Die Einwickelung in Rebenblätter war damals wegen der Choleragefahr geboten. Als aber dann die Reblaus das Muffendorfer Gebiet heimsuchte, wurde das Einwickeln in Traubenblätter polizeilich untersagt. Dieser Pfirsichbau war um so vorteilhafter für den Ort, als es geboten erschien, unter die Pfirsichbäume noch als Unterkultur Stachelbeeren anzupflanzen, die gern im Schatten gedeihen. Diese, wie Johannisbeeranpflanzungen, trifft man heute in der Gemarkung als ergiebigste Obstpflanzung. Neuerdings findet man die Zucht von Rosen, Rhabarber und Erdbeeren in großen Kulturen im freien Felde…“ (S. 28, 29).

Es geistern dementsprechend verschiedene Versionen über den Beginn des einstmals so erfolgreichen Anbau von Pfirsichen in Muffendorf durch die Erzählungen. Manch einer vermutete sogar, dass der Maler Peter Schwingen (1813 – 1863) die ersten Pfirsichkerne nach Muffendorf gebracht habe. Das ist nicht der Fall.

Es taucht aber immer wieder in diesem Zusammenhang der Name „Schwingen“ auf, der in Muffendorf recht häufig vorkommt. Im Gemeinderat von Muffendorf wirkte von 1846 bis 1860 Johann Peter Schwingen mit; ab 1860 wirkte er, ausweislich der Gemeinderatsprotokolle Muffendorf (Stadtarchiv Bonn, GO 10098), im Gesamtgemeinderat Godesberg mit. Dieser Schwingen scheint ein entfernter, wohlhabender Verwandter des Muffendorfer Malers Peter Schwingen gewesen zu sein. Offenbar war Johann Peter Schwingen (geb. am 14.9.1801, gest. 3.1.1885) zu einer gewissen Wohlhabenheit aufgestiegen. Wie er dies in den Jahren zwischen 1831 und 1846 bewerkstelligt hatte, erhellen die oben geschilderten Geschichten. Alles beginnt mit dem Kauf zweier schöner Pfirsiche, die den jungen Mann aus Muffendorf inspiriert und angespornt haben müssen.

Die gegenüber oben zitierter Abschrift leicht abweichende Version der Geschichte wurde von Lydia Knop-Kath in einer Sammlung von Anekdoten über den Wert der kleinen Dinge veröffentlicht: „Wer das Kleine nicht ehrt… Sagen und Geschichten um Gut und Geld“ (Dt. Sparkassen- und Giroverband e.V. Bonn, 1965, S. 53 ff.). Sie hatte offensichtlich die Geschichte, die der ehemalige Lehrer Jakob Fritzen aus Plittersdorf zuerst veröffentlicht haben soll, gelesen oder gehört und diese dann als gutes Beispiel in die Anekdotensammlung aufgenommen. Lehrer Fritzen war 1965 schon lange verstorben, so dass sich kaum jemand mehr an seine Autorenschaft erinnerte. Erinnert wurde aber durchaus noch die Geschichte über die Pfirsiche. Erst 1974 gedachte man seiner in den Godesberger Heimatblättern (12, 1974, S. 115): „Der frühere Lehrer J. Fritzen aus Plittersdorf schildert in einem Artikel ‚Die Obstbaumzucht in Muffendorf’ wie es zur Pfirsichkultur in Muffendorf kam“ . Bedauerlicherweise ist der Text von Lehrer Fritzen nicht auffindbar. Alle Hinweise, die dazu finden waren, führten ins Nichts.

Luzie Faßbender hat aber offenbar bei ihrer Abschrift einige Textstellen weggelassen, die ihr wohl nicht schlüssig oder nicht sachdienlich erschienen. So fehlt z.B. die gesamte Einleitung in den Text und es fehlt auch der Hinweis, dass Schwingen 1885 im Alter von 84 Jahren gestorben sei. Dies hat wohl seinen Grund darin, dass in der Geschichte von einem Jungen die Rede ist, der in Köln die Pfirsiche kaufte. Wenn Schwingen 1885 aber 84 Jahre alt gewesen wäre, so wäre er in dem Jahr, in dem die Pfirsiche laut der Darstellung von Lydia Knop-Kath ihre ersten Früchte getragen hätten (1834), bereits 33 Jahre alt gewesen. Eine offenkundige Ungereimtheit, da Pfirsichbäume schnell wachsen und schon nach zwei bis drei Jahren die ersten Früchte tragen, also 1830/1831 gepflanzt worden wären. Johann Peter Schwingen wurde am 14.09.1801 geboren, seine Eltern waren der Ackerer Wilhelm Schwingen und Christiane geb. Riegel. Er ist am 3.1.1885 im Alter von 83 Jahren gestorben. Als Beruf war Ackerer angegeben (Stadtarchiv Bonn). Auch Dietz (s.o.) erwähnt das Jahr 1834 als das Jahr der ersten Pfirsichernte in Muffendorf. So dass man annehmen darf, dass diese Zeitangabe zutreffend ist.

Wenn diese Geschichte, so wie Lydia Knop-Kath sie aufgeschrieben hat, stimmt, so hat der Anbau der Pfirsiche schon früh im 19. Jahrhundert begonnen. Man ist bisher davon ausgegangen, dass erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Obstbau forciert wurde, weil der Weinbau durch den Befall mit der Reblaus, die die Wurzeln der Weinstöcke schädigt, immer weniger einträglich wurde. Offenbar begann der Pfirsichanbau aber bereits um 1830, um dann etwa 130 Jahre lang den Ort und seine Landwirtschaft zu prägen. 1897 blühten bereits über 30.000 Pfirsichbäume in Muffendorf (s.o.: Theodor Lemmerz, Godesberg einst und heute, Bad Godesberg 1929) und tauchten das Dorf im Frühling in ein Meer von intensiv rosafarbenen Blüten.

Heute sind nur noch wenige Pfirsichbäume, deren Früchte liebevoll „Wöllemännchen“ genannt werden, in Muffendorf erhalten. Da die Bäume anfangs immer wieder aus dem Kernen der Ernte des vorigen Jahres gezogen wurden, sogenannte „kernechte“ Bäume waren, wurden bestimmte unerwünschte Eigenschaften häufig vermehrt. So auch die starke Behaarung der Früchte, die zwar ein wunderbares Aroma haben, aber beim Verspeisen mit der Pfirsichhaut u.U. allergische Reaktionen hervorrufen. Aber als Bowlenfrüchte sind die kleinen weissfleischigen Pfirsiche mit ihrem charakteristischen Duft unübertroffen.

Lydia Knop-Kath schreibt einleitend über die Zeit der Pfirsichblüte: „Im Frühling ist der Ort Muffendorf bei Bad Godesberg ein blühender Garten. Die Hänge, Höfe und Straßen sind überwölkt vom rosaroten Schimmer zahlloser Pfirsichblüten. Und Muffendorf mit seinen Pfirsichgärten, seiner tausendjährigen Kirche und seinen altersgrauen Häusern ist dann Ziel vieler Wanderer. Nirgendwo ist die Pfirsichblüte schöner als hier“ (S. 53). Dies war auch der Grund, warum zwei große Gasthäuser mit je einem Festsaal in der Muffendorfer Hauptstraße zum Ziel zahlreicher Ausflugsgäste wurden. Muffendorf mit seinen blühenden Gärten, den altertümlichen Fachwerkhäusern und den wenigen alten Rebstöcken, die den Reblausbefall überlebt hatten, wurde vom Frühling bis zum Herbst Wanderziel der Bonner und Godesberger Bevölkerung. Ein einträgliches Geschäft für die beiden Gasthäuser.

Abb.1: Postkarte mit dem Gasthaus Schneider in der Muffendorfer Hauptstraße

Abb. 2: Gaststätte „Zur Post“ Muffendorfer Hauptstr. 27-29 in den 1950er Jahren

Abb. 3: Heinrich Houben (1885 – 1967), Pfirsichblüte in Muffendorf mit Blick auf die Godesburg (Ausschnitt), ca. 1940, 42 x 57,5 cm, StadtMuseum Bonn

Die Muffendorfer Pfirsiche hatten im ganzen Bonner Umland einen guten Ruf und sie prägten das Erscheinungsbild der Landschaft gegenüber dem Siebengebirge. Ein Foto von blühenden Muffendorfer Pfirsichbäumen mit dem Siebengebirge im Hintergrund von der Bonner Fotografin Leni Werres wurde sogar in Wilhelm Schäfers Bildband „Der Rhein“ von 1926 übernommen (S. 58).

Abb. 4: Leni Werres, Baumblüte bei Muffendorf mit Blick auf das Siebengebirge, 1924/25

Ein Bildband, der großartige Schwarzweissaufnahmen versammelt und den Rhein von den Quellflüssen in den Schweizer Bergen bis Dordrecht (NL) porträtiert. Anliegen dieses Bildbandes war es, die rheinische Kulturlandschaft in ihren Zusammenhängen aus Landschaft, Geschichte, Landwirtschaft, Schifffahrt und Industrialisierung im Zusammenhang darzustellen. Nebenbei bemerkt ist das ganze Buch ist ein einziger Protest gegen die Marginalisierung des Rheinlands innerhalb der Reichsgeschichte. So schreibt Schäfer: „…Weshalb es dann auch eine Torheit und Schildbürgerstreich ist, daß die Rheinländer nun ihre tausendjährige Zugehörigkeit zum deutschen Reich feiern wollen, als ob nicht alles andere Deutschland mehr oder weniger eine Zugehörigkeit zu der rheinfränkisch begründeten Reichsherrlichkeit wäre!“ (S. 17). Auch aus diesem Geiste heraus agierte Konrad Adenauer nach dem Zweiten Weltkrieg, um Bonn am Rhein mit Hilfe der englischen Besatzer zur (provisorischen) Bundeshauptstadt zu machen. Adenauer war in den Zwanziger Jahren Oberbürgermeister der rheinischen Metropole Köln gewesen und somit stand er im Zentrum einer auf das katholische Rheinland geprägten Politik, die das geistige Rüstzeug eines Wilhelm Schäfer und anderer überzeugter Rheinländer aufgesogen und verinnerlicht hatten. Der relative Wohlstand am Rhein, sein mildes Klima und die damit verbundenen Vorteile sowie die sprichwörtliche Menschenfreundlichkeit des Rheinländers, der gerne „den lieben Gott einen guten Mann sein lässt“, taten das Ihrige dazu. Allerdings war die Bundeshauptstadt Bonn auch der Grund, warum nach 1960 die Pfirsichgärten langsam durch neue Baugebiete verdrängt wurden. Bis 1975 etwa sind die Pfirsichkulturen in Muffendorf dann vollkommen verschwunden. Nicht zuletzt, weil attraktivere Pfirsiche aus den südeuropäischen Ländern per Luftfracht preiswert importiert werden konnten. Ein ganz kleiner Bestand der alten rheinischen Pfirsichsorten (Rekord von Alfter) befindet sich heute noch auf dem „Cäcilienheidchen“ in Lannesdorf. Aber vereinzelt findet sich heute noch der ein oder andere „Wöllemännchen-Baum“ in einem Hausgarten in Muffendorf.

Abb. 5: Pfirsichblüte in Muffendorf, Postkarte, nach 1910

Aber zunächst waren die Pfirsiche ein einträgliches Geschäft für die Muffendorfer Bauern, für die nach 1803, mit dem wesentlichen Verwaltungsakt, der das Ende des alten Römischen Reiches vollzog, dem Reichsdeputationshauptschluss, ein gänzlich neues Wirtschaften möglich wurde. Der anschliessenden Versteigerung der Domänen aus Adelsbesitz und aus kirchlichen Gütern folgte eine beispiellose Entwicklung der Landwirtschaft. Die Geschichte der Muffendorfer Pfirsiche kann hierbei als idealtypisch angesehen werden.

Lydia Knop-Kath hat die Geschichte des Johann Peter Schwingen in die Sammlung über den Wert der kleinen Dinge als gutes Beispiel aufgenommen. Als Beispiel dafür, wie aus allerkleinsten Anfängen, aus zwei Obstkernen, mit einer guten Idee, mit dem Festhalten an dieser Idee und dem Tüfteln, wie man etwas besser machen kann, ein erfolgreiches Wirtschaften entstehen kann. Von einem Pfirsichkern zur Pfirsichplantage. Aber auch die Geschichte vom Bauer Michel, einem Bruder Lustig, der vergnüglich in den Tag hinein lebte, und am Schluss sein ganzes Hab und Gut verloren hat, findet sich da. Der deutsche Michel als tumber Bauer, der sein Glück verzecht. Ein uraltes Märchen aus Thüringen. Märchen und Sagen von Mexiko bis zum Baltikum versammelte Lydia Knop-Kath in diesem kleinen Bändchen. Und Muffendorf mit seiner Pfirsichblüte ist eine von 23 Geschichten darin, allerdings eine mit wahrem Hintergrund. Das Bändchen wurde bundesweit von den Sparkassen als Geschenk für gute Kunden vertrieben.

Lydia Knop-Kath, geboren am 16. August 1906 in Virchow in Pommern, promovierte 1931 über den Schriftsteller Wilhelm Raabe und schrieb erfolgreich Kinderbücher. In den 1930er und 40er Jahren erscheinen ihre Bücher „Aud. Geschichte einer Wikingerfrau“ (1934), „Der Bauernkanzler“ (1935), „Urmutter Unn“ (1936) und weitere stark nordisch geprägte Jugendbücher im Verlag Junge Generation (Berlin) und gehörten zum nationalsozialistischen Lesestoff. Bis 1943 veröffentlichte sie eine ganze Reihe weiterer Bücher in diesem Verlag. Ihre Vergangenheit als nationalsozialistisch belastete Autorin scheint ihr zunächst nach dem Krieg in eine Schaffenspause beschert zu haben.

Erst ab 1954 erscheinen dann in Reutlingen und Stuttgart neue Kinderbücher von ihr und es gelingt ihr, an die früheren Erfolge anzuknüpfen. Das ist nicht bei allen Schriftstellern der Fall, die durch Nazi-Literatur kompromittiert waren. Über die weiteren Lebensstationen und Lebensdaten von Lydia Knop-Kath ist bisher nichts zu finden. Immerhin haben wir ihr aber die Geschichte um Johann Peter Schwingen und die Pfirsichkultur in Muffendorf zu verdanken.

Wie aber kam der Pfirsich nach Europa? „Der Ursprung des Pfirsichs liegt im mittleren und nördlichen China. Hier wurden bereits 2200 v. Chr. unter der Bezeichnung „Sing“ verschiedene Pfirsichsorten kultiviert. Über verschiedene Handelswege gelangt der Pfirsich nach Vorderasien, insbesondere nach Persien. Der botanische Name Prunus persica (Persische Pflaume) leitet sich auch daher ab. Von Persien gelangte die Frucht durch die Römer nach Italien, Frankreich und in andere Mittelmeerländer. Man vermutet, dass die Pfirsiche durch die Römer nach Deutschland gebracht wurden. Nachweise von Pfirsichsteinen in Deutschland gibt es in der Saalburg/Taunus (120 v. Chr.), Neuß, Mainz und Rottweil. … Im Mittelalter (ca. 810 n. Chr.) findet der Pfirsich seine Erwähnung in der „Capitulare de villis vel curtis imperii“, einer Landgüterverordnung von Karl dem Großen. Hier wird er als „persicarios“ benannt. Als Mittel mit heilender Kraft fand die Pfirsichpflanze auch Erwähnung bei Hildegard von Bingen (ca. 1150 n. Chr.). Auch erwähnte Albertus Magnus (ca. 1250 n. Chr.) den Pfirsich als ‚persicum’. Der Pfirsich breitete sich im Hoch- und Spätmittelalter sowie in der Folge weiter in Mitteleuropa aus. Der Pfirsich dürfte jedoch lange Zeit als ‚Luxusfrucht’ gegolten haben. 1575 soll der Pfirsichanbau im Dresdener Elbtal und in den Weinbergen bei Lößnitz urkundlich erwähnt sein. Nachweise gibt es auch für Lübeck, Zürich, Heidelberg. Weiterhin gab es den Anbau auch in Polen und Tschechien. In Frankreich begannen die Zucht von edleren Sorten sowie der erwerbsmäßige im 17. Jahrhundert. Vor Frankreich aus weitete sich der Anbau auch nach Deutschland aus. Pfirsiche wurden hier an den Fürstenhäusern am Spalier gezogen. Die wirtschaftliche Bedeutung des Pfirsichs setzte in Deutschland jedoch erst ab dem 19. Jahrhundert ein, wobei in der Pfalz der Pfirsichanbau eine besondere Bedeutung hatte. Der heute bekannte Weinbergpfirsich wurde im 16. und 17. Jahrhundert in der Pfalz aus Sämlingen gezogen. Es waren kleinwüchsige Bäume mit kleinen, harten, stark bepelzten Früchten, die ein rotes Fruchtfleisch kennzeichneten. Eine wirtschaftliche Bedeutung erlangte dieser Pfirsichtyp jedoch nie. Gleichwohl war er lokal im Moseltal und anderen Weinbaugebieten lange Zeit ein prägender Teil der Kulturlandschaft…“ (aus: http://www.moselweinbergpfirsich.de/herkunft.html, Mai 2014).

So stellt sich die Muffendorfer Pfirsichkultur im Gesamtzusammenhang der landwirtschaftlichen Entwicklung geradezu als idealtypisch dar. Der wirtschaftliche Aufschwung im Rheinland, der in der Zeit des Vormärz durch die Industrialisierung, die Einrichtung von Schnellpoststrecken mit der Pferdekutsche und später den Bau der Eisenbahn sowie durch neue Anbaumethoden in der Landwirtschaft einen umwälzenden Strukturwandel ermöglichte, erreichte auch Muffendorf. Dass Reisen bekanntlich bildet und die kreativen Kräfte entfaltet, trifft für Johann Peter Schwingen zu. Denn offensichtlich hatte er nur in Köln die Möglichkeit, den Pfirsich als wertvolles landwirtschaftliches Produkt kennen zu lernen. Aber wie kamen die Pfirsiche als Delikatesse um 1830 auf die Hohe Straße nach Köln?

In der Pfalz, woher der für die Landwirtschaft wichtige Pfirsich, der „Rote Ellerstädter“ stammt, erscheint der Pfirsichanbau in nennenswertem Umfang erst nach 1867, obwohl dort bereits 1835 ein gewerbsmässig betriebener Pfirsichanbau nachgewiesen ist. Im Vorgebirge scheint der Pfirsich erst nach 1870, als man den „Roten Ellerstädter“, aus dem später auch der „Kernechte vom Vorgebirge“ hervorging, hier einführte, bedeutsam für die Landwirtschaft geworden zu sein.

Also ist die Geschichte von den Muffendorfer Pfirsichen die Geschichte einer Pioniertat im Rheinland?

Eine weitere Version der Geschichte von Johann Peter Schwingen besagt, dass die Früchte, die er in Köln gekauft habe, aus Frankreich importiert gewesen seien. Wie das, in einer Zeit, da die Früchte des Ackers noch auf dem Rücken des Esels oder per Kutsche transportiert wurden? Wie hätten die Pfirsiche aus Frankreich frisch und lecker im Jahr 1830 einen Kölner Laden erreichen können?

Eine Möglichkeit gab es: Montreuil, ein kleines Städtchen im Pariser Umland, das heute Teil der Großstadt Paris ist, war seit dem 17. Jahrhundert berühmt für seine Pfirsiche. Mit sehr aufwendigen, speziellen Anbaumethoden erzielt man im Pariser Klima hervorragende Erfolge. Die Pfirsiche aus Montreuil erreichten oft ein Gewicht von über 400 g je Frucht. Die Früchte wurden zunächst für die Tische des Hofes gezogen. Offenbar aber später auch nach London und sogar nach Moskau, an den Hof des Zaren, verkauft. In Montreuil wirtschaftete man sehr intensiv. Etwa 600 km Mauern wurden errichtet, dazwischen schmale Landstreifen. Die Mauern waren in strenger Nord-Süd-Richtung angelegt, so dass jede eine West- und eine Ostseite besaß, die mit Spalierobst bepflanzt werden konnte. Die Mauern schützten vor kalten Winden, speicherten tagsüber die Wärme und gaben sie nachts an die Pflanzen ab. Man hatte so ein Mikroklima geschaffen, das für die Pfirsichzucht hoch geeignet war. 1825 wurden in Montreuil etwa 15 Millionen dieser herrlichen Früchte geerntet und vermarktet. Heute existieren noch ca. 17 km dieser Mauern in Montreuil, die von einem Verein gepflegt und instandgesetzt werden.

Mit dem Bau der Eisenbahn in den Süden des Landes wurde der Transport von Früchten aus der Provence äusserst günstig, so dass die aufwendigen Anlagen in Montreuil sich nicht mehr lohnten. Der Pfirsichanbau kam dort deshalb gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum Erliegen. Die Pfirsichgärten wurden zugunsten von Bauland aufgegeben. Auf Luftbildaufnahmen im Internet kann man aber heute noch die wenigen erhaltenen Mauern der Pfirsichgärten in Montreuil gut erkennen.

Aber zurück in das Jahr 1830: Wie hätten nun aber die frischen Pfirsiche aus Montreuil, die stoßempfindliche und leicht verderbliche Früchte sind, nach Köln kommen können? Eine Möglichkeit gab es: mit der Schnellpost per Kutsche über die neuen Napoleonischen Kunststraßen.

Für das Jahr 1835 gibt der „Berliner Kalender auf das Schaltjahr 1836“ eine Schnellpostverbindung von Aachen nach Köln an, die mit der Postkutsche nur acht Stunden dauerte (S. 4), bei einer Entfernung von ca. 71 km. Das sind ca. 9 km in der Stunde. Rechnet man dies um auf einen Schnellpostkurs Paris / Köln, die Entfernung beträgt etwa 490 km, so kommt man auf eine Reisedauer von ca. 2,5 Tagen. Das würde für den Transport von frischen Früchten ausreichend sein, wenn sie nicht auf dem Höhepunkt der Reife geerntet worden wären, sondern ein wenig vorher. Da die Hohe Straße die wichtigste und vornehmste Einkaufsstraße in Köln war, darf man davon ausgehen, dass es sich bei den Pfirsichen um Luxusgüter handelte. Wofür auch der Preis von 10 Silbergroschen pro Stück zeugt. 1830 hatte ein Taler den Wert von 30 Silbergroschen (seit 1821). Zum Vergleich: Im Jahr 1839 kosteten 100 Pfund Hattinger Steinkohlen 9 Silbergroschen. Man hätte also für den Gegenwert eines Pfirsichs eine ganze Weile mit Kohle heizen können. 1827 kostete ein Brot in einer Bäckerei in Burg an der Wupper 4 Silbergroschen. 10 Silbergroschen wären also der Preis für 2,5 Brote gewesen. In Bonn kosteten am 1. Juli 1832 ein siebenpfündiges Schwarzbrot 5 Silbergroschen und 10 Pfennige. Heute kostet ein Kilo gutes Brot ca. 3 Euro. 2,5 Brote würden also 7,50 Euro kosten. Das wäre der vergleichbare Preis für einen kostbaren Pfirsich, wenn man die Brot-Währung zum Vergleich heranzieht.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass nach der Auflösung der großen Domänen und nach der Aufhebung des Flurzwangs, angeregt durch den wirtschaftlichen Aufschwung, den Köln und Bonn zwischen 1815 und 1835 erlebten, manch einer auf neue Ideen kam. So auch offensichtlich Johann Peter Schwingen.

Die Aufbruchstimmung, die seit dem Ende der Napoleonischen Zeit (trotz aller Einschränkungen durch Steuern und Kontributionen) und während des Vormärz herrschte, wird auch deutlich an der Gründung verschiedener „Vereine zur Beförderung des Gewerbefleisses…“. So der Beuth’sche „Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in Preußen“ in Berlin von 1821. Christian Peter Wilhelm Beuth, ein Niederrheiner, 1781 in Kleve geboren, gehörte zu den Vordenkern, die später zum Idealbild des klugen, vorausschauenden preußischen Beamten avancierten. Seine Entscheidungen waren wegweisend für die Verbesserung der Ausbildung in Handwerk und Technik.

Der im Rheinland von dem Bonner Staatsrechtler Peter Kaufmann (1803 geb. in Virneburg, gestorben 1872) gegründete den „Verein für gemeinnützige Bemühungen zur Förderung der Landwirtschaft, des Gewerbefleißes, der Intelligenz und Sittlichkeit in den Eifelgegenden“ von 1832 gehört in diesen Zusammenhang. Und nicht nur dies. Kaufmann stand im Kontakt mit David Hansemann, der 1833 in Leipzig eine Studie veröffentlicht hatte, die Steuergerechtigkeit gegenüber den Rheinpreußen einforderte. Hansemann verglich die Steuern in Frankreich, Preußen und Rheinpreußen miteinander und schrieb: § 332, S. 376: „In den östlichen Provinzen hört man häufig die Meinung äußern, daß die Rheinprovinz weniger eintrage als sie koste, und eine Last für Preußen sei, indem die Sicherstellung dieser Provinz beträchtliche Festungs-Anlagen erfordert habe; selbst Beamte, welche keine geborne Rheinländer sind, bei denselben aber Anstellung gefunden haben, vergessen sich zuweilen soweit, diese Meinung sogar in der Rheinprovinz auszusprechen. Ich hoffe, daß durch diese Schrift die Überzeugung verbreitet werde, daß keine preußische Provinz, nach dem Verhältnis des National-Vermögens, mehr einträgt, und keine wohlfeiler verwaltet wird, als die Rheinprovinz; ich hoffe, daß künftig die Verhältnisse mehr von dem allgemeinen politischen Standpunkte als nur einseitig betrachtet werden, und daß sich alsdann die Ansicht aufdringen müsse, wie ohne die Rheinprovinz mit ihren Bollwerken am Rhein gar kein starkes Deutschland oder Preußen gedenkbar ist, und wie daher diese Bollwerke nicht allein wegen der Rheinprovinz, sondern wegen des gemeinsamen Vaterlandes errichtet werden mussten.

Zum Schluß noch ein Wort an diejenigen, welche noch immer den Vorwurf, daß die Rheinpreußen französisch gesinnt wären, nicht fallen lassen.

Seit tausend Jahren und länger sind die Rheinpreußen im Besitze politischer Rechte gewesen, selbst unter der Herrschaft eines fremden Volkes und eines Despoten sind diese Rechte grundsätzlich noch erweitert worden und thatsächlich nicht ganz untergegangen; erst seitdem die Rheinlande nach dem Sturze Napoleons preußisch wurden, sind die Steuern der Rheinprovinz unter der preußischen Regierung in Friedenszeit höher als unter der französischen Herrschaft eines Kriegers; jahrelang ist in der Rheinprovinz der Verlust der so heilsamen und (S. 377) völlig eingebürgerten französischen Justiz-Einrichtungen befürchtet worden; das französische Gerichtsverfahren, welches doch einem Napoleon zur Aburtheilung politischer Verbrechen und Vergehen genügte, hat der preußischen Staatsregierung nicht sicher genug für diesen Zweck gedünkt, und jedes Verbrechen oder Vergehen müssen nach preußischem Verfahren ohne Öffentlichkeit und ohne Geschworene untersucht und gerichtet werden. Aber an die Stelle politischer Rechte, und strenger Handhabung der Verwaltungs-Gesetze ist die Humanität und der wohlwollende Sinn der preußischen Administration getreten, und die Rheinpreußen haben sich damit begnügt. Sie haben die hohen Abgaben regelmäßig entrichtet, und erwarten ruhig von der Staatsregierung eine Verminderung und Ausgleichung der Steuern; gegen die Abschaffung der französischen Justiz-Einrichtung haben die Rheinpreußen ihre Einwendungen unumwunden und offen ausgesprochen, und schnell haben sie vergessen, daß jene Abschaffung beschlossen war, und daß ihre Gegen-Vorstellungen von unfähigen Köpfen als französische Gesinnung ausgelegt worden waren; nur die Dankbarkeit über den Erfolg dieser Vorstellungen ist in Erinnerung geblieben, und hat die Liebe zum König verstärkt; was theils Folge des Friedenszustandes, der neuern Personen- und Eigenthums-Verhältnisse, der vielen, die Wohlfeilheit der Produktion befördernden neueren Erfindungen und des Prinzips der Theilung der Arbeit gewesen ist, – die Zunahme des Wohlstandes haben die Rheinpreußen ganz der Staatsregierung zugerechnet, und was diese dafür gethan hat, durch Anhänglichkeit an den Thron und das gemeinsame Vaterland, durch Sinn für Gesetz und Ordnung vergolten. Willig erkennen sie das Gute und die guten Absichten der Staatsregierung an; offen tragen sie dieser ihre Bitten und Beschwerden vor, ohne die Bahn der Gesetzlichkeit zu verlassen; selbst wenn ein Nachbarvolk größere politische Freiheit genießt und kleinere Staatslasten trägt, gehören die Rheinpreußen lieber den Stammesgenossen und einer edlen deutschen Dynastie an. So (S. 378) beweiset dieß biedere Volk, daß es würdig war, der Fremdherrschaft entrissen, und mit Preußen und Deutschland vereinigt zu werden. So bekundet es, daß Nationalität kein leerer Schall, sondern ein mächtiges Bindungsmittel unter Stammesgenossen ist. Auch die Ideen, wenn groß und herrschend, sind mächtige Kräfte; ehre daher jeder Preuße die deutsche Nationalität, und verdamme kein anderes Volk, wenn es für die seinige materielles Wohlseyn opfert.“

Diese Veröffentlichung Hansemanns, die in zweiter Auflage bereits 1834 erscheinen war, rief vielstimmiges Echo hervor, so dass Hansemann und Kaufmann gemeinsam 1834 sich genötigt sahen, eine weitere Stellungnahme zu veröffentlichen: „Würdigung der Schrift, Preußen und Frankreich. Zweite vermehrte Auflage, nebst der Prüfung einer neuen Gegenschrift.“, sie erschien ebenfalls noch im Jahre 1834 in Bonn bei Habich. Welchen Einfluss beide Veröffentlichungen auf die politischen Entwicklungen im Vormärz im Rheinland hatten, das mag man sich durchaus vorstellen können, zumal es vor dem Hintergrund der Abspaltung und Gründung des Königreichs Belgien (1830/31) zu sehen ist, und daher viel diskutierte Werke waren, weil man in Preußen durchaus durch das belgische Beispiel alarmiert war und einen rheinischen Separatismus fürchtete. Sicher sind die Veröffentlichungen Hansemanns auch im Lichte der Manifestationen zum Hambacher Fest von 1832 zu sehen, wo es zu antipreußischen und profranzösischen Verlautbarungen gekommen war. Dementsprechend hätte diese Veröffentlichung Hansemanns ein Weckruf sein können, der unter dem Eindruck der Juli-Revolution von 1830 in Frankreich mehr Wirkung hätte entfalten müssen. Vierzehn Jahre später kam es zur 48er Revolution in Preußen, die blutig niedergeschlagen wurde. In Berlin forderten die Unruhen im März 1848 mindestens 270 Opfer, in Düsseldorf fanden bei Barrikadenkämpfen am 9. Mai 1849 vierzehn Menschen den Tod.

In diesem von Hansemann und Kaufmann so eindringlich beschriebenen wirtschaftspolitischen Spannungsfeld bewegte sich der junge Johann Peter Schwingen, als er mit großen Hoffnungen begann, eine Pfirsichplantage anzulegen, die 1834 die ersten Früchte trug.

Die landwirtschaftliche Seite beleuchtet Johann Nepomuk von Schwerz (1759 – 1844). Schwerz war preußischer Agrarwissenschaftler, geboren in Koblenz, und bereiste ab 1816 das Rheinland und Westfalen, um im Auftrage der preußischen Regierung den Zustand der Landwirtschaft zu erfassen und zu beschreiben. Im Jahr 1836 fasste er seine Berichte aus den Jahren ab 1816 an die Regierung in einem Buch zusammen, das einen guten Einblick erlaubt in die damalige Landwirtschaft: „Beschreibung der Landwirthschaft in Westfalen und Rheinpreussen“, Stuttgart 1836.

Seine Erkenntnisse zum Obstanbau in der Rhein-Moselgegend sind sehr aufschlussreich. Zum Obstanbau bei Metternich (Koblenz) schreibt Schwerz: „Ueber diesen Kirschenhandel ad protocollum muß ich Folgendes anführen: Die Schiffer kommen in die Dörfer und schließen vorläufig den Handel. Ist die Zeit zum Einschiffen da, so wird mit der Glocke ein Zeichen gegeben, und sogleich macht sich Jedermann an das Kirschenbrechen, und bringt sie nach dem Ufer, welches nicht selten bis auf eine Stunde vom Dorfe entfernt ist. Von Seiten der Bauern hält sich einer ihrer Schöffen bei dem Schiffe und wiegt das ankommende Obst korbweise ab. Die Kirschen werden in das Schiff ausgeschüttet, und der leere Korb wieder zurückgegeben. Der Betrag wird zu Protokoll genommen, und die ganze Summe von dem Schiffer an den Schöffen erlegt, welcher am folgenden Sonntage nach der Vesper jedem der Lieferanten seine Rata zustellt.“ (S. 186). Die Zahl der Obstbäume für Metternich wird mit 14.000 Stück angegeben, (S. 186) für Rübenach ist ein Ertrag von 10.000 Franken allein für Kirschen angegeben, ohne Äpfel und Birnen (S. 186).

„Die Wuth des Obstpflanzens deren man einige Gemeinden beschuldigen könnte, besteht in dem Zusammendrängen der Bäume. Da der Boden äußerst parcellirt ist, so pflanzt Jeder auf sein Feld, hat es auch nur die Breite von 16 Fuß, eine Reihe Obstbäume. Der Nachbar, um nicht zu kurz zu kommen, pflanzt eine Reihe dagegen, und so von Feld zu Feld kann im Sommer kein Sonnenstrahl mehr zur Erde, und die Bäume tragen weniger als sie bei gehörigem Zwischenraume tragen würden. Diesem Unfug müßte durch eine Verordnung gesteuert werden, welche untersagte, einen Baum näher als 16 Fuß an Grenzen seines Nachbars zu bringen wie solches auch schon in Marnesia’s Plane lag.“…„In diesem Industrie-Zweige bleibt hier wohl Nichts mehr zu wünschen übrig, als vielleicht, daß er manchmal nicht mit einer Art von Wuth betrieben werden möge. Die Fluren sind zum Theil wirkliche Obstwälder geworden, welche man nicht ohne eine Regung von Staunen ansehen kann.“ (S. 187)

So hat man sich den Beginn des Pfirsichanbaus in Muffendorf vorzustellen. Zumal auch hier galt, dass der Transport für die leicht verderbliche Ware zu den größeren Märkten nach Bonn und Köln schnell per Schiff von Rüngsdorf aus zu bewerkstelligen war, das über den damaligen Muffendorferweg (An der Kommende, Albertus Magnus Str. und Kapellenweg), günstig lag. Die Schiffe konnten mit der Strömung schnell nach Norden vorankommen, was für den Transport des Obstes günstig war. Und die Märkte in Bonn und Köln versprachen den Absatz der Ware zu guten Preisen. Nach 1844 verkehrte die Eisenbahn zwischen Bonn und Köln in jeder Richtung mit sechs Verbindungen, was den Transport nochmals beschleunigte und vereinfachte. Zumal von Muffendorf aus auch der Mehlemer Bahnhof, den Bankier Deichmann als Hauptaktionär der Eisenbahn sich vor die Haustür seines Schlösschens in der Deichmanns Aue hatte bauen lassen, bequem und schnell zu erreichen war. So hatte man in Muffendorf das Privileg zwischen zwei Bahnhöfen, dem Godesberger und dem Mehlemer, wählen zu können. Auch der Tourismus mit seiner wachsenden Dienstleistungsbranche trug zum wirtschaftlichen Erfolg des Obstanbaus bei. Ganze Pflaumenernten gingen im späteren 19. und frühen 20. Jahrhundert von Muffendorf nach Königswinter, wo die Reisenden und Ausflügler mit Pflaumenkuchen versorgt wurden, beliebteste Sorte bei den Pflaumen war „Zimmers Frühe“. Für alle ein einträgliches Geschäft.

Auch die Produzenten von Postkarten fühlten sich animiert, schöne Motive fotografieren und vervielfältigen zu lassen. Eine Postkarten-Ansicht der blühenden Bäume mit dem Blick auf das Siebengebirge zeigt die neu angelegte Klosterbergstraße und am rechten Rand des Bildes den Turm der neuen St. Martinskirche sowie den Blick über das weite, noch unbebaute Pennenfeld auf die Felder an den Hängen des gegenüberliegenden Siebengebirges. Im Hintergrund rechts sieht man die Ruine Drachenfels.

Abb. 6: Die Pfirsichblüte um 1900 (Postkarte, Sammlung des VHH Bad Godesberg)

Der Obst- und Gemüseanbau muss guten Gewinn gebracht haben. Wenn man die Anzahl der um die Mitte des 19. Jahrhunderts neu entstanden großen Hofanlagen in Muffendorf sieht, darunter viele geschlossene Vierflügelanlagen, so wird deutlich, dass der Wohlstand sich in der Tat gehoben hatte. So wie Schwerz dies indirekt gefordert hatte: „Mittel den Ackerbau zu befördern: Das beste Mittel hierzu ist, sagt ein Landwirth aus der Rheingegend, wenn den Ackersleuten freier Spielraum gelassen, der Cultur keine Hindernisse in den Weg gelegt, hauptsächlich aber, wenn der Soldatenstand nicht zu sehr vermehrt wird. Der Ackerbau hat wirklich in hiesiger Gegend, durch Vermehrung der Truppen, durch Errichtung der Landwehr und häufiges Exerciren derselben stark gelitten. Es fehlt daher durchgehends an guten Pflügern und überhaupt an Dienstboten, und der Arbeitslohn wird verdoppelt.“ (S. 236)

„Wie die Personen selbst, so ist auch ihre Bildung, Industrie und Moralität verschieden; im Allgemeinen kann man aber anmerken, daß selbige mit der Armuth oder dem Vermögen ab- oder zunimmt, so daß derjenige in der Regel der Ungebildetste und Unsittlichste, welcher der Aermste ist. Es ist also entweder Armuth eine Folge von Unsittlichkeit und Trägheit, oder Unsittlichkeit und Trägheit sind die Folgen der Armuth. Bewährt hat sich dieses augenscheinlich dadurch, daß, je nachdem in diesen Gegenden durch die häufigen Domainenverkäufe die Armuth abgenommen, auch Bildung, Industrie und Sittlichkeit mit schnellen Schritten zuzunehmen anfangen.“ (S. 194)

Den Verkauf der alten Domänen, die zumeist dem Adel gehörten oder Kirchengüter waren, und die Befreiung der Bauern von zahlreichen Zwängen, wie dem Flurzwang z.B., sieht Schwerz als den großen Gewinn für die Landwirtschaft, als gesellschaftlichen Fortschritt überhaupt: „…Charakter des Landvolks: Das Landvolk an Rhein und Mosel ist nicht mehr das, was es vor 2 (die bezieht sich auf 1814, da die Originaltexte 1816 ff. geschrieben wurden) Jahren war. Es rückte so wie die übrigen Stände mit dem Geiste der Zeit im Guten und Bösen vor. Seine Abneigung gegen die Classe, welche sich Herren nennt, ist erloschen, seitdem diese dem Landmann den Grad von Recht und Achtung zugestehen, der ihm gebührt. Der Name Bauer ist, bei der Gleichheit der Bürgerrechte und der Aufhebung aller Privatzwangsmittel, kein Schand- und Spottname mehr. Die Unabhängigkeit, die Selbstständigkeit, eine Art von Wohlstand, geben auch dem Ungebildeten eine bisher unbekannte Kraft und entwickeln in ihm nicht geahnete Fähigkeiten. Da sich vor seinen Augen eine bessere Aussicht in die Zukunft öffnet, so werden ihm auch seine Kinder lieber, und er verwendet Etwas auf ihre Bildung. Da er an den Herren aus den Städten wohl sieht, daß Kleider Leute machen, so hängt auch er seinen zerlumpten Kittel hinter die Thüre, erscheint am Sonntage mit einem anständigen Rock in der Kirche, und die Mutter will, daß es auch bei den Kindern so gehalten werden soll. Der Schmutz schwindet und die Reinlichkeit stellt sich ein. Möchte der Mensch nur fähig seyn in allen seinen Unternehmungen die schöne Mittelstraße zu halten“ (S. 236) „und, gleich weit vom Schmutze und Prunke, von äußerster Rohheit und überflüssiger Aufklärung, den Pflichten seines Berufes treu zu bleiben, Zucht, Sitte, Einfalt und Religion nicht auf die Seite zu schieben und die Schranken seines Stande nicht zu übertreten! Das gewähre Gott meinen Mitbürgern und allen meinen Pflug- und Ackergenossen!“ (S. 237). Schwerz sieht im Maßhalten das Glück der Landwirtschaft, ja der ganzen Gesellschaft überhaupt. Die Erwähnung des „Maßhaltens“ hat einen ebenso bitteren wie damals aktuellen Hintergrund. Vor der Umwandlung kirchlichen oder adeligen Großgrundbesitzes, der zumeist steuer- und abgabenfrei gehalten war, waren die Bauern und Ackerer durch zahlreiche Steuern in wirtschaftlich sehr angespannter Lage. Zumal die meisten Höfe auch relativ wenig Land besaßen und darüber hinaus noch der Realteilung unterlagen, so dass mit jeder Generation das zu bewirtschaftende Land auf mehr Köpfe verteilt wurde. Die Folge war, dass die Armut zunahm. Die Situation vor der Säkularisierung schildert Johann Friedrich Benzenberg sehr anschaulich: „Die Geistlichkeit war der größte Grundbesitzer. Es gab Gemein[d]en in denen von 2000 Morgen Ackerland 1500 dem Adel und der Geistlichkeit gehörten und als solche Steuerfrey waren. Im ganzen Erzstifte Kölln, waren nur drey silberne Pflüge. ‚Er pflügt mit silbernen Pfluge,’ sagte man von einem Bauer der 100 Morgen als Eigenthum bebaute. – Um die Urbarmachung wüster Gründe zu befördern, hatte einer der Churfürsten verordnet: daß jeder silberne Pflug ein Drittel seiner Steuern als Nachlaß erhalte.“

Offenbar waren die Anreize, welche die Kurfürsten sich von einer solchen Steuerbefreiung versprachen, nicht groß genug gewesen, um den Wohlstand im Lande so zu mehren, dass er auf vielen Schultern ruhte. In Muffendorf waren die großen Güter die der Kommende und der Burg Muffendorf sowie das Gut des Martinistiftes in Lüttich mit 60 Morgen. Die Kleinpächter blieben im Gegensatz zu den Halbwinnern stets in wirtschaftlich prekären Verhältnissen. Chancen boten sich mit dem Ende des Alten Reiches und der Auflösung der großen Güter.

Nun zu Napoleon und Friedrich Wilhelm III.: Was haben die beiden mit den Muffendorfer Pfirsichen zu tun? Ein wesentlicher Aspekt der Obstbaumpflanzungen war dieser: Napoleon brauchte für seine Truppen haltbare Nahrungsmittel und hatte daher einen Preis ausgesetzt für denjenigen, der ein Verfahren zu Haltbarmachung entwickeln würde. 1810 erhielt Nicolas Appert (1749 – 1841) diesen Preis in Höhe von 12.000 Franken. Bereits im gleichen Jahr erschien sein Buch über die Techniken der Haltbarmachung in deutscher Sprache: „Das Buch für alle Haushaltungen – oder Die Kunst alle thierische und vegetabilische Nahrungsmittel mehrere Jahre vollkommen genießbar zu erhalten“ bei Pauli und Compagnie in Koblenz. Seine Wirkung ist gar nicht zu überschätzen. Die genaue und sehr einfache Anleitung zur Sterilisation von Nahrungsmitteln, vor allem von frischem Obst und Gemüse in Glasflaschen mit weitem Hals, brachte für die Haushaltungen eine großartige Vereinfachung des Wirtschaftens mit sich. Und die Lebensmittel waren zugleich gesünder, da weder übermäßige Mengen an Zucker, noch an Salz oder Essig notwendig waren, um sie haltbar zu machen. Der Siegeszug der vereinfachten Vorratshaltung hatte mit dieser von Napoleon geförderten Idee begonnen. Die Städter konnten sich nun wohlschmeckende Vorräte anlegen, die bequem im Regal zu lagern waren. Geschmacklich waren die Konserven den getrockneten Früchten oftmals überlegen. Der Markt für Obst entwickelte sich deshalb rasant. In der Folge entstanden im Rheinland Konservenfabriken in der Nähe der Anbaugebiete. Ein ganz neuer Wirtschaftszweig entwickelte sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Bedarf an Zucker stieg in der Folge ebenfalls enorm. In Preußen entwickelte der Autodidakt Franz Carl Archard (1753 – 1821), gefördert durch König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, neue Methoden des Zuckerrübenanbaus, um die Rübenzuckergewinnung zu optimieren. Es gelang Archard im Jahre 1802, aus seinem Gut Cunern (heute Polen) den aus 250 t Rüben gewonnenen Zucker zu liefern. Zwischen 1812 und 1815 wurde das Gut zur Lehranstalt für die Rübenzuckergewinnung. Archard veröffentlichte bereits im Jahre 1812 ein Lehrbuch über die Rübenzuckergewinnung und trug so in sehr erheblichem Maße zur Entstehung eines gänzlich neuen Industriezweiges bei, der insbesondere in der Nähe der großen Rübenanbaugebiete am Niederrhein Folgen zeitigte. Um eine kleine Volte zu drehen: die späteren Eigentümer der Muffendorfer Kommende, Familie Mayer, waren Erben, die ihren Reichtum der rheinischen Zuckerproduktion verdankten. Frau Elisabeth Mayer (1869 – 1953) war eine geborene Pfeifer, Tochter von Valentin Pfeifer (1837 – 1909) und dessen Frau Hedwig (1843 – 1911). Die rheinische Zuckerfabrik Pfeifer und Langen, die auch auf diese Familie zurückgeht, ist bis heute ein Begriff, vor allem mit den Zuckerhüten, die auf dem Etikett die Spitzen des Kölner Doms tragen. Valentin Pfeifer und seine Frau Hedwig sowie die Tochter Elisabeth Mayer und deren Mann Josef Mayer (1857 – 1914) sind auf dem Muffendorfer Friedhof, auf dem auch Johann Peter Schwingen sicher sein Grab gefunden haben wird, zur letzten Ruhe gebettet. Leider findet sich hier kein Grabstein von Johann Peter Schwingen.

Aber ein anderer Grabstein findet sich, der Grabstein der Nachfahren von Johann Peter Schwingen. Maria Elisabeth Schwingen, geb. am 12. September 1914, gestorben am 4. Juni 2002, war die Urenkelin von Johann Peter Schwingen und Enkelin von Johann Schwingen (geboren 1842, gestorben 1891) und lebte noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg im beschaulichen Hof der Familie Schwingen auf der Muffendorfer Hauptstraße. Ihre Eltern waren August Schwingen (geboren 1879, gestorben 1938) und seine Frau Maria, geborene Wessel (geboren 1877, gestorben 1960). Maria Elisabeth Schwingen war der letzte direkte Nachfahre von Johann Peter Schwingen und ist ohne Nachkommen verstorben.

Sie brachte daher ihr Vermögen, zu dem Johann Peter Schwingen mit seinen Pfirsichkernen den Grund gelegt hatte, in eine Stiftung ein. (http://caritas.erzbistum-koeln.de/caritas/caritasstiftung/die_stifter/maria_elisabeth_schwingen/).

So kann man mit Recht davon sprechen, dass die Pfirsiche des Johann Peter Schwingen noch heute reiche Früchte tragen.

Abb. 7: Der Grabstein der Familie von Maria Elisabeth Schwingen auf dem Muffendorfer Friedhof.

Abb. 8: Grabstätte der Familie Pfeifer – Mayer auf dem Muffendorfer Friedhof

Die ersten Rübenzuckerfabriken im Rheinland entstanden im Roer-Departement bereits um 1813. Die Zuckerraffinerie in Knechtsteden hatte längeren Bestand. Und der Rübenzucker wurde preiswertes Massengut: etwa 10 Silbergroschen das Pfund. Insbesondere die Likörfabriken am Niederrhein benötigten preiswerten Zucker. Aber auch die Konservenfabrikation, die ungeahnten Aufschwung nahm, bezog Zucker in großen Mengen. Ende des 18. Jahrhunderts erfand eine Schottin Marmelade aus Orangen und Zucker. Eine großartige Wirtschaftsidee, die weite Kreise zog. Marmeladen und Konfitüren wurden zum beliebten Brotaufstrich und spielten in der Küche eine wichtige Rolle. Der Anbau von Zuckerrüben wurde auch deshalb zum attraktiven Wirtschaftszweig und zog im zweiten Schritt die von Schwerz so deftig bezeichnete „Wuth des Obstbaumpflanzens“ nach sich. Franz Carl Achard war ein von der Aufklärung geprägter Geist mit weitem Horizont. So schrieb er in seinem Vorwort: „Allen Regenten und weisen Regierungen der Staaten, für welche der Zucker ein exotisches Erzeugnis ist, so wie auch jedem denkenden, den vaterländischen Kunstfleiß schätzenden, und gegen das Unglück seiner Mitmenschen in andern Welttheilen nicht gefühllosen Staatsbürger, widme ich diese Schrift. Erstere werden in der Ausführung der Runkelrübenzuckerfabrikation das Mittel nicht verkennen, den National-Reichthum, durch den Selbstgewinnst einer bisher sehr bedeutenden jährlichen Geldexportation, ansehnlich zu vergrößern, eine größere Anzahl von Menschen durch bisher unbekannte
Beschäftigungen zu ernähren, und eben dadurch die von der Bevölkerung und den Erwerbsmitteln abhängenden innern Staatskräfte zu erhöhen, die Gränzen der merkantilistischen

Abb. 9: Inschrift auf dem Grabstein von Valentin Pfeifer

Unabhängigkeit, die meistentheils mit der politischen in genauer Verbindung stehen, zu erweitern und endlich den individuellen Wohlstand der Staatsbürger entweder mittelbar oder unmittelbar zu befördern. Letztere können zum Theil in der Ausübung dieses neuen Zweiges europäischer Industrie ansehnliche Vortheile finden, und sämmtlichen muß der Genuß des Zuckers als Erzeugniß vaterländischen Kunstfleißes anziehnder werden, als er es bey der Rückerinnerung an das die Menschheit empörende harte Schicksal der vielen tausenden Schlachtopfer des Eigennutzes seyn kann, durch welche er in andern Welttheilen bereitet wird“.

Drei Themen bewegen den Autor:
– der „Kunstfleiß“,
– die Zunahme an Wohlstand
– und die Ersetzung der durch Sklavenarbeit errungenen Zuckerernten aus Übersee und damit das Ende der Sklavenarbeit.

Dies will uns heute als außerordentlich modern in der Auffassung von den Zusammenhängen der Wirtschaft erscheinen. Die Veröffentlichung ist aber mehr 200 Jahre alt. Insbesondere Frankreich leistete sich einen eklatanten politischen Widerspruch: wurden doch auf Initiative der Zuckerproduzenten die in der französischen Revolution erkämpften Menschenrechte ausschließlich für den Geltungsbereich des Mutterlandes für gültig erklärt (1790). Die überseeischen Produktionsstätten, die hauptsächlich durch Sklavenarbeit funktionierten, kamen daher nicht in den Genuss der allgemeinen Menschrechte. Die Sklavenwirtschaft blieb prägendes Element dieses wirtschaftlichen Erfolgs. Archards Forschungen und die Umsetzung derselben atmen den Geist der Aufklärung und der preußischen Reformen.

Der Anbau von Zuckerrüben und die Gewinnung von Zucker daraus veränderte die Landwirtschaft, die Lebensweise, das Kochen, die Ernährung und die Wirtschaft insgesamt. Auch die Zuckerrübe gehört zu den Pflanzen, die Welt veränderten. Der Innovationsschub durch die Zucker- und Konservenindustrie war markant. Die ausführliche Würdigung der Rübenzuckergewinnung in Band 128 des Krünitz’schen Lexikons, der Band ist 1820 erschienen, macht deutlich, welches wirtschaftliche Potential man in der Zuckerherstellung erkannte. In Band 84, der bereits 1801 erschienen war, ist die Marmeladenherstellung sehr ausführlich beschrieben. Auch hier wird bereits Zucker in großen Mengen bei den Rezepturen verwendet. Pfirsichmarmelade gehört selbstverständlich zum Repertoire. Eine Marmelade, die man heute kaum noch findet.

Die Märkte und die Fabrikgründungen (Manufakturen) explodierten ab etwa 1830. Die verbesserte Ernährungsgrundlage schuf die Voraussetzungen für die große Industrialisierungswelle ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der beim Volk beliebte preußische König Friedrich Wilhelm III. (1770 – 1840) hatte erheblichen Einfluss darauf genommen, durch Innovationen und Reformen die Wirtschaft seines Landes zu fördern. Um noch eine kleine Bonner Volte zu drehen: Friedrich Wilhelm III. war der König, dem der in Bonn geborene Ludwig van Beethoven sein wohl berühmtestes Werk, die 9. Symphonie, gewidmet hat. Beethoven verstand sich als „Untertan vom Rhein“ des preußischen Königs, wie er dies im Anschreiben an Fürst Franz Ludwig Hatzfeld im März 1826 betont hatte, und er schätzte den preußischen König. Beethoven hatte sich im Gegenzug einen Orden erhofft, der ihm allerdings versagt blieb. Dennoch hatte Hatzfeld erreicht, dass der König die Widmung gnädigst annahm.

Im Gesamtzusammenhang wichtig ist die Einschätzung Beethovens, dass er willens war, dem preußischen König sein bedeutendstes Werk, die 9. Symphonie, zu widmen. Dies lässt immerhin auf eine herausragende Wertschätzung schließen.

Vom Heroischen kommen wir wieder in die „Niederungen“ der Landwirtschaft: Die Muffendorfer Pfirsichkultur ist Zeugnis für die Veränderungen nach dem Ende des alten Reichs. Immerhin hat diese Spezialkultur bis in die 1960er Jahre hinein ihre Früchte getragen und war damit über 130 Jahre lang prägendes Element der Landschaft gegenüber dem Siebengebirge, so wie es vorher die Weingärten gewesen waren. Die Bonner Fotografin Leni Werres hat dies mit dem scharfen Blick der Künstlerin erkannt und festgehalten. Ihr Foto von den blühenden Muffendorfer Pfirsichbäumen fand Einlass in den Bildband „Der Rhein“ (s. Abb. 4). Die Pfirsichblüte fand Erwähnung auch in anderen heimatkundlichen Büchern wie „Lebendiges Rheinland“ (Düsseldorf, 1940, S. 65).

Diese Fotografien belegen eindeutig, dass in den 1920er Jahren die Umstellung auf den Obstbau vollkommen gelungen war. Wenige Jahre vorher noch schrieb der Godesberger Bürgermeister Dengler am 7.4.1903 an den Landrat einen kurzen Bericht über den Weinbau zu Muffendorf: „…Bis 1875 gab es in dieser Gemeinde nur Rothwein, der aus Spättrauben gezogen wurde. Diese Spättrauben gingen, wahrscheinlich des Klimas und der ungeeigneten Bodenverhältnisse halber, in ihren Erträgen sehr zurück, so daß die Weinbauern anfingen, die sog. Frühburgundertrauben anzupflanzen und die Spättrauben allmählig ganz verschwinden zu lassen. Die Erträge und demnach die Lust der Weinbauern stiegen wieder, so daß 1893 etwa 60 Morgen Weinberge in Muffendorf existirten. Da kam die Reblaus! Zu ihr gesellten sich dann noch die anderen Rebenkrankheiten, Unlust für die Weinberge trat ein und der Weinbau ging rapider zurück als er vorher anwuchs. Von Jahr zu Jahr wurden und werden noch Weinberge in Obstanlagen, stellenweise auch in Gemüsegärten umgewandelt, und der Zeitpunkt ist nicht mehr fern, wo der Weinbau nur noch eine historische Erinnerung bildet. Augenblicklich (1903) sind in Muffendorf noch etwa 12 Morgen Weinberge vorhanden. An die Stelle der Rebenanlagen sind wie gesagt meist Obstgärten getreten, meist Pfirsichobst, Stachelbeeren, Johannis- und Erdbeeren usw. angepflanzt. Diese Obstanlagen sind viel ertragreicher als der Weinbau.

Es war in Muffendorf die Erfahrung gemacht worden, daß nur alle 7 Jahre eine volle Weinernte eintrat; die übrigen Jahre waren meist so, daß die Unkosten nicht gedeckt wurden. Eine volle Ernte aber brachte pro Morgen höchstens 121/2 Ohm Wein à 80 Mark = 1000 Mark ein, was im Durchschnitt einen Bruttoertrag von pt. pt. 150 Mark pro Morgen und Jahr bedeutet! Auf einem Morgen Land kann man bequem 50 Stück Pfirsichbäume pflanzen, und im Durchschnitt bringt ein Baum für ebensolange Jahre wie der Weinberg pro Jahr bequem 6 Mark ein, was bei geringerer Pflege und sehr viel weniger Arbeitslohn einen jährlichen Bruttoertrag von 300 Mark bedeutet. Ähnlich steht es mit den übrigen Obstsorten. Es eignet sich eben in Muffendorf der Boden besser für Obst – und besonders Pfirsichzucht als für Weinbau. Ganz anderes ist es merkwürdigerweise in dem daneben liegenden Lannesdorf. Dort trat die Reblaus nicht auf, die Pflege der Weinberge ist gut und die übrigen Rebschädlinge werden erfolgreich bekämpft. Es geht dort der Weinbau daher auch nicht zurück, und die 30 Morgen Rebanpflanzungen vermehren sich zwar nicht, aber der Bestand bleibt. Allerdings ist die Bevölkerung dort durch den Grubenbetrieb auch etwas anderes geartet und der Boden für Pfirsiche nicht so geeignet. Endlich aber bewirkt ein sehr rühriger Winzerverein, daß die Preise der rothen Trauben lohnend bleiben“ .

Dengler beschreibt hier die Situation aus der ökonomischen Sicht. Der Ertrag des Pfirsichanbaus war doppelt so hoch wie der Ertrag aus dem Weinanbau, was ein sehr handfester Grund für die Umstellung von Wein- auf Obstbau war. Allerdings hat er sein Augenmerk nur auf den Zeitraum gerichtet, nachdem die Reblaus eingeschleppt wurde und immense Schäden im rheinischem Weinbau verursachte. Im Jahre 1874 wurde die Reblaus zum ersten Mal festgestellt, und zwar am Annaberg bei Bonn. Von hier aus verbreitete sich der Schädling und brachte den Weinbau in manchen Gegenden zum völligen Erliegen. Insbesondere Kleinwinzer mussten den Weinbau aufgeben, da sie nicht über die entsprechenden Mittel verfügten, um Neuanpflanzungen mit Propfreben vornehmen zu können. Das Problem des Reblausbefalls war bereits erkannt, König Wilhelm I. von Preußen hatte 1873 ein Gesetz zum Schutz der Reben vor der Reblaus erlassen. Es kam aber zu spät, die Reblaus hatte bereits begonnen, sich auszubreiten.

Wenn Dengler schreibt, dass der Rotweinanbau in Lannesdorf einträglicher blieb als in Muffendorf, so verkennt er, dass in Muffendorf der Pfirsich aus Gründen der besseren ökonomischen Nutzbarkeit und des besseren Bodens bereits seit den 1830er Jahren Einzug gehalten hatte. Lannesdorf hatte schlicht nicht die Möglichkeiten, die sich Muffendorf hinsichtlich des Obstbaus boten. Daher blieb der gewerbliche Weinanbau in Lannesdorf länger bestehen. Die Lannesdorfer Gruben boten darüber hinaus andere Erwerbsmöglichkeiten, so dass die Umstellung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft nicht dem gleichen ökonomischen Druck ausgesetzt war wie in Muffendorf.

Eine Erinnerung an das alte Muffendorf und die Arbeitsbedingungen dort ist diese: ein Mann aus Muffendorf ging werktäglich durch den Kottenforst nach Witterschlick, um dort in den Tongruben zu arbeiten. Abends heimgekehrt bestellte er noch den eigenen Gemüsegarten und am Wochenende arbeitete er gegen Lohn in den Hausgärten. Er tat dies bis an sein Lebensende. So die Erzählung eines alten Muffendorfers. Der Weg durch den Wald dauerte mindestens zwei Stunden, also jeden Tag 4 Stunden auf Schuster’s Rappen. Acht Stunden Arbeit in der Grube, danach sicher noch zwei Stunden im Garten. Ein Arbeitstag von 14 Stunden. Da war keine Zeit und keine Kraft mehr vorhanden, Geselligkeit zu pflegen oder für Müßiggang.

Zurück zur Reblaus: warum sie sich nicht in den Lannesdorfer Wingerten ausbreitete ist nicht bekannt. Die Beobachtungen Denglers decken sich mit den Darstellungen des Lehrers Färber über den Weinbau im späten 19. Jahrhundert. Aloys Schulte hat diesen Bericht ausführlich gewürdigt in dem Artikel „Muffendorf in der Franzosenzeit“ . Die Vorhersage Denglers, dass der Weinbau bald nur noch eine „historische Erinnerung“ sein würde, trat dann auch bald ein. Nach dem dem Zweiten Weltkrieg gab es nur noch wenige Hausreben in Muffendorf, die an den einstigen Weinbau erinnerten.

Erst in den 1970er Jahren wurden auf Initiative von Robert Diederichs († 2006) wieder zwei größere Weinberge angelegt und das Weinbaugebiet offiziell eingetragen als „Muffendorfer Klosterberg“. So hat sich die Geschichte wieder einmal gedreht. Heute gibt es wieder mehr Weinstöcke als Pfirsichbäume im Dorf.

Und noch heute gilt: im zeitigen Frühling gibt es im Garten kaum etwas, das großartiger blüht als ein Muffendorfer Pfirsichbäumchen mit seinen intensiv rosa gefärbten Blüten. Allen Gartenbesitzern sei geraten, sich einen Kern schenken zu lassen und ein Pfirsichbäumchen daraus zu ziehen.

Bei guter Pflege, also starkem Rückschnitt und guter Düngung, hat man ein höchst dekoratives Bäumchen im Garten, das rund ums Jahr den Garten schmückt und auch noch wohlschmeckende Früchte trägt. Und wann hat man schon einmal die Möglichkeit, aus nichts als einem Kern etwas so Schönes und Nützliches zu machen? So, wie Johann Peter Schwingen es mit seiner Pioniertat gemacht hat.

Abb. 10: Ein Pfirsichbäumchen in einem Gemüse- und Obstgarten, Am Gässchen

Abb. 11: Reifende Pfirsiche
Und wie sagte der erfahrene Gartennachbar? „Pfirsiche musst Du quälen!“, also ordentlich zurückschneiden. Nur dann ist in sonnigen, windgeschützten Lagen ein guter Ertrag zu erwarten.

Viel Erfolg!

Pia Heckes, 13. März 2013

Vortrag in Alt St. Martin

Zur ältesten Geschichte von Alt-St. Martin

Altbekanntes und weniger Bekanntes in neuen Zusammenhängen gesehen

Dieser Vortrag fasst vieles zusammen, was sich über die Geschichte von Alt St. Martin bereits im Text zur Geschichte Muffendorfs an verschiedenen Stellen findet. Doch ist hier der Schwerpunkt gelegt auf die Antike und das frühe Mittelalter; auf die Fragen, die sich daraus ergeben, dass sich die erste urkundliche Erwähnung der Kirche im Jahr 913 auf eine bereits bestehende Kirche bezog. Und darauf, welche Fragen sich aus Baubefunden, archäologischen Funden und anderen Hinweisen ergeben, das versucht der Vortrag zu beleuchten. Daher haben wir uns entschlossen, den Vortrag anlässlich des 1100jährigen Jubiläums der ersten urkundlichen Erwähnung der Kirche ebenfalls ins Netz zu stellen.

Über Alt St. Martin ist in den bekannten baugeschichtlichen Nachschlagewerken (Dehio Rheinland) nicht viel zu finden. Wenige Eckdaten sind genannt:
Ursprungsbau: fränkische Saalkirche mit flacher Decke, um 1200/1220 Erweiterung des Baus um ein Schiff, Material Tuff und Trachyt. Massiver Westturm, Ostapsis mit vorgelagerter Vierung. Aus der Zeit um 1220: Hauptaltar, Sakristeitür mit eisernen Beschlägen, Taufstein. 1635 ein wesentlicher Umbau der Kirche. 1910 Sanierung, 1963 Sanierung. Und das war es dann auch schon im Wesentlichen.

Herbert Strack hat aber 1988, 2. Auflage 1999, eine Broschüre verfasst, die zuverlässige Informationen bietet (Strack, Herbert: Die alte Sankt-Martins-Kirche zu Muffendorf, VHH Bonn Bad Godesberg, 2. Aufl. 1999).

Und eben diese Broschüre war es, die mir Anlass geboten hat, einzelnen Fragen, die sich gestellt haben, nachzugehen. Fragen, die weder durch Archivmaterial noch durch andere Fakten leicht zu beantworten sind.

Grundsätzlich besteht das Problem, dass wir keine bauarchäologische Untersuchung zu Alt St. Martin besitzen. Ebenso wenig wie systematische archäologische Grabungen stattgefunden haben. Schon beim genaueren Betrachten der Wände sieht aber auch das ungeübte Auge, dass sich in den Mauern manche Baudetails verbergen, die zu unterschiedlichen Bauphasen gehören. Und die bei genauerer Untersuchung sicher vieles über frühere Bauzustände, und damit über die Geschichte der Kirche, verraten können.

Aber was können wir heute über Alt St. Martin wissen, ohne dass die Kirche selbst bauarchäologisch seziert werden muss? Jede Untersuchung bedeutet auch Verluste historischer Substanz und ist nur möglich, wenn es einen Anlass wie schwere Bauschäden z.B. gibt – deshalb folgen jetzt die theoretischen Überlegungen.

Zuerst will ich einige Zitate voranstellen.:

Zitat Nr. 1: „Muffendorf war eine königliche Villa der Karolinger“

Nr. 2: „Die alte (Muffendorfer) Kirche ist eine der ältesten des Rheinlands“
(beide Zitate: German Hubert Christian Maaßen, Geschichte der Pfarreien des Dekanates Bonn, 1898, Bd. II, S. 286 und S. 299).

Zitat Nr. 3: Urkunde vom 16. Juni 913
„Kund sei allen Gläubigen, den gegenwärtigen, wie den zukünftigen, auf welche Weise ich Guntbald, unwürdiger Presbyter, aus dem Besitz des Klosters, das innerhalb der Mauern der Stadt Weilburg; erbaut und zur Ehre der heiligen Gottesmutter und der heiligen Jungfrau Walburga geweiht ist, mit gnädiger Erlaubnis des allerfrömmsten Herrn, des Königs Konrad, und ebenso auch im Einverständnis des Propstes und der anderen Brüder, die Gott und seiner heiligen Gebärerin und der heiligen Jungfrau Walburga dort dienen, zwei rechtmäßige Kirchen empfangen habe, die eine in dem Dorfe Bredebach, im Perfgau, in der Grafschaft Eberhards, die andre in einem Dorfe, Muffendorf genannt, im Gau Punneguwe, in der Grafschaft eines andern Eberhardt, und zwei andre dazu gehörigen Kirchen.
Dagegen aber habe ich übergeben und geschenkt an die oben erwähnte Stelle, was ich an Eigentum damals zu besitzen schien in dem vor genannten Dorf Bredebach und in einem andern, welches Gladebach heißt, mit 42 Leibeignen, beiderlei Geschlechts, natürlich in der Absicht, daß ich ohne irgend eines Widerspruchs dies alles oben Genannte, und was es wächst und zunimmt inne habe und besitze auf die Zeit meines Lebens, daß aber nach meinem Tode das Ganze durch Gottes Hilfe verbessert an dasselbe Kloster und in die Nutznießung der Länder unversehrt zurück fallen soll.
Ich, Kanzler Salomon, habe es geschrieben. Geschehen am 16. Juni des Jahres 913, der Fleischwerdung des Herrn“ (nach: Ostrowski, Ursel: Evangelische Kirche zu Breidenbach, Breidenbach 2000. „Das Walpurgisstift in Weilburg war ein Benediktiner-Kollegiatstift, das von 912 bis 1555 bestand. Ihm war eine bedeutende Stiftsschule angefügt. Im Jahr 912 gründete der im Jahr zuvor zum König des Ostfrankenreichs gewählte Konrad I. zum Andenken an seinen im Jahre 906 bei Fritzlar in der Babenberger Fehde gefallenen Vater Konrad den Älteren ein Chorherrenstift und ließ neben dem Weilburger Königshof die kleine Stiftskirche St. Walpurgis errichten, die der Jungfrau Maria und der Heiligen Walpurgis geweiht wurde und wohl eher eine Kapelle war. In den folgenden Jahren stattete Konrad das Stift mit reichem Besitz aus eigenem und Königsgut aus, so z.B. im April 914 mit der Taufkirche in Haiger mit Gütern und Zehnten sowie dem Königshof Heigera und im Jahre 915 mit der „Villa Nassova“, dem Königshof in Nassau nebst umfangreichem Grundbesitz. In Anlehnung an das auf der Ostseite des Mühlberges über der Lahn gelegene Stift und den südlich angrenzenden ehemals konradinischen Wirtschaftshof entstand die spätere Stadt Weilburg.“ Wikipedia, Stift Weilburg.)

Wie verhalten sich diese beiden Zitate zueinander? Was können wir daraus – und aus anderen Nachrichten zur Geschichte von Alt St. Martin erfahren?

Zum einen: die Kirche hat seit altersher Menschen in ihren Bann gezogen. Über diese Kirche und die Landschaft am Rhein schreibt Paul Ortwin Rave 1922: „Um bedeutend zu wirken, bedurfte es keines größeren Aufwandes in einer Landschaft, in der, wie Wilhelm Heinse 1780 in einem Brief von seiner Rheinreise schreibt, der Strom ‚wie ein lichtheller Greis im Silberhaar von lustigen Rebenhügeln gleich jungen Liebesgöttern umwimmelt daliegt’. So haftet selbst so winzigem Kirchlein wie der Muffendorfer bei Godesberg im Angesicht der Sieben Berge eine achtungsgebietende Würde an…“ (Rave, Paul Ortwin: Romanische Baukunst am Rhein, Bonn 1922, S. 12, Abb. 50). Rave war einer der bedeutendsten Bauhistoriker des 20. Jahrhunderts.

Diese Würde des Alters und der Besonderheit ist noch heute zu spüren. Und die wesentliche Tatsache, die wir der Quelle aus 913 entnehmen können, ist banal: die Kirche bestand bereits 913. Und hatte der Quelle zufolge zwei dazugehörige weitere Kirchen. Welche das waren, wissen wir nicht. Vielleicht resultierte aus diesem Faktum aber der stete Ärger mit der Mehlemer Kirche um das Vorrecht?

Gehen wir aber noch weiter zurück in der Geschichte: Fangen wir mit der Antike an: Soweit nicht Quellentexte antiker Schriftsteller oder Historiographen überliefert sind, ist man auch hier auf die Erforschung von Bodenfunden angewiesen. Bodenfunde aus dem Spät-Latène, die beim Bau der Elisabeth-Mayer-Straße ergraben wurden, beweisen, dass schon im 1. Jahrhundert v. Chr. sich in Muffendorf ein durch einen Graben befestigter Hof befand (RhAB, Ortskartei). Kelten lebten hier, wahrscheinlich Eburonen.

Cäsars Legionen eroberten Gallien bis zum Rhein hin (58 bis 51 v. Chr.), verdrängten die um Bonn herum lebenden Eburonen, forcierten die Zuwanderung der Ubier. Insbesondere die Legio Prima Minervia (Legio Prima Flavia Minervia Pia Fidelis Domitiana), die im Jahre 83 unter Kaiser Domitian nach Bonn verlegt wurde und über 200 Jahre lang die Kultur der Stadt und der engeren Region prägte, hat ihre Spuren hinterlassen, genetisch ebenso wie kulturell lange nachwirkend. Franken folgten und hinterließen ihre Spuren ebenfalls in der „Völkermühle am Rhein“, wie Carl Zuckmayer (Des Teufels General) das Rheinland nannte.

So fand man folgerichtig auch römische Spuren bei der Sanierung von Alt St. Martin zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im nördlichen Seitenaltar der Kirche, wie Strack schreibt, war ein römischer Weihestein mit Inschrift vermauert, den man aus der unmittelbaren Nähe herangeschafft hatte. Wahrscheinlich ist er aber nicht nur wegen des Steinmaterials im Altar vermauert worden, sondern um den von den mittelalterlichen Christen bekämpften Götzendienst an einem römischen Altar zu unterbinden. Dies geschah, in dem man die Weihestätte christlich überformte und den Stein, der einstmals nach dem Willen des Stifters, Gaius Scribonius, den Weiheplatz markierte, zum christlichen Altar umwidmete, so dass seine einstige Funktion nicht mehr erkennbar war und er dem neuen christlichen Kultus zu dienen hatte. (Die Nachbildung des Steins steht heute in der Grünanlage am Remi-Baert-Platz, das Original befindet sich im LVR Rheinischen Landesmuseum in Bonn.)

Der nördliche Seitenaltar existiert heute nicht mehr, er wurde ebenso wie der südliche Seitenaltar bei der Sanierung nach 1910 abgebrochen. Beide Seitenaltäre entsprachen dem Brauch, an zahlreichen Altären in den Kirchen des Mittelalters zu zelebrieren, die den verschiedensten Heiligen geweiht waren. Die Altarmensen der beiden abgebrochenen Altäre befinden sich noch heute auf dem Friedhof der Kirche. Sie liegen beide in der Nähe des Kirchturms und sind zu erkennen durch die sehr dunkle Farbe des Steins und durch die eingemeisselten Kreuzzeichen in den Ecken der Mensen. Wahrscheinlich gehörten beide Seitenaltäre noch zu den ältesten Teilen der Kirche, wofür auch der eingemauerte Weihestein spricht.

Warum?

Wie kam der Diana-Stein hierher?

Auf beide Fragen gehe ich später noch ein. (Eine Nachbildung des Steins steht heute im kleinen Park unterhalb des Gefallenenmals, Sie sind sicher schon oft daran vorbeispaziert. Das Original befindet sich sich im Rheinischen Landesmuseum in Bonn.)

Alt St. Martin befindet sich auf einem kleinen Geländesporn. Von hier aus hatte man in der Antike sicherlich einen freien Blick über das Rheintal, das durch intensive Beweidung und wirtschaftliche Nutzung bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wenig bewaldet gewesen ist. Dies zeigen alte Luftbildaufnahmen aus den 1930er Jahre (Hansa-Luftbilder, Bez.-Reg. Köln, Geodienst, Archiv). Der freie Blick wird eine wesentliche Rolle für die Standortentscheidung eines römischen Tempels oder eines römischen Landgutes gespielt haben. Ist doch für das 3./4. Jahrhundert ein antiker Burgus auf dem Godesberg archäologisch nachgewiesen, der wahrscheinlich Signalfeuer getragen hat. So konnte man vom Standort der heutigen Kirche Alt St. Martin aus stets über wichtige Vorgänge durch optische Nachrichtenübermittlung informiert sein. Ein strategisch günstiger Ort, den die Menschen seit der Antike zu nutzen wussten.

Im „erhabenen Angesicht der Berge des gegenüberliegenden Siebengebirges“ (Rave) mag daher ein römischer Tempel oder eine Villa mit Weiheplatz in dieser Lage gut vorstellbar sein. Es gibt verstreut einzelne archäologische Hinweise auf das römische Muffendorf: Bereits im späten 19. Jahrhundert erwähnt Alfred Wiedemann zahlreiche Bruchstücke römischer Ziegel und Gefässe in den Weinbergen und Aeckern, so dass hier, am Standort der Kirche, wohl eine römische Ansiedlung gelegen haben wird. Die Bruchstücke hätten sich „an der linken Seite des Fusspfades, der zu Muffendorf oberhalb des Dorfes von dem Schulhause (gemeint ist hier das alte Schulhaus in der Martinstraße) aus nach Süden führt, etwa halbwegs nach der von der ehemaligen Commende nach dem Haiderhof hinauf führenden Einsattelung,“ (BJb 90, S. 203) befunden. Leider ist der Fundort nicht genauer bezeichnet. Auch in den Unterlagen des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege in Bonn (RhAB) findet sich dazu nichts Ergiebigeres. Nach der Beschreibung könnte es sich um den Hang unterhalb des Friedhofes handeln. Römische Funde sind dort in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gemeldet worden. Die Funde römischen Materials in einer Baugrube in der Muffendorfer Hauptstraße (ca. 1933, RhAB) und am Hang unterhalb der Elisabethstraße (BJb 139, S. 210) sowie oberhalb des Lyngsberges (ebenfalls in den 1930er Jahren gefunden, RhAB) beweisen aber die Anwesenheit römischer Siedler in Muffendorf. Groeteken erwähnt in seiner „Geschichte Godesbergs“ (1956, Teil II), dass sich bei Ausschachtungsarbeiten in Muffendorf Reste einer befestigten Römerstraße gefunden haben, die über Muffendorf Richtung Lannesdorf geführt haben soll. In den Unterlagen des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege findet sich dazu leider nichts. Aber in älterer Zeit ist nicht alles an der richtigen Stelle dokumentiert worden.

In diesem Zusammenhang muss das Jahr 310 erwähnt werden, als Konstantin der Große, mit dem das Christentum Einzug hielt, in Köln eine Brücke über den Rhein schlagen ließ, um die beiden großen Römerlager Köln und Deutz miteinander zu verbinden. Dies steht nicht in einem direkten Zusammenhang mit Muffendorf, macht aber deutlich, wie sehr das engere Rheinland rings um Köln in den Fokus der römischen Herrschaft gerückt war. In das erste Drittel des 4. Jahrhunderts werden die ersten Bischofsweihen datiert, so die Weihe des Maternus († 328), der als der erste Bischof von Köln gilt. Um 400 begann der Niedergang der römischen Provinz Germanien durch die Verlagerung großer Truppenteile nach Italien, was das Land am Rhein schwächte und Möglichkeiten für Übergriffe eröffnete (vgl. Corsten 1964, S. 87 ). Das Ende der Römerherrschaft im Rheinland kam mit dem Jahr 451, als die Hunnen plündernd und mordend den Rhein entlang zogen. Von diesen Hunnenzügen existieren bisher tatsächlich keinerlei archäologische Befunde. Das ist seltsam. Aber eine Folge war, dass die römische Herrschaft gebrochen war, und die Franken aus dem Dunkel der Geschichte auftauchten, die nach Gallien und Germanien eingewandert waren. (Ein recht anschauliches Bild, soweit die spärlichen Quellen aus der Zeit dies zulassen, findet man bei Becher 2011, der auch die Reihe der Frankenkönige von Gennobaudes (um 289) bis hin zu Chlodwig aufzuzeigen weiß, S. 113.)

Die fränkischen Merowinger wurden zu den Herrschern der ehemals provinzialrömischen Gebiete der Belgica II (secunda) und wenig später der Germania I (prima), und so gelangen wir von der Antike in die Spätantike bzw. ins frühe Mittelalter: Und nun wird es wieder sehr interessant für die Geschichte von Alt St. Martin.

Ebenfalls bei der Sanierung von Alt St. Martin nach 1910 fand man unter dem alten Fußbodenbelag, der weitgehend aus relieffierten steinernen Grabplatten der Neuzeit bestand, eine Reihe von fränkischen Gräbern, über denen das erste Kirchengebäude errichtet worden war. Die stark abgetretenen Grabplatten wurden entlang der östlichen Kirchhofsmauer aufgestellt, wo sie heute noch zu sehen sind . Unterhalb dieser fränkischen Gräber wiederum waren nach Groeteken Reste eines römischen Estriches gefunden worden, was dafür spricht, dass tatsächlich fränkische Nutzung auf römischen Bauresten stattgefunden hat (Groeteken 1956 II, S. 50).

Dies wirft Fragen auf, die zu beleuchten im Folgenden etwas weiter ausgeholt werden muss. Leider besitzen wir aber keine archäologischen Nachweise für diese Epochen und Funde, von denen Groeteken berichtet. Aber ich bin an dieser Stelle nicht bösgläubig, denn warum hätte Groeteken solche Funde erfinden sollen? Dafür gibt es keinen vernünftigen Grund. Zu der Frage eines Gräberfeldes schreiben Ennen und Höroldt: „Die Lage [einer Kirche] auf einem Gräberfeld ist typisch für eine über den Gräbern der Vorfahren errichtete Eigenkirche…“ (1976, S. 33). Also einer Eigenkirche eines fränkischen Noblen. Und „die Besitzfolge König, Adeliger, geistliches Institut findet sich oft…“ (Ennen/Höroldt 1976, S. 33). Das könnte demnach durchaus auch für Alt St. Martin in Muffendorf gelten.

Das Martinspatrozinium gehört zu den ältesten Patrozinien, insbesondere Clothilde (Chrodechild von Burgund, *474 †544), Gattin des Frankenkönigs Chlodwig (*466 †27.11.511), stiftete zu Beginn des 6. Jahrhunderts zahlreiche Kirchen, oftmals bei den Königsgütern, die dem Hl. Martin von Tours geweiht waren. (Zum Einfluss der Chrodechild und des Hl. Martin von Tours sowie die zeitpolitischen Umstände liefert Becher 2011 sehr ausführliche Informationen: S. 167 ff.)

Von St. Martin in Bonn, einem romanischen Kleinod, das 1804 abgerissen wurde, haben Sie alle schon einmal etwas gehört. Übrig geblieben von diesem Bauwerk ist nur der angedeutete Grundriss im Pflaster auf dem Bonner Martinsplatz. Die Dietkirche, deren Reste 1971 bis 1973 im ehemaligen Römerlager in Bonn ergraben wurden, geht wahrscheinlich auf das 6. Jahrhundert zurück (Ennen/Höroldt, 3. Aufl. 1976, S. 28). St. Martin in Düsseldorf-Bilk soll bereits 704 selbständige Pfarrkirche geworden sein. (Dort war übrigens sein gesamtes priesterliches Leben lang der Forscher Anton Joseph Binterim Pastor, dem wir so viele Kenntnisse mittelalterlicher Quellen verdanken, aber dies nur am Rande.)

Ob auch die Muffendorfer Kirche mit der Zeit Chlothildes in Zusammenhang steht, ist urkundlich nicht belegt. Wie wir ja überhaupt aus dieser Zeit nur sehr wenige schriftliche Quellen besitzen. Aber der Fund der fränkischen Gräber im Horizont zwischen dem barocken Fußboden und dem römischen Estrich beweist, dass ein Grabmonument oder ein nachantiker Weiheplatz bereits lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung der Kirche im Jahr 913 bestanden haben muss. Für den Übergang von der Antike zum Mittelalter bzw. in die Spätantike ist die Forschung bisher davon ausgegangen, dass Christen bereits sehr früh in Bonn nachgewiesen werden konnten. Bei archäologischen Grabungen fand man eine Glasschale mit christlichen Motiven, die sich in die Mitte des 4. Jahrhunderts datieren lässt. Grabungen am Bonner Münster haben ergeben, dass bereits um 350 für Bonn eine christliche Kirche, eine Cella Memoriae, nachzuweisen ist. Der Bezug zur Hl. Helena, die als Gründerin des Cassiusstiftes überliefert ist, wird somit über den zeitlichen Horizont der Funde des antiken Christentums im Rheinland untermauert.

Jetzt wieder zurück zum Zeitalter Chlodwigs: Die Schlacht bei Zülpich im Jahr 496/498 kann getrost als Markierungspunkt zweier Epochen (für die Geschichtsschreibung) im Rheinland gesehen werden. (In der neueren Forschung gilt diese Datierung als umstritten.

Es werden Daten zwischen 496 und 498 genannt, vgl. Rheinische Geschichte, Matthias Becher, 2012.)

Zum einen als das Ende der Antike, zum anderen als der Beginn der christlichen Frankenzeit. Wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass der Übergang ein fliessender war, keinesfalls eine eindeutige Zäsur. Dennoch markiert diese Schlacht einen wichtigen Punkt in der Spätantike. Denn mit Chlodwig und seiner Frau Chrodechild (also Clothilde), auf welche die Gründung zahlreicher Kirchen im Rheinland zurückgeht, beginnt ein neues, christlich geprägtes Zeitalter für das Land am unteren Rhein, zwischen Köln und Reims (vgl. Becher 2011). Die „fränkische Landnahme“ beginnt, Severin Corsten hat diese frühe nachantike Zeit insbesondere mit dem Augenmerk auf fränkische Herrschaftsstrukturen untersucht und kommt zu dem Schluss, dass es bereits im 5. Jahrhundert am Rhein einen grundbesitzenden fränkischen Adel gegeben haben muss (1964, S. 91).

Der Heilige Martin von Tours wird in dieser Zeit zum wirkmächtigen Königs- und Reichspatron. Das Land „Ripuarien“ am Ufer des Rheins beginnt Gestalt anzunehmen, ein merowingisches Reich zwischen Vinxtbach im Süden (der Bach mündet bei Bad Breisig in den Rhein) und Neuss im Norden, das in etwa der römischen Civitas Colonia (Köln) entsprach, wie Eugen Ewig schreibt (Die Stellung Ribuariens in der Verfassungsgeschichte des Merowingerreiches, Bonn 1969, S. 1 ).

Austrasien (der östliche Teil des merowingischen Königreiches) war bis zu Beginn des 8. Jahrhunderts in fünf Dukate (Herzogtümer) unterteilt, von denen eines Ripuarien war, offenbar mit der Hauptstadt Köln und den Gauen Köln, Bonn, Jülich, Zülpich und Eifel. Für Bonn ist die mittelalterliche Bezeichnung Bonn-Gau (Punnegau) belegt. Hierzu gehörte eben auch Muffendorf.

Man muss sich diese Epoche vorstellen als eine Zeit, in der sowohl antike Traditionen wie auch germanisch-fränkische Kultur nebeneinander bestanden und miteinander verwoben waren, durchaus wahrscheinlich kam auch durch gallische Siedler eingebrachte gallische Kultur hinzu. Das Lateinische war immer noch Umgangssprache der gebildeten Stände, doch langsam vollzog sich der Glaubenswandel von den antiken oder paganen (heidnischen) Göttern hin zu dem Gott der Christen. Für die Stadt Köln ist diese Zeit der fränkischen Landnahme, die Zeit vom 5. bis zum 10. Jahrhundert, in vorbildlicher Weise neuerdings von Carl Dietmar und Marcus Trier dargestellt worden (Carl Dietmar und Marcus Trier „COLONIA – Stadt der Franken“, Köln 2011).

Hier wird ein plastisches Bild dieser Zeit im Rheinland gegeben, fundiert untermauert durch die Auswertung neuer archäologischer Untersuchungen. Eine Veröffentlichung, die längst überfällig war. Wir können uns nun ein Bild machen, zumindest vom merowingischen Köln.

Eugen Ewig sieht die Organisation des ripuarischen Herzogtums bereits bei Theudebert I. (*533 †547) oder sogar schon bei dessen Vater Theuderich I. (Chlodwigs ältester Sohn) als weit fortgeschritten an. Theudeberts Frau Wisigarde verstarb um 537. Es ist vermutlich ihr Grab, das bei archäologischen Untersuchungen unter dem Kölner Dom gefunden wurde. Die Grabbeigaben lassen den Schluss zu, dass hier eine fränkische Königin bestattet wurde, die Forschung geht heute davon aus, dass dies Wisigarde ist.

„Das Rätsel eines bedeutsamen Fundes bei den Ausgrabungen unter dem Dom konnte mit Hilfe einer DNA-Analyse geklärt werden.

In der Kölner Domschatzkammer ist die Ausstellung „Königinnen der Merowinger. Adelsgräber aus den Kirchen von Köln, Saint-Denis, Chelles und Frankfurt am Main“ eröffnet worden.

Im Jahr 1959 wurden unter dem Dom zwei Grabstätten der Merowingerzeit entdeckt, in denen eine junge Frau und ein etwa sieben Jahre alter Junge bestattet worden waren. Inzwischen ist belegt, dass es sich um Wisigarde, die Gemahlin des Merowingerkönigs Theudebert I., handelte (die beiden heirateten um 537/38) – und dass das Kind nicht ihres war. Unter den Grabbeigaben – die Ausstattung war fast komplett erhalten – fanden sich auch Handschuhe aus Leder, und die darin sichergestellten Spuren klärten die Familienverhältnisse.

Was den materiellen Wert angeht, sind die anderen Grabbeigaben allerdings wesentlich kostbarer. Schmuck aus Gold und mit kostbaren Steinen besetzt, kunstvolle Gläser und eine filigran gearbeitete Spinnwirtel zeugen von der hoch entwickelten Kunst jener Zeit. Das gilt auch für die textilen Funde, beispielsweise mit Tierdekoren verzierte Gürtel oder goldgestickte Borden eines Mantelkleids.

Ergänzt werden die Kölner Funde mit vergleichbaren aus Saint-Denis/Frankreich (Arnegunde, dritte Gattin König Clothars I.), Chelles/Frankreich (Bathilde, Ehefrau des westfränkischen König Chlodwig II.) sowie der Ausstattung eines Doppelgrabs für adlige Kleinkinder, das unter dem Frankfurter Dom freigelegt wurde. Auch die um 580 gestorbene Arnegunde wurde aufgrund von DNA-Untersuchungen identifiziert.

Königinnen der Merowinger. Adelsgräber aus den Kirchen von Köln, Saint-Denis, Chelles und Frankfurt am Main, Domkloster 4, bis 26. Mai 2013 täglich 10 bis 18 Uhr.“ Aus: Kölner Stadtanzeiger vom 12.3.2013

Theuderich und Theudebert sind auch in anderer Hinsicht beide für die Geschichte Kölns wichtig, denn sie ließen in Köln eine Münzstätte errichten, „solidi“ (Goldmünzen, Schillinge) mit dem Abbild dieser fränkischen Könige zeugen davon. In der älteren Literatur zu den Franken findet man eine Kontroverse um die Frage, ob es bereits im 5. oder 6. Jahrhundert einen grundbesitzenden Adel bei den Franken gegeben hat (Corsten, Severin: Rheinische Adelsherrschaft im ersten Jahrtausend, in: Rheinische Vierteljahresblätter 1963, S. 85, 86). Die neueren Funde fränkischer Gräber in Muffendorf (s.u.) am Lyngsberg mit wertvollen Grabbeigaben, u.a. Almandinen-Schmuckstücke, lassen zumindest für den angenommenen Bestattungszeitraum 6./7. Jahrhundert auf eine Schicht begüterter Franken schließen.

Auch das in seinen Grundzügen erhaltene spätantike Steuersystem, das später von den Merowingern übernommen worden war, erlaubt Rückschlüsse darauf, dass zu dieser Zeit ein gewisser Wohlstand im Reich der Franken herrschte (vgl. Becher 2011, S. 241.) Und dass es, belegt durch die Grabfunde, eine Schicht wohlhabender Franken in Muffendorf gab. Die Bevölkerungsdichte hatte etwa um die Mitte des 5. Jahrhunderts (Hunneneinfälle) ihren Tiefpunkt erreicht, wie Ewig schreibt. So konnten die einwandernden Franken sich die besten freien Siedlungsorte sichern, ohne eine Verdrängungspolitik Alteingesessenen gegenüber betreiben zu müssen. Ein Zusammenwachsen, ein Verschmelzen der romanischen mit der fränkischen Bevölkerung wird heute als gesichert angesehen.

Der Straßenbau und damit die Erschließung bzw. Umgehung auch der großen Wälder in der Umgebung Kölns, hier sei der Kottenforst als Beispiel genannt, spielte dabei eine zunehmend wichtigere Rolle. Wir kennen als südliche Grenze des karolingischen Wildbanns Kottenforst im 10. Jahrhundert eine Straße von Muffendorf nach Eckendorf, die in Eckendorf an die Aachen-Frankfurter Heerstraße angebunden war. Dies war die wichtigste mittelalterliche Straße, war sie doch gleichzeitig Krönungsstraße. Diese Straße am südlichen Rand des Kottenforstes hatte wahrscheinlich einen erheblichen Einfluss auf die Muffendorfer Geschichte, was aber an dieser Stelle zu weit führen würde, wenn ich das im einzelnen begründe. Sie können diesen Teil zur alten Straße von Eckendorf nach Muffendorf gerne auf der Muffendorfer Internetseite nachlesen. Dort ist das ausführlich erläutert. Merken muss man sich hier nur eines: Muffendorf lag für damalige Verhältnisse verkehrsgünstig und war erschlossen. Eckendorf wurde bereits um 770 namentlich erwähnt. Es liegt nahe, daraus zu schließen, dass es damals bereits die Straße südlich am Kottenforst vorbei gegeben hat.

In der Zeit um 700 sind im Bonner Umland zahlreiche Funde anglofriesischer Silberpfennige nachgewiesen. Ewig schließt daraus, dass die Friesen ihre Handelswege bis zum Rhein ausgedehnt hatten. Das Ripuarien des 7. Jahrhunderts scheint also ein lohnendes Ziel für die aus dem Frankenreich kommenden Händler gewesen zu sein. Dies setzt einen gewissen Wohlstand voraus. Woraus resultierte dieser Wohlstand? Er wird in erster Linie durch eine wohl organisierte Landwirtschaft entstanden sein, die sowohl durch Sklavenarbeit wie durch die Organisation in Herrenhöfe und abhängige Bauernschaft (Mansen) geprägt war. Die Herrenhöfe entstanden oft aus den Schenkungen königlicher „Villae“, also von Königsgütern. Diese Organisationsform erlebte unter den Karolingern dann eine Blüte (s. Ewig 1993, S. 179, 180), beginnend mit Pippin dem Mittleren (*um 635 †16. Dezember 714) und seiner Gattin Plektrudis († nach 717) (s. Dietmar/Trier, S. 179, 180, Köln 2011).

In der neueren Literatur wird vermutet, dass die alte Muffendorfer St. Martinskirche, die 913 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, aufgrund der fränkischen Grabfunde unterhalb des alten steinernen Kirchenbodens aber eine deutlich ältere Tradition hat, eine Fiskalkirche gewesen sei (van Rey 2001 , S. 35). Was immerhin auf einigen wirtschaftlichen Wohlstand in Muffendorf schließen ließe, denn die Fiskalkirchen konnten durch ihre Zehnteinkünfte ein Königsgut unterhalten. Für die Reisewege der (früh)-mittelalterlichen Könige mitsamt ihres bedeutenden Hofstaates hätten die Stationen von der wichtigen Pfalz Sinzig aus durchaus auch heißen können: Muffendorf, Flamersheim, Vlatten, Düren, Eschweiler, Aachen. Und Muffendorf wäre ebenso eine komfortable Etappe von Sinzig nach Bonn zum nächsten karolingischen Königshof gewesen, hätte also doppelte Funktion haben können. So wäre es durchaus wahrscheinlich, dass sich in dem von der Natur so verwöhnten Muffendorf bereits ein karolingischer Königshof befunden hat, wovon die ältere Literatur ausgeht.

Möglicherweise sogar, wie durch die oben erwähnte Geschichte der alten Muffendorfer St. Martinskirche gezeigt, ein merowingischer Königshof. Maaßen schreibt dazu: „Die unregelmäßige Verbindung [des Turms mit der Kirche] legt den Gedanken nah, daß in ältester Zeit noch ein anderes Gebäude, etwa der Sitz eines mittelalterlichen Ritters oder eines kirchlichen Officianten der Kirche angebaut war. Nach Lage der Sache könnte man auch an die königliche Villa denken, welche wegen ihrer urkundlichen Grundlage eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich in Anspruch nimmt“ ( S. 299, 300). Die fränkischen Bestattungen, die man unterhalb des Kirchenfussbodens während der Restaurierungsphase nach 1910 gefunden hat, spielen nun für die Argumentation eine wesentliche Rolle, denn „in merowingischer Zeit ist es üblich, dass hochadelige Stifter in den von ihnen gestifteten Kirchen beigesetzt werden“( Ph. Hofmeister, Archiv für katholisches Kirchenrecht, zitiert nach Stadtspuren, Band 1, S. 344). Die Gräber sind leider, wie vieles andere im frühen 20. Jahrhundert, nicht dokumentiert worden. Daher ist nicht eindeutig nachzuweisen, dass es sich um Gräber christlicher Franken handelte. Aber dieser gesamte Zusammenhang lässt doch darauf schließen, dass wir es hier wohl mit einer sehr frühen, möglicherweise merowingischen Kirchengründung zu tun haben. Auch die später (888) bestätigte Aachener Nona, die von St. Martin in Muffendorf und von St. Dionysius in Vlatten über einen Zeitraum von nachweislich fast 800 Jahren gezahlt wurde, könnte ein Hinweis auf eine merowingische Vorgeschichte beider Kirchen sein. Denn sowohl Dionysius wie Martin waren fränkische Nationalheilige. Zahlreiche merowingische Könige wurden in der Abteikirche St. Denis (Dionysius) nördlich von Paris seit dem 6. Jahrhundert bestattet, die später zur bedeutenden Grablege der französischen Könige wurde.

Ungefähr 100 Jahre später, zur Zeit Dagobert I. (*um 608 †638/639) und des Kölner Bischofs Kunibert (*um 600 † 664), erlebte Ripuarien die Kodizifizierung von Recht. Eine erste geschriebene Gesetzessammlung (Lex ribuaria) entstand um das Jahr 633 (Ewig 1969, S. 29). Geht man davon aus, dass diese Jahre eine Zeit des relativen Friedens in Ripuarien gewesen sind, während wohl im gesamten Reich der Merowinger unsichere Machtverhältnisse ohne funktionierende Zentralverwaltung herrschten, vermag man sich durchaus vorzustellen, dass neben der verschriftlichten Rechtsetzung auch die Strukturierung des Landes eine gewisse Rolle spielte. Die Gründung königlicher Höfe, die teilweise mit der Schaffung von Eigenkirchen einherging, die Gründung einer großen Zahl von Klöstern und die Einsetzung von engen Vertrauten als Bischöfe kennzeichnen das 7. Jahrhundert im Merowingerreich. Um 690 nutzten die Merowinger in Köln Überreste römischer Tempelbauten für ihre Kirchengründungen. Prominentestes Beispiel dafür ist St. Maria im Kapitol, die auf den baulichen Resten eines Tempels, der den Kapitolinischen Gottheiten Jupiter, Juno und Minerva geweiht war, erbaut wurde.

So wäre es auch für Alt St. Martin denkbar, dass die Kirche auf die Zeit der Merowinger zurückgeht, wie dies auch die Funde fränkischer Gräber nahe legen. Borger stellt für Köln jedenfalls fest, dass St. Severin, St. Maria im Kapitol und St. Kunibert im 7. Jahrhundert aus „merowingischen Hofesgewichten“, damit meint Borger Königsgüter im erweiterten Sinne, hervorgegangen sind (Hugo Borger: Zu den Ausgrabungen unter den Kölner Kirchen, in: Stadtspuren, Bd. 1, S. 117). Auch für den Hügel, auf dem St. Pantaleon in Köln erbaut wurde, ist eine römische Villa nachgewiesen, die im 6./7. Jahrhundert als Bestattungsort genutzt wurde, in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts folgte an dieser Stelle der Bau einer einfachen Saalkirche (vgl. Ristow 2009, S. 31 ff., S. 119). Diese Vorgänge machen deutlich, dass es auch für die Muffendorfer Verhältnisse durchaus wahrscheinlich ist, dass römische Bauten oder Baureste an Ort und Stelle weiterverwendet wurden. Das lässt für den Dianastein den Schluss zu, dass genau an der Stelle der Kirche vorher ein Tempelchen existiert hat, das der Jagdgöttin geweiht war.

Es wäre somit naheliegend, wenn der Dianastein bereits im sehr frühen Mittelalter zum Altartisch umfunktioniert worden wäre. Denn seit etwa 1450 fand man antike Spolien (Baureste) so interessant, dass man sie sichtbar machte und nicht vermauert hätte oder bereits in frühe „Kuriositätenkabinette“, Lapidarien o.ä., integriert hätte. Da aber dieser Stein verborgen vermauert war, spricht dies dafür, dass der Dianastein sich im nördlichen Nebenaltar des alten Hauptschiffes befand.

Nun stellt sich die Frage, in welcher Zeit die Umwidmung eines römischen Weihesteines zum Altartisch einen kultisch-spirituellen Sinn gehabt haben könnte? Denn der Dianastein wurde nicht als bedeutungsloses Baumaterial verwendet, sondern als Spolie in den Altartisch, den Ort der Wandlung, eingebaut. Dies kann nur in einer Zeit sinnvoll gewesen sein, in der die antiken Kulte noch erinnert und vielleicht auch noch gefeiert wurden. Also könnte bereits im Zuge der fränkischen Landnahme eine römische „Villa“ mit dem Gedenkstein, der der Göttin Diana geweiht gewesen ist, umgewandelt worden sein in den Hof eines fränkischen Noblen mit einer christlichen Eigenkirche. Sinn würde dies gemacht haben in der Zeit als Theuderich und Theudebert Köln zur Münzstätte erhoben und Ripuarien formten, also etwa um die Mitte des 6. Jahrhunderts. Eine Zeit, in die auch die Grabfunde am Lyngsberg teilweise zu datieren sind (Müssemeier 2004). Ebenfalls sinnreich wäre dies noch gewesen zur Zeit des Bischofs Kunibert von Köln, 7. Jahrhundert (*um 600, †um 664), der über seine Ausbildung in Metz eng mit dem merowingischen Herrscherhaus verbunden war. In diesem Zusammenhang soll auch erwähnt werden, dass sich in Muffendorf die Sage von einem „Heidentempel“, der ehemals an der Stelle der Kirche gelegen haben soll, lange gehalten hat (Dietz, S. 116).

Für einen Königshof (spätestens einen karolingischen) mit Eigenkirche und die Tradition der Rechte desselben spricht in jedem Falle weiter auch, dass die Nonenrechte diejenigen Einkünfte waren, die „dem Stift am leichtesten entfremdet werden konnten“ (Nolden, S. 349). Wenn also das Aachener Marienstift über 800 Jahre regelmässig diese Einkünfte aus Muffendorf bezog, so muss die Kontinuität einen Grund gehabt haben, es müssen Strukturen bestanden haben, die verhinderten, dass hier Entfremdung stattfand. Welche Strukturen hätten dies sein können? Das Königsgut selbst kann über lange Zeit erhalten und bewirtschaftet geblieben sein. Wenn es in einem baulichen Zusammenhang mit der alten St. Martinskirche stand, so wie Maaßen, der vorzügliche Kenner der Bonner Kirchengeschichte (S. 300), dies vermutet, und Strack sich diesem anschließt, muss es sich etwa da befunden haben, wo 1721 westlich vom Turm das alte Pastorat neu aufgebaut wurde. Offenbare Baudetails im Turm der Kirche lassen solche Vermutungen zu. So kann man zwei heute vermauerte rundbogige Türöffnungen in der Nordwand erkennen. Halb in den Wänden vertieft sind Wandvorlagen und Kapitelle zu erkennen, die deutlich machen, dass früher hier andere Bauformen und andere Bauzusammenhänge bestanden. Aber auch hier gilt, dass erst eine genaue zeichnerische Aufnahme erfolgen kann, wenn der Putz entfernt wäre. Dem könnte dann eine bauhistorische Analyse folgen.

Mir hat sich beim Betrachten der vermauerten Rundbögen der Gedanke an die Aachener Pfalzkapelle und die Doppelkirche von Schwarzrheindorf (Weihe 1151) aufgedrängt, die beide durch diese eigenartige Doppelstöckigkeit gekennzeichnet sind. Die obere Öffnung in der nördliche Turmwand könnte also durchaus Zugang zu einer Empore oder etwas Ähnlichem gewesen sein, mit welcher liturgischen Funktion auch immer?

Interessant ist eine alte Grundrisszeichnung, die anlässlich der Restaurierung ab 1910 angefertigt wurde und die bei Strack abgebildet ist (S. 7). Diese Zeichnung entspricht wahrscheinlich genauer dem Bestand als die spätere, idealtypische Grundrisszeichnung des Büros von Kleefisch, das die Sanierung in den 60er Jahren durchgeführt hat. Man erkennt auf der älteren Zeichnung deutlich, dass die einzelnen Bauteile unterschiedliche Mauerstärken aufweisen, dass kaum ein rechter Winkel vorhanden ist, und dass der Turm über enorme Mauerstärken verfügt, die nicht mit den Mauerstärken anderer Bauteile vergleichbar sind. Ich spreche nicht von den später angefügten Basaltstützen, sondern vom mittelalterlichen Mauerwerk. Das spricht für eine große Zahl unterschiedlicher Bauphasen durch die Jahrhunderte hindurch.

Zurück zu den schriftlichen Quellen: Im späten 9. Jahrhundert erscheint eine erste Urkunde, in der Muffendorf Erwähnung findet. Am 13. Juni des Jahres 888 besiegelte König Arnulf von Kärnten (ein Ur-Urenkel Karls des Großen, ab 11.11.887 ostfränkischer König, ab 896 dt. Kaiser) eine Abschrift einer älteren Urkunde Kaiser Lothars II. (*um 835, †8.8.869). Heute gilt diese ältere Urkunde, die zwischen 855 und 869 ausgestellt wurde, als verloren (MGH = Monumenta Germaniae Historica, DD Arn Nr. 31, S. 45). Diese Abschrift bestätigte, dass die „Aachener Nona“, das ist der neunte Teil aller Einkünfte, eine Grundsteuer, von Muffendorf, wie auch von 42 weiteren Gemeinden, an das Aachener Marienstift zu leisten sei.

„Die Vergabe von Nonen in Aachen durch Lothar II. ist vor dem 13. Jahrhundert die einzige frühe Schenkung von Reichsgut an das Marienstift, für die zugleich auch eine Beurkundung gesichert ist“ (Nolden S. 50). Damit steht fest, dass die Muffendorfer Schenkung aus älterem Reichsgut bestand, also aus kaiserlichem oder königlichem Besitz. Das Aachener Marienstift war seit seiner Gründung durch Karl den Großen eng mit dem karolingischen Herrscherhaus verbunden und ist daher besonders reich ausgestattet worden. Die karolingische Verwaltung hatte also Muffendorf bereits spätestens zu Lebzeiten Lothars II. erfasst. Ein karolingisches Königsgut kann man nach Nolden als sicher für Muffendorf annehmen.

Zumal bereits Helene Wieruszowski 1926 festgestellt hatte (Reichsbesitz und Reichsrechte im Rheinland), dass der Kottenforst rings um Muffendorf zum umfangreichen Waldbesitz bereits der fränkischen Könige gehörte. Erstaunlicherweise zählt Wieruszowski Muffendorf zu den wichtigen Reichsgütern, in einem Zusammenhang mit Oberwesel, Saarbrücken, Deutz und Koblenz. Leider findet sich keine Begründung für die Annahme in ihrem Text, allerdings verweist sie auf ein Manuskript, das beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs (2009) in Mitleidenschaft gezogen wurde, und daher zum jetzigen Zeitpunkt (2013) nicht zugänglich ist. Dies alles macht es aber wahrscheinlich, dass Muffendorf bereits zur ursprünglichen Ausstattung des Marienstiftes gehörte, das Karl der Große gegen Ende des 8. Jahrhunderts im Zusammenhang mit seiner Pfalz in Aachen gegründet hatte. Auch dies kann als ein Indiz dafür gelten, dass Muffendorf bereits um 800 wirtschaftliche Bedeutung besessen hat, also bereits längere Zeit bewirtschaftet gewesen sein muss. Hier spielt die oben erwähnte alte Straße von Muffendorf nach Eckendorf eine Rolle, denn bis ca. 1150 wurden die Abgaben in Naturalien gezahlt, die ja auf Wagen oder Eseln nach Aachen geschafft werden mussten. Noch heute heißt bezeichnenderweise ein Abschnitt der oben erwähnten alten Straße „Am Eselspfad“. Der Aufstieg der niederlothringischen Pfalzgrafen, im Rheinischen besonders die Familie der Ezzonen, hatte zur Folge, dass „um 1000 die vornehmste Laienfamilie hierzulande, altes Königsgut [übernahm]“ (Ennen/Höroldt 1976, S. 32).

Muffendorf zahlte den „Neunten“ (die „Nona“) bis zum Dreißigjährigen Krieg an das Aachener Marienstift (NRKB, S. 129), wenn auch in veränderter Form, denn die ursprüngliche None wurde gegen eine feste Zahlung abgelöst. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts fixierte man die Erträge aus Muffendorf und Vlatten (heute Heimbach-Vlatten). Muffendorf und Vlatten zahlten jeweils vor 1191: 2 Kölnische Mark, 2 Pfund Pfeffer, 2 Handschuhe im Wert von 4 Denaren, 2 Nachtschuhe. Nach 1191 zahlten sie: 8 Mark, im Jahr 1546: 30 Goldgulden, Anfang des 17. Jahrhunderts: 30 Goldgulden (Nolden, S. 262). In Vlatten, heute ein kleines Dorf mit Wasserburg in der Eifel, befand sich eine karolingische Königspfalz, die im 12. Jahrhundert mitsamt dem zugehörigen Wald an die Abtei Siegburg geschenkt wurde.

Wenn man davon ausgeht, dass die ursprüngliche Urkunde Lothars II. etwa um das Jahr 860 ausgestellt wurde, dann sind rund 800 Jahre lang kontinuierlich Erträge aus Muffendorf an das Marienstift geflossen. Im Laufe der mittelalterlichen Geschichte war es offenbar notwendig, dass sich das Aachener Stift diese Rechte immer wieder durch kaiserliche oder königliche Urkunden bestätigen ließ. „So von König Heinrich I. am 5. Juni 930, von Kaiser Otto I. am 16. Februar 966, von Kaiser Friedrich II. im Juni 1226, von Kaiser Rudolf am 24. Oktober 1275, von König Adolf 1292, von König Albrecht 1298“ (Wiedemann, S. 71).

Als interessante Tatsache ist zu werten, dass Muffendorf im Jahr 888 erstmals urkundlich erwähnt wurde, denn für die Geschichte des Frankenreiches stellt dieses Jahr eine bedeutende Zäsur dar. Im Jahr 888 war Karl (der Dicke, *839 † 888) verstorben, dem es für kurze Zeit gelungen war, das Reich Karls des Großen wieder zu einen. Im Jahr 888 kam es dann aber zum Bruch, der das Reich endgültig in ein östliches und ein westliches Machtgefüge trennte. Arnulf von Kärnten strukturierte den östlichen Teil, zu dem auch Ripuarien gehörte. Und im Rahmen dieser Strukturierung wird Muffendorf seiner Abgaben wegen wohl wieder Erwähnung gefunden haben. 913 erscheint die Muffendorfer Kirche dann als Tauschgut in der oben zitierten Urkunde.

Lange hört man dann nichts vom Muffendorfer Kirchlein. Erst Mitte des 12. Jahrhunderts kommt wieder eine Nachricht: 1154 ist ein Streit zwischen Muffendorf und Mehlem aktenkundig geworden, den Wiedemann ausführlich beschreibt (S. 151), wobei es um die zentrale Frage ging, welcher Kirche die älteren Rechte zustehen. (Dazu siehe auch ausführlich Corsten, Severin: Godesberger Kirchen im Liber Valoris, in: Godesberger Heimatblätter 41, S. 27.) Wann die Umwandlung der Kirche von der Fiskal- zur Pfarrkirche stattgefunden hat, ist nicht belegt. 1154 scheint dies aber vollzogen. Die spätere Abhängigkeit von der Mehlemer Pfarre ist den Muffendorfern über Jahrhunderte ein Dorn im Auge gewesen. Betrachtet man die älteste Geschichte der Kirche, so war dies wohl begründet. Im Liber Valoris (um 1300), einem Verzeichnis der außerordentlichen kirchlichen Pfründe im Erzbistum Köln, werden Mehlem und Muffendorf, wie auch die übrigen Godesberger Kirchen, zum Dekanat Ahrgau gezählt. Zur Erinnerung: die „weltliche“ Organisation zählte Muffendorf zum „Bonngau“. Welche Widersprüche und Streitereien mögen sich daraus ergeben haben?

Wir wissen, dass um 1200/1220 ein Umbau oder Neubau von Alt St. Martin stattgefunden hat. Denn in diese Zeit weisen die architektonisch datierbaren Details, wie der Taufstein, die Fenster im Turm, der Altar in der Apsis, die Tür zur Sakristei, die nach Strack vor dem Umbau 1910 aus der Vierung an der Südseite zum Kirchhof geführt hat ( S. 17). Der vermauerte romanische Doppelbogen in der Südwand der Vierung vor der Apsis lässt darauf schließen, dass hier früher einmal ein Ausgang war, wahrscheinlich in der Zeit nach 1200/1220. Wenn diese beiden Bögen nicht eine Bauzier der Sanierungen sind? In der Außenwand ist heute noch eine vermauerte Türe zu erkennen, deren steinerne Schwelle sehr abgetreten ist, die also sehr lange im Gebrauch war. Diese beiden Bögen und die Außentür bilden einen schwierigen Befund, der sich durch bloßen Augenschein nicht auflösen lässt. Jedenfalls scheint die Tür zur Sakristei von der Größe her zu passen, wenn sie genau so angeschlagen war, wie sie heute angebracht ist. Die lichte Öffnung der Außentür beträgt 65 cm, die Holztür zur Sakristei würde mit 70 cm Breite die Öffnung innen gut abgedeckt haben. Wenn die Türe zur Sakristei allgemein dem 13. Jahrhundert zugeordnet wird, muss sie einem anderen Bauzusammenhang (also dieser Öffnung zum Kirchhof) entstammen, da die Sakristei wesentlich später erst angebaut wurde (17. oder 18. Jhdt.).

Was aber dem Umbau von 1200/1220 gelungen ist, ist einen Raum zu schaffen, in dem man sich geborgen und feierlich gehoben zugleich fühlt. Das sucht seinesgleichen. In der Literatur findet man die Vermutung, dass der Neu- oder Ausbau der Kirche um 1200 mit dem Deutschen Orden zu tun haben könnte. Ich halte das nicht für wahrscheinlich, weil der DO erst 1254 in Zusammenhang mit Muffendorf erwähnt wird und vorher hier keine Nachrichten und keine Aktivitäten vorhanden sind.

Um 1200 scheint sich aber das Augenmerk der Kölner Bischöfe auf Godesberg und seine Umgebung gerichtet zu haben. Denn 1210 ist mit dem Bau der Godesburg unter Dietrich von Hengebach begonnen worden. Etwa gleichzeitig baute man an der alten Martinskirche zu Muffendorf.

Dann ist lange nichts Spezielles zur Kirche zu hören, es klafft eine Lücke in der Überlieferung.

Um 1500 aber haben wir bedeutende Schenkungen zu verzeichnen: Aus der frühen Neuzeit hat sich in Muffendorf eine datierte Bronzeglocke erhalten. Sie trägt die Inschrift: „Martinus heischen ich, inde ere marien gotz Moder luden ich, de gewalt des duvels verdriven ich. anno d(omi)ni m v xiiii “ (Martinus heiße ich, zur Ehre Mariens, Gottes Mutter, läute ich, die Gewalt des Teufels vertreibe ich, Anno Domini 1514). Gegossen hat diese Glocke Meister Johan von Andernach in Köln, sie hat ein Gewicht von 900 kg (laut Bonner Glockenbuch) und befindet sich heute im Turm der neuen St. Martinskirche, wo sie zum wohlklingenden Geläut gehört.

Diese Martinusglocke ist eine der wenigen Glocken des Meisters Johan von Andernach im Erzbistum Köln, die die Zeiten überdauert hat. Und sie stammt aus einer sehr bedeutenden Glockengießerwerkstatt in Köln. Johan von Andernach war einer der produktivsten Meister der Spätgotik in Köln, der 57 Glocken gegossen hat, von denen allein 14 für Kirchen in Köln bestimmt waren. Glocken von seiner Hand finden sich in St. Aposteln, in St. Andreas und in St. Maria im Kapitol in Köln (Poettgen 2005, S. 126 ff.) Es war sicherlich für das frühe 16. Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit, wenn ein kleines Dorf wie Muffendorf mit seiner romanischen St. Martinskirche über eine solche Glocke eines bedeutenden Meisters verfügen konnte. Mit dieser Glocke verband sich ein Anspruch, dessen Bedeutung wir heute nicht mehr kennen. Ein Glücksfall, dass sie die Jahrhunderte und Kriege überdauert hat und heute noch mit ihrem hellen Klang weit über das Rheintal zu hören ist. Es bleibt der zukünftigen Forschung vorbehalten herauszufinden, auf welchen Wegen diese wertvolle Glocke ihren Weg nach Muffendorf gefunden hat. Lassen sich die Stifter-Initialen (id und gw) auflösen, wäre man der Lösung dieser Frage ein gutes Stück näher. Ich habe zwar eine Idee dazu, aber noch keine Belege dafür. Vielleicht finde ich dazu eines Tages die passende Archivalie? Was aus den im 14. Jahrhundert erwähnten älteren Glocken von Alt St. Martin geworden ist, ist unbekannt. Möglicherweise sind sie beim Guss der neuen Glocke von 1514 eingeschmolzen worden.

Eine weitere wertvolle Glocke hat sich ebenfalls in Alt St. Martin befunden. Im Jahre 1607 schuf der Glockengiesser Johann Reutter, geboren in Mainz, in Köln als Artillerie- und Rüstmeister tätig, die Marienglocke. Diese Glocke wurde 1899 umgegossen.

Der Glockenspruch lautete:

MARIA HEISSEN ICH
GOTT ZU EHREN LOVDEN ICH
DER KIRCH ZU MOFFENDORF ICH DIN
JOHANN REVTER MICH GOS DJAHIN
A(NNO) 1607
(Maria heiße ich, Gott zu Ehren läute ich, der Kirche zu Muffendorf ich diene, Johann Reuter mich goß (dahin?), Anno 1607). (Nach Giersiepen, Helga: Die Inschriften der Stadt Bonn, Wiesbaden 2000, S. 88.)

Nach Maaßen (II, S. 300) gab es noch eine weitere Glocke von 1633, deren Inschrift lautete:

SANCT MICHAEL UND ANNO HEISH ICH
ZVM DIENST GOTTES DIE GEMEIND BERVF ICH
DIE SVENDER ZVR BYS ERMAHN ICH
ANNO 1633. BERTRAM VON BELLEINCKHAVSEN ABT ZV
SYBERCH POSTVLIRTER ABT UND VUERST ZU FVLDEN.
(Sankt Michael und Anno heiße ich, zum Dienst Gottes die Gemeinde rufe ich, die Sünder zur Buße ermahne ich, Anno 1633, Bertram von Bellinckhausen, Abt zu Siegburg, postulierter Abt und Fürst zu Fulda.) Über die beiden Heiligen, denen diese Glocke geweiht wurde, wird die enge Beziehung Muffendorfs zur Abtei Siegburg verdeutlicht.

Mit diesen Glocken hatte die kleine Kirche über eine für die damalige Zeit schon recht beeindruckende Glockenmusik verfügt. Leider ist über diese Glocken weiter nichts bekannt, bis auf eine sehr hübsche Anekdote, die Dietz in seiner Sagensammlung (S. 116, 117) erwähnt. Da ist die Rede davon, dass die „Burgfrau“ (auch hier wieder die Erwähnung der Burg zu Muffendorf) gekommen sei, und eine ganze Schürze voller Silbertaler in den Glockenguß geschüttet habe. Davon habe die Glocke einen so schönen Klang bekommen, dass die Mehlemer gerne die Muffendorfer Glocken für ihre Kirche erworben hätten, was die Muffendorfer aber mit Vehemenz zu verhindern wußten.

An dieser Stelle nur der kurze Hinweis, dass es auch eine Menge neues zur „Muffendorfer Burg“ gibt, was ich hier aber nicht unterbringen kann, weil wir dann noch morgen hier sitzen würden. Sie können das alles gern nachlesen unter „Geschichte“ auf der Muffendorfseite im Internet.

Zurück zu den Stiftungen um 1500: Nicht nur die wertvolle Martinus-Glocke entstand, sondern auch die Marienklage, die sich heute in der neuen St. Martinskirche befindet und laut Alfred Wiedemann (S. 120) und Paul Clemen (S. 320) aus Alt St. Martin stammt. Dieses Vesperbild zeigt die trauernde Maria mit dem toten Jesus und Johannes, bei den beiden Frauen wird es sich um Maria Magdalena mit dem Salbgefäß und um Anna, die Mutter Mariens, handeln. Um 1500 erlebte der Kult um die Hl. Anna im Rheinland einen Höhepunkt als im Jahre 1500 die Kopfreliquie, aus Mainz gestohlen, nach Aachen verbracht wurde, um dann durch eine päpstliche Bulle im Jahre 1506 nach einem heftigen Rechtsstreit der Erzbischöfe von Köln und Mainz der Stadt Düren zugesprochen zu werden. So zeigt auch dieses Vesperbild, dass die Ereignisse der Zeit sehr wohl wahrgenommen und künstlerisch umgesetzt wurden. Ein weiteres interessantes Detail der Vespergruppe ist die auffallende Wulstschapel mit Gebende (Kinntuch), mit der Maria Magdalena geschmückt ist. Diese Kopfbedeckung wurde häufig im Zusammenhang mit Hochzeitsbräuchen getragen und deutet auf die mythische Hochzeit zwischen Jesus und Maria Magdalena. Ein konzentriertes theologisches Programm, das die wichtigsten Personen aus Jesu Leben um den Leichnam versammelt. Stilistisch weist dieses Vesperbild in die Nähe des Von-Carben-Meisters, der für den Kölner Dom einige Plastiken geschaffen hat, die dort heute noch zu sehen sind. (Für diesen Hinweis danke ich Frau Prof. Dr. Ulrike Bergmann, Bonn .)

Der oder die Stifter der Glocke sowie des Vesperbildes müssen also eine recht enge Verbindung nach Köln gehabt haben und die wesentlichen Künstler der Zeit, die dort tätig waren, gekannt haben oder an sie vermittelt worden sein. So erreichte die große Kunst Kölns sogar das kleine Muffendorf. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass die heutigen Reliquien der Kirche auch wieder nach Köln deuten: es sind Reliquien der Hl. Ursula und des Hl. Gereon. Zwei Heilige, deren Legenden gerade für die Geschichte des spätantiken Kölns bedeutend sind. Die enge Verbindung nach Köln wäre auch einer Untersuchung wert. Wann und wie sind die Reliquien nach Muffendorf gekommen?

Das 16., 17., 18. und 19. Jahrhundert hindurch ist Alt St. Martin die Pfarrkirche Muffendorfs geblieben. Eine barocke Ausstattung kündete von angemessenem liturgischen Gebrauch. Es fanden Renovierungen statt, die aber nicht genau zu datieren sind. Auch Strack hat offenbar darüber keine Archivalien gefunden. Die Datierungen schwanken zwischen 1635 und 1747. Für beide Daten gibt es handfeste Gründe. Möglicherweise stimmen beide. Denn es hätten durchaus mehrere Sanierungen stattfinden können. Die barocke Ausstattung, die durch alte Fotos belegt ist, scheint mir aber eher in das 18. Jahrhundert zu deuten, also in Richtung 1747. Nachdem 1721 ein neues Pfarrhaus gebaut worden war, wäre es nur logisch, wenn wenige Jahre später auch die Kirche einer zeitgemäßen Erneuerung unterzogen worden wäre.

Nach der Napoleonischen Zeit scheint die Kirche aber wieder recht verfallen gewesen zu sein. Die barocken Altäre waren noch bis ca. 1910 vorhanden, wurden dann verkauft, weil sie offensichtlich nicht mehr geschätzt wurden. In die neue Martinskirche von 1895 passten sie stilistisch nicht.

Alt St. Martin wurde dann im Zuge der Sanierung (1910) purifiziert und im wesentlichen funktionstüchtig gemacht. Wertvolle Ausstattungsstücke wanderten in die neue Martinskirche. Weitere Sanierungen folgten in den 30er Jahren, dann unter den Architekten Kleefisch in den späten 50er, anfangs der 60er Jahre. Diese Sanierung kann man auch heute noch als sehr gelungen bezeichnen. Pfarrer Dr. Wilhelm Graf (verstorben 1981) begleitete die Arbeiten mit liebevoller Zuwendung und Kontrolle, und er ist mitsamt seiner Aktentasche ja auch in einem der neuen Fenster des Glasmalers Franz Pauli abgebildet. Ein großes Glück war es außerdem, dass der romanische Taufstein wieder aus dem Garten der Kommende, wo er als Pflanzgefäß diente, zurückfand in die Kirche.

Dass diese neuzeitlichen Jahrhunderte hier so kurz abgehandelt werden, liegt daran, dass ich das Augenmerk auf die Fragestellungen zur mittelalterlichen Geschichte gelegt habe. Und ganz wesentliche Informationen zur Neuzeit liefert ja auch schon Strack. Das ist alles bekannt.

Dass Alt St. Martin die Jahrhunderte, wahrscheinlich sogar mehr als ein Jahrtausend, wenn auch nicht in dieser Form, wie sie sich heute präsentiert, überstanden hat, ist sicher vielen glücklichen Fügungen zu danken. Und vielen Menschen, denen diese Kirche viel bedeutet hat. Eine barocke Inschrift auf dem Bogen zur Vierung besagte: „Vere locus iste Sanctus est“, was heißt: Dieser Ort ist wahrhaftig heilig. Auch dies ist möglicherweise ein Hinweis darauf, dass den Menschen im 17. /18. Jahrhundert die lange Geschichte der Kirche bekannt war. Nicht zuletzt deshalb, weil die mündliche Tradierung von Geschichten und Geschichte viel lebhafter war als heute.

Im Zweiten Weltkrieg bestand einmal höchste Gefahr für Alt St. Martin, wie mir ein Augenzeuge berichtet hat. Eine Fliegerbombe war im Kirchweingarten eingeschlagen, nicht explodiert, hochgesprungen und in hohem Bogen über das Kirchendach geflogen, wieder aufgeschlagen ohne zu explodieren und ist dann liegengeblieben. Zwei mutige Männer haben die Bombe auf einer Schürreskarre zum nächsten Sprengplatz gefahren. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Bombe hier eingeschlagen und explodiert wäre.

Es war wohl ein kleines Wunder!

Heute ist die Kirche durch die neu erworbene Orgel wunderbar komplettiert. Und sie ist wirklich ein Kleinod im Reigen der romanischen Kirchen des Rheinlands. Zwar fernab der romanischen Kirchen Kölns, aber dennoch dem Wesen und ihrer Geschichte nach eng mit ihnen verbunden.

Zum Schluss soll noch einmal an das Zitat Nr. 2 erinnert werden: „Die alte (Muffendorfer) Kirche ist eine der ältesten des Rheinlands“. (German Hubert Christian Maaßen, Geschichte der Pfarreien des Dekanates Bonn, 1898, Bd. II, S. 299).

Was das bedeutet, habe ich versucht darzulegen.

Man kann Maaßen wohl nur zustimmen, wenn man in Betracht zieht, dass es durchaus Argumente gibt, die Entstehungszeit der Kirche bis in das 6. Jahrhundert zurück zu verfolgen. Sicherheit über die frühmittelalterliche Geschichte der Kirche werden wir aber wohl nur erlangen, wenn eines Tages geordnete Grabungen und bauarchäologische Untersuchungen stattfinden können.

Zusammen mit dem liebevoll sanierten Ensemble der Fachwerkhöfe rings um die Kirche bietet dieser Teil des Dorfes eine Attraktion, wie sie im gesamten Rheinland nur selten zu finden ist. Das ist wahrhaftig ein Glücksfall für Bonn.

Weiteres unter: www.Muffendorf.net/geschichte

Literatur:

Becher, Matthias: Chlodwig I. Der Aufstieg der Merowinger und das Ende der antiken Welt, München 2011, siehe auch Rheinisches Geschichtsportal

Bonner Glockenbuch

Borger, Hugo: Zu den Ausgrabungen unter den Kölner Kirchen, In. Stadtspuren Köln, Bd. 1, S. 117

Corsten, Severin: Rheinische Adelsherrschaft im ersten Jahrtausend, in: Rheinische Vierteljahresblätter 1963, Bd. 28, S. 84 – 130

Corsten, Severin: Godesberger Kirchen im Liber Valoris, in: Godesberger Heimatblätter 41, S. 27

Dehio, Georg: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, NRW 1, München 2005

Dietmar, Carl/Trier, Marcus: COLONIA – Stadt der Franken, Köln 2011

Dietz, Josef: Sagen und Geschichten aus Godesberg-Muffendorf, in: Godesberger Heimatblätter 12, 1974, S. 112 ff.

Ennen, Edith und Höroldt, Dietrich: Vom Römerkastell zur Bundeshauptstadt, 3. Aufl. Bonn 1976

Ewig, Eugen: Die Stellung Ribuariens in der Verfassungsgeschichte des Merowingerreichs, Bonn 1969

Ewig, Eugen: Die Merowinger und das Frankenreich, Stuttgart, Berlin, Köln 1993

Giersiepen, Helga: Die Inschriften der Stadt Bonn, Wiesbaden 2000

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Digitale Literatur:

Die ländlichen Wohnsitze, Schlösser und Residenzen der ritterschaftlichen Grundbesitzer in der preußischen Monarchie nebst den Königlichen Familien-, Haus-Fideicommiss- und Schatull-Gütern in naturgetreuen, künstlerisch ausgeführten, farbigen Darstellungen nebst begleitendem Text, Berlin von 1857 bis 1883

Quellenmaterial:

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Köln, Historisches Archiv der Stadt , St. Katharinen, Best. 234. Alle Urkunden aus St. Katharinen, die Muffendorf betreffen, gelten seit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs (3.3.2009) als verschollen. Nachweise zu St. Katharinen sind über das Internetzu finden (Stand Februar 2011)

Familienarchiv Von Weichs zu Körtlinghausen, Körtlinghausen, Adelsarchiv Senden, Rheinische Güter, LVR-(Staats-)Archiv Münster

Aktuelles aus und über Muffendorf im Netz: www.muffendorf.net

Die Autorin freut sich über nähere Information oder Hinweise auf evtl. vorhandenes Quellenmaterial wie alte Tagebücher, Lohnabrechnungen aus vergangenen Jahrhunderten, alte Fotos oder andere „Andenken“ an das alte Muffendorf:

Dr. Pia Heckes, mail: pia.heckes@t-online.de